Denn Töchter, die ihren Vätern begegnen, werden wieder zu kleinen Mädchen, egal, wie alt sie sind; bei der Beerdigung meines Vaters hatte ich beobachtet, wie meine Mutter meinem Großvater um den Hals gefallen war, wie erleichtert sie dabei wirkte und wie sie an seiner Schulter zu schrumpfen schien, ganz so, als hätte sie nie geheiratet, wäre nie ausgezogen, hätte nie Kinder bekommen. Das war das lebendigste Bild, das mir von damals in Erinnerung geblieben war. Ich musste daran denken, dass ich nie wieder einen Augenblick wie diesen erleben würde, in dem ich mich so geborgen und so sicher fühlen konnte.
„Vergiss nicht, deinen Kopf zu bedecken, wenn du auf den Friedhof gehst“, sagte meine Mutter, während ich mir überlegte, welche klimatischen Bedingungen wohl in Istanbul herrschen mochten. Den Telefonhörer am Ohr, lief ich durch die Zimmer meiner Wohnung und suchte meine Sachen zusammen. „Wird gemacht“, sagte ich. „Ich habe ja noch den roten Schal, den du mir geschenkt hast.“
„Wie wäre es mit dem passenden Lippenstift dazu?“, erregte sie sich. „Damit auch jeder sieht, dass du was zu feiern hast? Ich glaube, du hast sie nicht mehr alle. Man geht doch nicht mit einem rosaroten Kopftuch auf den Friedhof! Such dir ein dunkles, dezentes heraus. Zur Not kaufst du dir eins am Flughafen. Takel dich bloß nicht zu sehr auf. Und pass auf, dass man deine Tätowierung nicht sieht.“
„Ich fliege doch nicht nach Teheran, Mama! Und ich habe bestimmt nicht vor, in Istanbul einen Tschador zu tragen.“ Das Thema Tätowierung überging ich geflissentlich. Meine Mutter brauchte nicht zu wissen, dass sich inzwischen zu dem einen Tattoo sechs weitere hinzugesellt hatten, alle größer als das erste. Dieses Geheimnis war bis jetzt nicht einmal Emmanuelles Geschwätzigkeit zum Opfer gefallen. Meine Mutter hatte nämlich bereits beim Anblick meines ersten Tattoos so heftig reagiert, dass wohl selbst Emanuelle sich nicht getraut hatte, ihr die weitere Entwicklung zu schildern. Obwohl das erste noch ganz klein gewesen war. Ein Datum auf der Innenseite meines Arms: 15. 07. 1983.
„Und bleib ganz ruhig bei der Beerdigung. Nimm am besten ein Beruhigungsmittel mit.“ Ich hörte, wie meine Mutter am anderen Ende der Leitung innehielt und tief einatmete. „Jeder trauert auf seine Weise, mein Kind“, sagte sie dann und wollte gerade etwas hinzufügen, als es an meiner Tür klingelte. Wer konnte das sein, um diese Uhrzeit? Immerhin war damit der Redefluss meiner Mutter unterbrochen. Ehe ich auflegen und das Paar Stiefel, das ich in der Hand hielt, im Koffer verstauen konnte, klingelte es noch zweimal. Ich ging hin und fragte laut: „Wer ist da?“
„Ich“, kam es zurück. Ich traute meinen Ohren nicht. Es war Emmanuelle!
Als ich die Tür öffnete, stand mir Emmanuelle gegenüber, wie ich sie kannte. Nervös von einem Fuß auf den anderen tretend, die blondierten Haare, die allmählich wieder rauswuchsen, leicht zerzaust, blickte sie mir unsicher in die Augen. Auf ihrem dunkelblauen Trenchcoat lagen Schneeflocken, die noch keine Zeit gehabt hatten, zu schmelzen. Ich schien ein großes Fragezeichen im Gesicht zu haben, jedenfalls setzte sie, noch etwas außer Atem, zu einer Erklärung an. Sie wäre eigentlich gar nicht gekommen, wenn ihre Mutter nicht darauf bestanden hätte. Es sei natürlich nicht so, dass sie nicht gewollt hätte, sie habe sogar sehr gewollt, habe aber befürchtet, dass ich es nicht wolle.
„Na, immerhin hast du in all den Jahren, in denen wir uns aus dem Weg gegangen sind, damit angefangen, erst zu denken und dann zu handeln“, sagte ich.
Sie hätte es eben, fuhr sie fort, einfach nicht ausgehalten, mich vor meiner Abreise nicht noch einmal zu sehen. Außerdem habe sie ein schlechtes Gewissen. Sie habe das Gefühl, als wäre ihr loses Mundwerk schuld daran, dass diese Aufgabe an mir hängen geblieben sei. Dabei wisse sie doch, wie heikel die ganze Sache für mich sei. Bei diesen Worten senkte sie schuldbewusst ein wenig den Kopf.
