Da Albert erst 16 Jahre alt war, als sein Vater starb, könnte man spekulieren, ob es überhaupt geplant gewesen war, dass er das Geschäft weiterführt. Aber nach dem Tod seines Vaters 1866 wurde seine Mutter Lucie im Adressbuch als Eigentümerin des Hauses und Rentiere eingetragen, was heißt, dass sie ein Teil der Räume vermietet hat, darunter wohl auch den Laden: Von 1870 bis 1877 betrieb der Kaufmann O. Klaunick in der Markgrafenstraße 74 ein Kolonial-, Butter- und Weingeschäft. Albert war 25 Jahre alt, als das Haus 1875 an den Bäcker Schnell verkauft wurde, der in der Kochstraße 48, also um die Ecke wohnte.
Über die Gründe für den Hausverkauf haben wir bereits spekuliert, kommen aber darauf noch einmal zurück: Finanzierung der Ausbildung der drei jüngeren Kinder Carl, Elisabeth und Hermann, die es offensichtlich einmal besser haben sollten als die Eltern, Studium der beiden Jungen und Kunstausbildung für das Mädchen. In der Konsequenz zog die Familie 1876 um, blieb aber in der Nähe – in der Markgrafenstraße 62 – wohnen.
Albert verschwand für einige Zeit aus unserem Blickfeld. Mit Sicherheit musste er nach der Schule zum Militär (vermutlich ein Jahr) und hat anschließend eine Kaufmannslehre (drei Jahre oder auch fünf wie sein Vater) absolviert. Erst 1878 (jetzt 28 Jahre alt) tauchte er als fertiger Kaufmann wieder auf. Wir haben allerdings nicht ermitteln können, wo er gearbeitet hat, und wir haben auch kein Geschäft unter seinem Namen gefunden, möglicherweise war er angestellt.
Was dann passierte, hat uns erstaunt. In rascher Folge fand sich die Familie Lüderitz an unterschiedlichen Adressen wieder: Lucie Lüderitz wohnte 1877 in der Alten Jakobstraße 120, ab 1878 in der Alten Jakobstraße 125, 1881 bis 1885 in der Trebbinerstraße 14, 1886 bis 1888 in der Hornstraße 22, 1889 bis 1892 in der Großbeerenstraße 83, 1893 in der Kleinbeerenstraße 20, 1894 und 1895 wieder in der Trebbinerstraße 11. Dann zog sie in die Nähe von Albert nach Berlin-Friedenau und war 1896 in der Wielandstraße 32, 1897 und 1898 in der Ringstraße 56 und 1899 und 1900 in der Fregestraße 62 gemeldet. Dort verstarb sie am 8. September 1900.
Eine Erklärung für die zahlreichen Umzüge ist die Zusammensetzung der Familie: Carl Lüderitz ging 1874 nach Jena zum Medizinstudium, kam aber 1882 wieder nach Berlin und wohnte in diesem Jahr bei der Familie in der Trebbinerstraße 14. Hermann Lüderitz ging nach dem Abitur 1884 zum Studium nach Heidelberg, kam 1888 zurück und wohnte bei der Familie in der Hornstraße 22, bevor er ein Jahr später nach Marokko ging. Elisabeth, die Malerin, scheint die meiste Zeit in der Familienwohnung ihr Atelier gehabt zu haben, malte aber 1885 in einem Gemeinschaftsatelier in der Schönebergerstraße 25; sie heiratete 1891 den Rechtsanwalt Rudolf Poppe und zog in einen anderen Berliner Bezirk. Und der Kaufmann Albert Lüderitz verschwand erneut für einige Zeit (1887 – 1889) aus dem Adressbuch, um 1890 als Kaiserlicher Bankbuchhalter und seit 1888 bei der Reichsbank beschäftigt wiederaufzutauchen. Er heiratete 1892 und zog nach Berlin-Friedenau.
Tabelle: Umzüge der Familie Lüderitz und einzelner Mitglieder Lucie Lüderitz (LL), Albert Lüderitz (AL), Carl Lüderitz (CL), Elisabeth Lüderitz (EL), Hermann Lüderitz (HL) *= Eigentum, sonst: Miete **1882: Trebbiner Str. 14, 1883: Ritterstr. 10, 1884: Reinickendorfer Str. 18c, 1886: Waldemarstr. 22, ab 1887 und bis 1906: Mariannenplatz 8
Ganz offensichtlich hat die wechselnde Familiengröße Lucie Lüderitz veranlasst, die Wohnung jeweils anzupassen, vermutlich um möglichst viel Geld aus dem Hausverkauf für die Ausbildung ihrer Kinder zurückzulegen. Aber das ist wahrscheinlich nur die halbe Wahrheit: In einem Zeitraum von nur 25 Jahren – 1875 bis 1900 – verdoppelte sich die Einwohnerzahl von Berlin von 966.000 auf 1.888.000 vor allem durch Zuzug und Zuwanderung. Dieser Prozess setzte nach 1871 ein, als Berlin Hauptstadt des neuen Deutschen Reiches wurde. Und das veränderte die Lage auf dem Wohnungsmarkt erheblich.
