1 ...8 9 10 12 13 14 ...17 Er tanzte mit Therese bis zum Morgen.
Als sie auseinander gingen, fragte er sie: „Sehen wir uns wieder?“
Therese sagte: „Wenn du willst, meinetwegen!“
So begann seine Liebe zu Therese Tauten.
Franz schloß sich enger an Christian Wolny an. In dem jungen Kuli glaubte er etwas von der verlorenen Jugend wiedergefunden zu haben.
Christian redete ihm auch gleich wieder alle Sorgen über Edy Koschewa und Bruno Freising aus. „Die werden wir uns noch holen!“ beruhigte er ihn. „Wir werden sie uns bei Gelegenheit vornehmen. Und der Teufel holt sie, wenn sie jetzt schon Greise spielen wollen. Nein, mein Lieber, die werden schon mitgenommen, verlaß dich darauf!“
Auch Christian Wolny ging gern tanzen. Er war eben der Christian, und er ließ keine Freude aus.
„Was, die Therese hast du dir angeschafft?“ staunte er eines Abends, als Franz Kreusat ihm sein Mädel vorstellte. „Der Alte wird sich wundern. Mit dem wirst du noch deine Last kriegen! Und sie scheint auch Haare auf den Zähnen zu haben. Nimm dich in acht, mein Lieber!“
Therese hatte Haare auf den Zähnen, und nicht nur dies, sie war Tautens Tochter. Sie war eigensinnig, und sie lief ganz in des Vaters Spuren. Sie hatte nach den wenigen Tagen ihrer Bekanntschaft Franz gerngewonnen, aber sie begann auch sofort mit ihm über sein Mitrennen bei der Soldatenwehr zu streiten. Es schien, als wollte auch Tauten ihn auf eine andere Bahn zurückführen, und schon die nächsten Abende begannen mit Auseinandersetzungen. Franz wich diesen Debatten nach Möglichkeit aus, denn er wollte wenigstens die Abendstunden ruhig verbringen. Er wollte sein Mädel und nicht den Tauten um sich herum haben.
Wenn sie tanzten, war auch Therese ganz Hingabe und friedlich. Sie war ein hübsches, starkes Mädel, war eitel und schien ihm beim Tanz ganz zugetan.
Eines Abends war Franz. Kreusat nach der Salkenberg-Kolonie zu Christian Wolny bestellt worden. Er traf dort außer Renteleit auch Hermann Kahlstein und Kramm und noch ein Dutzend anderer Genossen an.
Christian unterhielt mit Renteleit die Beziehungen zu den Zechenkumpels, die sich der neuen Ordnung noch nicht unterworfen hatten. Sie hatten festgestellt, daß die von Loew fortgeschafften Gewehre heimlich der Zechenverwaltung zugeführt worden waren. Steiger Schulte – ein Mehrheitssozialist seit November – wollte eine eigene Zechenwache aufstellen und, wie man in Erfahrung gebracht hatte, den Arbeiter und Soldatenrat und auch die Revolutionäre Wehr mit Gewalt absetzen.
Kramm erklärte den Versammelten kurz: „Wir müssen die Gewehre wieder holen, ehe es zum Blutvergießen unter den Kumpels kommt. Schulte ist kein Sozialist, er hat sich nur in den Arbeiter- und Soldatenrat hineingeschmuggelt, wie so viele andere dieser Spitzbuben unter unsere Wehr, um diese zu zersetzen. Also müssen wir schnell handeln; wenn ihr einverstanden seid, schon heute!“
Renteleit, der bärenstark war, sagte in seiner knappen, schwerfälligen Art: „Gut, wenn ihr wollt, hol’ ich sie allein!“
Die anderen verrieten Bedenken. „Und wenn es schiefgeht?“ wandte der etwas scheue Wirrwa ein. „Dann sitzen wir alle drin. Oder es kommt ganz gewiß zu Schießereien!“
„Es kommt zu nichts!“ beruhigte Kramm, „nachts schlafen die Herrschaften alle. Sie fühlen sich, scheint’s, vor uns sicher. Und der Pförtner wird schon das Maul halten. Kurz und gut, wir gehen heute los!“
Franz Kreusat, der keinen Einwand zu machen wagte, ging unter einem Herzdruck nach Hause. „Verdammt, verdammt! Jetzt wird es Ernst!“
Aber bald hatte er sich wieder gesammelt und sagte sich: „Wenn die anderen mitmachen, dann muß ich auch mit, selbstverständlich!“ Ja, etwas wie Freude ergriff ihn, da es jetzt Ernst wurde. Der Novembertag fiel ihm wieder ein, an dem sie unter den wehenden roten Fahnen marschiert, nein, geeilt waren nach der Kaserne und nach dem Zuchthaus, um die Gefangenen zu befreien.
