Malin stieß einen Schreckensschrei aus, und Pelle sah sie erstaunt an. »Was ist denn mit dir? Magst du etwa keine süßen kleinen Frösche?«
»Nicht im Trinkwasser«, sagte Malin.
Pelle zappelte vor Eifer.
»Oh, darf ich den nicht haben?«
Dann wandte er sich an Johann.
»Glaubst du, Papa hat was extra zahlen müssen, weil im Brunnen Frösche sind?«
»Kommt darauf an, wie viele da sind«, sagte Johann. »Wenn größere Mengen drin sind, hat er sie bestimmt ganz billig gekriegt.«
Er warf Malin einen Blick zu, um zu sehen, wie viele Frösche sie ertragen konnte. Sie schien aber gar nicht zuzuhören.
Malins Gedanken waren in eine andere Richtung geflattert. Sie mußte an den fröhlichen Schreiner und seine Frau denken. Ob sie in ihrem Schreinerhaus zusammen glücklich gewesen waren? Ob sie wohl Kinder bekommen hatten, die mit der Zeit auf dem Mehlbeerbaum herumgeklettert und vielleicht manchmal ins Wasser gefallen waren? Ob damals im Juni ebenso viele Heckenrosen im Garten geblüht hatten und ob der Pfad zum Brunnen ebenso weiß von heruntergefallenen Apfelblüten gewesen war wie jetzt?
Dann fiel ihr plötzlich ein, daß der fröhliche Schreiner und seine Frau Gestalten waren, die Melcher sich ausgedacht hatte. Aber sie beschloß, trotzdem an sie zu glauben. Sie beschloß noch etwas anderes. Mochten noch so viele Frösche im Brunnen sein und noch so viele Fensterscheiben zerbrochen, mochte das Schreinerhaus noch so verfallen sein – nichts sollte sie daran hindern, gerade hier und gerade jetzt mit dem Glücklichsein anzufangen. Denn jetzt war Sommer. Es müßte immer Juni sein und Abend. Verträumt und still wie dieser. Und ohne einen Laut. Draußen vor dem Steg kreisten die Möwen, eine stieß ein paar schrille Schreie aus. Aber sonst nichts als dieses unfaßbare Schweigen, das einem gleichsam in den Ohren sauste. Über dem Wasser lag ein weicher Regenschleier, alles war von so wehmütiger Schönheit. Von allen Büschen und Bäumen tropfte es, und die Luft roch nach noch mehr Regen und nach Erde und Salzwasser und nassem Gras.
»Im Sonnenschein vor dem Hause sitzen und essen und fühlen, daß Sommer ist« – so hatte Melcher sich ihren ersten Abend im Schreinerhaus vorgestellt. Zwar wurde es ein wenig anders, aber Sommer war es, das fühlte Malin so sehr, daß ihr die Tränen in die Augen traten. Außerdem merkte sie, daß sie Hunger hatte; und sie fragte sich, wie weit Melcher wohl mit dem Herd gekommen sei.
Ziemlich weit war er gekommen.
»Malin, wo bist du?« schrie er, weil er immer nach seiner Tochter rief, sobald etwas schiefging. Aber Malin war außer Hörweite, und er fand sich wohl oder übel damit ab, daß er allein war und sich selber helfen mußte.
»Allein mit meinem Gott und einem eisernen Herd, der jetzt gleich zum Fenster rausfliegt«, murmelte er aufgebracht, aber dann mußte er wieder husten und konnte nicht mehr sprechen. Er starrte den Herd an, der so bösartig Rauch über ihn hinwegblies, obwohl er ihm nichts Böses getan, nur Feuer darin angemacht hatte, behutsam und vorsichtig. Er stocherte mit dem Feuerhaken im Herdloch herum, und schon paffte eine neue Rauchwolke über ihn hinweg. Heftig hustend rannte er los, um alle Fenster zu öffnen. Als er das getan hatte, ging die Tür auf, und es kam jemand herein. Es war das majestätische Kind, das vorhin auf der Landungsbrücke gestanden hatte. Das Kind mit dem erstaunlichen Namen – Korb oder Tjorv oder so ähnlich. Wie ein kleiner, prall gefüllter Korb sieht sie auch aus, dachte Melcher, rund und gut. Das Gesicht, das unter dem Südwester hervorsah, war, soviel er durch den Rauch sehen konnte, ein seltsam reines und schönes Kindergesicht, breit, gutartig und mit klugen, forschenden Augen. Ihren riesigen Hund hatte sie auch mitgebracht, und er wirkte innerhalb des Hauses noch riesiger, er schien die ganze Küche auszufüllen.
Aber Tjorven war wohlerzogen auf der Schwelle stehengeblieben.
»Es qualmt«, sagte sie.
»Wahrhaftig?« erwiderte Melcher mürrisch. »Das hab ich nicht bemerkt.«
Dann hustete er so sehr, daß ihm die Augen aus dem Kopf zu springen drohten.
