Lielan deutete eine elegante Verbeugung an und setzte damit das Signal, dass die Show nun endgültig beendet war. Die Stille dauerte noch eine Sekunde an, als hofften alle auf eine Fortsetzung. Dann klatschte ein erster Zuschauer Beifall, weitere applaudierten, verliehen ihrer Begeisterung pfeifend Ausdruck, andere stampften mit den Füßen, sodass der Boden aus groben Schiffsdielen bebte.
Lielan indes schien dies nicht zu beeindrucken, er packte Fesseln, Kerze und Gerte in die Tasche ein. Währenddessen kniete Tim noch an derselben Stelle und wartete darauf, dass sich sein wummerndes Herz ein wenig beruhigte. Zum ersten Mal hatte er Lielans Befehlen ohne zu zögern, ohne sie in Frage zu stellen, in der Öffentlichkeit Folge geleistet. Irgendwie erfüllte ihn dies ein wenig mit Stolz. Erst auf ein Fingerschnippen seines Meisters stand er auf und kleidete sich schnell an. Dann hob er die Tasche hoch und folgte Lielan die Stufen der Bühne hinab.
»Bitte warten Sie!«
Als der Barbesitzer hektisch nach Lielans Arm griff, um ihn zurück zu halten, packte Tim ihn aus einem Impuls heraus an der Schulter.
Sofort ließ der Mann los und trat einen Schritt zurück. »Verzeihung, aber ... wir müssen reden. Ich nehme Euch unter Vertrag ...«
»Danke für das Angebot«, erwiderte Lielan förmlich. »Kein Interesse.«
»Seid Ihr anderweitig gebunden? Ich biete Euch mehr ...«
»Nein. Danke.« Lielan machte einen Schritt vorwärts.
»Sagt uns, wann und wo ihr das nächste Mal auftretet!«, verlangte jemand.
Doch Lielan schüttelte nur noch lächelnd den Kopf, drängte weiter voran und die Gäste bildeten eine Gasse. Tim folgte seinem Meister hinaus aus der Bar.
»Du weißt, dass du für die nächsten Wochen Gesprächsthema Nummer Eins sein wirst. Alle fragen sich bestimmt, ob das einstudiert oder echt wahr, was meinst du?«, merkte Tim aufgedreht an und schnippte eine Flocke vor seinem Gesicht fort. Was war das denn jetzt? Weiße Ostern? Seine Frühlingsgefühle würden sich davon nicht stoppen lassen.
»Das kann man nicht spielen, Tim. Und du weißt das. Das Entzücken auf deinem Gesicht war echt«, erwiderte Lielan schmunzelnd und winkte einem näher kommenden Taxi. »Ich bin stolz auf dich. Heute Abend warst du endlich der Sklave, der du immer sein wolltest.«
Das war absolut richtig. Er hatte sich immer ganz und gar unterordnen und seinem Dom blind vertrauen wollen. Es war ihm nur bislang nie gelungen. Immer war er angespannt, aufmüpfig oder eben einfach ungehorsam gewesen.
»Dann war ich also heute der Sklave, den du dir immer gewünscht hast?«, fragte Tim vorsichtig. Er konnte nicht genug davon bekommen, in der Richtigkeit seines Verhaltens bestätigt zu werden. Vielleicht war seine Wahrnehmung ja falsch, und Lielans Lob entsprang nur einer momentanen Euphorie?
»Oh ja, du warst perfekt«, erwiderte Lielan und wartete, bis Tim die hintere Tür des Taxis für ihn öffnete.
Seelig und von einem wohlig warmen Gefühl durchströmt lehnte der Sub sich im Sitz zurück und zögerte, seine Hand auf Lielans Oberschenkel zu senken. Sollte er zuerst um Erlaubnis fragen? Doch da legte der Dom schon seine große Hand auf Tims und vollendete die begonnene Bewegung.
Straßenlaternen, Ampeln, Autos – alles huschte an ihnen vorbei, ohne dass Tim es so recht registrierte. Vor seinem geistigen Auge lief der Abend noch einmal ab und das köstliche Prickeln, das ihn auf der Bühne high gemacht hatte, erfasste ihn von Neuem. Seinen Schließmuskel lockernd und wieder anspannend fühlte er – da war etwas, nicht besonders groß, aber doch zu spüren.
Für einen Moment blieben seine Augen an der Digitalanzeige hängen, die neben dem Eingang einer Bank zwischen Temperatur und Uhrzeit wechselte. Gerade eben sprangen die Zahlen von 23:59 um auf 0:00. Mitternacht, Ostersamstag auf Ostersonntag. In wenigen Stunden würde in den meisten Familien die traditionelle Ostereiersuche beginnen. Er erinnerte sich kaum, wie das in seiner Kindheit gewesen war. Es hatte wohl keinen bleibenden Eindruck hinterlassen ...
