»Was war denn das für ein Ekel?« fragte Johann, als Malin zu ihnen herüberkam.
Malin lachte.
»Gar kein Ekel. Einer, den ich auf Bosses Abiturfest kennengelernt hab. Wirklich nett.«
»Ein Quadratekel«, sagte Johann beharrlich. »Vor dem nimm dich lieber in acht, schreib dir das in dein Tagebuch.«
Malin war nicht umsonst die Tochter eines Schriftstellers. Sie schrieb ebenfalls, aber nur in ihr geheimes Tagebuch. Hier schrieb sie die Gedanken und Träume ihres Herzens auf und außerdem alle Streiche der Melcherson-Jungen, auch Melchers. Sie pflegte ihnen damit zu drohen: »Wartet nur, bis ich mein geheimes Tagebuch drucken lasse. Dann werdet ihr so bloßgestellt, daß ihr splitternackt dasteht.«
»Haha, dann bist du wohl selber am schlimmsten bloßgestellt«, versicherte Johann ihr. »Hoffentlich führst du alle deine Scheiche genau der Reihe nach auf.«
»Leg dir eine Liste an, damit du in der Eile keinen überspringst«, schlug Niklas vor. »Per-Olaf XIV. Karl Karlsson XV. Lennart XVII. und Ake XVIII. Das gibt allmählich eine ganz hübsche Regentenreihe, wenn du so weitermachst.« Und in diesem Augenblick waren Johann und Niklas überzeugt, daß der im Sporthemd Krister XIX. werden würde. »Ich möchte zu gern wissen, wie sie den in ihrem Tagebuch beschreibt«, sagte Niklas.
»Quadratekel mit kurzgeschorenem Haar und eingebildeter Miene«, schlug Johann vor. »Im übrigen schlaksig und unangenehm.«
»Ja, das red dir nur ein, daß Malin so über den denkt!« sagte Niklas.
Malin schrieb kein Wort über Krister XIX. in ihr Tagebuch. Er sprang an seiner Anlegestelle ab, ohne auch nur eine Spur in ihrem Gemüt zu hinterlassen. Und keine Viertelstunde später hatte Malin eine Begegnung, die sie viel stärker erschütterte und über der sie alles andere vergaß. Das war, als der Dampfer auf die nächste Anlegestelle zusteuerte und sie Saltkrokan zum ersten Mal sah. Über diese Begegnung schrieb sie in ihr Tagebuch:
Malin, Malin, wo bist du so lange gewesen? Diese Insel hat hier gelegen und auf dich gewartet, ruhig und still hat sie hier draußen am Rande des Meeres gelegen mit ihren rührenden kleinen Bootshäusern, ihrer alten Dorfstraße, ihren alten Bootsstegen und Fischerbooten und mit all ihrer herzzerreißenden Schönheit, und du hast es nicht einmal gewußt. Ist das nicht furchtbar? Ich möchte wissen, was Gott sich gedacht hat, als er diese Insel machte. Ich will es ein bißchen gemischt haben, hat er sicher gedacht. Karg soll es sein, rauhe, graue Felsen möchte ich haben. Lieblich soll es sein, grüne Bäume, Eichen und Birken, blühende Wiesen und blühende Sträucher, o doch, denn ich möchte, daß die ganze Insel von rosa Heckenrosen und duftendem Weißdorn überquillt an jenem fernen Junitag in tausend Millionen Jahren, wenn Malin Melcherson dorthin kommt. Ja, lieber Johann und lieber Niklas, ich weiß, was ihr denkt, falls ihr hier schnüffelt, aber das laßt gefälligst sein! Ist es erlaubt, so eingebildet zu sein? Nein, ich bin nicht eingebildet, ich freu mich nur, seht ihr, weil der Herrgott auf den Gedanken kam, Saltkrokan so zu machen und nicht anders, und weil er dann auf die Idee kam, es wie ein Juwel weit draußen am Rand des Meeres hinzulegen, wo es in Frieden gelassen wurde und ungefähr so bleiben durfte, wie er es sich gedacht hatte, und weil ich hierherkommen durfte.
Melcher hatte gesagt: »Ihr sollt mal sehen, das ganze Dorf ist unten auf dem Anleger, um uns zu begucken. Wir sind bestimmt eine Sensation.«
Ganz so wurde es doch nicht. Es goß in Strömen, als der Dampfer anlegte, und auf dem Steg standen ein einziger kleiner Mensch und ein Hund. Der Mensch war weiblichen Geschlechts und etwa sieben Jahre alt. Sie stand ganz still, wie aus dem Bootssteg herausgewachsen, der Regen strömte auf sie nieder, aber sie rührte sich nicht. Man könnte meinen, Gott habe sie zugleich mit der Insel geschaffen, dachte Malin, und sie dahin gestellt, als Herrscherin und Hüterin der Insel bis in alle Ewigkeit.
