»Wunderbar.« Leonardo stöhnte. »Wer hat den besten Putzzauber parat?«
»Du sicher nicht.« Grace lächelte frech.
»Wart‘s nur ab.«
Gemeinsam sprangen sie voran, kamen auf dem Boden des Beckens auf und wirkten Zauber, die den Schlamm aus dem Wasser zogen und abtransportierten. Danach wurde das Wasser zu Dampf, was erst einmal alles in dichten Nebel hüllte, doch am Ende waren Raum und Becken sauber.
»Wie kann das sein?«, fragte Clara, als sie den Raum betraten. »Wieso konnte sie uns als Gesandte des Castillos identifizieren? Woher wusste sie überhaupt, dass wir kommen?«
Seltsamerweise glaubte Leonardo, die Antwort auf Claras Frage wissen zu müssen. Etwas an der Fremden hatte vertraut gewirkt, wie auch die Schrift von Iria Kon und das Mosaik.
»Kannst du sie zuordnen?«, fragte er die junge Ashwell.
»Weder durch meine eigenen Erinnerungen noch irgendwelche Fragmente der Schattenfrau«, erwiderte sie.
»Aber das Castillo wurde erst Jahrhunderte nach dem Untergang von Iria Kon gebaut«, sagte Grace.
»Mich braucht ihr nicht anzuschauen.« Anne machte eine abwehrende Geste. »Ich bin quasi erst ein paar Monate alt. Von diesem ganzen Kram weiß ich nichts. Ich lebte als Nimag außerdem vor dem Castillo und lange nach Iria Kon.«
Ein gespanntes Kribbeln ließ Leonardo erschaudern. Mittlerweile teilte er die Zuversicht Tomoes, dass die Archivarin sie aus einem bestimmten Grund hierhergeführt hatte.
Der Raum erwies sich als überschaubar, was hauptsächlich daran lag, dass es keinerlei Einrichtungsgegenstände gab. Die Wände waren aus dem typischen gelben Gestein gefertigt, das Leonardo längst auf die Nerven ging. In der Mitte stand etwas, das an eine angeschmolzene Schneekugel erinnerte.
»Ein Mentiglobus.« Anne sank neben dem Erinnerungsspeicher in die Hocke. »Will jemand ausprobieren, ob Sicherungen eingebaut wurden?«
Tomoe schob sie beiseite, berührte den magischen Speicher mit ihrem Essenzstab und führte erneut einen Agnosco aus. »Er ist sauber.«
Irgendwie hätte es Leonardo auch gewundert, wenn sich das Ganze als Falle herausgestellt hätte. Etwas Wichtiges verbarg sich in den gespeicherten Erinnerungen, davon war er längst überzeugt.
»Dann sind wir uns einig?«, fragte er in die Runde.
»Vielleicht nicht alle auf einmal«, schlug Grace vor. »Immerhin kann sich noch immer etwas Destruktives darin verbergen. Ich erinnere mich an einen perfiden Mordplan, den ich einst aufdeckte. Eine Magierin verankerte grauenvolle Erinnerungen an Folter in ihrem eigenen Geist und extrahierte sie von dort in einen Mentiglobus. Eine recht simple Abfolge, die ihren Ehemann beinahe in den Tod getrieben hätte, als er den Erinnerungsspeicher auslas. Letzteres tat er ohne ihr Einverständnis, deshalb hielt mein Mitleid sich in Grenzen.«
»Das muss ich mir merken«, sagte Anne begeistert.
Leonardo verdrehte die Augen. »Da vergesse ich doch immer wieder, dass du eigentlich gar nicht auf unserer Seite stehst.«
»Was ist heute schon ›unsere‹? Ich kämpfe mit euch gegen Merlin, insofern solltest du dich freuen. Hat der Mann überlebt?«
»Das tat er«, bestätigte Grace. »Allerdings musste er zahlreiche Sitzungen bei einem Heiler absolvieren. Die Frau wanderte in den Immortalis-Kerker. Vermutlich muss ich sie nun noch einmal einfangen, da Merlin dessen Tore geöffnet hat.«
»Ende gut, alles gut«, schloss Tomoe.
»Sieht man davon ab, dass der Kerker wieder geöffnet wurde, aber lassen wir das.« Sie deutete auf den Mentiglobus. »Also, wer macht den Anfang?«
Clara trat nach vorne. »Ich will es sehen.«
»Dabei«, sagte auch Tomoe.
»Ich sowieso.« Leonardo deutete auf den Erinnerungsspeicher.
