»Wer stört mich auf dem Klo?«, witzelte er.
Randy reagierte nicht auf die Begrüßung. »Bei uns wurde eingebrochen!«
In der Leitung war es kurz still. »Ach, du Scheiße! Hast du die Bullen gerufen?«
»Den Arsch Bruker?«
»Stimmt. Warte mal, mein Dad war zum Mittag da.«
Randy hörte Gemurmel im Hintergrund. Ihm wurde abwechselnd heiß und kalt.
»Okay, mein Dad kümmert sich darum. Ich melde mich sofort wieder bei dir.«
Und bevor Randy antworten konnte, hatte Mason schon aufgelegt.
Verdammt, als Erstes musste er wissen, ob noch jemand im Haus war. Eine Waffe! Er brauchte eine Waffe! Er griff den großen, schweren Akku-Strahler – der wog sicher gute zwei Kilo. Mit der anderen Hand umklammerte er sein Smartphone in der Hosentasche. Dann schlich er sich mit hämmerndem Herzen nach draußen. Er spitzte die Ohren – es war nichts zu hören.
Auch im Schlafzimmer seiner Tante herrschte Chaos, Kleider lagen kreuz und quer. Der Vorhang bauschte sich auf. Randy hätte beinahe vor Schreck die Lampe fallenlassen. Doch es war nur eine Böe durch das gekippte Fenster gekommen – die Jalousie war nur halb geschlossen. Es blieb still. Mit dem Rücken an der Wand schob er sich wieder nach draußen. Sein Herz raste. Er zuckte zusammen, als hätte er einen elektrischen Schlag bekommen, als sein Telefon in der Tasche anfing zu brummen.
Mason. Randy drückte auf die Rufannahme.
»Mein Dad hat Deputy Sachsen alarmiert. Du sollst bleiben, wo du bist, und nichts anfassen oder verändern, sagt der Deputy«, wies Mason ihn an. »Er ist gleich bei dir.«
»Okay«, wisperte Randy. »Ich wollte nur schauen, ob noch jemand im Haus ist.«
»Bist du des Wahnsinns?«, fuhr Mason auf. »Rühr dich nicht und spiel nicht den Helden. Ich komm auch gleich, mach mich gerade auf den Weg.«
Randy brummte nur als Antwort. Er und Held spielen – das sagte der Richtige!
Doch kaum hatte er aufgelegt, läutete auch schon die Türglocke. Er flitzte runter und spähte durch den Spion. Deputy Sachsen stand draußen, mit einer jungen Kollegin, die er als Officer Anders vorstellte, als Randy geöffnet hatte. Als sie ihn mit »Mr. Steinbeck« ansprachen, winkte er ab und bat, ihn »Randy« zu nennen.
Die beiden Polizisten durchsuchten zuerst das Haus. Ein surreales Bild, wie sie mit gezückten Waffen durch die Räume gingen. Es war jedoch keiner mehr da, der Einbruch war sicherlich in der Nacht erfolgt. Sie rekonstruierten anhand der Kratzspuren, dass der Einbrecher es vermutlich zuerst an der Tür versucht hatte, das Sicherheitsschloss jedoch nicht aufbekommen hatte, dann hatte er wohl die Terrassentür aufgehebelt, auch hier war eine Kerbe in der Tür.
»Leider ist es bei vielen Balkontüren relativ einfach, sie zu öffnen, euer Schloss hilft da nicht viel. Wenn ihr länger weg seid, lasst bitte unbedingt immer die Jalousie herunter«, legte der Deputy ihm nahe.
Randy nickte. Irgendwie war er immer noch wie vor den Kopf geschlagen, er kam sich vor, als passierte alles um ihn herum wie im Nebel.
»Hast du deine Tante schon angerufen?«, fragte der Deputy.
Randy verneinte. »Ich würde sie wirklich nur ungerne stören, die Schulung ist wichtig für sie. Und … es ändert ja nichts mehr daran, wenn sie es später erfährt, oder?« Er biss auf seine Unterlippe. »Müssen wir sie denn anrufen?«
»Nein, von uns aus nicht, wir können auch später mit ihr reden. Wenn es für dich okay ist, deine Aussage allein zu machen?«
Randy nickte.
