A. V. Frank - Waldlichter

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Im Westen Irlands werden drei Mädchen von geheimnisvollen Wesen in eine neue Welt voller Magie und Herausforderungen gezogen. Dabei lernen sie eine neue Kultur und Sprache kennen und müssen sich im Kampf gegen die monströsen Duorc behaupten.Doch ein Verräter hat sich unter sie gemischt und die Auseinandersetzungen im eigenen Lager werden größer. Werden die Mädchen es trotzdem schaffen zusammenzuhalten, um diese alte Kultur vor dem Untergang zu bewahren?

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Die nächsten Stunden waren furchtbar langweilig, denn wir hatten es aufgegeben, die Knoten lösen zu wollen. Tran hatte zwar eine Hand befreit, aber als sie an einem Ende gezogen hatte, die Hand noch immer in der Schlaufe, hatte sich die Fessel wieder geschlossen. Völlig verärgert und erschöpft bat sie die Wächter daraufhin, sie so anzubinden, dass sie sich setzen konnte. Sie stimmten zu, uns eine Viertelstunde die Möglichkeit zu geben, uns zu setzen, waren sogar bereit, uns ein paar Schritte gehen zu lassen.

Wir saßen also eine Weile auf dem kalten Waldboden und konnten etwas herumlaufen, ansonsten standen wir nebeneinander, unterhielten uns und starrten in die Dunkelheit. Einen ganzen Tag waren wir bereits gefesselt, hatten nur zur Mittagszeit jeweils einen Apfel bekommen und uns die Zeit mit dem unsinnigen Versuch freizukommen vertrieben. Ich wusste mir nicht mehr zu helfen, so langweilig war mir, dass ich unsere Wächter nach ihren Namen und den Regeln ihres Spieles fragte. Sie schauten sich eine Sekunde lang fragend an und stellten sich dann als Candaro und Conall vor. Ihr Spiel hingegen erklärten sie mir nicht.

Also grübelte ich über die seltsamen Namen nach, bis ein Kopf auf meiner Schulter landete. Ana war wieder eingeschlafen und hatte mich als Kissen ausgesucht. Auch meine Lider waren schwer, also legte ich meinen Kopf auf ihren und schloss ebenfalls die Augen. Aber obwohl ich völlig erschöpft war, konnte ich nicht einschlafen. Mit geschlossenen Augen klangen die Geräusche des Waldes noch viel intensiver, viel näher.

Als es im Unterholz laut knackte und ich zusammenzuckte, kapitulierte ich und machte die Augen wieder auf. Staunend blickte ich mich um, denn überall in den Bäumen funkelten wieder die Laternen in allen möglichen Farben des Regenbogens. Durch das Licht wurde alles in einen magischen Schein getaucht und in meinem übermüdeten Zustand konnte ich die fantastischen, wunderbaren und seltsamen Gedanken nicht mehr zurückhalten, die auf mich einstürmten.

„Das sind ganz sicher Feen oder Kobolde, Elfen oder sonst etwas Übernatürliches! Hier in Irland sind die Sagen über die sogenannten Sidhe ja weit verbreitet, vielleicht sind das tatsächlich welche. Vielleicht haben sie uns diese Post zukommen lassen, um uns in ihr Reich zu locken und Wechselbälger an unserer statt einzusetzen. Ob es wohl auch Zwerge gibt? Oder vielleicht Kobolde, das würde auch den Namen des Pubs in Grettersane erklären. Aber es muss solche übernatürlichen Wesen geben, ich meine, die spitzen Ohren, das Leben in Bäumen, die Verwandlung in einen Hasen ... Vielleicht müssen wir ihnen Milch und Obst besorgen, damit sie uns freilassen. Sind das vielleicht solche Elfen, die kleine Babys auffressen, um jung zu bleiben? Was wollen sie dann von uns? Vielleicht sind es auch ganz liebe, nette Elfen ...“

Es wäre interessant, auf Feen zu treffen ... oder Sidhe ... oder was auch immer. Schlagartig begriff ich, was ich da dachte, was ich so gern glauben wollte, und verbannte die Gedanken umgehend aus meinem Kopf. Allerdings nur mit mäßigem Erfolg, die Vorstellung von etwas Übernatürlichem spukte weiterhin darin herum.

Tran schien ebenfalls zu schlafen, ihr Kopf war gegen den Stamm gesunken und sie hatte die Augen zu. Da sich niemand dafür zu interessieren schien, fing ich leise an zu singen. Elton Johns Can You Feel The Love Tonight hatte es mir angetan, seit ich König der Löwen das erste Mal gesehen hatte. Leise trällerte ich vor mich hin und die Musik nahm mich komplett ein, erfüllte mich. Bald vergaßen die Wächter weiterzuspielen, stattdessen starrten sie mich mit beinahe glasigen Augen an, die zwischendurch immer wieder klar und argwöhnisch wurden. Doch dieser Argwohn wich stets einem träumerischen Ausdruck, den ich gleichermaßen in den Gesichtern der Baumbewohner, die sich zu mir heruntergelehnt hatten, wahrnahm. Verwirrt und verängstigt sah ich mich um, als mir einfiel, wie die Menge bei meiner Karaokedarbietung im Pub mitgegangen war, und ich entsetzt den Mund zuklappte.