»Doch, es qualmt«, versicherte Tjorven. »Weißt du was? Vielleicht liegt eine tote Eule im Schornstein. Das hatten wir mal bei uns zu Hause.« Dann schaute sie Melcher forschend an und lächelte breit. »Du bist schwarz im Gesicht, du siehst aus wie ein Schornsteinfeger.«
Melcher hustete.
»Schornsteinfeger? Keineswegs! Ich bin ein Bückling, mein Kind, ein ganz frisch geräucherter Bückling. Übrigens finde ich, du kannst nicht einfach du zu mir sagen. Du mußt Herr Melcherson sagen.«
»Heißt du denn so?« fragte Tjorven.
Melcher brauchte nicht zu antworten, denn nun kamen zum Glück Malin und auch die Jungen.
»Papa, wir haben einen Frosch im Brunnen gefunden«, sagte Pelle eifrig. Aber dann vergaß er sämtliche Frösche über dem phantastischen Hund, den er vorhin auf dem Bootssteg gesehen hatte und der jetzt hier in ihrer Küche stand.
Melcher machte ein gekränktes Gesicht.
»Ein Frosch im Brunnen – ist das wahr? Angenehmes Sommerhaus, hat dieser Makler gesagt. Er hat nichts davon gesagt, daß es hier einen Tierpark gäbe mit Eulen im Schornstein, Fröschen im Brunnen und Riesenhunden in der Küche. Johann, geh und sieh nach, ob ein Elch im Schlafzimmer liegt.«
Seine Kinder lachten so, wie es von ihnen erwartet wurde. Melcher wäre sonst beleidigt gewesen. Aber Malin sagte:
»Uh, was für ein Rauch hier!«
»Kein Wunder«, sagte Melcher. Er zeigte vorwurfsvoll auf den Herd. »Es ist eine Schmach für den Lieferanten. Ich werde hinschreiben und mich beschweren: Sie haben im April 1908 einen eisernen Herd geliefert. Weshalb in aller Welt haben Sie das getan?«
Niemand hörte auf ihn außer Malin. Die anderen umdrängten Tjorven mit ihrem Hund und bestürmten sie mit Fragen.
Und Tjorven erzählte freundlich, daß sie in dem Haus wohne, das dem Schreinerhaus am nächsten lag. Dort hatte ihr Papa einen Kaufmannsladen, aber das Haus war groß, so daß sie allesamt Platz darin hatten, »ich und Bootsmann und Mama und Papa und Teddy und Freddy«, sagte Tjorven.
»Wie alt sind Teddy und Freddy?« fragte Johann eifrig.
»Teddy ist dreizehn, und Freddy ist zwölf, und ich bin sechs Jahre alt, und Bootsmann ist zwei. Ich weiß nicht mehr, wie alt Mama und Papa sind, aber ich kann nach Hause gehen und fragen«, sagte sie bereitwillig.
Johann versicherte ihr, das sei nicht nötig. Er und Niklas sahen sich zufrieden an. Zwei Jungen in ihrem eigenen Alter im Haus nebenan, das war fast zu schön, um wahr zu sein.
»Was sollen wir bloß machen, wenn wir diesen Herd nicht ankriegen?« fragte Malin.
Melcher raufte sich das Haar.
»Ich muß wohl aufs Dach klettern und nachsehen, ob im Schornstein wirklich eine Eule liegt, wie dieses Kind da behauptet.«
»Oje«, sagte Malin. »Dann sei bitte vorsichtig. Denk daran, wir haben nur einen Vater.«
Melcher war jedoch schon zur Tür hinaus. Er hatte am Giebel eine Leiter stehen sehen, und für einen einigermaßen gelenkigen Kerl konnte es keine Kunst sein, aufs Dach hinaufzugelangen. Seine Jungen folgten ihm auf den Fersen, auch Pelle. Selbst der größte Hund der Welt konnte ihn nicht in der Küche zurückhalten, wenn Papa Eulen aus dem Schornstein holen wollte. Und Tjorven, die sich Pelle schon zum Freund und Begleiter auserkoren hatte, wenn Pelle auch nichts davon wußte, wanderte ebenfalls gemächlich nach draußen, um nachzusehen, ob hier etwas Lustiges passieren würde.
Es fing gut an, fand sie. Herr Melcher hatte den Feuerhaken mitgenommen, um die Eule damit herauszuangeln, und den mußte er zwischen die Zähne nehmen, während er die Leiter hinaufkletterte. Genau wie Bootsmann, wenn er einen Knochen bringt, dachte Tjorven. Etwas noch Lustigeres begehrte sie nicht. Sie lachte still in sich hinein dort unter dem Apfelbaum. Dann brach eine Leitersprosse durch, als Herr Melcher darauf trat, und er rutschte ein ganzes Stück wieder nach unten. Pelle bekam Angst und schrie auf, aber Tjorven lachte wieder still vor sich hin. Dann lachte sie nicht mehr. Denn jetzt war Herr Melcher oben auf dem Dach, und das sah gefährlich aus.
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