Ab 1892 sind alle Lüderitz-Kinder versorgt und haben Beruf und / oder eigene Familien. Es bleibt ein wenig rätselhaft, warum Lucie Lüderitz in den letzten acht Jahren ihres Lebens noch fünfmal umgezogen ist.
Umzug mit Martha und den Kindern
Albert trat 1887, mit 37 Jahren, in die Reichsbank ein und wurde Kaiserlicher Bankbuchhalter, 1898 Reichsbankbuchhalter, 1901 Oberbuchhalter und 1912 Kaiserlicher Rechnungsrat. Mit 65 Jahren ging er 1915 in Rente.
Er heiratete am 10. Oktober 1892 in Berlin Martha Wilhelmine Clara Lützow (* 19. Februar 1869), Tochter des Schuldirektors und späteren Besitzers einer Privatschule Friedrich Julius August Lützow und der Clara Pauline Albertine Lorenz. Martha Lützow war die Schwester von Karl Lützow, dem Pfarrer in Schmöckwitz und Eichwalde (7,8).
Bild 4-1: Die Kinder von Martha und Albert Lüderitz: Bernhard (li), Georg (re) und beide mit Charlotte, aufgenommen Weihnachten 1902
In den folgenden Jahren bekam das Paar drei Kinder: Charlotte, geboren am 24. Juli 1893, Bernhard, geboren am 27. März 1896, und Georg, geboren am 12. November 1897. Jetzt wiederholte sich, was wir schon bei Lucie Lüderitz und ihren Kindern nach ihrem Hausverkauf 1875 beobachten konnten: Albert zog nach seiner Hochzeit nach Berlin-Friedenau und wohnte bis 1893 in der Sponholzer Straße 42, zog dann in die Hauffstraße 13 (bis 1896), in die Lauterstraße 11 (bis 1899), in die Moselstraße 13 (bis 1902), in die Menzelstraße (bis 1904) und schließlich in die Cranachstraße 51 (ab 1905), wo er im eigenen Haus bis 1918 lebte. Das waren sechs Umzüge in 13 Jahren, eine vergleichbare Umzugsfrequenz wie bei seiner Mutter.
Dabei kann es im Fall von Albert und Martha nicht unbedingt am Geld gelegen haben. Er hatte mit Sicherheit ein festes Gehalt als Staatsbeamter im mittleren Dienst, und sie kam „aus gutem Hause“, wenngleich aus einer großen Familie (8). Die Kinder waren 1905 beim Umzug in die Cranachstraße noch nicht so alt, als dass eine Ausbildung schon viel gekostet hätte: Charlotte war zwölf, Bernhard neun und Georg erst sieben Jahre alt.
Tabelle: Umzüge von Albert und Martha Lüderitz. Carl Lüderitz (CL), Albert Lüderitz (AL), Charlotte Lüderitz (ChL), Bernhard Lüderitz (BL), Georg Lüderitz (GL), Adele Lüderitz (AdL); *Carl verkauft 1906, AL verkauft 1918, **= Eigentum, sonst: Miete
Es muss andere Gründe für die häufigen Umzüge gegeben haben. Einer könnte sein, dass die Familie mit dem Umzug nach Friedenau bereits früher (nach 1892) versucht hatte, dort dauerhaft Fuß zu fassen. Friedenau war als bürgerliche Villenkolonie großstadtmüder Beamter geplant worden (9), wurde aber bereits kurz nach seiner Gründung 1871 vom Ansturm der vielen Neubürger überrascht.
Der schnelle Ausbau, den auch andere Randbezirke von Groß-Berlin erlebten, mag die Preise für Wohnungen und Häuser nach oben getrieben haben. Möglicherweise war der 1905 erfolgte Häuserkauf viel früher (vor der Jahrhundertwende) geplant gewesen, musste aber wegen Kostenexplosion einerseits und Finanzierungsproblemen andererseits verschoben werden. Auch in Friedenau war der Wohnungsbau Spekulationsgeschäft (3).
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