So klein habe ich mich noch nie gefühlt, schrieb Malin ins Tagebuch, wie in dem Augenblick, als ich vor den Augen dieses Kindes in strömendem Regen und bepackt mit Krempel über die Gangway gehen mußte. Sie hatte einen Blick, der gleichsam alles sah. Ich dachte, das da muß Saltkrokan selbst sein, und wenn dieses Kind uns nicht akzeptiert, dann werden wir nie akzeptiert hier auf der Insel. Darum sagte ich so einschmeichelnd, wie man mit kleinen Kindern spricht: »Wie heißt du?«
»Tjorven«, sagte sie. Allein so etwas! Kann man wirklich Tjorven heißen und so majestätisch aussehen?
»Und dein Hund?« fragte ich.
Da sah sie mir fest in die Augen und fragte ruhig: »Willst du wissen, ob es mein Hund ist, oder willst du wissen, wie er heißt?«
»Alles beides«, antwortete ich.
»Es ist mein Hund, und er heißt Bootsmann«, sagte sie, und es war, als ob eine Königin sich herabließe, ihr Lieblingstier vorzustellen. Was für ein Tier übrigens! Es war ein Bernhardiner, der größte, den ich je in meinem Leben gesehen habe. Er war ebenso majestätisch wie sein Frauchen, und ich fing an zu glauben, alle Lebewesen auf dieser Insel seien von der gleichen Art und uns armen Tröpfen aus der Stadt himmelhoch überlegen. Aber da kam eine freundliche Seele angedampft, es war, wie sich herausstellte, der Kaufmann der Insel, und er war offenbar nach gewöhnlichem menschlichem Maß gemacht, denn er begrüßte uns sehr freundlich und hieß uns auf Saltkrokan willkommen und teilte uns mit, er heiße Nisse Grankvist, ohne daß wir zu fragen brauchten. Aber dann sagte er etwas Erstaunliches.
»Geh nach Hause, Tjorven«, sagte er zu dem majestätischen Kind. Unfaßbar, daß er sich traute, und ebenso unfaßbar, daß er Vater von so einem Kind war! Es nützte jedoch nicht viel. »Wer hat das gesagt?« fragte das Kind streng. »Hat Mama das gesagt?«
»Nein, ich sag es«, antwortete ihr Vater.
»Dann tu ich es nicht«, sagte das Mädchen. »Denn jetzt muß ich den Dampfer in Empfang nehmen.«
Und der Kaufmann sollte Waren aus der Stadt entgegennehmen und hatte wohl keine Zeit, sich mit seiner aufmüpfigen Tochter abzugeben, denn die stand noch immer dort im Regen, während wir all unser Sack und Pack zusammensammelten. Wir waren sicherlich in diesem Augenblick ein jämmerlicher Anblick, und Tjorven entging nichts. Ich spürte ihre Augen im Rücken, als wir lostrotteten zum Schreinerhaus.
Und es gab hier noch mehr Augen als die von Tjorven. Hinter den Gardinen an den Fenstern in allen Häusern an der Dorfstraße gab es überall Augen, die unserer durchweichten Karawane folgten – vielleicht waren wir dennoch eine Sensation, wie Papa gesagt hatte. Er begann etwas bedenklich dreinzuschauen, stellte ich fest. Und wie wir so dahingingen und der Regen am allerheftigsten niederrauschte, fragte Pelle: »Papa, weißt du, daß es im Schreinerhaus durchs Dach regnet?«
Da blieb Papa mitten in einer Regenpfütze stehen.
»Wer sagt das?« fragte er.
»Der alte Söderman«, sagte Pelle, und es hörte sich an, als redete er von einem alten Bekannten.
Papa versuchte, so auszusehen, als wäre ihm das ganz egal. »Soso, das sagt der alte Söderman oder wie dieser vortreffliche Unglücksrabe auch heißen mag. Und der alte Söderman weiß das natürlich – stell dir vor, davon hat der Makler neulich kein Wort gesagt!«
»Wirklich nicht?« sagte ich. »Hat er nicht gesagt, es wäre ein behagliches altes Sommerhaus, vor allem bei Regen, weil man dann nämlich so einen wonnigen kleinen Swimmingpool in der großen Stube hat?«
Papa warf mir einen langen Blick zu und gab keine Antwort. Und dann waren wir da.
»Guten Tag, Schreinerhaus«, sagte Papa. »Darf ich die Familie Melcherson vorstellen: Melcher und seine armen Kinderlein.«
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