A. V. Frank - Waldlichter

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Im Westen Irlands werden drei Mädchen von geheimnisvollen Wesen in eine neue Welt voller Magie und Herausforderungen gezogen. Dabei lernen sie eine neue Kultur und Sprache kennen und müssen sich im Kampf gegen die monströsen Duorc behaupten.Doch ein Verräter hat sich unter sie gemischt und die Auseinandersetzungen im eigenen Lager werden größer. Werden die Mädchen es trotzdem schaffen zusammenzuhalten, um diese alte Kultur vor dem Untergang zu bewahren?

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Raja blieb davon unberührt, ignorierte ihr Gehabe. Sie war zwar schon fast kein Kind mehr, benahm sich aber noch immer wie eines. „Zieh dir etwas Ordentliches an, Merlandra, wir gehen deine Mutter besuchen.“

„Woher willst du wissen, dass sie zurück ist? Sie hat mir gesagt, dass sie erst zum Ritual wiederkommt.“

„Soeben habe ich Nachricht erhalten, es sei etwas passiert, sodass sie eine Versammlung einberufen habe. Also tu, was ich dir gesagt habe.“

Sie murrte etwas, zog jedoch ein neues Überkleid aus grobem, verschlissenem Leinen an und stellte sich vor ihre Erzieherin. „Kommst du jetzt oder was?“, fragte sie mit mürrischer Stimme.

Raja erhob sich, legte das alte Überkleid Merlandras, das sie gerade geflickt hatte, beiseite, fasste das Mädchen hart bei den Haaren und schob es vor sich her aus der Hütte. Etwa eine Viertelstunde lang wanderten sie durch das einsame Moor, während die Krähen über ihnen kreisten, als ob bald ein Festschmaus anstünde. Sie veranstalteten einen heillosen Lärm. Besorgt schaute Raja des Öfteren in den Himmel, Krähen flogen um diese Tageszeit normalerweise nicht herum und nie wich hier etwas von der Ordnung der Dinge ab. Es wurde Zeit, dass sie hörten, was die Dunkle ihnen zu sagen hatte.

Merlandra wurde unbarmherzig weitergeschoben, ihr verfilztes Haar, welches ihr erst in den nächsten Jahren ausfallen würde, wurde ihr bei jedem Schritt herausgezogen und Raja ignorierte sie komplett. Sie wünschte sich in dem Moment nichts mehr, als endlich von ihr wegzukommen, von diesem Wesen, das sie nicht so pfleglich, wie es sollte, behandelte.

Doch dann wurde ihr klar, dass es ein ganz normales Verhalten in ihrer Gesellschaft war, dass sie wohl auch von ihrer Mutter nicht anders umsorgt werden würde. Und sie musste beginnen, sich dieser Welt anzupassen. Also riss sie sich los, befreite ihre Haare und schritt entschlossen voran. Hinter ihr grunzte Raja etwas, doch es interessierte Merlandra nicht. Ihre Gedanken waren nun ganz bei ihrer Mutter.

Die Dunkle, die Herrscherin aller hatte etwas gesehen, erlebt oder vorausgeahnt, das ein Problem werden konnte. Wer konnte sie derart aufwühlen? Wer schaffte es, dass die Dunkle nicht das machte, was sie gesagt hatte? Unwillkürlich beschleunigte sich Merlandras Schritt, sie war kurz vor der Grenze zum Laufen. Vielleicht war es auch nur die Sehnsucht nach ihrer Mutter, die sie antrieb. Aber das würde sie niemals zugeben, wo käme sie denn hin? Sehnsucht nach Liebe war eines der verfluchten fidnirkischen Überbleibsel in den Duorc, ungewollt, ungestillt.

Das Moor erstreckte sich in unendlicher Weite vor ihr und es kam kein Ende in Sicht. Das immer gleiche Bild verlangsamte ihre Hast und unterdrückte ihre aufkommende Freude. Sie wusste nicht, wie lange sie schon gegangen waren, als die größte der Trockeninseln vor ihr auftauchte. Dort stand der Tempel und Merlandra erstarrte wie jedes Mal bei seinem Anblick. Er strahlte solch eine Macht, Überlegenheit und solch einen Reichtum aus. Er war wahrlich der prächtigste Bau im ganzen Reich, unter ihrer Mutter Regentschaft erbaut.

Nach kurzer Zeit bemerkten sie andere, die ebenfalls auf den Tempel zuströmten. Das gesamte Reich schien sich zu versammeln, etwas, das es früher wohl nicht gegeben hatte, was heutzutage jedoch normal war. Anormal allerdings waren die unzähligen Krähen, die über dem Ganzen kreisten. Waren das Fidnirk? Raja hatte ihr erzählt, dass sie das machten, sich in Vögel verwandelten, um sie zu überwachen. Doch dass sie alle Krähen waren, Vögel, die sie sonst nicht leiden konnten, kam ihr unwahrscheinlich vor. Es konnte natürlich sein, aber ... sie wurde das Gefühl, dass es keine Fidnirk waren, einfach nicht los. Außerdem hatte sie keine Zeit, darüber nachzudenken. Alle beeilten sich, in den Tempel zu kommen, und dort herrschte bereits großes Gedränge. Doch als die anderen sie bemerkten, wichen sie zurück und machten ihr Platz. So gelangte sie ohne Geschiebe und Gedrängel nach vorne.

