Leander Fischer - Die Forelle

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"Und genauso sei es, sagte er. Ein Widerhaken sei widersinnig. Der Fisch habe eine faire Chance. Und fingen wir ihn doch, setzten wir ihn zurück. Nur das Erlebnis zähle, nicht das Ergebnis."
In ein oberösterreichisches Provinzkaff hat es Mozarteumsabgänger Siegi Heehrmann verschlagen, wo er als Musikschullehrer für Saiteninstrumente arbeitet. Seine Leidenschaft steckt er dort aber vor allen Dingen in eine andere Kunst, die Kunst, einen perfekten Köder herzustellen. Von Ernstl Thalinger lässt er sich in die Geheimnisse des Fliegenfischens einweihen, wobei er zunächst lernen muss, Fliegen zu binden, die den Fischen als echte Lebewesen erscheinen sollen. Nicht nur in der Dorfwelt sind Siegi und seine Freunde dabei Außenseiter, auch der örtliche Fliegenfischerverein beobachtet ihr Treiben mit feindlicher Gesinnung. Und steht der vorsitzende Obmann Volki nicht Siegis Frau Lena verdächtig nahe?
In seinem Debütroman entspinnt Leander Fischer aus dem Fliegenbinden eine ganze Welt, in der Themen wie Kunst und Nachahmung, Natur und Umwelt, Gesellschaft und Politik Österreichs in den 80er Jahren, aber auch die bis in die Gegenwart nachwirkende nationalsozialistische Vergangenheit eine wichtige Rolle spielen. Und dies in einem Stil, der den Leser sofort in seinen Sog zieht. Mittels Rhythmus und Sprachspielen fließen die verschiedenen Ebenen des Textes ineinander, die Sprache ist zugleich überquellend wie ein sprudelnder Gebirgsbach als auch präzise gebunden wie eine der Fliegen – ein außergewöhnlich starkes Debüt voller Sprachspiele und rhythmischer Elemente.

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Kaum waren ich und der Sack in Kurtis Reichweite, wandte er sich auf den Bärenfersen um, riss griffsicher mit den Worten, »hab schon gedacht, du bist gestorben«, den schwereren Sack an sich, zog eine Dose Eisspray hervor. War der waldeigene Eingeweidegeruch schon widerlich, kniff jetzt mit Zischen eine Wolke silbrigen Dampfs, fast pulvriger Konsistenz, in meinen Nasennerv, zwang mich, zu weichen, ein paar Schritte rückwärts wegzugehen. Dabei geriet vor Kurtis Kopf der Rehschädel in meinen Blick, an dem sich schon erste Eiskristalle bildeten in der halbdurchsichtigen Wolke, die als Rückstoß entstand, überall dort, wo die Fontäne aus Kurtis Hand auf den Rehkörper prallte, Oberkante Unterlippe, anorektische Schlegel, die ganze Flanke entlang und zuletzt sogar das Gedärm. Langsamer als erwartet schwand der Anblick von Wolkenkränzen umwundenen haselnussbraunen Fells aus meinem Gesicht. Erst als der klaffende Schnitt durch die Bauchdecke langsam vereiste und das Blut am Halsschnitt gerann, fiel mir auf, dass ich im Gehen, mit jedem Schritt mich aufrichtete, kerzengeraderer Haltung rückwärtsschlich und schließlich ganz aufrecht stand, noch zweimal schwebten meine Fersen nach hinten und endlich senkte sich der Fleischerkopf zwischen mich und das Reh. Die Eisspraywolken schlichen sich ebenfalls, wenn auch langsam, noch waren sie da, wölkten von Kurti weg und legten sich in der Windstille auf den Wildwechselboden. Der Gestank, den die Chemikalie so lange überdeckt hatte, kehrte nicht wieder. Immer noch in der Hocke saß Kurti da, hob das Fleischerbeil immer wieder über den eigenen Kopf, haute es hinunter, hindurch, mittendrein ins Rehkitzgebein in neolithisch konterrevolutionärer, karachotrockener, hackstockhafter Knochenknackermanier. Überall um mich herum glitzerten perfekte Kristalle an Halmen, lagen zuoberst auf Pilzschirmen, Flechten und Farnen. Sie verdarben mir den Gedanken an Schwefelwolken, die immer noch rund um Kurti schwebten, als kämen sie direkt aus seinem Mund, aus seinem Dahinhauen selbst, bis sich das Gewölk auch dort lichtete, als hätte er es weggedroschen.

