Als er wieder in die Tischlerei zurückkehrte, zeigte er dem Tagesaufseher das Papier vom Vorabend, doch dieser musste schon Anweisungen erhalten haben.
»An die Arbeit, rasch«, herrschte er ihn an, schlug ihn aber nicht. »Ich gebe dir Bescheid, wann du dich beim Sturmbannführer einfinden sollst.«
Daniel machte sich an die Arbeit, doch von Zeit zu Zeit wanderte sein Blick heimlich zu seiner Geige hinüber. Als der Kapo auf die Uhr sah und ihm befahl, sie zum Kommandanten zu bringen, vermischte sich seine Freude mit Angst.
Mit dem Papier ließen sie ihn hinein. Diesmal ließ Er sich dazu herab, ihn direkt anzusprechen, wobei er ihn mit nur einem einzigen Satz zu degradieren wusste: »Ja, der kleine Tischler.«
Er streichelte seinen Hund, und Daniel richtete sich unwillkürlich auf. Eigentlich war er groß, aber der andere überragte ihn um ein gutes Stück. Außerdem gingen die Häftlinge stets gebückt. Während Sauckel das Instrument prüfte, ließ er ihn schier endlose Sekunden im Ungewissen.
Daniel schien Er schlechter Laune zu sein, Falten durchfurchten seine Stirn; vielleicht war er verkatert. Dem Anschein nach maß er der Geige keinen besonderen Wert bei, aber schließlich setzte er den Bogen auf die Saiten und spielte ein paar Takte. Seine Miene hellte sich auf, und er sagte lächelnd: »Ist in Ordnung. Du kannst in die Werkstatt zurückgehen, aber weh dir, wenn du dich dort auf die faule Haut legst! Ich behalte die Geige einstweilen. Hau ab!«
Er wandte sich an einen Adjutanten, sprach aber absichtlich ziemlich laut, damit der Geigenbauer ihn hören konnte, und mit grausamer Genugtuung sagte er: »Ich habe den Geiger für seine Nachlässigkeit bestraft. Wir werden ihm das Instrument zurückgeben, wenn er aus der Zelle herauskommt. Was machst du noch hier? Verschwinde!«
Das ließ sich Daniel nicht zweimal sagen. Er lief so schnell hinaus, dass er beinahe gestürzt wäre. Sein Mut der Verzweiflung hatte also dem großartigen Musiker die Strafe nicht erspart. Kein einziges Wort hatte er hervorgebracht, als er vor dem Kommandanten gestanden hatte, der schon seinen Hund auf ihn hetzen wollte. Niedergeschlagen kehrte er zu seiner Tischlerbank zurück, wo es ihm nie an Arbeit mangelte. Er war so vermessen gewesen – und in Grausamkeiten noch nicht erfahren genug – zu glauben, das Monster würde sich mit der Reparatur der Geige seines Leib-Musikers Bronislaw zufriedengeben, dass er diesen nicht für einen Zwischenfall bestrafen würde, an dem er keinerlei Schuld trug. Er wusste doch nur zu genau, dass im Dreiflüsselager keine Logik herrschte und noch viel weniger Gnade.
Um sich nicht seiner Kraftlosigkeit hinzugeben, ausgelaugt und todmüde wie er war, versuchte er an die dicken Scheiben Brot mit Butter zu denken, die Eva zu essen bekam. Aber sofort nahm er den vorherigen Gedanken wieder auf; er hätte seine Angst überwinden und den Kommandanten darauf aufmerksam machen müssen, dass die Reparatur provisorisch war und vermutlich eine weitere, gründlichere notwendig sei: das Instrument aufmachen, von innen die Decke mit geeigneten, dünnen Holzleisten verstärken. Es war ihm jedoch nicht möglich gewesen, auch nur ein einziges Wort hervorzubringen, sein Mut hatte sich am Vortag erschöpft, Schlingen aus Eis und Furcht hatten seine Lippen verschlossen. Was würde geschehen, sollte der Riss wieder auftreten? Was würde dann mit ihm und dem Musiker passieren? Diese eine Frage ging ihm den ganzen Tag, die gesamte Arbeitszeit von elfeinhalb Stunden durch den Kopf und hörte nicht auf, ihn zu quälen.
Bei der mittäglichen Suppenausgabe sprach er mit seinem Bekannten, dem Mechaniker, der erleichtert aussah. Da Daniel die Nacht über fortgeblieben war, hatten die Kameraden befürchtet, man hätte ihn wieder in die Zelle gebracht. Er hingegen hatte, während er versunken an der Geige gearbeitet hatte, gar nicht an die anderen gedacht. Nicht, dass er vergessen hätte, wo er sich befand, aber er hatte es im hintersten Winkel seines Gehirns verstaut: alles, die Schläge, den Schlamm, den Raureif, den feuchten Nebel, den Schatten des Galgens, die Schreie und die Demütigungen. All das war erst wieder an die Oberfläche zurückgekehrt, als er Sauckels Worte »Ich habe den Geiger bestraft …« gehört hatte. Und mit ihnen waren auch Daniels Erinnerungen plötzlich wieder da gewesen, so als zappelten sie wie ein gefräßiger Fisch an einem tödlichen Angelhaken.
