Der Durchbruch der Ethnizität hatte viele positive Folgen. Die amerikanische Kultur begann, schamhaft den Leistungen jener Minderheiten eine längst überfällige Würdigung zukommen zu lassen, die während der Blütezeit angelsächsischer Dominanz unterschätzt und verschmäht worden waren. Zu guter Letzt begann auch die amerikanische Erziehung, die Existenz und Bedeutung der großen weiten Welt jenseits von Europa anzuerkennen. All dies war von großer Wichtigkeit. Natürlich sollte Geschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus gelehrt werden. Lasst doch unsere Kinder versuchen, sich die Ankunft von Kolumbus aus der Sicht jener Menschen vorzustellen, die ihm als erste begegneten, ebenso aber auch aus der Perspektive derjenigen, die ihn entsandt hatten! Auf einem begrenzten Planeten lebend und gleichzeitig die globale Führerschaft anstrebend, sollten Amerikaner wahrlich mehr über andere Ethnien, andere Kulturen und andere Kontinente erfahren! Und wenn sie dies tun, erwerben sie zugleich ein viel komplexeres, belebenderes Verständnis von der Welt – und damit auch von sich selbst.
Infolge einiger Übertreibungen hatte der Kult um die ethnische Zugehörigkeit freilich auch negative Folgen. Die neue frohe Botschaft von der Ethnizität weist die vereinheitlichende Vision des Menschen zurück, der, aus allen Nationen kommend, in eine „neue Rasse“ (im Sinne Crèvecoeurs, A. d. Ü.) umgeschmolzen wird. Die ihr zugrunde liegende Philosophie besteht darin, dass Amerika keineswegs eine Nation von Individuen, sondern vielmehr eine Nation von Gruppen ist, dass Ethnizität die prägende Erfahrung für Amerikaner ist, dass ethnische Wurzeln dauerhaft und unauslöschlich sind und dass die Aufteilung in ethnische Gemeinschaften die Grundstruktur der amerikanischen Gesellschaft bildet sowie die grundlegende Bedeutung der amerikanischen Geschichte darstellt.
Mit dieser Philosophie verbunden ist die Einteilung aller Amerikaner entlang ihrer ethnischen Unterscheidungsmerkmale. Doch während die ethnische Interpretation der amerikanischen Geschichte, ähnlich wie ihre ökonomische, bis zu einem gewissen Punkt gültig und erhellend ist, so ist sie wiederum vollständig irreführend und falsch, wenn sie sich als das ganze Bild darzustellen versucht. Die ethnische Interpretation macht vielmehr die historische Theorie von Amerika als einem einzigen Volk wieder rückgängig – jene Theorie, der es bis dahin gelang, dass die amerikanische Gesellschaft als Ganzes zusammengehalten werden konnte.
Amerika wird unter dieser Perspektive nicht als eine sich selbst umformende Nation mit einer ganz eigenen Identität betrachtet, sondern als Schutzhülle für verschiedene fremdländische Identitäten. Anstatt sich als eine Nation zu begreifen, die zusammengesetzt ist aus je einzelnen, ihre eigenen Entscheidungen frei treffenden Individuen, sieht Amerika sich selbst in wachsendem Maße zusammengesetzt aus einzelnen Gruppen, die mehr oder weniger unabwendbar von ihrem ethnischen Charakter geprägt sind. Das multiethnische Dogma beendet die gemeinsamen Zielsetzungen unserer Geschichte, es ersetzt Assimilation durch Fragmentierung und Integration durch Separatismus. Es setzt das Unum herab und glorifiziert dafür das Pluribus .
Auf vielen Gebieten ist die historische Idee einer einheitsstiftenden amerikanischen Identität heute in Gefahr – in unserer Politik, in unseren Freiwilligen-Organisationen, in unseren Kirchen und in unserer Sprache. Doch auf keinem Gebiet ist die Zurückweisung einer alles überwölbenden nationalen Identität entscheidender als in unserem Erziehungssystem.
Unsere Schulen und Gymnasien der Republik bilden die Bürger der Zukunft heran. Insbesondere unsere öffentlichen Schulen sind das vorrangige Instrument der Assimilierung und das wichtigste Mittel zur Heranbildung einer amerikanischen Identität.