»In diesem Fall übe ich mich in Geduld und warte auf euren Bericht, bevor ich ebenfalls eine Reise in die Erinnerungen unternehme«, erklärte Grace. »Natürlich werde ich euch mit einem Agnosco genauestens überwachen.«
»Und nebenbei kannst du mir Geschichten erzählen«, schlug Anne vor. »Du hast doch bestimmt noch weitere wunderbare Mordfälle erlebt. Gelöst, meine ich.«
»Du kannst sie auch Grace Marple nennen«, stichelte Leonardo. »Das freut sie ganz besonders.«
»Und du nimmst gleich eine Abzweigung in die Folterszene«, drohte Grace.
Zu dritt ließen sie sich um den Erinnerungsspeicher herum in den Schneidersitz sinken. Leonardo betrachtete das braun-gelbe Glas und die Symbole auf der Basis. Wie alt mochten diese Erinnerungen sein? Und, noch wichtiger: Von wem stammten sie?
Als er die magischen Zeichen genauer betrachtete, beantwortete sich die Frage. »Es sind verschiedene Erinnerungen, nicht nur von einer Person. Jemand hat Sichtweisen verschmolzen.«
»Dann erwartet uns zweifellos eine interessante Geschichte.« Tomoe legte ihre Finger auf das Glas. »Memorum Excitare.« Ihre Lider schlossen sich.
Clara und Leonardo taten es ihr gleich.
Sie sprachen die magischen Worte – und die Vergangenheit wurde lebendig.
Der Hexenholzkrieger zersplitterte in tausend winzige Teile, die scharfkantig durch den Raum flogen. Einige Splitter rissen Wunden in Kevins Haut. Der Schmerz tat gut. Er konnte allerdings auch die vorwurfsvollen Blicke von Jen spüren, was ihm weniger gefiel.
»Du übertreibst!«
Er ignorierte sie. Gekleidet in eine schwarze Trekkinghose, ein ärmelloses Shirt und Boots hatte er den Trainingsraum betreten, doch mittlerweile hing das Shirt in Fetzen von seinem Körper. Mit einer schnellen Armbewegung riss er es weg.
»Wunden kann man heilen.«
Jen stand am Rand des Trainingsfeldes.
Kevin selbst hatte den Raum aufgebaut, die Hexenholzkrieger aus zerstörten Artefakten konstruiert. So hatte es auch etwas Gutes, dass sie alle paar Tage ein Relikt vom Anbeginn in den Trichter warfen, um Noxanithpulver zu gewinnen. Dabei fielen zusätzlich Himmelsglas und Hexenholz ab. Mittlerweile genug, um daraus die Krieger zu bauen, wenn auch nur eine Handvoll.
Nach jedem Kampf wurden sie magisch wieder zusammengesetzt. Sie lernten von den Attacken und verbesserten ihre Angriffsmethoden. Seit einigen Tagen war es eine echte Herausforderung, sie zu besiegen.
Er tauchte unter dem Kraftschlag eines Angreifers hindurch und schleuderte seinerseits einen. Doch der Krieger hatte eine Contego-Sphäre errichtet.
»Der Rat …«
»Hör mir auf mit dem Rat«, unterbrach Kevin. »Es wird ewig debattiert und was kommt am Ende dabei heraus? Moriarty spinnt Intrigen, Granny versucht alles zusammenzuhalten, Artus will vielleicht doch wieder König werden … und so geht das weiter.«
»Hättest du mich aussprechen lassen, wüsstest du, dass es im Gegenteil sogar gut vorangeht.«
Kevin ließ den Krieger in die Höhe steigen, nur um kurz darauf die Schwerkraft zu verkehren. Er zerbarst am Boden. Ein weiterer Gegner erledigt. »Ach?«
»Nachdem das neue Regelwerk von allen angenommen wurde, kommt es bald zur Abstimmung.« Jen lehnte mit verschränkten Armen an der Wand. »Und obendrein hat von Thunebeck endlich die Uhr verbessert. Wir wissen jetzt immer genau, wie lange es noch bis zum nächsten Sprung dauert.«
Es waren zweifellos wichtige Entscheidungen und Vorgänge, doch Kevin interessierten sie nicht. Die Flucht aus dem untergehenden Splitterreich, das knappe Überleben der Aquarianer, hatte Spuren hinterlassen. Er schämte sich bei dem Gedanken, dass er sich so hatte gehen lassen. Tagelang hatte er wimmernd auf einem Bett gelegen, der Verlust seines Bruders hatte wie Säure jeden Gedanken vergiftet. Stattdessen hätte er aufstehen und Merlin erledigen sollen. Logisch, rational, ohne Emotionen.
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