Dort stand bereits ihre Mutter mit braunen, kurzen und anliegenden Haaren, die ihr außergewöhnliches Gesicht betonten. Ihre Augen standen weit auseinander und erstrahlten in tiefstem Orange. Ihr Mund war kaum zu sehen, so schmal waren die Lippen, die Nase war kurz und spitz. Ihre Ohren hatten eine normale Form, waren allerdings riesig wie Elefantenohren. Ihr großer Körper war etwas verdreht, die Beine unterschiedlich lang, die Arme zu kurz und die Brust nicht vorhanden. Viele hatten sich gefragt, wieso gerade dieses Wesen ihre Königin sein sollte, aber sie hatte eindeutig Führungsqualitäten.

Sie schaute auf ihre Untertanen herab und verzog leicht die Lippen zur Andeutung eines Lächelns. Anscheinend waren alle versammelt, denn sie begann ohne Umschweife mit ihrer Ansprache. „Ihr wisst, warum ich euch hergerufen habe. Die Fidnirk haben heute Nacht Unterstützung erhalten, die noch unnütz ist, sich aber binnen kürzester Zeit zu einer mächtigen Waffe entwickeln könnte.“

Aus der Menge schrie jemand: „Worauf warten wir noch? Ich habe Hunger!“ Zustimmendes Gelächter erhob sich und weitere Herausforderungen wurden geäußert.

Ungeduldig verdrehte die Dunkle die Augen und rief: „Kryna!“ Das sorgte augenblicklich für Ruhe, denn niemand konnte mehr den Mund bewegen. Diese Art Magie war mit der Dunklen gekommen und nur wenige beherrschten sie. Alle Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf die Königin und sie sprach mit ihrer leicht lispelnden Stimme weiter. „Wir können sie nicht töten, die Waffe befindet sich bereits unter dem Schutz der Fidnirk. Doch ich bin mir sicher, dass sie diesen bald wieder verlassen wird, dann werden wir ihr eine tödliche Falle stellen.“

Einer der königlichen Berater, Coileach, fragte: „Was ist das für eine Waffe? Wie gefährlich wird sie uns werden?“

Sie drehte sich um und lächelte ihn auf eine Art an, gegen die Zaran sicherlich etwas einzuwenden gehabt hätte. „Danke, Coileach, ich hoffte darauf, dass irgendjemand diese Frage stellen würde.“ Sie wandte sich wieder an die Menge, ihre Stimme wurde um einiges frostiger. „Es sind drei Menschenmädchen. Doch sie sind von den heidnischen Göttern erwählt und gestärkt worden, also ernst zu nehmen.“

Erneut breitete sich Gelächter im Tempel aus, so unwahrscheinlich erschien es ihnen allen, dass drei Menschenmädchen ihnen gefährlich werden konnten. Natürlich war Lachen an diesem heiligen Ort verboten, doch wer kümmerte sich schon um mehrere Monate alte Gesetze? Hier zumindest niemand.

Die Stimme der Dunklen, vorher schon eiskalt, wurde nun zu Trockeneis. „Unterschätzt sie nicht! Und hört auf, an Tarwods heiligem Ort zu lachen! Das war alles, nun verschwindet wieder!“

Unter lautem Gerede verließen die Duorc den heiligen Ort. Der Tempel leerte sich allmählich und so ging Merlandra gemessenen Schrittes auf ihre Mutter zu. Diese sah sie an und ihre Miene taute allmählich auf.

„Mutter. Ich freue mich, dich zu sehen.“ Merlandras Ton war förmlich, es hieß, keine Gefühle zu zeigen.

In genauso förmlichem Ton wurde erwidert: „Ich freue mich auch, Merlandra. Raja.“ Sie nickte dem Kindermädchen kurz zu. „Komm, ich muss mit dir darüber reden, wann du wieder zu mir ziehst“, sagte die Dunkle zu ihrer Tochter und führte sie in einen Turm hinauf. Dort schloss sie mit einem großen Krähenschlüssel eine dicke Tür auf und betrat ihr Schlafgemach.

In dem kleinen Zimmer warf sich Merlandra erst einmal in die Arme ihrer Mutter. Sie hatte sie so sehr vermisst. Diese blickte erstaunt auf ihre Tochter hinab, nicht sicher, wie sie nun reagieren sollte. Als Merlandra verunsichert zurückwich, war keine Änderung in der Mimik der Königin zu entdecken.

„Mama, hast du mich nicht mehr lieb?“, fragte sie verwirrt.

Der Gesichtsausdruck der Dunklen zeigte pure Kälte. „Sag mir, wie könnte ich etwas lieben, das ich nie zuvor geliebt habe? Und nenne mich doch bitte Mutter, Mama ist eine Anrede, die nur Babys benutzen, du bist inzwischen zu alt dafür.“

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