A. V. Frank - Waldlichter

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Im Westen Irlands werden drei Mädchen von geheimnisvollen Wesen in eine neue Welt voller Magie und Herausforderungen gezogen. Dabei lernen sie eine neue Kultur und Sprache kennen und müssen sich im Kampf gegen die monströsen Duorc behaupten.Doch ein Verräter hat sich unter sie gemischt und die Auseinandersetzungen im eigenen Lager werden größer. Werden die Mädchen es trotzdem schaffen zusammenzuhalten, um diese alte Kultur vor dem Untergang zu bewahren?

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Die fremden Gestalten führten uns unbarmherzig weiter, schleppten uns zu einer Lichtung, auf der bloß ein einzelner Baum stand, eine große Linde, wie ich schnell erkannte. An deren Stamm fesselten sie uns und verschwanden anschließend im Dickicht der Bäume, als ob sie nie existiert hätten. Nur zwei Wachen hatten sie dagelassen, die uns die Knebel abnahmen, bevor sie sich auf den Boden hockten und sich anscheinend einem Spiel widmeten.

Allmählich konnte ich wieder klar sehen, fing Anas ärgerlichen Blick auf und flüsterte: „Habt ihr eine Ahnung, was hier los ist? Was wollen die von uns?“

Nun hob Tran, die den Wächtern beim Spielen zugeschaut hatte, den Blick und antwortete genauso leise: „Ich hab nicht die leiseste Ahnung, nur ein paar fantastische Hirngespinste, die ich allerdings nicht aussprechen möchte. Vor allem bin ich erstaunt. Habt ihr diese tollen Baumhäuser gesehen? Das muss cool sein, dort drin zu wohnen.“

Verwirrt schaute ich mich um, denn mir war nicht klar, was sie mit Baumhäusern meinte. Ich hatte nichts dergleichen bemerkt bis auf ... Mein Blick schweifte wieder zu den seltsamen Verformungen in den Bäumen. Und tatsächlich, mein Blickwinkel schien sich kaum merklich zu ändern, bis ich Häuser erkannte, die sich so perfekt an die Stämme und Äste anpassten, dass sie kaum auffielen.

„Das ist ja toll!“, rutschte es mir heraus. Einer unserer Wächter schaute zu mir auf und ein Grinsen huschte über sein Gesicht. Dann beugte er den Kopf schnell wieder nach unten und ich war mir beinahe sicher, mir seine Reaktion bloß eingebildet zu haben.

Ana schnaubte unwillkürlich. „Toll würde ich das nicht nennen. Die leben hier im Dreck, in vermoosten und ameisenverseuchten Bäumen. Ich wette, da gibt es nicht einmal fließendes Wasser. Sind wir im alten Rom? Wie kann man das nur toll finden? Ich hatte nicht vor, eine Zeitreise ins Mittelalter zu machen.“

Nun bildete ich mir den erbosten Blick der Wächter sicher nicht ein, sie funkelten Ana aufgebracht an. Ich trat ihr gegen das Schienbein und schüttelte verstohlen den Kopf. Darüber, dass die reicheren Römer selbst damals schon fließendes Wasser gehabt hatten, sagte ich nichts, ich wollte keinen Streit vom Zaun brechen. Sie verdrehte zwar theatralisch die Augen, hielt aber den Mund.

Ich war mir nicht sicher, wie lange wir so dastanden und unsere Umgebung beobachteten. Die Dunkelheit, die nur von vereinzelten Laternen durchbrochen wurde, zerstörte mein Zeitgefühl komplett. Ab und an sahen wir die Bewohner dieses Ortes, doch sie huschten im Schutz der Bäume vorbei, alle darauf bedacht, sich nicht sehen zu lassen. Es schienen ziemlich viele zu sein, sehr viel mehr, als ich gedacht hatte. Das wurde mir klar, als ich weitere Häuser entdeckte.

„Das muss ein richtiges Dorf sein. So viele Baumhäuser!“, raunte ich meinen Gefährtinnen zu, die als Antwort nickten, Tran verzaubert, Ana genervt. Es schien ihr nicht zu gefallen, im Dunkeln an einem baumverseuchten Plätzchen ohne Spiegel und Fußbodenheizung festgehalten zu werden. Im Gegensatz zu ihr fand ich es inzwischen sogar recht aufregend.

Doch als die Sonne endlich aufging, war ich schon nicht mehr an der Umgebung interessiert. Ana war eingeschlafen und Tran betrieb einseitige Konversation mit unseren Bewachern. Auch mir wurden die Lider schwer und ich suchte nach etwas Neuem, das ich betrachten konnte. Da bemerkte ich einen Anwohner, der soeben eine Treppe hinunterlief, sich dann, auf dem Boden angekommen, krümmte und langsam in einen Hasen verwandelte. Auch wenn sich das schräg anhörte, genau so war es.

