Stille und Dunkelheit hatten die Gasse zurückerobert. Lediglich ein wildes Fauchen und Schreien - ähnlich einer wütenden Katze - drang zu Ismail durch. Verwirrt blickte der Waldläufer in alle Richtungen, konnte aber weit und breit keine Straßenkatze ausmachen. Das Gehörte seinen überspannten Sinnen zuschreibend, konzentrierte er sich wieder auf den Mann in seinem Würgegriff. Dieser schnappte stoßweise nach Luft und versuchte sich verzweifelt zu befreien. Als er nach Ismails Kopf griff, legte dieser den Kopf in den Nacken und verstärkte seinen Griff. Mit jedem weiteren Atemzug konnte Ismail förmlich spüren, wie das Bewusstsein den Körper der Stadtwache verließ. Ich muss jetzt aufpassen , ermahnte er sich. Das Letzte, was ich gebrauchen kann, ist eine tote Stadtwache. Der Körper des Mannes verlor jegliche Spannung und das verkrampfte Schnappen fand ein Ende. Überrascht von dem Gewicht des Bewusstlosen, lockerte Ismail schrittweise seinen Würgegriff und ließ diesen behutsam auf den schlammigen Gassenboden gleiten. Er drehte den Mann auf den Rücken, damit dieser keinen Dreck einatmete und kontrollierte dessen Puls. Erneut das Fauchen in seinem Kopf. Der Drang zuzudrücken – einfach so. Die Beute zu erlegen.
Ismail riss sich zusammen und betrachtete stattdessen eingehend den Bewusstlosen. Sieht aus wie ein ganz normaler Kerl . Bestimmt mit Frau und Kind, einem schönen Heim.
Prüfend wanderte sein Blick durch die Dunkelheit. Anscheinend hatte niemand etwas von dem Kampf mitbekommen. Zumindest ließ sich niemand blicken. Wer weiß , sein Blick ging wieder zu dem Mann, hätte sich mein Leben vor Jahren nicht so schlagartig geändert, wäre ich jetzt vielleicht an seiner Stelle: ein Streiter für die gute Sache im Namen der lokalen Stadtwache.
Ismail stand auf und wandte sich der Frau zu, die noch immer mit dem Rücken an der feuchten Hauswand lehnte. Sie schien durch ihn hindurchzublicken, als er sich vor sie stellte. „Alles in Ordnung bei Ihnen?“ Er musterte sie eingehend. Obwohl sie bestimmt zehn Jahre älter war als er, erschien ihm ihr Gesicht vergleichsweise jung. „Ob bei Ihnen alles in Ordnung ist?“
„Katze“, antwortete die Frau emotionslos.
„Katze?“, wiederholte er verwirrt und blickte unwillkürlich zurück in die Gasse. „Haben Sie sie auch gehört?“
„Katze“, sagte sie erneut. Ihr Blick endete im Nirgendwo. Als sie sich mit ihrer Linken an den Brustkorb fasste, fiel dem Waldläufer auf, dass mehrere Finger ihrer Hand versteift waren. „Katze“, sagte sie nun ein drittes Mal und berührte dabei das Holzamulett, mit dem Ismail seinen Lodenumhang zusammenhielt.
Sein Blick folgte den schmächtigen Fingern. „Ach das! Ja, das ist eine Katze“, gestand er mit einem Lächeln. Ismail selbst hatte schön länger nicht mehr an das Amulett gedacht. Es bestand zur Gänze aus dem schwarzen Holz des Mondbaums, einer überaus seltenen Baumart, die nur in den undurchdringlichen Tiefen des Schattenforstes zu finden war. Liebevoll und mit großem handwerklichen Geschick hatte jemand dem Stück Holz die Form eines Katzenkopfes gegeben, wobei kleine, grünschimmernde Edelsteine als Augen verwendet worden waren. Ismail realisierte nun, dass die Frau nicht ins Nirgendwo, sondern direkt in die grünen Augen der Katze starrte. Liebevoll streichelten ihre Fingerspitzen das hölzerne Abbild des Raubtiers.
„Wir müssen zusehen, dass wir hier wegkommen“, bemerkte Ismail eilig. „Wenn man uns mit den beiden bewusstlosen Stadtwachen erwischt, landen wir entweder im Kerker oder werden direkt an der Stadtmauer aufgeknüpft.“ Als eine Reaktion der Frau abermals ausblieb, griff er ungeduldig nach ihrer Hand, die diese daraufhin unvermittelt zurück riss und aufstand. Trotzig fixierten ihn ihre hellblauen Augen. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, versuchte Ismail die Situation zu entschärfen und trat einen Schritt zurück, um der Frau mehr persönlichen Raum in der engen Gasse zu geben.
„Du hast mir schon genug geholfen“, erwiderte sie zornig und richtete ihre Kleidung. Besonders ihren mit Flicken übersäten Rock schob impulsiv wieder nach unten über ihre aufgeschlagenen Knie. Als sie mit dem Glattstreichen ihrer Kleidung endlich fertig war, blickte sie an Ismail vorbei zu den beiden Stadtwachen, deren Körper noch immer regungslos im Dreck lagen.