Zwitschern frühmorgendlich wurmfangender Waldvögel begann in extrem unreiner und krass schiefer Stimmlage. Jedes Schwarzspechtgehämmer wäre mir lieber gewesen zu Kurtis Kniedurchstrecken. Er ließ Bärenspuren und eine gefrorene, schwarze, vor Sonnenreflexen blendende Fläche hinter sich und trug keinen einzigen Blutspritzer am Gewand. Im Gehen bückte er sich mehrmals und brockte völlig wahllos einfach alle Herrenpilze, die ihm in die Quere kamen. Sogleich wanderten sie zuoberst in die raureifüberzogenen Plastiksäcke, steifgefroren die Oberfläche, keinerlei Rückschluss mehr möglich auf den Inhalt, vollgestopft aber doch, aus einer Hand gen Boden hängend, mächtig Gewicht an sich dehnenden Henkeln. Zu ganzer Größe erhoben, das schwarze Gesicht vom Waldrand gerahmt, genau inmitten jenes Geburtskanals zweier ineinandergewachsener Bäume sein weißes Grinsen, er hatte sie sich extra bleachen lassen für diesen Auftritt. So schritt er mir entgegen, die Plastiksäcke schwenkend, in der anderen Hand den Rehschädel vorstreckend. Vom Hals wuchsen Eiszapfen herab, die bereits im Sonnenlicht schmolzen, glitzerten und das Fell hinauf in vereiste, kürzer werdende Fransen übergingen, bis an die kalten Augen, die mir entgegenschauten. Es war nur eine Frage von Minuten und Temperatur, bis sich dieses stillgestellte Ding in einen völlig aufgeweichten, armen Tropf verwandelte. Kurti hielt mir den Rehkitzkopf vors Gesicht, wackelte so stark mit seinem Arm, dass der Unterkiefer auf und ab klapperte. Zwischen Zähnen und Zunge brachen ganze Brocken gefrorenen Blutes und Speichels, fielen heraus aus dem Maul wie die immer gleichen drei Silben, die Kurti mit grell verstellter Stimme in stetem Rhythmus des glitzernden, schlagenden, krachenden, vor Eiszapfen ziegenbärtigen Unterkiefers vor mich hin zickte: »Kostprobe, Kostprobe, Kostprobe, Kostprobe.« Ich entriss ihm und dem schonungslosen Sonnenlicht den Schädel, bedeckte ihn mit Flanell, versteckte ihn unter meinem Hemd, schlich wortlos mit Kurti zurück unter die Eiche, wo er sich in die Wolldecke abschminkte. Fröstelnd ergriff ich meine Fliegenstange. In der untersten Öse saß eine Rehhaarfliege.

Den Lederfleck hielt ich in den Lichtkegel der zum Fliegenbindescheinwerfer umfunktionierten Schreibtischlampe. Im Glühen der Sechzigwattbirne flimmerte das haselnussbraune Haar wundersam silbern. Kitzlig rieb ich es zwischen den Fingern, fühlte die Trockenheit, als ich gegen den Strich streichelte, die Widerborstigkeit, das Wasserabweisen, und als ich meinen Finger mit dem Strich bewegte über das Rehhaar, spürte ich die Dichte, die Geschmeidigkeit, eine zweite Haut fast, zu der sich die daumennagellangen Haare fügten wie ein Film Sonnencreme. Andererseits war das Leder rau und karg, fast als ließen sich davon noch all die Blutbahnen, Muskelwülste und Sehnenstränge ablesen, die einst geschlummert hatten unter dieser Haut. Ich nahm einen Schluck vom beschlagenen Achterlglas, noch kalt und bitter der Pinot Grigio und der Blick hinaus durch die Fensterscheibe in die schwarze Nacht. Hohe Wolken hingen sicherlich über den Bergen. Zwar waren sie nicht auszumachen, doch anhand der fehlenden Sterne spekulierte ich auf ihre gespenstische Anwesenheit. Sie bildeten die dunkle Grundierung für das Spiegelbild, den schrägen Schein der Fliegenbindetischlampe, die matten Linien und Rillen auf der Holzplatte vor mir, golden gefüllt das Weinglas und mein eigenes, haselnussbraun glänzendes Gesicht, von dem ein wallender Bart hing. In den drahtigen Locken befanden sich fleischlose Haken vor Beginn ihres Lebens als Fliegen, eingehängt, systemlos fast, unsortiert, direkt neben bereits gebundenen Fliegen, die sich hier, in meiner Wolle, hoffentlich wohler fühlten als in einem Etui. Davor stand der metallene, zwiegespaltene Raketensprengkopf des Bindestocks wie ein gewaltiger, unabwendbarer, aufdringlicher, ja vergewaltigender Phallus. Ich ließ den Lederfleck sinken, richtete mich selbst im Sitzen auf. Ich griff einen Haken, fädelte einen passenden Goldkopf über den Bogen bis an die Öse. Dann drehte ich das Rädchen am Bindestockkopf. Seine Kiefer gingen auseinander. Ich hielt den Hakenbogen dazwischen, drehte das gezahnte Rädchen andersherum, und die Schraubstockhälften schlossen sich, die Klemmen hielten den Haken, er schwebte vor meiner Brust. Rechts des Bindestocks auf der Tischplatte lag mein Bobbin schon bereit. Bei diesem Gerät handelte es sich eigentlich um eine Triangel in der Größe meiner Handfläche. Einer der drei Metallschenkel durchlief eine zylindrische Kunststoffspule wie Wasser ein Rohr. Der unterste Triangelstab war sozusagen mit schwarzem Faden verkleidet. Nahm ich den Bobbin dann zur Hand, hielt ich ihn an den beiden freien Metallschenkeln. Ich fasste sie an wie meinen Violinenbogen. Jedoch, Momentchen, noch war der Faden ja lose, schlängelte sich zur Seite, lag gekräuselt und glänzend auf der Tischplatte im Licht wie eine sich sonnende Kreuzotter. Ich packte sie am Genick, hatte das Fadenende zwischen Daumen und Zeigefinger. Mit der linken Hand aber nahm ich den Bobbin, legte den Daumen an den rechten Triangelstab, die anderen Finger an den linken, das Metall kühl und glatt, zärtlich fast, in der aufgeheizten Stube ein frischer Hauch, ein Schauer, der meinen Arm hinaufkribbelte direkt in meine Brust wie ein Infarkt.