Ungläubig schaute ich zu, wie der Körper schrumpfte und sich Fell darauf ausbreitete, wie die Gestalt auf alle viere fiel, sich die Ohren verlängerten und der Fremde schließlich als Hase in den Wald hoppelte. Ungläubig blinzelte ich ein paarmal, doch der Hase verschwand nicht, ich war eindeutig wach und gerade wirklich und wahrhaftig Zeuge einer Verwandlung in Tiergestalt geworden.

Völlig verblüfft und sprachlos schüttelte ich den Kopf. Ich hatte es mir bloß eingebildet, da war ich mir sicher. So etwas war komplett unmöglich, die Verwandlung eines Menschen in ein Tier war nur ein Hirngespinst meines übermüdeten Bewusstseins. Aber trotz meines Bemühens, mir ebendies einzureden, konnte ich mich einfach nicht davon abhalten, erneut zu dem Baum hinüberzuschielen.

Kein Hase, rein gar nichts. Nur Einbildung.

Ich stieß einen langen Seufzer aus und sah wieder zu der schlafenden Ana. Da wir sehr dicht aneinander festgebunden worden waren, gelang es mir mit ein paar Verrenkungen meiner Hand, ihren Arm zu fassen und sie zu zwicken.

Mit einem empörten Aufschrei wachte sie auf und rieb sich den Arm. „Was soll das? Geht’s dir noch gut? Also echt, wie kommst du auf die verblödete Idee, mir in den Arm zu kneifen? Äh, ihr Wachen? Bindet sie bitte am anderen Ende des Baums fest, weit entfernt von mir! Ich will schlafen, ohne misshandelt zu werden.“

Ich prustete los. So wie sie sich aufführte, erinnerte sie mich an ein kleines, verwöhntes Mädchen, dem mitgeteilt worden war, dass es keine Prinzessin sei. Doch andererseits mochte ich Ana in diesem Moment total, denn sie war endlich einmal natürlich und trug keine Maske zur Schau. Okay, zugegeben, sie hatte auch keine Zeit dazu gehabt, eine aufzusetzen.

Ich konnte mich dennoch nicht beherrschen, lachte immer weiter und lauter, ein eindeutiges Indiz dafür, wie fertig ich mit den Nerven war. Als ich mich schließlich etwas beruhigt hatte, brachte ich atemlos heraus: „Ich wollte dich nur wecken, damit du uns später nicht die Ohren volljammerst, dein Nacken tue weh.“

Wenn Blicke zu töten vermocht hätten, dann hätte ich endlich aufgehört, derart belustigt zu sein, aber leider konnten sie es nicht. Das schien auch Ana eingesehen zu haben, denn sie wandte ihren Blick ab.

Tran redete immer noch mit den Wachen, die inzwischen schon ziemlich genervt zu sein schienen. Ich betrachtete sie und fragte mich, was sie mit ihrem Geplapper bezweckte. Ana, die sie ebenfalls verwirrt gemustert hatte, verlor das Interesse an ihr und summte lieber irgendetwas von Rihanna vor sich hin, während ich weiterhin Transca beobachtete. Meine Aufmerksamkeit wurde plötzlich von etwas weitaus Interessanterem als ihrem Gesicht angezogen. Tran fummelte an den Knoten, die ihre Hände zusammenbanden, herum, sie schien eine Hand bereits befreit zu haben. Nun endlich verstand ich, was sie da machte. Sie lenkte die Wächter ab, um sich in Ruhe entfesseln zu können. Ich war ziemlich stolz auf meine Entdeckung, bis ich bemerkte, dass Ana das Gleiche versuchte.

Mal wieder war ich die Letzte, die kapierte. Typisch.

Mir fiel ein Gedicht ein, das ich mal in der Schule hatte lernen müssen, und begann, es zu rezitieren. Infolgedessen traf mich nun ebenfalls der genervte Blick eines Wächters, dann wandte er die Augen wieder ab und ich begann, meine Hände zu drehen und zu biegen, um an den Knoten heranzukommen.

Ich war noch nicht sehr weit gekommen, als Tran aufhörte zu brabbeln. Verwirrt hielt ich inne und musterte sie. Sie starrte mit leerem Blick nach vorne, doch schien dabei nichts zu sehen. Zumindest nicht ihre Umgebung. Ganz leise, sodass es niemand verstehen konnte, murmelte sie vor sich hin. Wenigstens dachte ich, dass niemand es verstehen konnte, bis ich bemerkte, wie die Wächter jeweils ihren Kopf hoben und ihn leicht zur Seite neigten. Wie eine Katze, die ortete, woher ein bestimmtes Geräusch kam. Konnte es etwa sein, dass sie Tran verstanden?

Kurz schob sich mein anfänglicher, unglaublicher Verdacht wieder in meine Gedanken, bis ich ihn rüde daraus verbannte. Es gab keinen Grund für eine solche Annahme.

Das Murmeln verstummte und Tran blinzelte ein paarmal. Dann fragte sie laut, wo sie stehen geblieben war, und fuhr in ihrem Selbstgespräch fort, während die Sonne im Westen versank.

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