1 ...7 8 9 11 12 13 ...17 »Ein wunderschöner Name, Demoiselle Timm«, schmeichelte ihr Miltenberg. »So schön wie Eure Augen und Euer goldenes Haar«, verzauberte er sie, während sie ihm, betört von seinen Worten, gnädig die Hand überließ. Die Worte überdeckten das fehlende Gefühl in ihrem Herzen und nährten geschickt den Stachel der Eitelkeit.
Stolz wie eine Königin schritt sie nun neben ihm durch die Gänge eines Seitenflügels. An dessen Ende erwartete sie der Theatersaal mit einem ovalen Zuschauerraum und einer ziemlich tiefen Bühne. In seiner Loge bot er ihr mit einer galanten Bewegung den Stuhl neben sich an. Marie hatte in der Nachbarloge Platz genommen und unterhielt sich angeregt mit Kassow. Die unterhaltsame Art des Russen brachte die Freundin zum Lachen, was sich anhörte wie das leise Gurren eines Täubchens. Für einen Augenblick verspürte Gesche heimliche Eifersucht. Dann wurde sie betäubt von dem barocken Schein, der sie umgab, den vielen Zuschauern, welche zu den Rängen strömten, den glitzernden Roben der Damen, den farbenfrohen Gemälden an den Wänden und den auf Säulen kunstvoll kreierten Wasserspielen. Der dunkelrote Samtvorhang war geöffnet. Die Kulissen stellten eine bürgerliche Wohnung dar, die so raffiniert gemalt war, dass man nicht den Eindruck hatte, auf Wände aus Leinwand und Pappe zu sehen, sondern wirklich in einem Raum mit englischen Stilmöbeln, fein gewebten Spitzendeckchen und echtem Porzellan zu sein. Bei so viel strahlendem Glanz vergaß sie rasch den wohlhabenden Gerhard Miltenberg an ihrer Seite. Sie spürte weder seine Fingerspitzen, die sanft ihren Arm hinaufstrichen, noch vernahm sie seine geistreichen Erklärungen über das Trauerspiel, welches sich in fünf Akten vor ihr auf der Bühne abspielte. Ihre weiche Seele, schon von Kindesbeinen an dem Theaterspielen zugetan, versank in einer für sie völlig neuen Sphäre. Ergriffen und mit Tränen in den Augen verfolgte sie die tragische Liebe zwischen dem adligen Ferdinand und der Musikertochter Luise. Insbesondere die Figur der Luise hatte es ihr angetan. Sie mochte die Augen nicht einen Moment von deren Schönheit lassen und identifizierte sich so sehr mit ihrem Schicksal, dass sie zum Schluss fast in Tränen aufgelöst in Miltenbergs Arme sank, während dieser, mutig geworden, sie leise mit den Worten tröstete: »Demoiselle Gesine, es ist doch nur ein Trauerspiel aus der Feder unseres hoch geschätzten Herrn Friedrich Schiller. Es ist nicht die Wirklichkeit. Ich aber, liebe Gesche, möchte Ihnen, wenn Sie mir die Gelegenheit dazu geben, ein heiteres Stück für Ihr Leben schreiben. Ein Stück, in dem nur wir beide mitspielen. Ich würde Ihnen die Welt zu Ihren kleinen Füßen legen, meinen Wohlstand und meine Liebe dazu, um niemals wieder Tränen in Ihren schönen Augen sehen zu müssen …«
Am nächsten Morgen brannte Gesche darauf, ihr Glück mit der Mutter zu teilen. Überglücklich lief sie hinunter in die Schneiderwerkstatt. Margarethe stand mit einem Gürtel voller Nadeln um die Hüften und hochgeschlagenen Ärmeln vor einer Schneiderpuppe und versuchte gerade, einen Tuchballen von mehreren Fuß über das Podest zu ziehen. Nachdem sie ihn endlich in die richtige Lage gebracht hatte, griff sie nach dem Gewicht zum Falteneinpressen. Doch die Tochter kam ihr zuvor und nahm ihr das Eisen übermütig aus der Hand. Die Neuigkeit war ihr wichtiger als der Wollstoff.
»Mutter, stell dir vor, gestern Abend hat mich der junge Herr Miltenberg vom Theater nach Hause gebracht. Er ist ein recht feiner Herr, und, Mutter, er ist wohlhabend, so reich, reich«, sprudelte es aus ihr heraus.
