Doch nicht nur Lucias Prophezeiung hatten sie zum Hohentore geführt. Die seltsame Verwandlung der Tochter selbst war es gewesen. Sieben Jahre war sie nun mit Miltenberg verheiratet, und die Tochter veränderte sich immer mehr. Ständig gab es Streit wegen ihrer auffälligen Eitelkeit. Obwohl sie ihr bisher nicht nachreden konnte, dass sie Miltenbergs Haushalt vernachlässigte oder sich den Bittenden versagte, verbrachte sie die meiste Zeit vor dem Spiegel, um sich zu schminken und zu putzen, und die Ausgaben ihrer Kleider überstiegen bei Weitem Miltenbergs Vermögen. Wie oft hatte es deswegen Auseinandersetzungen gegeben, zwischen ihr, Gesche und dem Vater, der auf Miltenberg schimpfte, weil er zu wenig Interesse für seine Ehefrau zeigte. Am allerwenigsten konnte sie es verstehen, dass sie ihre Mutterpflichten bei Adeline, ihrer Erstgeborenen, allein der Dienerschaft überließ, um mehr Zeit für ihre Toilette zu haben.
»Treten Sie ein, Madame.«
Margarethe schreckte aus ihren Gedanken auf. Sie stand vor einer in das Mauerwerk eingelassenen Holztür. In Gedanken versunken, hatte sie nicht bemerkt, dass sie geöffnet wurde. Jetzt starrte sie auf einen dunklen Vorhang, hinter dem erneut die Aufforderung erklang, einzutreten. »Kommen Sie, kommen Sie! Es wird kalt, und ich friere leicht.«
Beklommen beeilte sie sich und schloss rasch die Tür hinter sich. Hinter dem Vorhang war es schummrig. In der Mitte des Zimmers empfing sie ein altes Weib, das hinter einer spitz geformten Öllampe saß. Der Lichtschein war auf die große, bauchige Tasse vor ihr auf dem Tisch gerichtet. Die Gesichtszüge wirkten wie eingemeißelt und waren ganz gelb vom Pfeiferauchen. Sie hoben sich gespenstisch von dem dunklen Tuch ab, das die Alte um die Schultern trug.
»Kommen Sie, kommen Sie, ich habe Sie schon erwartet«, brummte die Frau und wies mit ihrer knochigen Hand auf den Holzschemel vor dem Tisch.
Margarethe stutzte, überlegte, ob sie nicht wieder gehen sollte, beeilte sich dann aber, der Aufforderung zu folgen. Etwas steif, mit einem verlegenen Lächeln auf dem Gesicht, ließ sie sich der Frau gegenüber nieder. Dabei zupfte sie nervös an dem Taschentuch zwischen ihren Händen.
Die Alte rückte ihre Haube zurecht und beobachtete sie über den Tassenrand. »Es geht dir nicht gut, meine Tochter. Dich plagen große Zweifel«, schnarrte sie, und Margarethe erschrak. Woher konnte die Alte das wissen?
»Ja. Es ist meine Tochter Gesche, weswegen ich komme«, antwortete sie befangen.
»Ich weiß. Deine Tochter ist dabei, abtrünnig zu werden. Sie verleugnet ihre Tugenden und ergibt sich der Wolllust und dem schnöden Mammon.«
Margarethe erschauerte unter dem Wollstoff ihres Umhangs, einem Geschenk Gesches zu ihrem Geburtstag. Wie erriet die Alte nur ihre geheimsten Gedanken? »Nein, gute Frau. Ganz so ist es nicht«, versuchte sie, die Tochter in Schutz zu nehmen. »Gesche ist eine brave Tochter und macht uns immer viel Freude. Sie beschenkt uns mit ihrer Liebe und ist eine tugendhafte Ehefrau. Doch ihr Ehemann, der Miltenberg Gerhard, vernachlässigt sie. Er ist kaum noch zu Hause. Meistens treibt er sich hier und da umher und überlässt die Geschäfte seiner Ehefrau. Das Kind ist so allein. Wenn Gott und wir sie nicht beschützen würden …«
»Deine Tochter ist nicht allein. Luzifer ist bei ihr und erwärmt ihre einsame Seele«, unterbrach die Alte sie ungeduldig und stocherte in der Tasse mit einer braunen, dickflüssigen Brühe vor ihr.
Nur zu gut ahnte sie, wen die Alte in dem Vergleich mit dem Teufel meinte.
