JAN VAN LEIDEN
Was meinst du damit?
JESUS
Denk drüber nach.
JAN VAN LEIDEN
Es ist besser, dass du einäugig in das Reich Gottes eingehst, als dass du mit zwei Augen in die Hölle des Feuers geworfen wirst. (Jan van Leiden denkt nach.)
STÄDTER
Weg mit den Lutherischen!
Einige der Städter stürzen sich auf Corvinus und zerren ihn von der Erhöhung runter.
STÄDTER
Boa, der stinkt!
STÄDTER
Er hat sich vor Angst in die Hose gepinkelt!
ROTHMANN
Unter den Talaren – Muff von tausend Jahren! Das ist, was hier bis zum Himmel stinkt!
CORVINUS
Ihr Münsterischen Seelenmörder, ihr seid verzweifelte arme Heiden! Betrüger seid ihr! Teufels Kinder! Rechte Feinde des Evangeliums! Glaubt ihr, dass alle Welt schläft und nicht merkt, wohin euch der Satan verdreht!
STÄDTER
Hau ab!
STÄDTER
Ab mit dir!
Matthys bemerkt van Leiden, geht auf ihn mit ausgebreiteten Armen zu.
MATTHYS
Ist das nicht ein Zeichen des Himmels, dass mein Mann der Stunde genau in der Stunde erscheint, in der wir mit der Taufe anfangen wollen. Wer, wenn nicht du, soll der Erste sein. (Matthys umarmt van Leiden euphorisch.) Was ist mit deinem Auge?
JAN VAN LEIDEN
Es ist besser, einäugig in das Reich Gottes einzugehen, als mit zwei Augen in die Hölle des Feuers geworfen zu werden.
MATTHYS
Ja, absolut!
(Matthys überlegt kurz. Jan van Leiden lächelt schelmisch.)
Was heißt das?
JAN VAN LEIDEN
Es steht in der Schrift.
MATTHYS
(weiterhin überschwänglich) An dir erfüllt sich das Evangelium, Bruder. Kurz vor deiner Taufe wirst du an deinem rechten Auge verletzt, um einäugig in das Reich Gottes einzugehen. Genauso wie es in der Schrift steht.
JAN VAN LEIDEN
Ich bin gegen einen Ast gerannt.
MATTHYS
Das ist kein Zufall, Bruder. (an Knipperdolling) Wir fangen unverzüglich an!
Knipperdolling holt zwei mit Wasser gefüllte Eimer, stellt sie in die Mitte des Marktplatzes.
STÄDTER
Wer ist er?
STÄDTER
Ein Holländer.
STÄDTER
Ein neuer Prophet.
STÄDTERIN
Jung.
STÄDTER
25.
STÄDTERIN
Ein Geistlicher?
STÄDTER
Du hörst nie zu, Weib. Ein einfacher Schneider aus Leiden.
STÄDTER
Ein Bordellbesitzer.
STÄDTER
Ein Schauspieler.
STÄDTER
Ein Komödienschreiber.
Jan van Leiden hat die Gesprächsfetzen mitbekommen, er dreht sich zu den Städtern um:
JAN VAN LEIDEN
(mit wohlig-sanfter Stimme) Der Geist Gottes kann auf den Geist jedes Menschen wirken und ihn lenken, so wie Gott will.
Kurze Verlegenheit bei den Städtern.
STÄDTERIN
Auf meinen auch?
STÄDTER
Wenn du einen Geist hättest. Hast aber keinen.
STÄDTERIN
Wieso habe ich keinen?
STÄDTER
Sei einfach still, Weib.
Neben einem Eimer hat sich Rothmann positioniert, neben dem anderen steht Matthys, der seine Hände zum Himmel erhebt.
Jan van Leiden kniet vor Matthys. Heilige Maria Mutter Gottes (HMMG) erscheint vor ihm in der Ferne. Sie wird nur von Jan van Leiden und von den Zuschauern wahrgenommen.
JAN VAN LEIDEN
Wer bist du?
HMMG
Ich bin die Erinnerung an deine Mutter.
JAN VAN LEIDEN
Bist du mir nicht schon mal erschienen?
HMMG
Ja.
JAN VAN LEIDEN
Was willst du mir sagen?
HMMG
Ich will dich stets an deine verstorbene Mutter erinnern.
JAN VAN LEIDEN
Weißt du, wie sie gestorben ist? Das habe ich nie erfahren.
HMMG
Sie besuchte ihre Heimat, das Dorf Darup.
JAN VAN LEIDEN
Was suchte sie in Darup?
HMMG
Sie wollte die ihr zustehende Mitgift holen, um sie dann an dich zu vererben.
JAN VAN LEIDEN
Arme Mama.
HMMG
Auf der Rückreise nach Leiden wurde sie von einer Krankheit befallen, setzte sich auf dem Wegesrand an einen Baum und starb plötzlich. Vermutlich haben die Verwandten sie vergiftet.
