A. V. Frank - Waldlichter

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Im Westen Irlands werden drei Mädchen von geheimnisvollen Wesen in eine neue Welt voller Magie und Herausforderungen gezogen. Dabei lernen sie eine neue Kultur und Sprache kennen und müssen sich im Kampf gegen die monströsen Duorc behaupten.Doch ein Verräter hat sich unter sie gemischt und die Auseinandersetzungen im eigenen Lager werden größer. Werden die Mädchen es trotzdem schaffen zusammenzuhalten, um diese alte Kultur vor dem Untergang zu bewahren?

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Es blieb still, zumindest eine halbe Minute lang, dann trat ein sehr muskulöser Mann vor und sprach mit bedächtiger Stimme: „Ich denke, wir müssen uns noch nicht entscheiden. Sie sagen, sie hätten Briefe bekommen und darin die Namen der Göttinnen gelesen, deshalb seien sie gekommen. Lasst uns doch warten, bis Nicja wiederkommt. Sie soll entscheiden.“

Ich sah einige der Anwesenden nicken und wollte schon aufatmen, aber Morin schüttelte entschieden den Kopf. „Wir wissen nicht, wie lange es dauert, bis sie zurück ist, und je länger wir die drei hierbehalten, desto schwerer wird es, die erste Maßnahme erfolgreich zu vollziehen. Außerdem wissen wir nicht, ob sie vielleicht in Verbindung zu jenen stehen, für die sie spionieren. Doch sicher ist, dass sie uns gefährlich werden können, je länger wir sie hierbehalten.“

Die Blicke unserer Wächter richteten sich auf mich. Na super!

In diesem Moment glaubte ich, durch das bisschen Gesang alles verdorben zu haben. Ich befürchtete, wir könnten uns gleich entweder an nichts mehr erinnern oder würden sogar sterben. Da bröckelte etwas in mir, ein Teil meiner selbst verschwand komplett und ich sagte mit leiser, durchdringender Stimme: „Wir wurden von euren Göttinnen geschickt, weil sie meinten, ihr hättet Hilfe nötig und wir könnten euch diese gewähren. Auch wenn wir nicht wussten, was eine Toúta ist, was wir tun können, um zu helfen, haben wir uns weggeschlichen und sind in tiefster Nacht in den Wald gegangen, lediglich aufgrund solch merkwürdiger Rätsel. Um zu helfen. Und wie wird es uns gedankt? Wir werden gefesselt, festgehalten und als Verräterinnen beschimpft. Uns wird mit Gedächtnisverlust oder sogar dem Tod gedroht, weil wir helfen wollten. Wir sind komplett unwissend! Ist dies das Werk eurer Göttinnen? Wenn ja, dann können sie mich mal.“

Der letzte Satz war wohl nicht sehr schlau gewesen, das bestätigten mir allein die entgeisterten Blicke meiner Gefährtinnen, aber ich war zu wütend, zu müde und zu frustriert. Ich ließ meine Augen über die Menge wandern und war erfreut, mehrere zweifelnde Mienen zu entdecken.

Morin jedoch hatte sich nicht beeindrucken lassen, er deutete auf mich und sprach in überheblichem Ton weiter. „Dies sind die Worte einer wahren Spionin. Einer gefährlichen, kaltblütigen Spionin noch dazu. Doch nun hat sie ihre Wut auf uns offen gezeigt. An ihrer Schuld besteht kein Zweifel mehr, das haben ihre Worte, diese wohldurchdachten Ausreden, bestätigt. Sie sollte ohne jeden Zweifel Nykra übergeben werden. Sie muss sterben.“

Das Ende seiner Rede erreichte mich nicht. Viel zu sehr wunderte ich mich darüber, wie alles, was ich gesagt hatte, gegen mich verwendet wurde. Mussten sie mir nicht vorher meine Rechte vorlesen oder so etwas? Ich sollte gefährlich sein? Ich kannte nicht einmal den Vorgang bei einer Festnahme und der Kerl hielt mich wirklich für gefährlich? Er musste verrückt sein, komplett verrückt. Es fiel mir ja schon schwer, jeden Morgen an alles zu denken, was ich in meine Tasche packen musste. Oder mich gegen meine Eltern zu behaupten. Mich bei Pan zu etablieren. Oder über meine Schwester zu reden. Wie sollte ich da bitte gefährlich sein?

Plötzlich ‒ mit einiger Verspätung ‒ erreichte mich auch der Rest seiner Worte. Ich sollte sterben. In diesem Moment registrierte ich, dass diejenigen, die mir zuvor geglaubt hatten, mich hasserfüllt ansahen. Niemand glaubte mir. Und ich dachte, wir befänden uns im einundzwanzigsten Jahrhundert. Mit Gerichtsverfahren und Gerechtigkeit!

Sie stimmten darüber ab, was mit uns passieren sollte, so viel bekam ich noch mit, doch als ein einstimmiges „Ja“ ertönte, schwanden mir die Sinne und dankbar ließ ich mich in die Schwärze sinken.