»Ich habe ihr in jedes Kleid einen halben Kreuzgroten und im Kindbett in ein Kissen Kräuter eingenäht, um sie davor zu beschützen«, erwiderte Margarethe kleinlaut.
Doch die Alte schüttelte den Kopf. »Man hat dir prophezeit, dass deine Tochter ihre Familie einmal überlebt, aber dabei niemals glücklich werden wird.« Listig belauerte sie Margarethe.
Margarethe nickte eifrig. Ihre Hände begannen zu schwitzen. »Ja, selbst der Automat in der Obernstraße, der, in dem der dünne Mann mit dem komischen Hut und den großen Zähnen sitzt, hat mir dies vorausgesagt. Aber was besagt diese Prophezeiung? Deshalb, gute Frau, komme ich zu dir und hoffe auf deine Hilfe. Man sagt, du siehst im Kaffeesatz die Zukunft so klar, wie es die Karten nicht vermögen.«
»Das stimmt«, antwortete die Alte und kratzte sich unter der Haube. Margarethes Worte schmeichelten ihr. »Doch, meine Tochter, du solltest wissen, dass der Kaffeesatz nichts Gutes über dein Kind aussagt. Deine Tochter ist äußerlich von schöner Gestalt, aber ihre Seele ist leer und böse. Bis zu ihrem 40. Lebensjahr wird sie viele Sterbefälle zu beklagen haben, und sie wird sich ein zweites Mal verheiraten.«
Plötzlich stieg eine braune Wolke aus dem Kaffeesatz bis hinauf zur grauen Zimmerdecke. Sie reizte zum Husten. Die Alte schniefte laut, hob die Tasse empor, sah kopfschüttelnd darunter und schwenkte sie dann mit leisen, beschwörenden Worten zwischen den Händen. Plötzlich stellte sie die Tasse an ihren Platz zurück, nahm einen silbernen Löffel und rührte schweigend in dem dunklen Satz. Dass sie nicht allein im Raum war, schien sie völlig vergessen zu haben.
»Was ist, gute Frau …?«
Unruhig hatte Margarethe dem unheimlichen Treiben zugesehen. Sie musste plötzlich an Johann, ihren Ehemann, denken, wie er sich vor Kurzem in der Neustadt von einem Zigeuner einen Spiegel hatte zeigen lassen und dabei leichenblass wurde. Lange hatte er danach nichts gesprochen. Tags darauf hatte er in der gleichen Gegend einen Mann befragt, dem er Gesches Namen und Geburtsjahr gegeben hatte. Aus einem kleinen Punktierbuch prophezeite dieser, dass Gesche ihr Leben einsam in einer kleinen Stube beschließen würde. Der Automat hatte auf ihre Frage, ob Gesche viele Kinder gebären würde, nur laut geplärrt: »Kriegt sie, aber sie wird sie beweinen.« Auch als sie die Puppe im Automaten fragte, ob Gesche bald Witwe würde und in ihrer zweiten Ehe glücklich würde, hatte der Automatenmann hölzern geschnarrt: »E. e. eine glückliche Witwe!«
Christoph, ihr unseliger Sohn, hatte die Hälfte ihres mühsam ersparten Vermögens mit Weibern durchgebracht und sich in seinen zahlreichen Duellen die Kugel eines Engländers eingefangen. Seitdem hatte sie nichts mehr von ihm gehört, bis die erschütternde Nachricht kam, dass er als Gefangener des russischen Kosakengenerals Tettenborn im Lazarett an dem gezielten Säbelhieb eines Kosaken dahinsiechte. Was hatten sie und Johann nur falsch gemacht, dass ihre Kinder so missraten waren?
Leichenblass, von ihren eigenen quälenden Gedanken eingeholt, warf sie der Alten einen Reichstaler auf den Tisch und sagte leise, mit nur mühsam unterdrückten Tränen in der Stimme: »Ich habe alle mögliche Vorsicht gebraucht, meine Tochter vor Unglück und falschen Wegen zu beschützen. Nun kann ich wohl nichts mehr für sie tun.«
Dann, nur noch von dem einen Gedanken beseelt, nie wieder einen Fuß an diesen Ort zu setzen, verließ sie rasch die Stube. Die Alte blickte ihr erstaunt hinterher. Als die Tür ins Schloss fiel, kratzte sie sich unter der Haube und dachte: Wie dumm doch die Menschen sind. Wissen von der Schlange, die sie an ihrem Busen nähren, und füttern sie noch. Kopfschüttelnd murmelte sie: »Viel Unheil wird über dich und deine Familie kommen, Margarethe.«
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