»Ich habe nicht gesagt, dass ich in irgendwen verliebt wäre«, sagte ich. »Ich hab euch bloß gefragt, wie ihr theoretisch dazu steht.«
»Du musst zunächst mal unterscheiden zwischen mehreren Befindlichkeiten, die alle leichtfertig so genannt werden. Worüber willst du was wissen: Verlangen, Zuneigung, Nächstenliebe, Leidenschaft oder das Vernarrtsein in jemanden?«
»Somerset übt sich im Expertentum«, sagte Peter Morrison.
»Gut«, beharrte ich, »glaubst du zuerst einmal an den Zustand, der als ›Verliebtsein‹ bekannt ist?«
»Das«, sagte Somerset umgehend, »läuft unter Vernarrtsein.«
»Und das heißt?«
»Eine oberflächliche körperliche Anziehung, die bewusst ihre Trivialität mittels romantischer Verbrämung vielfach verhüllt.«
»Und wie«, fragte Peter, »entsteht diese … vielfache romantische Verbrämung?«
»Die Verliebtheit ergreift von allem Besitz, das sich in Reichweite befindet und sich für poetische Konnotationen eignet. Sagen wir mal von einem Sonnenuntergang oder einer Flasche Wein. Von Ersterem will sie sich die Pracht aneignen, von Letzterer die legendäre Tradition, die diese mit sich bringt. Ein Kuss bei Sonnenuntergang erhält den Segen des scheidenden Apollo; ein Gekichere bei billigem Sherry wird mit der Wildheit und Schönheit des jungen Bacchus in eins gesetzt.
»Somerset scheint sich gut damit auszukennen«, sagte Peter. »Ich frage mich, ob er wohl selbst schon mal verliebt war.«
»Natürlich nicht«, sagte Somerset ungerührt. »Dafür bin ich ein viel zu nüchterner Geist.«
Wir kamen am alten Frank vorbei, dem früheren Cricket-Profi, der mit einem seiner Kumpel dasaß und angelte. Auf unseren Gruß hin wies er auf den Schwimmer und zuckte mit den Achseln.
»Frank sagt, dass er durchschnittlich zwei Fische im Jahr fängt«, sagte Peter, der sich einmal nach der Ergiebigkeit des Flusses erkundigt hatte.
»Eine friedliche Beschäftigung«, fügte ich an.
»Sinnlos und zermürbend«, sagte Somerset streng. »Was mich darauf bringt: Was werdet ihr beide in den Ferien machen? Es ist nur noch ein bisschen mehr als ein Monat – man kann nicht früh genug anfangen zu planen.«
»Ich werde auf unserer Farm in der Nähe von Whereham sein«, sagte Peter, »bis mein Einberufungsbescheid kommt. Was wahrscheinlich Anfang September sein wird.«
»Und ich bin zu Hause in Broughton Staithe«, sagte ich trübsinnig, »wie immer.«
»Ein angenehmer Ort zum Arbeiten?«
»Nicht, wenn meine Eltern da sind. Obwohl sie einen Teil der Zeit wegfahren.«
»Ohne dich?«
»Wenn es nach mir geht.«
»Und natürlich«, sagte Somerset, »hast du Peter ganz in der Nähe, wenn er in Whereham ist. Ich denke, ja, ich denke, ich werde eine Fahrt entlang der Ostküste machen und einmal schauen, was ihr so treibt. Wann sind deine Eltern weg?«
»Ende August bis Anfang September.«
»Bestens. Ich komme zu Besuch. Und bringe natürlich meine eigene Lebensmittelkarte mit. Wir können Peter an seinen letzten Tagen in Freiheit ein bisschen beistehen.«
»Ich hab doch keine Angst vor der Armee«, sagte Peter. »Und deine Eltern erlauben dir das? Einfach so?«
»Sie vertrauen mir, und sie stellen mir eine adäquate Summe zur Verfügung. Solange ich in Sachen Geld und Vertrauen den gesetzten Rahmen nicht übertrete, kann ich machen, was ich will.«
Auf der Hügelkuppe auf dem Weg vom Dorf herauf zur Schule kam nun der Founder’s Court in den Blick: auf drei Seiten der geschmacklos klobige, aber unheimlich zweckmäßige Gebäudekomplex, den man in den 1860er-Jahren erbaut hatte, als die Schule aus der Londoner City hierhergezogen war, die vierte Seite war zum Tal hin offen, und in der Mitte, auf dem Rasen, stand eine Statue des elisabethanischen Schlitzohrs und Gründers der Einrichtung.
