Was immer ihre selbsternannten Sprecher behaupten mögen – die meisten in Amerika geborenen Mitglieder von Minderheitengruppen, gleichgültig, ob von weißer oder nichtweißer Hautfarbe, sehen sich, auch wenn sie ihre Herkunft in Ehren halten, primär jeweils als Amerikaner und nicht in erster Linie als Iren oder Ungarn, Juden, Afrikaner oder Asiaten. Ein beredter Indikator ist die wachsende Anzahl von Eheschließungen über die Grenzen ethnischer, religiöser, ja sogar (in wachsendem Maße) über Grenzen der Hautfarbe hinweg. Der Glaube an eine einzige amerikanische Identität ist alles andere als ausgestorben.
Doch die Bürde, das Land zu einigen, fällt nicht exklusiv allein den Minderheiten zu. Assimilation und Integration sind ein wechselseitiger Prozess. Jene, die sich in Amerika integrieren wollen, müssen durch diejenigen, die meinen, dass sie Amerika schon lange besitzen, empfangen und willkommen geheißen werden. Wie ich schon bemerkte, ist der Rassismus die große nationale Tragödie unseres Landes. In der letzten Zeit hat das weiße Amerika endlich begonnen, sich dem Rassismus zu stellen, der sich so tief und schandbar in unsere Geschichte eingenistet hat. Doch der Triumph über den Rassismus ist nicht vollständig.
Wenn konservative Amerikaner Menschen anderer Nationalität und anderer Hautfarbe etwa so behandeln, als seien sie unverdauliche Elemente, die es zu meiden und auszugrenzen gelte, dann dürfen sie sich nicht wundern, wenn die Minoritäten sich verbittert nur noch auf ihresgleichen beziehen und jeden anderen ausschließen. Nicht nur diese müssen die Assimilation und die Integration wollen – auch wir müssen das tun! Die Aufgabe, dieses Land zu einem geeinten Land werden zu lassen, liegt in gleicher Weise bei der selbstzufriedenen Mehrheit der Gesellschaft wie bei den bedrängten Minderheiten.
Die amerikanische Bevölkerung hat sich fraglos in jüngster Zeit viel heterogener als je zuvor entwickelt. Doch diese Heterogenität macht die Suche nach einheitsstiftenden Idealen und nach einer gemeinsamen Kultur umso notwendiger. Amerika, so Scott Fitzgerald 13, ist „die freudige Bereitschaft des Herzens“. Wir haben es in unserer Macht, dieses Land zu einem fairen und gerechten Land für unser ganzes Volk zu machen.
Erinnern wir uns der Worte Mahatma Gandhis 14, die einst öffentlich auf Plakaten in ganz Indien zu sehen waren – einem Land, das durch ethnische, religiöse, sprachliche und durch Kastengegensätze weitaus heftiger gespalten ist als unser eigenes. „Wir müssen aufhören“, sagte Gandhi,
„ausschließlich Hindus, Muslime oder Sikhs, Parsen, Christen oder Juden zu sein. Wir mögen zwar standhaft an unseren jeweiligen Glaubensbekenntnissen festhalten, aber wir müssen Inder zuerst und Inder zuletzt sein.“
Weil Indien diese Lehre Gandhis aufgegeben hat, ist es heute so bitter in sich zerrissen.
Im Geiste Gandhis mögen wir als so gänzlich untereinander verschiedene Amerikaner zwar unerschütterlich an unseren jeweiligen Traditionen und Glaubensbekenntnissen festhalten, sollten aber nicht vergessen, dass wir zueinander gehören: als Amerikaner, zuerst und zuletzt. Oder in den Worten Martin Luther Kings 15: zusammen eingewoben „in ein einziges Gewand des Schicksals“. In einer Welt, die durch Antagonismen entlang von Ethnien und Hautfarbe heftig zerrissen ist, ist es umso bedeutsamer, dass die Vereinigten Staaten als ein Beispiel dafür erhalten bleiben, wie sich eine stark ausdifferenzierte Gesellschaft ihren Zusammenhalt bewahrt.
Arthur M. Schlesinger Jr.
1John Stuart Mill (1806-1873): Britischer Philosoph, Politiker und Ökonom, einer der einflussreichsten liberalen Denker des 19. Jahrhunderts. (A. d. Ü.: Quelle aller nachfolgenden Erläuterungen zu Personen im Text ist, wenn nicht anders vermerkt, Wikipedia.)
2Albert Chinụalụmọgụ „Chinua“ Achebe (1930-2013): nigerianischer Schriftsteller, gilt als einer der Väter der modernen afrikanischen Literatur.
3Michel-Guillaume Jean de Crèvecoeur (1735-1813): franko-amerikanischer Schriftsteller.
4Die folgenden Zitate stammen aus Letter III in Crèvecoeurs Letters from an American Farmer (1782). Hervorhebung im letzten Satz hinzugefügt.
5Crèvecoeur im Original: „Here individuals of all nations are melted into a new race of men.”
6George Bancroft (1800-1891): US-amerikanischer Historiker und Politiker. Als eines seiner bekanntesten Werke gilt die zwölfbändige History of the United States, from the Discovery of the American Continent .
7Sir John Alexander Macdonald (1815-1891) war zweimal im Amt, zunächst vom 1. Juli 1867 bis zum 5. Dezember 1873 und danach vom 17. Oktober 1878 bis zu seinem Tod.
8Alexis Charles-Henri-Maurice Clérel de Tocqueville (1805-1859): französischer Publizist, Politiker und Historiker. Er gilt als Begründer der vergleichenden Politikwissenschaft.
9Woodrow Wilson (1856-1924): Politiker der Demokratischen Partei. US-Präsident 1913-1921.
10Im Original „apartness“, „Getrenntheit“, ein Neologismus, der möglicherweise auf die südafrikanische ‚Apartheid‘ anspielen soll.
11Mario Matthew Cuomo (1932-2015): US-amerikanischer Politiker der Demokratischen Partei. Er war von 1983 bis 1994 Gouverneur des Bundesstaates New York.
12Mario Cuomo: Erklärung zur multikulturellen Erziehung, 15. Juli 1991.
13Francis Scott Key Fitzgerald (1896-1940): US-amerikanischer Schriftsteller.
14Mahatma Gandhi (1869-1948): indischer Rechtsanwalt, Publizist, Morallehrer und Pazifist, der zum geistigen und politischen Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung wurde.
15Martin Luther King Jr. (1929-1968): US-amerikanischer Baptistenpastor und Bürgerrechtler.
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