»Ach komm, Kumpel«, jaulte der Obergefreite eilfertig auf. »Es war doch bloß ein Scherz, weißt du, nur …« Aber Peter, Christopher und Ivan waren bereits weitergegangen, hinunter zum Wasser. Der Obergefreite blickte ihnen hinterher, zuckte, spuckte aus, wandte sich wieder seinen Männern zu und fing an, in einem schnellen, nervösen Singsang Kommandos zu geben, wobei er von Zeit zu Zeit grinsend und achselzuckend über seine Schulter zu uns herüberschaute.
»Wirst du ihn melden?«, fragte Christopher.
»Ja.«
»Ich weiß nicht. Vielleicht doch besser nicht.«
»Dann hättest du ihn ignorieren sollen. Was du bei solchen Leuten anfängst, musst du auch zu Ende führen. Sonst denken die, sie kommen damit durch.«
»Aber dann bekommt er Ärger.«
»Genau. Warum hast du denn sonst nach seiner Nummer gefragt?«
Wir gingen ins Wasser und schwammen, der schwarze Ivan vorneweg, zu den Mädchen drüben am Ufer hin. Die Badekappenköpfe drehten sich rasch in unsere Richtung, drehten sich wieder weg und dann wieder her, mit aufmerksamen, neugierigen Mienen. Ivan, der uns zwanzig Meter voraus war, pflügte mit der Hand über die Wasseroberfläche und bespritzte das Mädchen, das ihm am nächsten stand.
»Schön warm, oder?«, rief er.
Die nervöse Lehrkraft, die unsere Invasion misstrauisch beäugt hatte, lächelte erleichtert, als sie Ivans gefahrlose Privatschulaussprache hörte.
Dennoch: »Noch zwei letzte Minuten, Mädchen!«, kreischte sie.
Ich selbst tauchte ab und schwamm unter Wasser, bis mir fast die Ohren platzten. Jetzt also, durch die Oberfläche: Wo würde ich rauskommen? Falsch gedacht, ich war noch nicht nah genug dran. Etwas von mir entfernt standen einige Mädchen im Kreis um Ivan herum, der sich auf dem Rücken treiben ließ (die schwarzen Haare auf seinem Bauch und seiner Brust kräuselten sich glitzernd) und ihnen erklärte, wie man sich ewig so treiben lassen konnte, wenn man sich nur entspannte und richtig atmete, und wie man dabei seinen Proviant verzehren und auf Rettung warten, ja sogar schlafen könne. Peter umkreiste schwimmend ein hochgewachsenes, schlankes Mädchen mit großen Brüsten und redete mit gewichtiger Miene zu ihr hinauf, während sie einfach dastand und nickte. Christopher schien, wie ich, irgendwie am Rande des Geschehens gelandet zu sein. Verdrießlich schwamm er dreißig Meter in Rückenlage und machte dabei viel Getöse; launisch lenkte er einen Spritzer Wasser auf eines der jüngsten Mädchen, lachte rabaukenhaft, wurde aber rot vor Scham, als das Kind aufwinselte und sich mit zitternden Lippen wegduckte.
»Alle raus!«, brüllte die Lehrerin.
Die Mädchen traten den Rückzug an. Ivans Gruppe winkte und kicherte. Peters einzelne Maid schritt rückwärts aus dem Wasser, ohne ihren Blick von seinem runden, ernsthaften Gesicht zu lösen. Christopher und ich schwammen mit kräftigen und akkurat ausgeführten Zügen davon, wie um zu demonstrieren, dass wir uns nun dem wahren Zweck des Nachmittags zu widmen begonnen hatten.
Später, als wir alle auf dem Streifen Sand am Ufer lagen, sagte Peter: »Eine angenehme Abwechslung.«
Selbstbewusst, ungezwungen, ein männliches Wesen, bei dem alles läuft wie geschmiert, bestens für seine Rolle ausgestattet.
Ivan nickte und gab einen Grunzlaut von sich, reckte dann sein Gesicht zum Himmel und lachte.
»Die haben kein Wort von dem geglaubt, was ich ihnen erzählt habe«, sagte er, »aber angeschaut haben sie mich, als wäre ich Johannes der Täufer, der gekommen ist, um im Jordan zu predigen.«
»Einer ihrer Tricks«, sagte ich schnippisch. »Ihre biologische Aufgabe ist es, das Männchen erst anzulocken, und später lassen sie ihm dann kaum Luft zum Atmen, so dass sie sich mit ihm vermehren können, ohne Angst haben zu müssen, dass es aufbegehrt. So ein klein wenig zur Schau gestellte Anbetung ist ein wohlerprobtes Lockmittel.«
Peter und Ivan grinsten großherzig.
