A. V. Frank - Waldlichter

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Im Westen Irlands werden drei Mädchen von geheimnisvollen Wesen in eine neue Welt voller Magie und Herausforderungen gezogen. Dabei lernen sie eine neue Kultur und Sprache kennen und müssen sich im Kampf gegen die monströsen Duorc behaupten.Doch ein Verräter hat sich unter sie gemischt und die Auseinandersetzungen im eigenen Lager werden größer. Werden die Mädchen es trotzdem schaffen zusammenzuhalten, um diese alte Kultur vor dem Untergang zu bewahren?

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Da erklärte die Frau, die so aussah wie Tran: „Draugrande, diese Menschen sind fürwahr von unseren Göttinnen geschickt worden und wir werden sie aufnehmen in unseren Reihen. Eine Abstimmung ist unnötig.“ Damit drehte sie sich um, ging davon und rief über die Schulter zurück: „Kommt, Mädchen!“

Tran sah ihre beiden Gefährtinnen kurz an, ehe sie der Frau folgte. Vici und Ana tauschten einen verwirrten Blick, schlossen sich ihrer Verbündeten jedoch an. Was hätten sie sonst auch tun sollen?

Sie gingen beinahe durch das gesamte Dorf, bis die Frau vor einem riesigen Baum anhielt. Sein Durchmesser betrug etwa sechs Meter und er reichte so weit hinauf, dass Ana nicht sagen konnte, ob er überhaupt endete. Am Stamm, der wie mehrere verzierte Säulen nebeneinander wirkte, schlängelte sich eine Treppe empor und auf den Ästen, die so breit wie Bürgersteige waren, standen kleine Häuschen, deren Dächer in der Mitte spitz zusammenliefen. Stufen führten von ihnen aus durch den gesamten Baum, sie trafen sich, waren durch Stege miteinander verbunden und führten auf eine große Plattform hoch oben in der Baumkrone, an die ein riesiges, einschüchterndes Haus angrenzte. Es war verziert mit Säulen in verschiedenen Formen und Mustern, die allesamt von Efeu bewachsen waren. Das Gebäude hatte zwei Stockwerke. Die Wand des unteren wurde von zahlreichen mannshohen Fenstern durchbrochen und die des oberen wies eine ähnliche Struktur auf wie die Dächer der Hütten. Der Übergang von einem zum anderen war fließend und verwischte vor ihren Augen.

Ana war nicht aufgefallen, dass sie wie ein hirnloser Idiot mit offenem Mund nach oben gestarrt hatte. Schnell schloss sie ihn und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre nähere Umgebung. Tran und Vici glotzten immer noch nach oben, völlig verzaubert von dem Anblick, während die Neuankömmlinge sie beobachteten. Die Frau und Morin unterhielten sich inzwischen leise, zu leise, als dass Ana etwas verstehen konnte, und Tyr beobachtete sie, zumindest so lange, bis sie ihn anschaute. Da blickte er weg, ein typisches Zeichen für Scham. Wenn sie auch nicht wusste, was sie von alledem hier halten sollte, so kannte sie sich doch mit Jungs aus. Das war beinahe ein Trost, denn sie fühlte sich extrem verloren in diesem Wald. Dass sie damit die Einzige war, wurde klar, sobald man die anderen beiden betrachtete. Sie staunten über alles Neue, waren voller Bewunderung und offen dafür, während Ana ihrem Whiskey und ihren Partys hinterhertrauerte.

Sie stupste Vici und Tran an, die aufschreckten und sich sogar ein bisschen schüttelten. Es erfüllte sie mit Genugtuung, dass die anderen beiden völlig verzaubert dagestanden hatten, während sie einen kühlen Kopf bewahrt hatte.

***

Immer noch beschäftigte Tran die unglaubliche Ähnlichkeit zwischen sich und der Unbekannten, aber die Gedanken daran waren ziemlich schnell vergessen, als sie dieses riesige Baumhaus erblickte. Es war beeindruckend, so weitläufig und irgendwie magisch. Sie hätte stundenlang dastehen und es bewundern können, aber Ana holte sie in die Realität zurück.

Die anderen schienen darauf zu warten, dass sie ihnen weiterhin folgten, denn ihre Retterin hatte bereits einige Stufen der Wendeltreppe erklommen und schaute sie streng an. Die drei Mädchen zogen ihre Köpfe ein und folgten ihr gehorsam, unwissend, was sie erwartete.

Schwer schnaufend kamen sie nach einer gefühlten halben Stunde oben an. Nachdem sie zwei Nächte hindurch beinahe ununterbrochen gestanden hatten, war dieser Aufstieg noch anstrengender gewesen als unter normalen Umständen. Die ganze Zeit hatten sie die verächtlichen Blicke Morins und anderer ertragen müssen und waren nun, nachdem sie endlich oben angekommen waren, nicht nur fertig mit ihren Kräften, sondern auch mit ihren Nerven.