***

Als Vici ohnmächtig wurde, sackte sie kaum zusammen, so stramm waren die Seile, die alle drei fesselten, gebunden. Ana starrte sie einen Moment fassungslos an, dann richtete sie ihren Blick auf Tyr, der hinter Morin stand, und schrie: „Ihr Bastarde! Ihr bescheuerten, in Drecklöchern lebenden Parasiten, ihr habt keine Befugnis dazu, sie zum Tode zu verurteilen.“ Sie hatte einmal ein juristisches Praktikum gemacht, das kam ihr nun zugute. „Die Todesstrafe ist nur noch in einigen Staaten der USA zugelassen und wir befinden uns in Irland, in einem baumverseuchten Wald, der noch dazu stinkt und einen schmutzig macht. Verräter werden heutzutage nur noch zu Geldstrafen oder Gefängnis verdonnert, selbst ihr könnt für Verrat keine schlimmere Strafe verhängen. Vor allem nicht, wenn kein eindeutiger Beweis für ihre Schuld vorliegt.“

Sie schnappte nach Luft und in diesem Moment erklang schallendes Gelächter auf der sonst ruhigen Lichtung. Es stammte von einem der Männer aus der Menge, er hatte seinen erstaunlich mädchenhaften Kopf in den Nacken geworfen und lachte Ana aus. Dann sah er ihr in die Augen und sagte: „Wir sind hier weit entfernt von jedem menschlichen Gericht und es gibt niemanden, der uns daran hindern könnte, unsere eigenen Strafen zu vollstrecken.“ Mit einem Mal wurde er still und ernst. „Und doch, Morin, lass deine Óndra darüber entscheiden, was mit ihnen geschehen soll, sie und ihre Geschwister, denn vielleicht hat sie etwas von Vara empfangen, von dem sie uns nichts erzählt hat.“

Morin zögerte mit einer Antwort, doch als er sie gab, klang sie bestimmt. „So etwas Wichtiges hätte sie mir nicht verschwiegen. Und auch Tyr hätte es in ihren Gedanken lesen können. War da etwas, Tyr?“ Dieser schüttelte den Kopf.

Im Stillen wunderte sich Ana darüber, dass Tyr irgendetwas in den Gedanken eines anderen gesehen haben sollte. Gab es jetzt etwa auch noch dieses Gedankenlesezeug?

Sie hörte nicht weiter zu, als Morin mit demjenigen, der sie ausgelacht hatte, diskutierte, ob sie auf irgendwen warten sollten oder nicht, denn sie wurde von Vici abgelenkt, die langsam den Kopf hob und sich verwirrt umsah. Ihr schien das Geschehene wieder einzufallen, denn sie zuckte zusammen und sah dabei ziemlich erschrocken aus.

Ana fasste sie am Handgelenk, um sie zu beruhigen, und Vici verstand. Schlaues Mädchen.

Doch auch den anderen war nicht verborgen geblieben, dass Vici erwacht war, denn Morin und Tyr waren einen Schritt auf sie zugetreten und beobachteten sie genau.

In dem Moment stürmten vier weitere Gestalten den Platz und die vorderste von ihnen rief: „Macht sie sofort frei!“

Die Menge teilte sich vor der Frau, die auf die Gefangenen, Morin und Tyr zusteuerte. Ana nahm an ihr sofort das lange schwarze Haar und das schwarze Kleid mit Ledermieder wahr, das ihre Figur betonte. Als Letztes registrierte sie die durchdringenden, großen grauen Augen, die die Umgebung geschäftsmäßig und kalt musterten. Anas Blick huschte prompt zu Tran, die schweigend und ungläubig die Szene verfolgt hatte und nun ihrerseits völlig entgeistert die Neue musterte.

Die beiden sahen sich extrem ähnlich, ihre schwarzen Haare waren gleich lang, die Augen grau und groß, und wenn Ana sich nicht täuschte, hatten sie sogar die gleiche Körpergröße. Die Gesichtszüge der Fremden waren vielleicht ein wenig ebenmäßiger, aber ansonsten hatten sie sogar die gleiche Gesichtsform.

Als Anas Blick zurück zu der Neuen schweifte, strich diese gerade kurz mit der Hand über Morins Schulter. Dann zückte sie ein kleines Messer und kam auf die Mädchen zu. Ana spürte, wie Vicis Hand sich anspannte, wie sie verkrampfte, und nahm dieselbe unwillkürliche Reaktion bei sich selbst wahr. Doch der Dolch richtete sich nicht gegen ihre Körper, sondern gegen ihre Fesseln, die nun von ihnen abfielen. Die drei jungen Frauen wankten, als sie wieder auf ihren eigenen Füßen standen, und sahen ihre Befreierin trotzig an.

Die anderen drei Neuankömmlinge, die nicht sogleich nach vorne gestürzt waren, traten derweil näher, vorsichtig und wachsam, wie es schien.

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