»Sir Richard«, sagte ich und zeigte auf die Statue, »sieht meinem Vater ganz ähnlich. Und sie haben auch sonst einiges gemeinsam. Habgier und Sturheit, zum Beispiel.«
»Du mit deinen Obsessionen! Erst die Liebe, jetzt deine Eltern. Dann erklär mir doch mal«, fuhr Somerset fort, »wie es kommen konnte, wenn dein Vater ach so wenig verständig ist, dass er so einen hübschen Namen für dich ausgesucht hat. Er klingt nicht nach einem ›Tom-Jones‹-Leser.«
»Den Namen hat meine Mutter ausgesucht. Nach einem alten Freund von ihr, der im Ersten Weltkrieg gefallen ist … Ein begeisterter Cricketspieler, den sie Fielding nannten, weil er mit Nachnamen Legg hieß. Sie freut sich immer, wenn ich beim Cricket gut spiele – genauso wie es meinen Vater ärgert, der auf den Mann eifersüchtig ist.«
»Eifersüchtig auf einen Mann, der seit dreißig Jahren tot ist?«, brummte Peter.
»Ich hab’s euch doch gesagt. Er ist gleichzeitig habgierig und störrisch. Er staut gern was auf.«
»Ein dickes Kapitel Familiengeschichte«, bemerkte Somerset. »Es ist ganz klar, dass dir das Obsessive im Blut liegt. Ich glaube, ich komme sogar ein bisschen früher nach Broughton Staithe und schaue mir den Mann mal an.«
»Komm, wann immer du willst. Mein Vater hat gerne Freunde von mir als Gäste im Haus. Ihre Schwächen kann er hinterher, wenn sie wieder weg sind, als Munition gegen mich einsetzen.«
»Womit vermutlich geklärt wäre, warum ich bisher noch nie eingeladen wurde. Bist du sicher, dass du es jetzt riskieren kannst?«
»Ja«, sagte ich. »Ich lerne so langsam, wie ich ihn nehmen muss.«
»Wie denn?«, sagte Peter.
»Immer wenn er unangenehm wird, einfach aufstehen und gehen. Das ist der einzige Weg, wie man mit jemandem umgehen kann, der Freude daran hat, andere zu schikanieren … bis man groß genug ist, um zurückzuschlagen.«
»Solange du ihn derweil dann nicht mich schikanieren lässt«, sagte Somerset.
»Dich kann man nicht schikanieren … Du hast den bösen Blick.«
Und so wurde ausgemacht, dass Somerset um den 20. August herum nach Broughton zu mir nach Hause zu Besuch kommen sollte und dass wir dann gemeinsam weiter nach Whereham fahren würden, um einige Tage mit Peter zu verbringen, bevor er zum Dienst für den König einberufen wurde.
Anfang Juli wurde ich zum Schulrektor bestellt, der zudem, wie ich erwähnt habe, meinem Haus als Leiter vorstand. Er wünschte, wie er mir gleich sagte, in beiden Funktionen mit mir zu sprechen. Er wies mir einen Lehnstuhl zu und verfrachtete seine eigene behäbige Gestalt in einen anderen, der mir gegenüber mit der Rückenlehne zum abendlichen Licht vor dem Fenster stand.
»Es ist an der Zeit«, sagte der Rektor, »dass einige Dinge klargestellt werden.«
»Sir?«
»Im nächsten Schulquartal werden Sie unser Hauskapitän sein. Sie haben gute Aussichten, noch vor dem Sommerquartal im kommenden Jahr dann auch Kapitän der ganzen Schule zu werden. Und niemand könnte behaupten, dass es Ihnen an der nötigen Eignung dafür fehlt.«
Vor dem Fenster wurde es langsam dunkel. Einige Tage lang war es extrem heiß gewesen, und nun hörte man bedrohlichen Donner. Ein dunkler Wolkenwirbel schraubte sich aus dem Tal empor. In dem Grübchen am Kinn des Rektors hatte sich Schweiß gesammelt.
»Nein«, sagte der Rektor, »Ihr schlimmster Feind könnte nicht behaupten, dass Sie einer solchen Verantwortung nicht gewachsen wären. Aber … Aber …«
»Aber was, Sir?«
»Ich wünschte, ich wüsste etwas genauer, wo Sie stehen. Nach außen hin erfüllen Sie alles, was wir erwarten: Ihre schulischen Arbeiten, Ihre sportlichen Leistungen, das Verhalten, das Sie an den Tag legen. Aber was, was ist Ihre … Ihre Losung, Fielding? Worauf bauen Sie im Leben?
»Es ist noch etwas zu früh, um das wissen zu können.«
»Nun«, sagte der Rektor, »es gibt eine ganz bestimmte Sache, bei der wir beide es schon jetzt ganz genau wissen müssen. Wie ist Ihre … Einstellung … was Christopher Roland angeht?«
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