A. V. Frank - Waldlichter

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Im Westen Irlands werden drei Mädchen von geheimnisvollen Wesen in eine neue Welt voller Magie und Herausforderungen gezogen. Dabei lernen sie eine neue Kultur und Sprache kennen und müssen sich im Kampf gegen die monströsen Duorc behaupten.Doch ein Verräter hat sich unter sie gemischt und die Auseinandersetzungen im eigenen Lager werden größer. Werden die Mädchen es trotzdem schaffen zusammenzuhalten, um diese alte Kultur vor dem Untergang zu bewahren?

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Merlandras Augen wurden riesig. Allmählich begriff sie, was die dünnen Lippen ihrer Mutter soeben gesagt hatten. Etwas in ihr zerbrach. Zu verstehen, dass sie nie geliebt worden war, dass sie ihrer Mutter nichts bedeutete, war beinahe genauso so schwer wie zu begreifen, dass ihre Mutter ihr überhaupt keine Gefühle entgegenbrachte.

„Entschuldigt, Mutter, es wird nicht wieder vorkommen.“ Diese Worte sprach der eine Teil von ihr, während der andere noch immer versuchte zu begreifen, dass sie komplett ungeliebt war. Aber so war es und sie musste das akzeptieren.

Ganz einfach.

Fertig.

Doch es tat noch immer weh und sie hörte kaum zu, als ihr offenbart wurde, dass sie in einer Woche zu ihrer Mutter, die sie nicht liebte, ziehen würde. Alles unwichtig. Alles unnötige Worte. Sie sehnte sich doch nur danach, zu hören: „Ich liebe dich.“ Doch das gab es in ihrer Welt nicht, also sollte sie schleunigst aufhören, sich danach zu verzehren.

Diese verfluchten Fidnirk! Merlandras Hass richtete sich auf sie. Der Teil in ihr, der eben noch dahingeschieden war, existierte nun nicht mehr. Hoffte sie zumindest.

Schließlich war sie entlassen, rannte die Treppe hinunter und stellte sich gehorsam neben Raja. Die sah sie scharf an, als ob sie wüsste, was in ihr vorging. Dann sagte sie: „Wir können noch nicht raus, die Krähen spielen verrückt. Sie greifen an. Frag mich nicht wieso, denn ich weiß es nicht.“

„Was sind das für Krähen?“, fragte Merlandra stattdessen.

„Das sind ganz normale Krähen, wie sie jeder von uns hält. Doch sie haben sich gegen uns gewandt und kratzen uns die Augen aus, wenn sie die Möglichkeit dazu bekommen.“

Nach einer halben Stunde ertönte draußen das Signal, dass die Krähen bezähmt waren. Vor dem Palast lagen ein paar tote Exemplare, die gerade von einigen Dienern weggeschafft wurden. Merlandra würdigte sie keines Blickes.

Auf dem Rückweg redete keiner der beiden ein Wort, auch in der Hütte Rajas herrschte weiterhin Stille. Selbst der überraschende Angriff war nicht interessant genug für ein Gespräch. Doch Merlandra störte es nicht, denn ihr Herz war zu Stein geworden, erkaltet und erhärtet ob der nicht vorhandenen Liebe ihrer Mutter.

Der Dunklen. Nicht ihrer Mutter. Sie hatte keine Mutter.

So einfach war das. Nie wieder würde sie etwas näher an sich heranlassen, das schwor sie bei Tarwod. Und der Gott erhörte sie.

*

Kapitel 11

Wir gingen auf dem Weg weiter, als uns auf einmal etwa zwölf hochgewachsene Gestalten entgegenkamen. Sie hielten Bogen und Schwerter in den Händen, schienen angriffslustig und gefährlich zu sein. Sie hatten schlanke, muskulöse Gliedmaßen und ebenmäßige Züge, die jedoch unter ihren weiten Kapuzen kaum zu erkennen waren.

Verunsichert blieben wir stehen, doch die anderen marschierten weiter auf uns zu. In mir erhärtete sich der Verdacht, dass diese ... Toúta uns nicht wohlgesinnt war. Ich fing Trans Blick auf, der Verwirrung und Angst offenbarte, und runzelte die Stirn. Sie schüttelte leicht den Kopf als Zeichen, dass ich nichts unternehmen sollte. Wir sahen erneut die Fremden an, die sich nun bedrohlich vor uns aufbauten.

Nach langer Stille fragte endlich jemand aus der Menge mit klingender Stimme: „Was tut ihr hier? Wem folgt ihr und wie seid ihr in diesen Teil des Waldes gelangt? Sprecht rasch!“

Ich spürte Anas Blick auf mir ruhen, doch ich musterte konzentriert die Gestalt in dem dunkelgrünen Umhang vor mir. Sie kam mir vertraut vor. Plötzlich stieß mich Tran, die links von mir stand, an und schob mich etwas nach vorne. Das bedeutete wohl, ich sollte unsere Geschichte erzählen.