Jubelnd umfasste sie die Hüften der Mutter und schwenkte sie einmal im Halbkreis herum. »Ach Mamachen, deine Finger werden nie wieder zerstochen sein. Sonntags werden wir, in Samt und Seide gekleidet, in den Parks spazieren gehen und uns auf großen Festlichkeiten bewundern lassen. Wir werden Pferde haben, eine eigene Kutsche und ein großes Haus. Oh, wie werden uns die Nachbarn um dieses Glück beneiden und erst meine Freundinnen.« Von Gefühlen für den Herrn Miltenberg sprach Gesche dabei nicht, bis Margarethe sie mit den Worten aus ihren Träumen riss: »Es ist wichtig, dass ihr immer Brot habt. Aber Kind, gefallen muss dir der junge Herr auch. Wo bleibt in deinen Träumen die Liebe?«
Obwohl die Frage etwas unerwartet kam, hatte sie sofort eine Antwort auf den Lippen. Sie ließ die Mutter plötzlich los, sodass diese sich an einer Schneiderpuppe festhalten musste, und antwortete ihr ungeduldig: »Die wird sich mit der Zeit schon einstellen. Warum sollte ich einen Mann nicht lieben lernen, der mir Glück und Reichtum verspricht.«
Einen Augenblick lang beobachtete sie schweigend die Wirkung ihrer Worte, bevor sie sich sogleich wieder lachend und trällernd ein fertiges Kleid einer Schneiderpuppe über den Kopf zog. »Wie steht mir das?«, fragte sie und drehte sich damit kokett vor dem Spiegel.
»Gut, mein Kind. Die Farbe passt gut zu deinem blonden Haar und deiner grazilen Figur. Aber hänge das Kleid wieder zurück auf das Podest. Frau Geheimrätin wird sonst nie wieder ein schwarzes Taftkleid bei uns bestellen, wenn du es zerdrückst.« Sie nahm es ihr vorsichtig aus den Händen und stülpte es raschelnd über die weißen Batistunterhöschen. Dann zupfte sie eine Weile schweigsam an den Unterröcken und Volants herum, bis sie in Gedanken äußerte: »Du solltest lieber Weiß tragen, niemals ein Trauerkleid.« Mit den Nadeln im Mundwinkel sah sie Gesche nachdenklich an. Dann stellte sie plötzlich die eigentlich wichtigste Frage: »Bist du dir auch sicher, dass der Herr Miltenberg als Brautwerber beim Vater um deine Hand anhalten wird?«
Jetzt wich alle Freude aus dem hübschen Mädchengesicht. Wie so oft wollte die Mutter sie wieder einmal nicht verstehen, und die Enttäuschung löste sich in einem Tränenstrom. »Du gönnst mir mein Glück nicht, Mutter. Nie gönnst du mir etwas. Aber ich bin ja auch nicht Christoph, den du im Herzen mehr liebst als mich«, schluchzte sie und stampfte wütend mit dem Fuß auf. »Wie kannst du überhaupt solche Bedenken hegen. Natürlich wird Gerhard Miltenberg beim Vater vorsprechen. Er hat es mir versprochen.«
»Was hat denn meine Liebe zu Christoph mit deinem Glück zu tun, Gesche«, wendete Margarethe geduldig ein. »Du weißt genau, dass er, seit er in die weite Welt hinausgezogen ist, allzu schnell der verblendenden Lust und Verführung verfallen ist. Alle unsere von Tränen und blutenden Herzen erfüllten Briefe, die ihn in ein ordentliches Leben zurückholen sollen, erreichen ihn nicht, nur für die Taler, die wir ihm schicken, hat er eine offene Hand. Ein undankbarer Sohn ist er, der seinen Eltern Kummer bereitet. Gerade deshalb wünsche ich mir für dich das allergrößte Glück auf dieser Erde. Ich hoffe, dir ist auch bekannt, was für ein unseliger Ruf dem Herrn Miltenberg vorausgeht.«
»Ach, alle die üblen Nachreden über den geschätzten Herrn Miltenberg sind nur infame Lügen der neidischen Nachbarn«, versuchte sie die Bedenken der Mutter zu entkräften. Dabei war ihr nicht wohl, wusste sie doch genau, dass die Mutter recht hatte. Aber ihre Gedanken kreisten immer wieder zu den vielen schönen Kleidern und dem großen Haus zurück, in dem sie künftig leben würde, und diesen Traum wollte sie sich nicht zerreden lassen.
In den nächsten Tagen geschah es ab und an, dass Gerhard Miltenberg der Jungfer Gesche ausgerechnet dann begegnete, wenn sie gerade vor dem Haus die Straße fegte. Jedes Mal grüßte er freundlich und stieg vom Wagen. Er fragte interessiert nach ihrem Befinden, und wenn sie ihm mit geröteten Wangen schlau antwortete: »Gut, Herr Miltenberg. Jetzt geht es mir noch besser«, lobte er ihre Arbeit und äußerte sich artig über ihre Schönheit und ihre Tugend. Dabei verschlang er sie mit den Augen und konnte sich manchmal kleinerer frivoler Bemerkungen, wie sie unter Verliebten üblich sind, nicht enthalten. Seit der Begegnung in der Komödie hatte die schöne Gesche seine Sinne so weit berauscht, dass er, die Hölle seiner Ehe allmählich vergessend, allen Ausschweifungen entsagte und nur noch mit ihrem Bild im Herzen lebte und sich nichts sehnlichster wünschte, als ihren holden Körper endlich in seinen Armen halten zu können.
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