„Gern Geschehen“, brummte Ismail missmutig und folgte ihrem Blick. „Wenn Sie keine weitere Hilfe wünschen, mache ich mich mal vom Acker – ich kann nämlich gut auf Kerker oder Galgen verzichten.“
„Einfach so?“, entgegnete die Frau verächtlich und ohne den Blick von ihren Peinigern zu nehmen.
Ismail war verwirrt.
„Du hilfst mir und haust dann einfach so ab?“ Ihre lauernden Augen wanderten zu ihm zurück. „Bist du sicher, dass ich dir nicht noch einen Gefallen schulde? Vielleicht den Rock kurz wieder anheben? Ich meine … niemand rettet eine Hure umsonst, oder?“
Wie kaputt ist diese Stadt eigentlich? , dachte Ismail abgestoßen und entgegnete: „Nein, Sie brauchen mir keinen Gefallen tun. Nach meiner guten Tat werde ich heute auch so ganz gut einschlafen können.“
Nun war es an der Frau, sichtlich verwirrt zu sein. „Es … Es tut mir leid. Aber …“
„Vergessen Sie es einfach“, unterbrach er sie erbost und wandte sich anstandslos Richtung Gassenausgang. Er war wütend. Doch eher auf sich selbst, als auf die Frau. Ihr Angebot spiegelte lediglich die Verkommenheit dieser verdammten Stadt wieder. Was ihn wirklich wütend machte, war die Tatsache, dass er sein eigenes Leben für jemand anderen aufs Spiel gesetzt hatte. Mit mahlendem Unterkiefer kniete er sich zu dem Mann, den er mit dem Backstein niedergeschlagen hatte; dessen Puls war schwach, aber vorhanden. Den Blick erneut durch die Gasse schweifend, griff der Waldläufer unter den langen Ledermantel und nahm sich den Geldbeutel der Stadtwache, schätze den Inhalt am Gewicht und nickte anerkennend. Der Beutel verschwand in seiner ledernen Umhängetasche. „Sie sollten sich den Geldbeutel von dem anderen Kerl nehmen“, empfahl er der Frau ungerührt. „Wahrscheinlich deckt das Ihre Kosten für mehr als eine Woche.“ Er erhob sich und ging schnurstracks zurück zur Hauptstraße.
„Warte“, rief die Frau ihm nach. „Wer bist du überhaupt?“
Der Wind hatte gedreht und entließ Freistadt endlich aus der gnadenlosen Umklammerung des Fabrikdunstes, während Professor Dr. Stanislaw von Weidenheim auf einem der Balkone des Wächters der Freiheit stand und zufrieden über die Dächer der Stadt blickte. Der Wächter der Freiheit war der allesüberragende Turm im Stadtzentrum und von dort wirkte es beinahe so, als sei das gesamte Königreich gleichmäßig um dieses eine Gebäude herum errichtet worden.
„Und wie sollen wir dann den Mangel an Arbeitskräften decken?“, hörte Stanislaw eine tiefe Männerstimme aus dem Plenum hinter ihm. Der Wächter der Freiheit beherbergte neben der zentralen Verwaltung auch den Senat von Freistadt. Jene Institution, welche durch die Stadtbevölkerung gewählt und deren Interessen im Königreich vertreten sollte. Aber so schön die Idee in der Theorie auch klang, war der Senat nicht weniger Machtinstrument der Reichen als das Geburtsrecht der Adligen - denn ohne die nötige Menge an Reichsmark hatte es bis jetzt noch kein Stadtbewohner bis in den Senat geschafft. Die tiefe Männerstimme zum Beispiel gehörte Wilhelm Krause. Und Wilhelm Krause war nicht nur der amtierende Patriarch des industriellen Krause-Clans, sondern auch ein einflussreiches Mitglied des Senates von Freistadt.
Stanislaw folgte den Ausführungen Krauses nicht weiter, sondern widmete sich lieber wieder dem Nachthimmel über den Dächern der Stadt. Mit Anbruch der Nacht beanspruchten Dunkelheit und Gestirne das, was ihnen seit Anbeginn der Zeit zustand. Das war allerorts so - außer im Inneren Ring von Freistadt. Dieser erstrahlte auch in der tiefsten Nacht taghell und bildete einen unnatürlichen Kontrast zu seiner Umgebung. Die Wohlhabenden der Stadt hatten die künstliche Beleuchtung ihres Wohnviertels zu jeder Tages- und Nachtzeit zu einem Symbol des Fortschritts deklariert. Stanislaw konnte diese Einstellung nicht nachvollziehen. Er hatte vielmehr das Gefühl, dass die Sterne seit diesem Tage nicht mehr in der gleichen Intensität über Freistadt schienen als zuvor und die Entwicklung der gasbetriebenen Straßenlaternen somit eher einem Rückschritt gleichkam.
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