Jetzt liefs, der Faden, von der Spule zur Spitze, axial zwischen den beiden Metallschenkeln. Ich nahm den Bobbin rechter Hand, die Spule unterm Ballen, den Daumen am linken Triangelstab, am rechten vierter, dritter, zweiter, erster Finger, der schon fast am Metallröhrchen lag, aus dem wiederum das Fadenende hing wie eine Zunge. Einem Fühler gleich flog es voran zum Haken hin, der vor meiner Brust schwebte im Bindestock. Ich dirigierte die Fadenspitze direkt hinter den Goldkopf, ein Kuss auf den Hals des grauen Metalls. Ich legte die linke Zeigefingerkuppe an die schwarz glänzende Fadenspitze, leichter Druck nur, gegen den Haken, und dann zog ich die rechte Hand sacht Richtung Hakenbogen zurück. Die Spule drehte sich, der Faden wurde abgewickelt, meine Bobbinhand schwebte den Körper entlang. Ich sah im Metallskelett des Hakens schon das nachgeborene Nymphenfleisch, bewegte im Kreis das Handgelenk, ein Rotorblatt der Bobbin, eine Hommage schon fast an die baldigen Hahnenfiebern, wie sie im Wurfwind hecheln würden, auf ellipsoider Bahn. Wie ein Mond seinen Planeten umtanzte meine Hand den Haken, wie unsere Welt die Sonne umkranzte der Bobbin die kommende Fliege, der Faden umgarnte die Nymphe in spe. Gegen ihre Kehle presste immer noch meine linke Zeigefingerkuppe das Fadenende. Dann war der Haken hinter dem Goldkopf siebenfach umschlungen und ich dachte, dass es reichte, nicht dass es ihr noch den eben fixierten Schädel verdrehte, sie sollte doch reizen, nicht umgekehrt. Sie scherte sich stolz und unwiderstehlich um niemanden, kehrtmachen, sich umdrehen, den Mund wässrig recken musste dann nur die Forelle, oh ja, sie würde, auf dass es ihre Welt kopfstellte.
Während ich so hin und her überlegte, baumelte der Bobbin vom Haken. Die Spule, sacht beschwingt wie ein eben verlassenes Schaukelbrett, bildete auf Höhe meines Zwerchfells eine horizontale Parallele zwischen der Tischkante, an der ich saß, und dem starren Haken, dem ich in der achten Umrundung eine blaue Flachsfaser aufgebunden hatte. Der Faden lief nun lotrecht vom Hals hinunter, durch das Metallröhrchen, mittig zwischen den beiden Metallschenkeln dahin. Sie erreichten an den seitlichen Zylinderflächen die Spule ebenfalls, in der auch der Faden sein Ende nahm, alles in allem eine schwebende Triangel, gehalten vom wahren Musikuss, der baldigen Fliege. Der Bobbin schwang aus, ruhte nun in Form eines weiten Kleids, die Beine der Braut gespreizt. So wartete das Ding auf die baldige Vermählung, auf den Zug kundiger Hand, die gerade den drallen Körper schlang, den Bobbin erneut aufnahm, den Flachs niederband, die Hahnenfeder am Hals applizierte und den Bobbin während des Hechelwickelns wieder links hängen ließ. Das Eigengewicht des filigranen Geräts war zu gering, den Faden abzuwickeln. Ich justierte den Biss an den Seitenflächen der Spule, wenn ich sie zwischen den Nymphen auswechselte, um noch dünneren Faden zu verwenden. Niemals riss er. Es war ein wahres Wunderwerkzeug. Immer wieder fragte ich mich, oder war verwundert, fast schon erbost darob, wie alle diese Fliegenzampanos, Ernstl eingeschlossen, den Begriff Bobbin verwenden konnten, ihn zur Hand zu nehmen vermochten, ohne ihm einen Moment Obacht zu zollen. Oh Bobbin, oh Bindestock, oh Opferstock zu Hoch- und Bleipodest, zu Füßen dir, zu Zehen schon, vor dir lag das Eisenteil. Auf dass es die Fliege loseiste. Den Schlussknoten bändigte ich damit. Ein nahezu göttlich namenloses Werkzeug, eine Gerätschaft mit in alle Richtungen weisenden Haken und Gräten. Whipfinisher hatte Ernstl dieses fingerlange Stück immer genannt, ebenfalls ein Fliegengewicht dies Metallgerät. Es zu beschreiben würde selbst das Sprachvermögen eines Shakespeares sprengen. Es sah am ehesten aus wie Zahnarztbesteck. Und im übertragenen und umgekehrten Sinn war das sicher richtig. Immerhin beschloss der Whipfinisher den Bindevorgang, operierte, wenn man so wollte, die gebundenen Fliegen zwischen