AIRPORT BOY
Ja, Sir.
FRED
Wie weit würden Sie gehen?
AIRPORT BOY
Ich verstehe Sie nicht, Sir.
FRED
Heute ist doch der erste April.
AIRPORT BOY
Ja, Sir.
FRED
Kennen Sie jemanden, der am ersten April geboren ist?
AIRPORT BOY
Bismarck.
FRED
Als 17-Jähriger habe ich Bismarck zu seinem Achtzigsten telegraphiert. Damit wurde meine Laufbahn als Schüler des Paulinums in Münster mit dem Consilium abeundi beendet. Auf Deutsch: Ich wurde rausgeschmissen.
AIRPORT BOY
Wegen eines Telegramms an Bismarck?
FRED
In Wahrheit gab es gar kein Telegramm. Ich habe lediglich eine Antwortdepesche verfasst. Im Getreidekontor meines Vaters. Und habe sie aus Spaß in der Kneipe, in der wir unseren „Einjährigen“ feierten, vorlesen lassen. „Seine Durchlaucht lässt den Einjährigen vielmals danken, wünscht viel Vergnügen und frohen Suff-Chrysander.“
AIRPORT BOY
Deswegen sind Sie vom Gymnasium geflogen, Sir?
FRED
Ja. Mein Vater schickte mich auf das Chateau du Rosey, ein exklusives und teures Internat bei Genf, eine Handelsschule. Dort lernte ich Französisch, das Kaufmännische interessierte mich nicht.
AIRPORT BOY
Hatten Sie Sehnsucht nach Zuhause, Sir?
FRED
Ich glaube, dass man in keiner Stadt seine Jugend schöner verbringen kann als in Münster. Abgesehen von den fürchterlichen WC des Paulinischen Gymnasiums, die mich zwangen, meine Notdurft bei Bekannten in der Nähe zu befriedigen. Wissen Sie, wer noch am ersten April geboren ist?
AIRPORT BOY
Nein, Sir.
Fred lächelt zufrieden.
ERSTE SENTIMENTALE
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Fred!
FRED
Glauben Sie mir, dass ich heute Geburtstag habe?
AIRPORT BOY
Es könnte auch ein Aprilscherz sein, Sir?
FRED
Wissen Sie, wie der Aprilscherz entstanden ist?
AIRPORT BOY
Nein, Sir.
FRED
Sie kennen sicherlich Heinrich IV., den König von Frankreich. Er war dafür bekannt, dass er eine Schwäche für junge Mädchen hatte. An einem ersten April bat ihn ein unbekanntes 16-jähriges Mädchen um ein heimliches Rendezvous in einem abgeschiedenen Lustschloss. Als Heinrich IV. zu dem Tête-à-Tête erschien, begrüßte ihn der gesamte Hofstaat mit seiner Gemahlin Maria von Medici an der Spitze, die ihm untertänigst dafür dankte, dass er ihrer Einladung zum „Narrenball“ gefolgt sei.
AIRPORT BOY
Ist das eine wahre Geschichte, Sir?
FRED
Ja.
AIRPORT BOY
Warum haben Sie sie mir erzählt, Sir?
FRED
Selbst auf die Gefahr hin, bloßgestellt zu werden –
AIRPORT BOY
Wir sind da, Sir!
Bettis Wohnung
Airport Boy nimmt rasch seine Kopfbedeckung ab. Fred erkennt Hella.
FRED
Hella!
HELLA
Onkel Fred!
Fred folgt Hella ins Wohnzimmer. Fred schnuppert die Luft. Er schließt die Augen, atmet genüsslich tief ein.
FRED
Das ist nicht die Berliner Luft, das ist Betti. Sie ist hier! Ich spüre sie. (flüstert) Betti! Betti, meine Liebe, die schönsten Tage meines Lebens verdanke ich dir.
BETTIS STIMME
(ruft) Hella! Hella!
Im Wohnzimmer sind alle Bilder abgehängt und lehnen umgedreht an den Wänden. An einem großen Esstisch, sitzt – wie versteinert – Betti.
FRED
Du wolltest mir nicht glauben, Betti! Ich kann mich bessern! Obwohl die Versuchung nahezu unwiderstehlich war.
BETTI
Du kannst den Brei schon aufsetzen, Hella!
FRED
Hella! Comme des Garçons! Der neue Haarschnitt steht dir ausgezeichnet.
Hella ab.