Wenigstens hatten sie Bronislaw nicht gezüchtigt, zumindest nicht öffentlich: Sie mussten nicht antreten, aber möglicherweise war er unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Keller geschlagen worden, wie es des Öfteren geschah. Wenn man selbst Bronislaw auf solche Weise misshandelt hatte, würden sie früher oder später alle einmal dran glauben müssen.
Es war besser, nicht weiterzugrübeln, sondern sich auf hoffnungsvollere Aussichten zu konzentrieren: Sie werden mich bald wieder zu Arbeiten ins Haus abkommandieren. Ich habe gehört, dass das Schwein noch ein weiteres Regal will. Vielleicht wird mir die Köchin irgendwelche Essensreste zustecken. Jedenfalls ist morgen Donnerstag, der einzige Tag, an dem es statt der wässrigen Rübensuppe Pellkartoffeln gibt. Unter Umständen erwische ich eine große …
Wie ein zu langer Mantel, der langsam über den Boden schleift, vergingen die Stunden dieses Tages, der ihm, weil er in der Nacht kaum geschlafen hatte, unendlich vorkam, länger als jeder andere, abgesehen von den vieren, die er wie ein geprügelter Hund im Arrest verbracht hatte. Am Abend wurde in der ganzen Baracke getuschelt. Der Mechaniker wusste wieder Neues zu berichten. Aber Daniel wollte es weder hören noch wissen, denn er fiel fast um vor Müdigkeit und las in den Augen der Kameraden, dass es schlechte Nachrichten waren. Er war sich sicher, er würde danach kein Auge mehr zutun können, und er spürte auch, dass er krank werden würde, reif für die »Krankenstation«, für die halb im Verborgenen stattfindenden Transporte, für das Todeslager, wenn er nicht schlief.
Morgen, sagte er sich, morgen.
Das undeutliche Gemurmel um ihn herum wiegte ihn in den Schlaf. Es gab nichts – außer der Zeit, außer dem Lebensfluss -, das nicht warten konnte. Er befand sich im Traum in einer riesigen, kalten, verqualmten Wartehalle. Endlos lange Züge fuhren an den Bahnsteigen vorbei, man sah sie nur zur Hälfte durch die Fensterscheiben, Güterzüge, Viehwaggons, und sie hielten nicht an. Dann gingen die Türen auf, Bekannte Daniels wurden auf den Bahnsteig getrieben, er aber verharrte reglos auf der gusseisernen Bank. Von der Decke des Wartesaals hingen Kadaver, hingen Geigen. Ein Zug blieb stehen, ein Bahnhofsvorsteher mit Militärmütze, der den gleichen Blick hatte wie der Gast mit den gütigen Augen, schob ihn jedoch zur Seite:
»Du nicht«, sagte er. »Das ist nicht dein Zug. Du musst die Geige fertigbauen.«
Ein Aufseher kam näher und schwang die Peitsche. Daniel wollte fliehen, hob ein Bein, aber er konnte nicht laufen, er öffnete den Mund, konnte aber keinen Ton hervorbringen. Als er ihn noch weiter aufriss, löste sich ein Schrei.
»Ruhig, ich bin ja da, du hast nur geträumt.«
»Es war richtig von dir« – Freund aß seine Morgenration Brot und sprach mit vollem Mund -, »dass du gestern Abend die Nachrichten nicht hören wolltest. Du warst zutiefst erschöpft, und sie hätten dir nur den Schlaf geraubt.«
»Jetzt geht es mir aber besser, du kannst sie mir also erzählen.«
An diesem frühen Morgen ging der Appell rasch vorbei, denn es gab keine Zwischenfälle; es war viertel sieben. Also setzten sich beide in der Dunkelheit auf einen Stein, damit der Geigenbauer die grausamen Tatsachen erfahren konnte. Er war bloß durch einen merkwürdigen Zufall davongekommen, vielleicht weil Gott es so wollte, vielleicht wegen seiner dickköpfigen Entschlossenheit, die Geige zu reparieren. Rascher hatte sicherlich deshalb ein so enttäuschtes Gesicht gemacht, denn der Handwerker wäre für ihn, wegen seiner Jugend und seiner noch nicht völlig ruinierten Gesundheit, eine gute Beute gewesen. Vier junge Männer hatten sie für die Versuche dieses Scheusals weggeschafft, und einer von ihnen war aus seiner Baracke.
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