Ein Vibrieren riss ihn aus seinen Gedanken. Verwirrt überlegte er, was das zu bedeuten hatte – es geschah ganz nah, sozusagen intim, in seinem ... Tim schnappte nach Luft und drückte Lielans Oberschenkel fester. Das köstliche Prickeln sprang direkt auf seine Geschlechtsteile über und machte es schier unmöglich, ruhig sitzen zu bleiben. Erregt rutschte er hin und her.
»Hör auf zu zappeln«, rügte Lielan leise.
»Ja Herr«, keuchte Tim.
Wenn das nur nicht so schwierig wäre. Mit so einem Mini-Vibrator im Anus konnte man doch schon mal die Beherrschung verlieren.
Kurz darauf hörte die Vibration auf, was Tim mit einem tiefen Seufzen quittierte. Sein Körper war aufgewühlt, Endorphine peitschten durch seine Adern und es war ganz und gar unmöglich, seinen harten Schwanz zu ignorieren. Aber dies war der falsche Ort, um Lielan zum Sex zu ermuntern, das wusste er.
»Bist du schon sehr müde, Herr?«, fragte Tim, nachdem das Taxi sie abgesetzt und er die Haustür aufgeschlossen hatte.
»Geht so«, erwiderte Lielan unbestimmt. »Ich denke, du kennst sicherlich Mittel und Wege, mich munter zu machen.«
Oh ja. »Möchtest du es dir bei einem Glas Wein auf dem Sofa bequem machen?«, fragte Tim, während er vor seinem Herrn kniete, um ihm die Stiefeletten auszuziehen.
»Gern.«
Aufgeregt wuselte Tim hin und her, holte eine Flasche australischen Rotwein aus dem Weinregal, das sich in dem kleinen, von der Küche aus zugänglichen Vorratsraum befand. Natürlich wäre es besser gewesen, er hätte die Flasche bereits geöffnet, bevor sie das Haus verlassen hatten. Dann hätte der Wein ausreichend Zeit gehabt, sein Aroma zu entfalten. Aber er konnte ja nicht wissen ... Mit der geöffneten Flasche und zwei stilvollen Weingläsern in den Händen ging Tim hinüber ins Wohnzimmer.
»Darf ich?«, fragte er, während er Lielans Glas befüllte.
»Hm«, machte der Dom, schnupperte über den Rand des Glases hinweg und nahm einen Schluck. »Wenn der Abend noch länger dauert, wird der Wein uns beiden exzellent munden. Du musst also warten.« Er schaute seinen Sklaven mit hochgezogener Augenbraue an. »Hast du nicht etwas vergessen?«
Dieser Blick konnte Steine brechen.
»Ja Herr, ich weiß ...«, beeilte sich Tim schuldbewusst zu versichern. »Ich wollte dich zuerst bedienen.«
In der Wohnung gab es für ihn nur eine Bekleidung: Haut. Jederzeit bereit, mit seinem knackigen wohlgeformten Körper das Auge seines Meisters zu erfreuen und seiner Lust zu dienen.
»Eine Ausnahme, nur heute, vor allem wegen der Überraschung ...«
»Aha«, erwiderte Lielan und lehnte sich entspannt zurück.
Erleichtert dimmte Tim das Licht der indirekten Beleuchtung auf eine für die Augen angenehme Helligkeit, und huschte hinüber zur Stereoanlage, wo er schon vor Stunden eine passende Musik vorbereitet hatte. Nicht zu hart und nicht zu schmusig. Ein instrumentales Stück mit gutem Rhythmus, genau richtig, um sich dazu zu bewegen und für Lielan einen vollendeten Striptease hinzulegen. Der zweite an diesem Abend, was er ein wenig bedauerte, aber nicht vorhersehen konnte, und was Lielan hoffentlich nicht stören würde.
Hüftschwingend und nicht weniger schwungvoll und einfühlsam als in der Bar, immer im Blickkontakt mit seinem Dom, kleidete Tim sich Stück für Stück aus. Lielans Lächeln ermunterte ihn. Mit jeder Minute erhöhte sich die Frequenz seines Pulses und er machte weiter, bis er nur noch mit dem Lederstring bekleidet war.
Nun drehte er sich um, zeigte dem Dom seine Kehrseite. Ein kurzer Blick nach unten. Alles in Ordnung, die Überraschung konnte beginnen. Mit geschickten Fingern löste er die Bändchen, die den String hielten, und wandte sich dann, beide Hände über dem Geschlecht, seinem Herrn langsam wieder zu, ein wenig näher an das Sofa herantretend. Diesem stand die Neugierde ins Gesicht geschrieben, als er sich nun vorbeugte, die Lippen leicht geöffnet.
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