Ich hob den Bobbin in die Schwerelosigkeit, mein Handrücken schwebte exakt über der Spule wie ein Dach. Mit der anderen Hand hob ich den Faden an, zog. Zirpend setzte sich die Spule in Bewegung, drehte sich zwischen meinen Fingern, zwischen den beiden Metallschenkeln, unsichtbar unter meinem Handballen, auf dem untersten Triangelstab, rechts meines kleinen Fingers, mit der Kuppe spürte ich das Drehen. Ich spulte ausreichend Faden ab, richtete Daumen und Zeigefinger gegen das Licht, dazwischen wie gedacht, ausgefranst die Fadenspitze. Ich streckte meine Zungenspitze zwischen die Schneidezähne, biss mit leichtem Druck, ein sachtes Biberkauen, wartete ein paar Sekunden, bis die Spucke kam in meinen Mund. Ich nahm die Fadenspitze zwischen die Lippen, leckte daran, speichelte sie ein, schmiegte die losen Fasern wieder aneinander. Ich zog das Fadenende aus dem Mund, feucht und spitz, zwischen Daumen und Zeigefinger glänzte es schwarz. Ein größerer Batzen Speichel haftete noch daran, den ließ ich abtropfen auf die Tischplatte mit einem kurzen Abwärtssausen und Stoppen meiner rechten Hand, herrlich diese Fliehkräfte. Dann hob ich die linke Hand samt Bobbin auf Augenhöhe, die Spule fast an meine Nasenspitze, die beiden freien Metallschenkel liefen vorneweg in ein hauchdünnes Metallröhrchen aus. Es bildete gegenüber der Spule die Triangelspitze, die ich jetzt gegen das Licht richtete, sodass die Strahlen das Metallröhrchen durchdrangen. Ich kniff ein Auge zu, linste geradewegs in die Glühbirne, führte indes blindlings meine rechte Hand, Daumen und Zeigefinger, das angefeuchtete Fadenende zur durchleuchteten Mündungsöffnung des Röhrchens. In der linken Hand fühlte ich, wie sich die Metallschenkel erwärmten, in der rechten die Geschmeidigkeit meines eigenen Speichels, ich starrte durch einen Tunnel ins Licht, erzitterte kein bisschen. Das schwarze Fadenende kam in meinen Blick, die Spitze erglänzte, die minimale Öffnung verfinsterte sich, das mochte noch ein Schatten sein, schon schwebten Daumen und Zeigefinger hinterdrein, das Fadenende vorneweg gestreckt, es schwebte weiter, war drin, reingesteckt, eingefädelt. Dann nahm ich triumphierend das Metallröhrchen andererseits zwischen die Lippen, sog daran, dass es den Faden streckte, dass er durchs Röhrchen schnellte, dass es züngelte in meinem Mund. Dann spuckte ich den Faden aus, bevor ich reflexartig keuchte und alles beim Teufel war, wie immer fast erstickt. Es lohnte stets.

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