JAN VAN LEIDEN
Ist das der Baum, an dem ich mein Auge verletzt habe?
HMMG
Ja, das ist der Baum. Du sollst alles im Namen deiner Mutter tun.
JAN VAN LEIDEN
Was soll ich tun?
HMMG
Du sollst König werden. (HMMG verschwindet.)
Matthys hält seine Hände über Jan van Leidens Kopf.
MATTHYS
Du sollst das Böse lassen und das Gute tun. (Matthys tauft van Leiden mit drei Händen voll Wasser.) Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen. (Matthys drückt ihm den Stempel mit den Buchstaben DWWF auf die Stirn.) Das Wort Wird Fleisch.
Van Leiden setzt sich besinnlich auf die Treppe. Divara nähert sich Matthys.
DIVARA
(deutet auf van Leiden) Ein Holländer?
MATTHYS
Er spricht deutsch, seine Mutter war aus Darup. Ein weitgereister Mann. Er war in England, in Lübeck, in Lissabon. Er hat was.
DIVARA
(sinnlich) Charisma. (Divara schaut Richtung van Leidens.)
MATTHYS
Was hast du vor?
DIVARA
Gar nichts.
Divara geht an van Leiden vorbei und ab. Matthys folgt ihr.
Rothmann vollzieht das Taufritual an den versammelten Städtern. Einer nach dem anderen knien vor ihm, Rothmann hält seine Hände über den Kopf des einzelnen:
ROTHMANN
Du sollst das Böse lassen und das Gute tun. (Rothmann tauft jeden einzelnen mit drei Händen voll Wasser.) Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen. (Rothmann drückt jedem einzelnen den Stempel mit den Buchstaben DWWF auf die Stirn.) Das Wort Wird Fleisch.
Matthys und Divara erscheinen auf der Vorbühne. Matthys zieht den Bühnenvorhang zu.
Privat. Zu Hause.
MATTHYS
Hast du in letzter Zeit etwas beobachtet, was anders war als sonst?
DIVARA
(unsicher) Nein.
MATTHYS
Ist dir nichts Außergewöhnliches aufgefallen?
DIVARA
Was meinst du damit?
MATTHYS
Sind die Tage nicht deutlich kürzer geworden?
DIVARA
Wir gehen auf die Sommersonnenwende zu, die Tage werden länger.
Matthys atmet schwer aus.
MATTHYS
Hat sich die Sonne in letzter Zeit nicht deutlich verfinstert?
DIVARA
Die Sonne ist wie immer. Sogar etwas strahlender. Seit van Leidens Ankunft.
MATTHYS
Ja, der Mann hat Charisma.
(Divara lacht laut auf.)
Nicht so laut!
DIVARA
Was ist mit dir? Holt dich deine Melancholie wieder ein?
MATTHYS
Wenn es nur das wäre.
(Matthys atmet schwer aus. Divara ist ungeduldig.)
Hast du heute Nacht den Himmel beobachtet?
DIVARA
Ja.
MATTHYS
Fielen übermäßig viele Sterne herunter?
DIVARA
Nein, sie waren kaum sichtbar, der Mond leuchtete zu grell.
MATTHYS
Er war also nicht unsichtbar?
DIVARA
Es ist Vollmond! Morgen ist Ostern.
MATTHYS
Das ist es, was mich zum Wahnsinn treibt! Ich habe das Wiederkommen Christi für Ostern vorausgesagt. Davor müssen aber die Kräfte des Himmels erschüttert werden. Dann erst erscheint das Zeichen des Menschensohnes am Himmel. Das alles ist bis jetzt nicht eingetroffen. Ich habe mich völlig verrechnen! Es ist noch viel zu früh dafür! Wir haben nicht mal das Neue Jerusalem eingerichtet – das ist aber die Voraussetzung für die Wiederkunft. Die Belagerung der Stadt durch die Bischofstruppen verhindert den Zulauf der Gläubigen aus Holland.
(Matthys reißt den Bühnenvorhang auf, schreit in die Menge) Wir sind viel zu wenig. Die Zahl der Auserwählten – die Gemeinde der Rechtgläubigen zum Neuen Jerusalem am Tag der Wiederkunft Christi ist festgelegt: 144 Tausend. Wie viele sind wir?
DIVARA
1400.
MATTHYS
Schluss jetzt! Meine Geduld ist am Ende! Hinweg mit den Kindern Esaus, das Erbe gehört den Söhnen Jakobs! Hinweg mit den Gottlosen, welche sich der Taufe verweigern! Sie sollen aus der Stadt hinausgejagt werden! Damit durch den Verkehr mit ihnen das Volk Gottes nicht bemäkelt werde! (Matthys zieht den Vorhang wieder zu.)
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