»Stört es dich, wenn ich unser Gespräch auf Band aufnehme?« Der Deputy grinste verlegen. »Ich kann meine eigene Sauklaue meist nicht mehr lesen.«
Randy lächelte schwach. »Nein, natürlich nicht.«
Der Polizist schaltete sein Gerät an. »Wusste denn jemand davon, dass das Haus heute Nacht leer steht?«
»Nun ja, das gesamte Krankenhaus weiß, dass meine Tante Fortbildung hat – sie ist Krankenschwester und macht gerade eine Zusatzausbildung zur OP-Schwester. Und dass ich heute bei Mason übernachtet habe – puh!« Er versuchte zu rekapitulieren. »Nur Danielle und Olivia, Freundinnen von uns. Und natürlich Masons Eltern. Ach ja, und ein Kollege von Mr. Collister, der kurz vorbeikam – aber sicher niemand, der an einem Einbruch bei uns interessiert sein könnte.«
Der Deputy tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Lippen und pustete dagegen. Es sah aus, als wollte er etwas sagen, doch dann verwarf er es wohl wieder, denn er wandte sich an Officer Anders, die alles fotografiert hatte und nun mit irgendeiner Speziallampe die Wände und Böden nach Fingerabdrücken und Spuren ableuchtete und einscannte. »Schauen Sie bitte auch noch im Garten nach, ob Sie etwas finden.«
Mit entschuldigendem Gesichtsausdruck wandte er sich an Randy. »Leider stehen uns für Einbrüche keine großen Spurensicherungs-Teams zur Verfügung, wie du sie vielleicht aus dem Fernsehen kennst, da der – ich nenne es mal – Schaden zu gering ist und die Erfolgsquote einfach zu niedrig, aufgrund irgendwelcher Spuren Einbrecher dingfest zu machen. Meist ergibt es sich dann eher, dass das Diebesgut sichergestellt werden kann, wenn wir einen Hehler ergreifen können.«
Randy schloss die Augen. Es kämpften immer noch Fassungslosigkeit und Wut in ihm. Der Verlust seines Rechners war schon eine Tragödie, aber irgendwie war das Gefühl, dass jemand hier in ihren Sachen gewühlt hatte, noch viel schlimmer. So eine verdammte Scheiße! Wenn ich den erwische …
»Wenn meine Kollegin durch ist, können wir dann gemeinsam schauen, was alles wegkam? Ich meine das, was du so auf die Schnelle selbst beurteilen kannst. Wenn deine Tante heute Abend wieder da ist, werde ich nochmals wiederkommen und mit ihr sprechen.« Der Deputy lächelte ihm beruhigend zu.
»Ja, klar.«
Der oder die Diebe hatten Tante Barbaras Notgroschen in der leeren Mehldose im Küchenregal nicht entdeckt. Sie bewahrte dort immer rund einhundert Dollar in kleinen Scheinen auf, falls Randy etwas zu essen kaufen musste, wenn sie Schicht hatte, oder sie mal schnell Bargeld brauchte. Auch im Wohnzimmer fehlte auf den ersten Blick nichts. Der Fernseher war ebenso wie die Stereoanlage eine ältere Generation, hier im Haus gab es nicht viele Gegenstände, die wirklich von Wert waren und sich lohnten, gestohlen zu werden. Im Schlafzimmer war die Schatulle mit Tante Barbaras Modeschmuck ausgekippt, aber Randy konnte nicht sagen, ob es dort wertvolle Stücke gegeben hatte. Als er kleiner war, hatte er sich den Schmuck zwar mal angeschaut und damit herumgespielt, aber nicht einzeln gemerkt. Der größte Schaden und – wie er jetzt feststellte – die meisten Werte hier im Haus waren wirklich in seinem Zimmer. Der Flachbildschirm und auch sein Fernseher waren wirklich teuer gewesen – er hatte sich alles von seinem Erbe, von dem er jährlich eine gewisse Summe ausbezahlt bekam, gekauft -, aber wahrscheinlich waren sie dem Einbrecher zu groß zum Wegtragen gewesen. Komischerweise hatte der Dieb auch seine Playstation stehenlassen, auch die war doch einiges wert. Vielleicht war er durch etwas gestört worden?
Oder – und dieser Verdacht gärte seit Anbeginn in Randy – war jemand nur auf seine Daten scharf gewesen? Steckten der Widerling Thompkins oder sogar der Graf hinter der ganzen Angelegenheit? Thompkins hatte ihnen Rache angedroht – aber irgendwie hatte er immer gedacht, der würde sie mal vermöbeln oder so.
Ein Ruf von Officer Anders aus dem Wohnzimmer unterbrach seine Gedanken. Sie hatte mit der Lampe einen recht großen Fußabdruck gefunden. Sie nahm den Abdruck mit einer Art Gelfolie ab und vermaß ihn. Er war 32 Zentimeter lang, also wohl Schuhgröße 11. Randy hatte Herren- 9 ½, seine Tante Damengröße 7.
»Falls er nicht von einem Fremden ist, könnte er nur von Mason sein, der hat auf jeden Fall größere Füße als ich«, sagte Randy grübelnd. »Aber ich glaube nicht, dass er im Wohnzimmer war, nachdem Tante Barbara gewischt hat.«
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