Stockend begann ich. „Wir wissen nicht, wer ihr seid oder warum wir hier sind. Aber wir haben Post erhalten. Verworrene Rätsel. Sie schienen zusammenzugehören und sie haben uns aufgefordert hierherzukommen, indem sie uns offenbarten, welche Handlungen wir dafür an der Blutbuche durchführen mussten. Es war irgendeine Art seltsames Ritual oder Ähnliches. Auf jeden Fall haben wir das gemacht. Es war ziemlich unheimlich, aber dann erschien dieser Pfad und wir sind ihm bis hierher gefolgt. Wer seid ihr, wenn man fragen darf?“ Die Worte waren ohne mein Zutun aus mir herausgesprudelt wie schon in der Gegenwart Transcas vor einer Woche, als wollte ich unbedingt der ganzen Welt meine Geheimnisse verkünden. Aber das war jetzt nebensächlich. Keiner der Fremden gab seine Kampfhaltung auf, niemand schien mit meiner Erklärung zufrieden zu sein oder mir antworten zu wollen. „Von wem erhieltet ihr diese Rätsel?“, wollte schließlich eines unserer Gegenüber wissen.

Ana antwortete, bevor ich dazu Gelegenheit hatte, und trat vor. „Sie kamen anonym. Aber wir hatten auch Träume, obwohl ich nicht weiß, was euch das angehen sollte. Darin kamen so seltsame Bezeichnungen vor. Nykra, Billingra und Blawde. Wenn ihr mich fragt, sind das absolut bescheuerte Namen. Oh, und eine komische Midjis wurde auch genannt. Vielleicht sind wir einfach verrückt geworden, aber trotzdem wollt ihr uns nichts zu trinken anbieten?“ Sie wollte anscheinend witzig sein, doch die Reaktion auf ihre Worte konnte kaum weniger amüsiert ausfallen.

„Wir wissen nicht, wie ihr von unseren Göttinnen erfahren habt, aber ihr seid nicht würdig, ihre Namen in den Mund zu nehmen. Außerdem erhielten wir keinerlei Nachricht von unserer Priesterin über menschliche Besucher.“ Dann rief der Wortführer etwas in einer unbekannten Sprache und einige aus der Menge begannen, uns zu fesseln und zu knebeln.

Obwohl wir uns wehrten, brachte es nichts, denn die Fremden waren unglaublich stark, und ehe wir uns versahen, standen wir aneinandergebunden und geknebelt in der Mitte einer wütenden Menge von seltsamen, noch immer verhüllten Gestalten. Meine Gedanken, die für ihre wilden Sprünge beinahe berühmt waren, wurden mit einem Mal auf die Geschichten über Feen und Elfen gelenkt, die ich als Kind verschlungen hatte. Die meisten dieser Wesen lebten im Wald, verborgen von Schutzzaubern.

Ich betrachtete unsere Entführer. Sie waren alle groß und sportlich, trugen bis zum Boden reichende Umhänge mit großen Kapuzen und sprachen, soweit ich das anhand der vorangegangenen Unterhaltung beurteilen konnte, ziemlich altmodisch. „Das sind noch lange keine Beweise!“, rief ich mich schnell zur Ordnung.

Fast hatte ich den Gedanken wieder verbannt, als mein Blick auf ein Mädchen fiel, welches schräg rechts vor mir ging. Ihre Kapuze war nach hinten gerutscht, ihre langen braunen Haare flatterten im Wind, sodass sie sie zurückstrich und dabei unnatürlich spitze Ohren entblößte, die ich zunächst nicht einmal wirklich registrierte, weil sie so gut zu ihr passten.

Als ich jedoch endlich begriff, was sich mir offenbarte, richtete ich meinen erstaunten Blick auf Ana und Tran, die das Mädchen ebenfalls anstarrten, und hob fragend die Augenbrauen. Auch wenn wir uns noch nicht lange kannten, so konnte ich mir doch vorstellen, dass sie meine Mimik richtig interpretierten, es hatte schließlich schon einmal geklappt. Ana runzelte die Stirn, verzog den Mund und schüttelte den Kopf, Tran zuckte mit den Schultern. Wir waren also alle drei ziemlich ahnungslos. Konnten denn Elfen, Sidhe ‒ oder wie man sie nennen mochte ‒ wirklich existieren?

Sicherlich träumte ich nur und wachte bald wieder in meinem Bett in unserer Ferienwohnung auf. Hoffte ich. Denn ich bekam ein flaues Gefühl im Magen, das mir sagte, dass ich nicht hier sein sollte, dass mir etwas Schlimmes passieren würde. Verschwommen nahm ich den Wald um mich herum wahr, wie die Bäume weiter zurückwichen und seltsame Formen bildeten. Alles sah unscharf aus, egal, wie oft ich blinzelte. Als wäre meine Brille beschlagen, doch ich wusste, dass sie komplett sauber war. Es wirkte, als beulten sich die Bäume aus, Äste verbogen sich auf unnatürliche Art, Blätter verdeckten die Sicht und schienen sich gegen den Wind zu bewegen. Ich erkannte keinen Sinn in dieser Anomalie, verstand nicht, was hier vor sich ging oder warum alles vor meinen Augen verschwamm.

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