Sergei und Tatjana Glasunow, Ewa Irinowas finstere Wärter, sahen ihre Zukunft in Gefahr. In der im Bau befindlichen neuen Villa war kein Raum für sie vorgesehen. Kolwenik, der das Problem mit den Zwillingen erwartet hatte, bot ihnen eine großzügige Summe an, damit sie ihren angeblichen Vertrag mit Irinowa auflösten. Dafür sollten sie das Land verlassen und sich verpflichten, nie wieder zurückzukehren oder sich mit Ewa Irinowa in Verbindung zu setzen. Zornentbrannt weigerte sich Sergei rundweg und schwor Kolwenik, dass er sie nie loswürde.
Als Sergei und Tatjana am nächsten Tag frühmorgens aus einer Haustür in der Calle Sant Pau traten, setzte eine aus einem Fuhrwerk abgegebene Salve ihrem Leben beinahe ein Ende. Der Angriff wurde den Anarchisten in die Schuhe geschoben. Eine Woche später unterzeichneten die Zwillinge das Dokument, in dem sie zusicherten, Ewa Irinowa freizugeben und für immer zu verschwinden. Das Hochzeitsfest wurde auf den 24. Juni 1935 festgesetzt. Schauplatz sollte die Kathedrale von Barcelona sein.
Die Zeremonie, von einigen mit der Krönung von König Alfonso XIII. verglichen, fand an einem strahlenden Vormittag statt. Die Menschenmenge besetzte jeden Winkel der Avenida de la Catedral, gierig danach, sich mit dem Prunk und der Pracht des Schauspiels vollzusaugen. Noch nie hatte Ewa Irinowa so betörend ausgesehen. Zu den Klängen von Wagners Hochzeitsmarsch, auf der Freitreppe der Kathedrale vom Orchester des Liceo-Theaters gespielt, stieg das Brautpaar zur Kutsche mit den weißen Pferden hinab, die es erwartete. Sie waren nur noch drei Meter davon entfernt, da durchbrach ein Mann den Sicherheitskordon und stürzte sich auf das Paar. Man hörte alarmierte Schreie. Als er sich umwandte, sah sich Kolwenik den blutunterlaufenen Augen Sergei Glasunows gegenüber. Keiner der Anwesenden sollte je vergessen, was dann geschah. Glasunow zog ein Flakon aus der Tasche und schüttete den Inhalt Ewa Irinowa ins Gesicht. Die Säure versengte den Schleier und verwandelte ihn in ein Gespinst aus Dampf. Ein Aufheulen spaltete den Himmel. Die Menge explodierte in einen wilden Haufen, und in einem einzigen Augenblick verlor sich der Angreifer zwischen den Menschen.
Kolwenik kniete neben der Braut nieder und nahm sie in die Arme. Unter der Einwirkung der Säure zerflossen Ewa Irinowas Gesichtszüge wie ein frisch gemaltes Aquarell im Wasser. Die dampfende Haut schrumpfte zu einem verbrannten Pergament, und der Gestank nach versengtem Fleisch erfüllte die Luft. Die Augen der jungen Frau waren unversehrt geblieben. In ihnen waren der Schrecken und die Agonie zu lesen. Kolwenik wollte das Antlitz seiner Gattin retten, indem er seine Hände darauf legte. Doch es blieben nur Fleischfetzen hängen, während die Säure seine Handschuhe zerfraß. Als Ewa schließlich die Besinnung verlor, war ihr Gesicht nichts anderes mehr als eine groteske Maske aus Knochen und bloßliegendem Fleisch.
Das renovierte Teatro Real öffnete seine Tore nie. Nach der Tragödie brachte Kolwenik seine Frau in die noch unfertige Villa neben dem Park Güell. Ewa Irinowa setzte nie wieder einen Fuß außer Haus. Die Säure hatte ihr Gesicht vollkommen verätzt und zudem ihre Stimmbänder beschädigt. Es hieß, sie verständige sich mit Hilfe von Notizen auf einem Block und verlasse ihre Gemächer oft wochenlang nicht.
Zu dieser Zeit begannen sich die Finanzprobleme der Velo-Granell als schwerwiegender abzuzeichnen als angenommen. Kolwenik fühlte sich in die Enge getrieben und ließ sich bald nicht mehr im Betrieb sehen. Man munkelte, er habe sich eine seltsame Krankheit zugezogen, die ihn mehr und mehr ans Haus fessele. Zahllose Unregelmäßigkeiten in der Führung der Velo-Granell und seltsame Transaktionen, die Kolwenik persönlich in der Vergangenheit durchgeführt hatte, kamen ans Tageslicht. Kolwenik, zurückgezogen in seinem Refugium mit seiner geliebten Ewa, wurde zu einer Figur der schwarzen Legende. Ein Aussätziger. Die Regierung enteignete das Konsortium der Gesellschaft Velo-Granell. Die Gerichtsbehörden untersuchten den Fall, der mit einem über tausendseitigen Dossier eben erst seinen Anfang nahm.