BETTI
Ich habe Angst um sie, Fred. Jede Nacht bindet sie sich ihre Brust ab, damit sie zusammenschrumpft. Das ist reiner Selbsthass, Fred. Aber wir dürfen nicht in Selbsthass verfallen. Selbst dann nicht, wenn sogar diejenigen, die ihren Namen und ihren Erfolg allein dir zu verdanken haben, plötzlich wie hypnotisiert einem Irren nachplappern, Juden hätten keine Seele, Juden seien andere Menschen, ach was, noch viel hässlichere Sachen. Ich mag es gar nicht aussprechen, Fred.
Was soll nur aus ihr werden, Fred! Sie ist gerade mal zwanzig. Sie hat ihr ganzes Leben noch vor sich. Und sie ist voller Hass.
Warum bist du gekommen, Fred? Ausgerechnet jetzt, wo eh alles vorbei ist. Gott sei Dank es ist vorbei.
FRED
Ich weiß nicht, ob es eine gute oder eine schlechte Nachricht ist: Es geht weiter. Nach sieben mageren Jahren kommen sieben fette.
BETTI
Das hast du schon immer gesagt.
FRED
Fass mich an.
(Betti legt ihre Hand auf die seine.)
Glaubst du, dass ich es bin.
BETTI
Ich bin es müde geworden zu hoffen.
FRED
Betti!
(Betti lächelt ihn an.)
Für dieses Lächeln würde ich die ganze Welt in Brand setzen.
BETTI
Sie ist bereits verbrannt, Fred.
FRED
Siehst du, ich bin nicht mehr von dieser Welt, und trotzdem bin ich hier.
BETTI
Von dieser Welt warst du noch nie, Fred.
FRED
Aber genau dafür liebst du mich doch.
BETTI
Wenn du es sagst –
FRED
Was ist los, Betti!
BETTI
Du fragst mich, was los ist? Schau dich um!
FRED
Wir haben alles verloren, Betti.
BETTI
Wir? Du warst doch gar nicht hier!
FRED
Ich habe das Unmögliche versucht, Betti. Einen Neubeginn in London ohne Eigenkapital, ohne Auslandskonto, ohne Bilder. Für die Art, wie ich gewöhnlich meine Geschäfte abwickelte, war ich in London bereits zu alt, auch wenn die Engländer durchaus ein Faible für skurrile Typen haben.
BETTI
Du meinst deine charmanten Lügen, mit denen du allen den Kopf verdreht hast.
FRED
A terrible optimist . Es gibt nichts Unwürdigeres, Betti, als wenn du plötzlich merkst, die Leute riechen deine Armut. Reichtum kann man gut verstecken, Armut sickert durch alle Hautporen durch.
BETTI
Du hättest hierbleiben und weitermachen können.
FRED
Um welchen Preis! Ich hätte mich von meinen Künstlern lossagen müssen. Das wäre Verrat, Betti. Auch an mir selbst. Vor allem an den Bildern. Zu jedem einzelnen hatte ich eine Beziehung. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich kein einziges aus meiner Sammlung verkauft. Wie hätte ich mich davon lossagen können, Betti?
BETTI
Du hast dich von mir losgesagt.
FRED
Das war eine formale Scheidung, um dich und dein Vermögen vor meinem Namen zu schützen. Du weißt besser als ich, Betti, dass es notwendig war.
BETTI
Notwendig?
FRED
Niemand konnte es voraussagen, Betti! Wir dachten alle, der Wahnsinn würde sich bald wieder legen.
BETTI
Nicht alle.
FRED
Aber die, die mit allen Fasern ihres Herzens an Deutschland hingen.
BETTI
(flüstert) Das ist und bleibt unsere Heimat, Fred. Auch wenn sie uns zur Falle geworden ist.
FRED
Komm, lass uns von vorn anfangen! Wir sind auf die falsche Spur geraten. Ich komme herein: Hallo Betti! Ich bin’s! Seit London haben wir uns nicht mehr gesehen. Wie lange ist das jetzt her?
BETTI
Vier Jahre.
FRED
Du fragst, wie es mir in diesen vier Jahren ergangen ist? Wie ist es mir ergangen? Ich bin in den Himmel aufgefahren und sitze zur Rechten Gottes.
BETTI
Fred.
FRED
Der Himmel ist eine unendlich große Wiese und alle lassen tüchtig die Seele baumeln. Überall ist es grün, und alle sind in weiße Tunikagewänder gehüllt. Es hat schon etwas von einer Irrenanstalt. Stell dir vor, alle laufen herum wie Gustav Klimt.
(Betti betrachtet Fred von oben bis unten.)
Ich – nicht. Du kennst mich. Ich laufe nackt herum. Ich bin ein Freigeist.
BETTI
Ich beneide dich, Fred.
FRED
Wofür?
BETTI
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