Seit wann konnte ich denn so singen? Ich hatte mich im Musikunterricht immer davor gedrückt, und wenn ich es doch machen musste, dann war es nichts Besonderes gewesen. Wieso also konnte ich es jetzt? Vielleicht war es nur Einbildung und es passierte eigentlich gar nichts, dieser Illusion hatte ich mich zumindest nach dem Karaokeabend hingegeben, aber sehr wahrscheinlich war das nun nicht mehr.

Die Gesichter der Baumbewohner verschwanden wieder hinter den Blättern, aber die Wächter waren noch argwöhnischer geworden und ließen mich ab jetzt gar nicht mehr aus den Augen.

Tran schlug die Augen auf und sagte bewundernd: „Das war echt schön. Wie kannst du nur so wundervoll singen?“

Verwundert schaute ich sie an. „Danke, aber ich weiß es ehrlich nicht. Ich dachte, du würdest schlafen. Was hast du denn gemacht?“

„Ich habe mich etwas ausgeruht, aber ich hab mich nicht getraut, richtig zu schlafen, schließlich könnte ich etwas Wichtiges verpassen. Aber Ana scheint komplett weggetreten zu sein.“

Ich nickte, grinste und fügte spöttisch hinzu: „Dabei müsste sie eigentlich am längsten durchhalten, schließlich ist sie diejenige, die immer bis zum Morgen feiert.“

Da murmelte besagte Partytante verschlafen: „Haha. Ich hab noch nie zwei Nächte am Stück gefeiert. Und sagt jetzt bloß nicht, ihr wäret nicht auch müde.“ Sie hob verschlafen den Kopf von meiner Schulter und blinzelte uns an. Ich konnte mich meiner wachsenden Zuneigung ihr gegenüber nicht erwehren.

„Doch, ich bin echt hundemüde, aber ich kann nicht schlafen. Nicht hier, nicht gefesselt.“ Ich warf Candaro und Conall einen schnellen Blick zu, den sie ungerührt erwiderten. Sie beobachteten mich noch immer aufmerksam.

Tran wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als zwei Gestalten auf uns zueilten. Zwei junge Männer, die in schicke Hemden und weite Hosen aus Stoff gekleidet waren, schienen es eilig zu haben, denn der eine joggte regelrecht. Ihre braunen, kurzen Haare wippten im Takt ihrer Schritte, verdeckten allerdings die runden Ohren nicht. Nicht spitz, nicht außergewöhnlich, ganz normale Ohren.

Der eine blieb vor uns stehen und begrüßte uns knapp mit einem seltsamen Akzent. Der andere redete in einer fremden Sprache mit Candaro und Conall, die nickten und ihr Spiel endgültig wegpackten. Der, der uns begrüßt hatte, stellte sich als Tyr vor. Er betrieb etwas Konversation mit uns, was uns sehr angenehm war, starrte aber zumeist Ana an, was diese wohl noch als viel angenehmer empfand.

Wieso standen immer alle Kerle auf sie? Nur weil sie blond war?

In gewisser Weise war es mir allerdings ganz recht, so konnte ich nicht in Verlegenheit oder ins Rampenlicht geraten, dabei stellte ich mich nämlich immer töricht an.

Der andere, Morin, wie Tyr uns informierte, rief laut etwas in der fremden Sprache und schon bald kamen von überallher Baumbewohner, wie ich sie getauft hatte, herbei und versammelten sich um uns herum. Unsere Wächter, die nun einen Punkt über unseren Köpfen fixierten, richteten sich auf. Automatisch reckten auch wir uns in die Höhe, doch ich bemerkte, dass Ana ihren Blick unruhig umherschweifen ließ und Tran ganz leicht zitterte. Ich spürte, wie meine Handflächen feucht wurden und sich mein Puls beschleunigte. Was hatten die vor? Was bedeutete diese Versammlung? Hatte das etwas mit uns zu tun? Ich hatte ein wirklich ungutes Gefühl.

Da begann Morin zu sprechen. „Ich habe euch zusammengerufen, um zu entscheiden, was mit diesen Verräterinnen passieren soll. Sie haben unsere Göttinnen beleidigt, als sie deren Namen in ihre Münder nahmen, und sind unerlaubt in unser Reich eingedrungen. Was sollen wir also mit ihnen tun? Da Nicja, Conàed, Cobruna und Rijon noch nicht zurück sind, liegt es bei mir, über sie zu entscheiden. Wir müssen darüber beratschlagen, ob wir sie ihrer Erinnerungen berauben oder sie verschwinden lassen. Letztere Maßnahme hätte zur Folge, dass die Menschen in unserem Wald herumtrampeln und sie suchen. Also, was denkt ihr, was wir mit ihnen machen sollen?“

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