Sie folgten ihren Gastgebern wortlos in das Baumhaus, das innen noch größer war, als der äußere Eindruck vermuten ließ. Das Zimmer, in dem sie sich nun befanden, sah erstaunlich normal aus, so normal, wie ein Zimmer mit Wänden und Boden aus einem einzigen Stück Holz eben sein konnte. Die Einrichtung war karg, es gab bloß einen großen, langen Tisch und eine Menge Stühle rundherum. Auf dem Boden lagen kunstvoll gefertigte Teppiche, teils aus Leinen, teils aus Baumwolle, was eine sehr ungewöhnliche Mischung bildete. Durch die zahlreichen Fenster, die bis zur Decke reichten, drang ein frischer Wind ein.

Den Mädchen wurde bedeutet, sich zu setzen, dann ergriff ihre Retterin das Wort. „Willkommen in unserer Siedlung Sarscali. Ich bin Nicja, dies sind meine Geschwister Cobruna, Conàed und Rijon.“ Nacheinander zeigte sie auf diejenigen, die zusammen mit ihr angekommen waren.

Conàed war der größte der drei, hatte hellbraune Haare, Lippen, für die ein Model morden würde, ein etwas kantiges, aber bartloses Gesicht und intensive blaugrüne Augen, die nun voll Argwohn und Verachtung auf sie gerichtet waren. Sein Körperbau war beeindruckend, denn seine Schultern und seine Brust waren sehr breit, ohne nach Steroiden auszusehen, während seine Hüften schmal und die Beine sehr muskulös wirkten. Rijon war von ähnlicher Statur, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt. Er war etwa zehn Zentimeter größer als Cobruna, hatte blaue Augen, ein etwas weicheres Gesicht als Conàed und blonde Haare, die er kürzer trug als sein Bruder, während Cobruna rote, wallende Locken, ein puppengleiches Antlitz und olivgrüne Katzenaugen besaß, die auf Nicja gerichtet waren. Sie alle wirkten blass und so elegant, als würden sie schon ihr Leben lang Ballett tanzen.

„Meinen Gefährten Morin und meinen Sohn Tyr habt ihr ja bereits kennengelernt. Zusammen bilden wir die ... Herrscherfamilie, wenn man es denn so übersetzen kann. Ich möchte mich dafür entschuldigen, wie ihr hier begrüßt wurdet. Wären wir hier gewesen, wäre es wohl etwas anders gekommen.“

Vici, deren bisher ungekannter Kampfgeist wieder aufgeflackert war, unterbrach sie. „Woher sollen wir das wissen? Vielleicht hättet ihr uns sogar sofort getötet, wie es uns schon angedroht wurde. Und was seid ihr für Menschen, dass ihr hier so lebt? Eine Sekte? Kamen von euch die Briefe, die uns hierher gelockt haben?“

Nicjas Lächeln sah gequält aus. „Ihr wäret nicht gestorben, dafür hätte ich gesorgt. Aber ich weiß von keinen Briefen oder von wem sie stammen könnten. Doch es ist nicht wichtig, aus wessen Feder sie flossen, aus ihnen spricht der Wille unserer Göttinnen. Und wir sind keine Sekte, sondern ...“

Da trat Conàed vor und sagte mit schneidender Stimme: „Du brauchst nichts weiter zu erklären, Schwester, bevor wir nicht den Beweis haben, dass sie von den Göttinnen gesandt wurden und nicht doch Verräterinnen sind. Natürlich wurde dir Hilfe prophezeit und die Vermutung, dass es Menschen sein sollen, ist gerechtfertigt, aber ich bezweifle, dass diese schwachen, zierlichen ... Mädchen uns in irgendeiner Weise helfen können.“ Seine Stimme troff vor Verachtung und Argwohn.

Alles in allem war seine Aussage extrem demütigend und Tran wusste nicht, ob sie lieber weggelaufen oder im Boden versunken wäre. Aber irgendwie hatte er recht.

Sie sah, wie Ana ansetzte, ihm etwas Beleidigendes an den Kopf zu werfen, und trat ihr unter dem Tisch gegen das Bein.

Da ergriff Nicja wieder das Wort und machte einen Kommentar Anas sowohl unmöglich als auch unnötig. „Dieses Mädchen“, sie deutete auf Tran, „ist mir erschienen, als ich aus der Großen Höhle kam. Und ich spüre den Segen Varas auf ihnen allen. Und doch, habt ihr die Briefe dabei?“

Wortlos zog Tran die drei Schreiben aus ihrem Rucksack und legte sie auf den Tisch.

Nicja und ihre Geschwister beugten sich darüber und lasen sie. Sie wirkten erschüttert und mit einem Mal von jeglichen Vorbehalten befreit. Zumindest machten sie diesen Eindruck, doch die glatten, schönen Gesichter waren um einiges schwerer zu lesen als alle anderen, die Tran jemals zuvor gesehen hatte. Bis auf eines ...

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