die Forellenzähne hinein. Und noch abschließender als das Schlussknotenzirkelding lag die goldene Nagelschere hinter dem Bindestock, die den Faden wie eine Nabelschnur abschnitt, sobald er am Hals der Goldkopfnymphe verschlussknotet war, was jetzt geschah, nachdem ich die Hahnenhechel abgebunden und eine Strähne Rehhaar als Schwänzchen sowie eine Lenasträhne als Flügelscheide aufgebunden hatte. Irgendwelche Nebochanten hätten sich mal einfältigerweise einfallen lassen, den Schlussknoten nicht Schlussknoten zu nennen, sondern Kopfknoten, Dummköpfe, hatte Ernstl stets gesagt, Bauernschädel, die sollte man aufhängen, insistierte er, immerhin lege man den Schlussknoten ja zwischen Goldkopf und Körper an, beharrte er, also um den Hals, etc. pp. dc., schloss er und redete ansatzlos irgendetwas weiter, während er an der mir gegenüberliegenden Tischlängsseite auf und ab ging. Er kommandierte, antwortete auf Fragen, die er nicht selten selbst gestellt hatte, wenn er nicht gerade von seinem Achterl trank, oder er monologisierte vor sich hin, schnell und frei, vollgesoffen und assoziativ. Noch sah ich ihn morgens den Weg durch den Herbergsgarten herankommen, zuoberst die Fliegenfischstangenspitze, einerseits den Korkgriff in der Hand, andererseits den Hals der obligatorischen halbvollen Doppelliterflasche Weißwein zwischen den Fingern, erhoben den Kopf zu den Wolken, eine verspiegelte, in allen Regenbogenfarben schillernde Sonnenbrille mit goldenem Gestell vor den Augen, hochgeschlossen bis über den Adamsapfel das Rehhaarfell, das ich nur am Aufschlag erkannte. Verkehrt herum, mit der Lederhaut nach außen und den Haaren nach innen bedeckte es abgesehen von den nackten Füßen und dem Kopf Ernstls ganzen Körper in der kalten Luft wie dereinst Steinzeitmenschen. Im fliegenfischerhaften, dreizehnfachen und doppelt in sich selbst geschlungenen Modus war Ernstl um die Hüfte mit einem hanfenen Strick gegürtet, der die beiden Rehlederhälften zusammenhielt und seine Figur betonte. Fast versank der Stecken von Ernstls Oberkörper in dem weiten Gewand. Sein Gang scheuchte alle Vögel auf, die in den versandeten Flecken des Gartens gebadet oder aus der Dachrinne getrunken, ihre Nester in den Buchen aufgesucht hatten. Nur die Bewegungen seiner Beine ließen sich unter dem Rehgewand erahnen, was nicht zweifelsohne an ihrer muskulösen Gestalt lag. Vielleicht ging es eher um den Schnitt des Lederflecks, der auf Oberschenkelhöhe schlanker wurde. Dann glitt mein Blick hoch über die ledrige Haut, aber so nahtlos, als wäre dieses Rehleder nie abgezogen worden, als wäre da keine Bauschlitzöffnung zu gürten, als schauten und flögen und schlidderten meine Augen über Glätte, ein haselnussbraunes, wie ein zugefrorener See in der Sonne glänzendes Fell bis zum Hals, dann über das Kinn, den Mund, und sogleich spiegelten sich meine Glupscher auf den Brillengläsern über Ernstls Nase. Golden blitzte das Gestell.
Ich sagte: »Wo hast du das her?«
»Das wüsstest du gern!«, herrschte er mich an und trank vom Weißwein, der jeglichen Verschlusses entbehrte.
»Was?«, sagte ich.
»Was, was?«, sagte er und das Fell am Aufschlag schien sich aufzustellen und metallisch zu blitzen im Frühlingslicht, wie eine Waffe, gefährlicher als die in meiner Hand.
»Wie bitte?«, probierte ich es wieder und unter dem fetten Duft des ersten Flieders sagte er: »Wie bitte, wie bitte?«
»Ernstl, also woher denn jetzt?«, sagte ich und legte Hand an seinen Aufschlag, neben seinen Adamsapfel, nur zwei Finger, zwischen denen ich eine Rehhaarsträhne zusammenzwirbelte. »Von meinen guten Freunden aus good old Germany«, und er deutete auf die Axt, die ich hielt. »Pardon?«, sagte ich.
»Siegi Heehrmann, du hast uns wohl verstanden.«
»Also, aus Deutschland, von deinen guten Freunden.«
»Die lassen uns nie im Stich!«
»Oder von deinen deutschen Freunden irgendwo anders her?«
»Das könnte dir so passen, Judas.«
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