„Woher hast du meine Adresse?“, fragte ich, vielleicht etwas zu schroff.
„Von Marie Caroline“, sagte sie.
Von unserer Redakteurin also, die sich allerdings niemals in das Privatleben ihrer Mitarbeiter einmischte und auch denen, die ihr davon erzählen wollten, selten Gehör schenkte.
„Sie war eine Kommilitonin meiner Mutter.“ Emmanuelle kicherte leise. „Das ist bei denen ein bisschen wie bei uns: Wenn meine Mutter nur hartnäckig genug ist, dann …“
Während dieses Gesprächs zwischen Tür und Angel öffnete sich plötzlich die Wohnungstür meiner Nachbarin Anne Charlotte, einer mürrischen, einsamen alten Frau, die uns gebot, gefälligst etwas leiser zu sein. Was Emmanuelle offenbar als willkommene Gelegenheit auffasste, um bei mir einzutreten.
„Lass uns noch ein letztes Glas zusammen trinken gehen“, schlug sie vor. Ich lehnte dankend ab, sagte, dass ich noch zu viel zu tun habe und morgen in aller Frühe zum Flughafen müsse. Gleichzeitig freute ich mich, dass sie mich anscheinend noch immer mochte, und merkte, dass ich ihr chaotisches Wesen und ihre Verlegenheit mir gegenüber vermisst hatte.
Sie schaute mich eine Weile an, dann sagte sie: „Weißt du, was? Meine Mutter hat Marie Caroline von sich aus nach deiner Adresse gefragt. Sie will dich nämlich auch noch mal sehen. Und wenn wir jetzt nicht gehen, dann kommt sie hierher, das kannst du dir ja vorstellen. Ob du sie dann allerdings vor dem Morgengrauen wieder loswirst, sei dahingestellt.“
Während sie das sagte, begann sie zu kichern. Im Grunde genommen hatte ich gar nichts dagegen, auszugehen und mich etwas abzulenken. Außerdem war jetzt, wo Emmanuelle und ich den gleichen Arbeitgeber hatten, vielleicht die Zeit gekommen, das Eis zwischen uns zu brechen. Vielleicht könnte ich auch, wenn ich mir die neuesten Eskapaden ihrer Mutter anhörte, meine eigenen Sorgen ein wenig vergessen. Und weil ich nicht einmal den ersten Schritt hatte machen müssen, sagte ich zu, ohne mich länger zu zieren.
Jacquelines neuester Coup
Tief in unsere dicken Mäntel gehüllt, machten wir uns durch die eiskalte Pariser Nacht auf den Weg nach Saint-Germain. Wir waren gerade im Restaurant angekommen und schüttelten die Schneeflocken von uns ab, als uns die gut gelaunte, kristallklare Stimme von Emmanuelles Mutter Jacqueline an die Ohren drang: „Les voilà!“
Beim Näherkommen bemerkte ich einen Herrn, ein gutes Stück älter als sie, der ihr am Tisch gegenübersaß. Wahrscheinlich ihr neuer Verehrer, dachte ich. Jacqueline pflegte nie jemanden aufgrund seines Alters, sondern allenfalls aufgrund seines sozialen Status zu diskriminieren. Der Mann trug einen dunklen Anzug, hatte helle Haut und hielt sich auffällig gerade. Er schien damit der Klasse zu entsprechen, der sich auch Jacqueline zugehörig fühlte. Als wir vor dem Tisch standen, erhob sich Jacqueline und begrüßte mich mit zwei dicken Schmatzern auf die Wangen. Anschließend versuchte sie ungeschickt, die Spuren wegzuwischen, die ihr Lippenstift hinterlassen hatte, wies mir einen Platz an der Wandseite des für vier Personen ausgelegten Separees zu und setzte sich neben mich. Ihr Seidenschal, ihre lange Perlenkette, ihr üppiges Dekolleté – sie schien sich in keiner Weise verändert zu haben. Bloß ein wenig zugenommen hatte sie, aber das konnte nur eine Frau erkennen, denn durch die Wahl ihrer Kleidung war es ihr meisterhaft gelungen, die zusätzlichen Pfunde zu kaschieren.
„Es geht doch nichts über alte Freundschaften“, sagte sie, indem sie Emmanuelle und mich anschaute. Dann zitierte sie den Kellner herbei und ließ ihn Champagner servieren. Mit theatralischer Geste ihr eigenes Glas hebend und mit uns anstoßend, sprach sie: „Auf die Freundschaft, die Geschwisterlichkeit und die Liebe. Sie sind immer die Gewinner.“
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