»Na, da hat wohl wer Somerset Lloyd-James gut zugehört?«
Christopher schaute zu mir herüber.
»Ich hab meine Uhr oben bei meinen Kleidern gelassen«, sagte er. »Diese Soldaten … Ich will mal schauen, ob sie noch da ist.«
»Ich komme mit«, sagte ich.
Peter und Ivan setzten bewusst neutrale Gesichter auf. Christopher und ich liefen langsam und stillschweigend zu den Bäumen hinüber. Selbst im Schatten war dieser Nachmittag sehr heiß … heiß, schwül, drückend. Als Christopher sich hinabbeugte, um nach seiner Uhr zu sehen, legte ich meine beiden Hände auf seinen bloßen Nacken und fing an, mit meinen Fingernägeln sanft über seine Haut zu fahren. Ein Schauer durchfuhr ihn, aber er setzte seine Suche fort.
»Hier ist sie. Alles gut.«
Er drehte sich zu mir, dann legte er seine Wange an meine.
»Los, komm, Fielding. Wir müssen zurück.«
»Lass uns hierbleiben, nur ganz kurz.«
»Nein.«
»Warum denn nicht?«
»Peter und Ivan … die werden das seltsam finden.«
Ich wandte meinen Kopf und küsste ihn auf die Wange. Er stand ganz still, vielleicht zehn Sekunden lang. Dann erschauerte er wieder – genau wie schon zuvor, als ich ihm übers Genick gestrichen hatte – und schlüpfte zur Seite.
»Zurück zu den anderen.«
Ich folgte ihm, aufs höchste erfreut über meinen Kuss, und verübelte ihm sein Ausweichen auch kaum. Das muss reichen, dachte ich zärtlich, denn so ist es ihm lieber. Sei nicht begehrlich. Dring nicht auf mehr.
Zurück zum See.
»Peter … Ivan …«
»Alles in Ordnung mit der Uhr?«
»Uhr?«, sagte Christopher. »Ach so … ja, danke.«
»Gut. Ich dachte gerade, du hättest ein bisschen aufgewühlt ausgesehen.«
»Natürlich bin ich nicht aufgewühlt.«
»Natürlich nicht«, sagte Peter gleichmütig, »wenn mit deiner Uhr alles in Ordnung ist.«
Eine Zweierreihe Schulmädchen trottete nun auf der anderen Seite des Sees nach Hause. Peter erhob sich auf einen Ellenbogen, um zu winken, und erntete einen Schwall von Gekicher, der über den See zu uns herüberwehte und sich wie Vogelgezwitscher in den Bäumen verfing.
In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen.
Vivamus, mea Lesbia, atque amemus … Die Worte kreisten endlos in meinem Kopf.
Gib tausend Küsse mir, gib alle sie her,
Und dann einhundert, und dann tausend mehr …
Sei nicht begehrlich, sagte ich mir. Du hast einen Kuss gewährt bekommen, und wenn die Zeit reif ist, wirst du ihm einen weiteren geben dürfen. Das ist genug. Halt dich zurück und verdirb es nicht.
»Und folglich werden wir«, sagte der Schulvorsteher, »von den Sozialisten regiert werden. Wie das dem griesgrämigen Constable gefallen wird!«
Der Rest der Schule war zu einem Wandertag unterwegs, den ich und auch unser Schulvorsteher zu vermeiden gewusst hatten. Wir feierten unseren Urlaub mit etwas, das er einen »bescheidenen Mittagstisch« nannte, zu dem es den großen Luxus aus Kriegszeiten gab, eine Flasche algerischen Wein.
»Wie wird sich das auf uns hier auswirken, Sir?«
»Es hängt viel davon ab, ob sie in fünf Jahren wieder rankommen oder nicht. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es dickere Fische für sie als uns. Aber ungefähr 1950 wird wohl der Nachschub knapp werden. Und dann …«
»Aber die können doch sicher das staatliche Schulsystem verbessern, ohne unseres zu ruinieren. Warum lassen die uns nicht einfach in Ruhe?«
»Sozialisten«, sagte der Schulvorsteher, »können nie etwas in Ruhe lassen. Das ist ja das Problem. Sie fangen mit ein oder zwei Dingen an, die dringend reformiert werden müssen – und ich wünsche recht viel Glück dabei. Doch dann wird es für sie zur Gewohnheit. Sie können nicht aufhören. Und das ist es auch, was sie zur Strecke bringen wird. Wie Macaulay sagt, können wir uns eine Weile mit einem Wüstling arrangieren, oder sogar einem Tyrannen; aber von jemandem regiert zu werden, der immerzu herumwerkeln muss, das ist mehr, als die menschliche Natur aushalten kann.«
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