Unterwegs fiel ihm ein, daß der nächste Abend der Weihnachtsabend sei; eine Weile beschäftigten ihn die Erinnerungen an seine Knabenzeit, wie er sich an diesem Tag an Kuchen und Nüssen satt stopfte. Dafür sparte die Mutter monatelang, um die Feiertage schön zu machen. Ein Bäumchen müßte man diesmal wieder haben, dachte er. Dann besann er sich aber auf die Leere, auf den Hunger, der hinter jeder Tür heulte; er wußte, daß auch seine Mutter diesmal kaum die Kartoffeln beschaffen konnte. Geheul und Zähneknirschen wird es morgen geben, dachte er. Ein Baum ...? Er sah flammende Krater auf brechen. Soldaten, dreckig und kaum noch Menschen, wühlten sich in Todesangst in die bebende Erde – tiefer, tiefer, Mensch ... und der verfluchte Himmel spie Granaten und Gas und schleuderte zerrissene Muschkotenglieder im blutigen Hagel herunter. Weihnachten – Verdun. Und es gab keinen Herrgott mehr, der diesen verfluchten Himmel beschwichtigte, der diese Hölle Himmel in Frieden verwandelte ... Ein Bäumchen ... brennende Kerzen ... Geschenke, frohe, lachende Kinder, das gibt es nicht mehr. Nicht mehr. Doch, alles kommt, es kommt! Wir müssen die Gewehre wegschaffen. Es kann nicht zu Ende sein. Es geht weiter ... Weiter ...!
Er stand an seiner alten Ecke.
Raup hatte ihm schon einige Male gesagt, er solle sein Büchlein mitbringen, damit er es umschreiben lassen kann. Das Buch lag, nur mit einer Marke, in der Kommode, wo er es am ersten Tage hineingeworfen hatte. Er hatte sich die ganze Zeit nicht darum gekümmert, jetzt sagte er sich: Ich muß es morgen mitnehmen.
In der Nacht gingen sie mit einem Dutzend Genossen nach der Zeche. Renteleit schob den Pförtner, der sie aufhalten wollte, beiseite und ging ins Verwaltungsgebäude, wo sie in einem Raum die zwanzig Gewehre fanden. Er reichte die Gewehre und die Munition den anderen: „Wenn sich einer herwagt und Lärm macht, dann haltet ihm eine Knarre vor die Nase; es kann höchstens ein Feind oder ein Dummkopf sein!“ sagte er.
Der Pförtner stand scheu und verwirrt in seiner Bude, während die Kumpels die Gewehre abschleppten. „Aber Leute, ich darf das doch nicht zulassen. Ihr bringt mich ja um mein Brot, Leute. Wenn das der Kranzmann erfährt, bin ich ein verlorener Mann!“
„Das bist du schon immer gewesen!“ antwortete Renteleit knurrend, „du warst stets ihr stummer Knecht!“
Als Franz auf dem Nachhauseweg an Herrn Kleinemanns Wohnung vorbeikam, schimmerten durch die Ritzen der Fensterläden die Lichter eines Weihnachtsbaumes. Es interessierte ihn aber diesmal wenig, er war noch immer mit der Sorge beschäftigt, es müsse nach ihrem Streich jeden Augenblick die Sirene brüllen oder sich sonstwas regen. Es regte sich aber nichts; und auch die ganze Nacht über nicht, die er schlaflos verbrachte.
An diesem Abend hatte Therese vergeblich auf ihn gewartet.
Herr Kleinemann hatte für den Weihnachtsabend einen Baum beschafft. Es kostete Geld, aber ein Weihnachtsabend ohne ein Bäumchen war kein Weihnachtsabend. Sie hatten auch in der schlimmen Zeit im Kriegsgefangenenlager als Wachmannschaft jedesmal einen Baum gehabt und auch Kerzen unter der Hand besorgt. Der nötige Trunk wurde ebenfalls herangeschafft und ein Stück Kuchen. Weihnachten müssen nach Weihnachten aussehen.
Der freche Bengel hatte es zwar nicht verdient, daß man sich darum abschund, aber an so einem Tag vergißt man es und hält Frieden. Herr Kleinemann hatte eine Fahrt zu den befreundeten Bauern gemacht, und er brachte wieder einige Kisten mit Eiern und auch Speck mit. Ein Teil der Sachen ging in die Beamtenkolonie, weil man auch die anderen Tage leben wollte. Ohne Geld gab es keine Ware. Ein Teil blieb im Haus – ein Weihnachtsabend muß nach Weihnachtsabend aussehen.
Damit das Licht nicht nach außen drang, machte Herr Kleinemann die Fensterläden zu. Er wollte nicht den Neid der Hungrigen erregen – Neid ist ein schreckliches Übel. „Die Läden sind zu, also können wir jetzt essen“, sagte er zu der apathisch umhergehenden Frau. Ihr Gesicht allein konnte ihm die gute Stimmung verderben. Doch wollte er sich am heutigen Tage nicht ärgern, also übersah Herr Kleinemann die böse Miene seiner Frau. Oft schien ihr apathisches Gesicht boshaft zu lachen, und er glaubte zu wissen, was sie sich dabei dachte: Beschwindle dich nur selber weiter, dachte sie bestimmt, das dicke Ende kommt doch nach! Ja, das dachte sie. Nun, mochte sie lachen und denken, was sie wollte. „Wenn es nicht auf normalem Wege geht, sich wieder aufzukratzen, dann geht es eben auf anderem Wege“, sagte er sich. „Jeder, der sich retten will, der schaut heut nicht auf Anständigkeit, er schaut, wie er sich wieder aus dem Dreck herausbuddeln kann. Ich tue nichts anderes, als was jeder kluge Geschäftsmann tut.“
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