Schwankend und mit einem blöden Blick, sah er auf Gesche herab, die unter der Schminke erbleichte. Es schien, als versuchte er, sich zu erinnern. Doch dann grinste er Margarethe in das verblüffte Gesicht, verbeugte sich linkisch vor ihr bis zum Boden, was zur allgemeinen Erheiterung im Saal beitrug, und lallte: »Aber Madame Timm. Ihr hier auf der Tanzfläche allein ohne Euren Gatten?« Im gleichen Augenblick suchte er Halt und umfasste tollpatschig Gesches Hüfte. Am Druck seiner Hände spürte Gesche, dass er nicht so betrunken war, wie er vorgab, und hinter der Maske des Trunkenboldes lediglich seine Unsicherheit verbarg.
»Aber wir werden uns den Nachhauseweg nicht verderben lassen, Madame«, grinste er und zog Gesche mit dem Recht des Ehemannes an seine Seite. Zu Gottfried gewandt, sagte er: »Mein Freund, du hast doch sicher noch eine Flasche von dem köstlichen Wein aus dem Elsass in deinem Haus. Wie hieß er doch gleich …?« Als spüre er bereits den köstlichen Tropfen auf der Zunge, verzog er genüsslich das Gesicht und verdrehte die Augen.
Ohne Margarethe und die anderen belustigten Paare noch eines Blickes zu würdigen, drehte er ihnen den Rücken zu, reichte Gottfried den freien Arm und schwankte, ganz in brüderlicher Herzlichkeit, den Freund links untergehakt und Gesche rechts, dem Ausgang zu.
Am nächsten Morgen eilte Vater Timm zu seiner Tochter, um ihr die heftigsten Vorwürfe zu machen. Selbst in den Tagen ihrer Kindheit hatte Gesche ihn noch nie so zornig erlebt. Er hatte sich nicht einmal die Zeit genommen, seinen Zylinder aufzusetzen. Ohne einen Morgengruß, in dunkler Weste, mit speckigen eingetrockneten Flecken auf den Aufschlägen, die losen Hemdsärmel hochgekrempelt, stürzte er, ohne sich anzumelden, durch die offene Tür und schimpfte laut: »Was soll ich nur von dir halten, meine Tochter. Dein gestriges Betragen auf dem Tanzboden ist ganz und gar nicht nach meinem Wunsch gewesen. Du hast deinen Ehemann gänzlich vernachlässigt! Hast dich viel lieber mit diesem Gottfried, diesem Hallodri, amüsiert. Solange ich lebe, gehst du mir nicht wieder in eine solche Gesellschaft. Eine Frau sollte ihren Mann nicht so behandeln, wie ich es gestern gesehen habe. Was habe ich mir da nur großgezogen? Was sollen nur die Leute von uns denken?«
Die letzten Worte verklangen in einem hilflosen Stöhnen. Die Enttäuschung machte ihn wehrlos, und er zog sich einen Lehnstuhl heran. Ein gebrochener Mann, bloßgestellt und entehrt durch das eigene geliebte Kind.
Der Überfall kam so überraschend für Gesche, dass sie, Gottfrieds brennende Küsse noch auf den Lippen, den Vater mit gelösten Haaren und lose übergeworfenem Morgenmantel empfing. Verlegen und zu Tode erschrocken, nestelte sie an den Bändern und Schleifen und überlegte fieberhaft, wie sie das Geschehene für alle ungeschehen machen konnte. Rasch, wie in Kindertagen, richtete sie den Blick demutsvoll zu Boden, mit einem Ausdruck tiefster Reue auf dem übernächtigten Gesicht. Niemals durfte der Vater erfahren, was in dieser Nacht, nachdem sie Miltenberg stockbetrunken ins Bett gebracht hatte, zwischen ihr und Gottfried vorgefallen war. Allein der Gedanke an die sündige Verfehlung bereitete ihr ein tödliches Unbehagen. Wie eine ertappte Sünderin kam sie sich vor. Zugleich aber ließ es sich nicht verhindern, dass ihr der Gedanke an Gottfrieds Liebeschwüre erneut wohlige Schauer über den Rücken jagte. Oh, wenn sie dem Vater nur Abbitte leisten könnte. Doch es galt, ihren guten Ruf zu verteidigen und die getreue Ehefrau zu mimen, das war sie sich und ihren Eltern schuldig. Gottfrieds Liebe war wie das Feuer eines Vulkans auf sie herniedergestürzt und brannte lichterloh in ihrem Herzen weiter. Deshalb musste sie verhindern, was Miltenberg in seiner Weichheit nicht fertigbrachte, dass der Vater ihr den weiteren Besuch des Festes verwehrte. Rasch erinnerte sie sich an ihr Talent zum Schauspielern, und schnurrend, einer Katze gleich, schlang sie dem Vater die Arme um den Hals. Listig schlug sie