In den darauffolgenden Jahren verlor Kolwenik sein Vermögen. Seine Villa wurde zu einer Burgruine voller Schatten. Die Bediensteten, die monatelang ihr Gehalt nicht mehr bekommen hatten, zogen aus. Nur Kolweniks persönlicher Fahrer hielt ihm die Treue. Alle möglichen haarsträubenden Gerüchte kamen in Umlauf. Man erzählte sich, Kolwenik und seine Frau lebten unter Ratten und schweiften ruhelos in den Gängen dieses Grabes umher, in das sie sich zu Lebzeiten verbannt hatten.
Im Dezember 1948 verzehrte ein entsetzlicher Brand ihr Anwesen. Wie die Zeitung El Brusi schrieb, waren die Flammen bis Mataró zu sehen. Wer sich daran erinnert, versichert, der Himmel über Barcelona sei zu einem scharlachroten Bild geworden, und riesige Aschewolken seien im Morgengrauen über die Stadt gezogen, während die Menge schweigend das rauchende Skelett der Ruinen betrachtet habe. Kolweniks und Ewas Leichen fanden sich verkohlt im Dachgeschoss in enger Umarmung. Dieses Bild erschien auf der Frontseite der Vanguardia unter dem Titel»Das Ende einer Ära«.
Anfang 1949 begann Barcelona die Geschichte von Michail Kolwenik und Ewa Irinowa zu vergessen. Die große Stadt war in unabänderlichem Wandel begriffen, und das Geheimnis um die Velo-Granell gehörte einer legendären Vergangenheit an, die dazu verurteilt war, für immer unterzugehen.
Was mir Benjamín Sentís erzählt hatte, verfolgte mich die ganze Woche wie ein heimlicher Schatten. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr kam ich zur Überzeugung, dass in dieser Geschichte Teile fehlten. Welche, das war eine andere Frage. Diese Gedanken nagten von früh bis spät an mir, während ich ungeduldig auf Germáns und Marinas Rückkehr wartete.
Nachmittags nach Schulschluss ging ich zu ihrem Haus, um mich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war. Immer wartete Kafka bei der Eingangstür auf mich, manchmal mit einer erjagten Beute zwischen den Zähnen. Ich füllte seinen Teller mit Milch, und wir plauderten miteinander, das heißt, er trank die Milch, und ich hielt einen Monolog. Mehr als einmal war ich versucht, die Abwesenheit der Hausbesitzer zu nutzen, um alles auszukundschaften, aber ich beherrschte mich. In jedem Winkel war der Widerhall ihrer Anwesenheit zu spüren. Ich machte es mir zur Gewohnheit, den Einbruch der Nacht in dem leeren Haus abzuwarten, in der Wärme ihrer unsichtbaren Gesellschaft. Ich setzte mich in den Salon mit den Bildern und betrachtete stundenlang die Porträts, die Germán Blau fünfzehn Jahre zuvor von seiner Frau gemalt hatte. In ihnen sah ich eine erwachsene Marina, die Frau, zu der sie bereits wurde. Ich fragte mich, ob ich wohl eines Tages fähig wäre, etwas von ähnlichem Wert zu erschaffen. Überhaupt etwas von Wert.
Am Sonntag bezog ich Stellung im Francia-Bahnhof. Es dauerte noch zwei Stunden, bis der Schnellzug aus Madrid käme. Ich vertrieb mir die Zeit mit Hin- und Herspazieren. Unter der mächtigen Kuppel versammelten sich Züge und Fremde wie Wallfahrer. Für mich gehörten die alten Bahnhöfe schon immer zu den wenigen magischen Orten, die es auf der Welt noch gab. Hier mischten sich die Geister der Erinnerungen und Abschiede mit dem Beginn Hunderter von Reisen an ferne Destinationen und ohne Rückkehr. Wenn ich mich eines Tages verirre, soll man mich auf einem Bahnhof suchen, dachte ich.
Der Pfiff des Schnellzugs aus Madrid riss mich aus meinen Träumereien. Der Zug fuhr in vollem Galopp in den Bahnhof ein und peilte sein Gleis an; das Ächzen der Bremsen erfüllte die Luft. Seinem Gewicht entsprechend träge kam er zum Stillstand. Die ersten Fahrgäste stiegen aus, namenlose Gestalten. Ich ließ den Blick über den ganzen Bahnsteig schweifen, mein Herz drohte zu bersten. Dutzende unbekannte Gesichter zogen an mir vorüber. Plötzlich wurde ich unschlüssig – sollte ich mich im Tag, im Zug, im Bahnhof, in der Stadt oder im Planeten geirrt haben? Da hörte ich hinter mir eine unverwechselbare Stimme.
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