„Der große Schmelztiegel Amerikas“, sagte Woodrow Wilson einmal, „der Ort, an dem wir alle zu Amerikanern gemacht werden, ist die öffentliche Schule, wohin Menschen jeglicher ethnischer Herkunft und in jeder Lebensphase ihre Kinder schicken oder hinschicken sollten und wo die Jugendlichen, wenn sie dort zusammengemischt werden, alle vom amerikanischen Geist durchdrungen werden und sich zu amerikanischen Männern und amerikanischen Frauen entwickeln.“
Was Schülern in den Schulen beigebracht wird, beeinflusst die Art und Weise, mit der sie später andere Amerikaner sehen und wie sie mit ihnen umgehen werden – letztlich die Art und Weise, wie sie später die gemeinsamen Ziele unseres Gemeinwesens begreifen. Die Auseinandersetzung über das schulische Curriculum ist eine Debatte darüber, was es bedeutet, ein Amerikaner zu sein.
Die Verfechter der Ethnizität behaupten nun, dass ein Hauptziel der schulischen Erziehung in Schutz, Stärkung, Zelebrierung und in der Perpetuierung ethnischer Wurzeln und Identitäten liege. Separatismus freilich nährt Vorurteile, vergrößert Differenzen und wühlt Antagonismen auf. Die daraus resultierende Zunahme ethnischer und rassischer Konflikte steckt hinter dem Wirbel um Multikulturalismus, um politische Korrektheit, um Ungerechtigkeiten des eurozentrischen Curriculums. Sie liegt auch hinter der Vorstellung, dass Geschichte und Literatur nicht so sehr als intellektuelle Disziplinen gelehrt werden sollten, sondern als Therapien, deren Funktion es sei, das Selbstbewusstsein von Minderheiten zu stärken.
Während wir gerade Zeuge werden, wie ein Land nach dem anderen durch ethnische Konflikte auseinandergerissen wird, kann man nicht gleichgültig auf Vorschläge reagieren, die die Vereinigten Staaten in eigenständige und unveränderliche Gemeinschaften entlang von Ethnie und Hautfarbe auseinanderdividieren wollen, von denen jeder beigebracht wird, das jeweils eigene Anders- und Getrennt-Sein 10von den anderen Gruppen hochzuhalten. Man fragt sich: Wird die Mitte halten – oder wird der Schmelztiegel dem Turm von Babel weichen?
Ich möchte nicht apokalyptisch klingen, wenn ich diese Entwicklungen beschreibe. Erziehung ist immer in Entwicklung begriffen, und das ist auch gut so. Schulen und Gymnasien waren schon immer Kampfstätten für Debatten über Glaubensvorstellungen, Philosophien und Werte. Die Situation in unseren Universitäten – da bin ich zuversichtlich – wird sich bald von selbst berichtigen, sobald die große schweigende Mehrheit der Professoren „Genug!“ ruft und all das anficht, von dem sie weiß, dass es zeitgeistiges Geschwätz ist.
Weitaus beunruhigender sind die Auswirkungen des Drucks bezüglich Ethnie und Hautfarbe, der auf unsere Grundschulen ausgeübt wird. Die Bindekräfte nationalen Zusammenhalts sind längst in Gefahr zu zerbrechen. Die schulische Erziehung sollte sich bemühen, diese Bindekräfte zu stärken, anstatt sie zu schwächen. Wenn sich separatistische Tendenzen weiterhin unkontrolliert entwickeln, dann kann das Resultat nur die Fragmentierung, die Re-Segregation und die Tribalisierung des amerikanischen Lebens sein.
Ich bleibe optimistisch. Mein Eindruck ist, dass die geschichtlichen Kräfte, die in Richtung „ one people “ drängen, noch nicht ihre Kraft verloren haben – für die meisten Amerikaner ist es ja genau dies, worum es in unserer Republik eigentlich geht. Im Streit zwischen „Einheit zuerst“ und „Ethnizität zuerst“ widerstehen sie den Extremen. „Die meisten Amerikaner“, so sagte New Yorks Gouverneur Mario Cuomo 11zu Recht,
„können sowohl das Bedürfnis verstehen, eine entwickelte Diversität anzuerkennen und zu fördern, als auch das Bedürfnis, sicherzustellen, dass eine solche, breit angelegte multikulturelle Perspektive zur Einigkeit unter den Amerikanern führt und zu einer umfassenden Besinnung auf das, was es heißt, Amerikaner zu sein, nicht aber zu einer destruktiven Aufspaltung, die uns auseinander reißen würde.“ 12
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