die Augen zu ihm auf, Augen, in denen sich ernsthafte Reue und liebevolle Verehrung widerspiegelten. Dass sie Gottfried nicht wiedersehen sollte, genügte Gesche, um in einem Meer von Tränen zu schwimmen. Auf diese Weise jedes Vaterherz berührend, bat sie: »Bitte, geliebter Vater, nur noch heute Nachmittag. Bitte, ich schwöre dir, auch keinen Anlass zur Untadeligkeit zu geben. Ich tanze so gern, und mein Mann wird das Fest doch nicht ohne seine Gattin besuchen. Bitte, Vater, verwehr mir diese Bitte nicht. Ich schwöre dir, dass mein Herz schwer ist vor Kummer, dir, mein liebes Väterchen, jemals wehgetan zu haben.«
Timms Ärger verebbte bei so viel Liebreiz und ehrlicher Reue wie ein Eiskristall in der Sonne. Der geliebten Tochter vermochte er nichts abzuschlagen. Er ärgerte sich bereits über seinen Auftritt und bereute seine Vorwürfe. Die Tochter fest im Arm haltend, fühlte er sich in die Zeit zurückversetzt, als sie noch seine kleine Gesche war. Sein kleines Mädchen, das keinen Ungehorsam kannte. Doch Strenge musste sein, und er versuchte, noch einen Moment hart zu bleiben, bevor er ihr Gesicht zwischen seine Hände nahm und sie sanft auf die Stirn küsste.
»Wie konnte ich meiner geliebten Tochter nur einen Augenblick lang misstrauen und in ihr etwas anderes als mein tugendhaftes und gehorsames Mädchen sehen«, antwortete er ihr, und sein Vaterherz schmolz dahin vor Liebe. »Wie sollte ich Freude an einem Fest finden ohne die Anwesenheit der schönen Madame Miltenberg. Jede Festlichkeit ohne dich, mein Kind, wäre ein Trauerspiel.«
Kaum hatte er das letzte Wort gesprochen, entwand sich Gesche seinen Armen. Im Überschwang ihrer Freude riss sie den Vater mit hoch. Vor Freude klatschte sie in die Hände und zog ihn zur Tür. Das eben geführte Gespräch schnell vergessend, dachte sie nur noch daran, in welchem Kleid sie am Abend auf dem Ball erscheinen würde, um Gottfried zu gefallen.
Unschuldig plauderte sie: »Oh, mein geliebter Vater, du weißt gar nicht, welches Glück du mir eben bereitet hast. Nie werde ich dir das vergessen. Ich schwöre dir bei meiner Tugend, ich werde dir nie wieder Anlass zum Ärger geben.«
Erschrocken hielt Margarethe inne und raffte das Schultertuch fester über der Brust zusammen. Obwohl sie die ärmliche Gegend vor dem Hohentore kannte, zog sie unbewusst ihren Fuß zurück, den sie bereits auf die erste Stufe in die Tiefe gesetzt hatte. Rasch warf sie noch einmal einen Blick auf den Zettel mit der Hausnummer der Kaffeefrau, den ihr Lucia, die Zigeunerin, gegeben hatte. Die Nummer stimmte. Trotzdem grauste es ihr vor dem modrigen Geruch und der eisigen Kälte, die ihr aus der Dunkelheit entgegenschlugen.
Seltsam, dass Menschen so leben können, dachte sie und beugte den Oberkörper etwas vor, um in den durch einen dunklen Gang erreichbaren Hinterhof zu sehen. Als sie am Ende ein schwaches Licht erblickte, fasste sie neuen Mut und stieg die drei Stufen hinab, vorsichtig, immer einen Fuß vor den anderen, um nicht auf dem feuchten Lehmgestein auszurutschen. Schritt für Schritt tastete sie sich weiter vorwärts. Einmal rutschte sie. Nach einem Halt suchend, stützte sie sich mit der Hand an der bröckligen Lehmwand ab. Die Wand war kalt und schmutzig. Gleich darauf zog sie die Nase in krause Falten und schnupperte. Je näher sie dem Licht kam, umso mehr roch es nach menschlichem Unrat. Wieder zögerte sie und überlegte, ob es richtig war, Lucias Rat zu befolgen und Auskünfte über die Zukunft der Tochter von der Kaffeeleserin einzuholen. Doch Lucias gestrige Prophezeiungen aus den Karten, Gesche würde viele Sterbefälle zu beklagen haben und sich ein zweites Mal verheiraten, trieben sie weiter. Die düstere Weissagung ließ ihr keine Ruhe, zumal Lucia danach zu keinem Wort mehr bereit gewesen war. Aber sie hatte recht behalten mit ihrer Warnung vor den Kaffeeleserinnen. Diese Frauen lebten in ärgster Armut. Der Weg dorthin war mit Schmutz beladen und nicht ungefährlich.
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