Und das lässt sie ihn, kaum hat er sie geheiratet, auch spüren. Nun hasst sie nämlich die 25.000 Bücher in der Wohnung, weil dafür schon so viel unnötiges Geld ihres Mannes ausgegeben wurde, das eigentlich ihr zustünde. Sie interessiert sich nur dafür, wo das Bankbuch versteckt ist, und für den Kauf neuer Möbel, währenddessen sie heftig mit anderen Männern flirtet (die sie aber in Canettis menschenverachtendem Universum sowieso nur ausnutzen wollen). Sie empfindet es als Affront, wenn ein Sessel einmal zu oft knarrt (dann wird er ins Feuer geworfen) oder der Mann krank ist und gepflegt werden sollte (dann wird er eben hungern gelassen). Höhepunkt der Schreckensherrschaft, deren Symbol Thereses blauer, gestärkter Rock ist: Sie schmeißt ihn aus seiner eigenen Wohnung und sich an den sadistischen Hausbesorger Pfaff heran.
Das Gemeine an Therese ist, dass wir immer wieder Gelegenheit bekommen, in ihren Kopf hineinzuschauen. Canetti formuliert ihre giergesteuerten Empörungen aus, folgt ihren Logikpfaden und stellt die Ergebnisse, ohne zu werten, vor uns hin. Die Figurengestaltung dürfte auf einer gewissen Frauenfeindlichkeit des Autors beruhen; sein Vorbild für Therese war eine Vermieterin, die ihn mit ihrem dummen Geschwätz faszinierte.
Männer sagen schnell einmal so dahin, die Ehe treibe sie in den Wahnsinn. Bei den Kiens kann man zuschauen, wie es passiert. Das geht so weit, dass Kien überzeugt ist, seine Frau getötet zu haben, und ein Geständnis ablegt, während sie neben ihm steht und ihn des Diebstahls (seines eigenen Geldes) bezichtigt: »Der blaue Rock, den sie immer trug, deckte ihr Skelett. Er war gestärkt und hielt dank dieser Eigenschaft die widerwärtigen Reste ihres Leibes zusammen. Eines Tages hauchte sie aus. Auch dieser Ausdruck erscheint mir als Fälschung; wahrscheinlich besaß sie keine Lungen mehr.« ■
HERKUNFT: Österreich
GEBOREN: Therese Krummholz
GESTORBEN: nein (Irrtum)
BERUF: Haushälterin
BESONDERES KENNZEICHEN: der blaue Rock
MÖBELGESCHMACK:
MÄNNERGESCHMACK:
BILDUNGSGRAD:
SEXAPPEAL:

AUTOR: Thomas Mann
TITEL: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull: Der Memoiren erster Teil
ORIGINALFASSUNG: 1954
» Ich kann mein inneres Verhalten zur Welt, oder zur Gesellschaft, nicht anders als widerspruchsvoll bezeichnen. Bei allem Verlangen nach Liebesaustausch mit ihr eignete ihm nicht selten eine sinnende Kühle, eine Neigung zu abschätzender Betrachtung, die mich selbst in Erstaunen versetzte.
Man kann dir nicht grollen, Felix Krull. Man will dich fast nicht in die Gruppe der Bösewichte einreihen, so bezirzt ist man von deiner eigenen Beschreibung deiner Taten. Und doch muss es sein: Hochstapler Felix Krull, Betrüger jenseits der Moral, Kategorie »liebenswerter Halunke«. Denn dein bester Trick ist ja, dass man dich mag. Dass du einem gibst, was man will, und dass man nie enttäuscht ist. Gut, die paar Juwelen, die der Dame abhanden kommen, sind doch ein adäquater Preis für die schönen Stunden, die sie mit dem charmanten jungen Mann zubringen durfte.
»Niemals habe ich eitles und grausames Gefallen gefunden an den Schmerzen von Mitmenschen, denen meine Person Wünsche erregte, welche zu erfüllen die Lebensweisheit mir verwehrte. Leidenschaften, deren Gegenstand man ist, ohne selbst von ihnen berührt zu sein, mögen Naturen, ungleich der meinen, einen Überlegenheitsdünkel von unschöner Kälte oder auch jenen verachtenden Widerwillen einflößen, der dazu verleitet, die Gefühle des Anderen ohne Erbarmen mit Füßen zu treten. Wie sehr verschieden bei mir!«
Jaja. Ist ja schon gut, Felix Krull, wir klagen dich nicht an, wir lauschen deinen eloquenten Bekenntnissen. Reden kannst du ja. Innerhalb kürzester Zeit hast du erkannt, was wir hören wollen, und das erzählst du uns dann in den schönsten Farben. Wir müssen wohl dankbar sein, dass es dir in Wirklichkeit nur um dein privates Wohl geht und du nicht einer von diesen populistischen Politikern bist. Wir würden dir sofort verfallen, dich wählen, und dann hätten wir den Salat.
»Sicherlich stehe ich auf diesem Gebiet, wie auf jedem anderen, weit hinter Ihnen, Herr Generaldirektor, zurück.«
Schmeichler! Das beherrschst du gut. So hast du dich zu einem Job hochgearbeitet, der dir Kontakt mit reichen Menschen verschafft hat, die die Wahrheit gar nicht wissen wollen, sondern lieber mit Illusionen konfrontiert sind. Diebstahl? Betrug? Nein, für dich sind das einfach notwendige Konsequenzen der Tatsache, dass du ein Sonntagskind bist, ein felix, der fürs Glück geschaffen ist. Deine Gaunereien sind Schauspielkunst, ebenso wie der epileptische Anfall, den du vortäuschst, um dem Militärdienst zu entgehen. Mal ehrlich, wie viele von uns hätten es nicht genau so gemacht, wenn wir das Talent dazu hätten? Selbstbewusstsein muss man haben und optimistisch durchs Leben gehen. Und Prinzipien vertreten. Vom reichen Lord adoptieren lassen willst du dich nicht, du bewahrst dir lieber deine Freiheit und rufst:
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