Dan klappte sein Notizbuch zu und drehte sich um, um den Raum zu verlassen. »Dann sollten wir alle hoffen, dass es morgen Abend keine Probleme gibt«, meinte er.
***
Nachdem er auf verschlungenen Wegen zum Safe-House zurückgekehrt war, die zwei U-Bahn-Stationen und eine Bushaltestelle, gefolgt von einer halben Meile Fußmarsch beinhalteten, schloss Dan die Haustür hinter sich und schaltete das Licht ein. Es flackerte einmal kurz und beleuchtete dann den langen engen Flur, der sich bis zum hinteren Teil des Hauses erstreckte.
Er ging direkt zur Hintertür, überprüfte dort die Türverriegelung und den dünnen Baumwollfaden, den er aus seinem Hemdsaum gezogen und zwischen Tür und Zarge befestigt hatte. Es war nicht schlecht, ein Frühwarnsystem zu haben, das nicht auf die zahlreichen elektronischen Geräte angewiesen war, die in dem Gebäude arbeiteten.
Zufrieden drehte er sich um und wollte gerade zur Vorderseite des Hauses zurückgehen, als er über sich das Klonk eines dumpfen Aufschlages auf dem Boden hörte.
Er zwang sich selbst zur Ruhe, stützte sich mit der Hand an der Wand ab, zog vorsichtig seine Schuhe aus und legte sie geräuschlos auf den Boden, dann holte er seine Waffe unter der Jacke hervor und entsicherte sie, während er den Flur entlang zum unteren Treppenabsatz schlich.
Die Treppe war zum Glück aus Marmor und in der Mitte mit einem dicken Teppich ausgelegt, sodass nur wenig Gefahr bestand, dass ihn eine knarrende Treppenstufe verraten würde. Dicht an die Wand gedrängt, näherte sich Dan der ersten Stufe und spähte vorsichtig nach oben, während er die Ohren spitzte. Vom Treppenabsatz im ersten Stock aus konnte er leise Stimmen hören. Er runzelte die Stirn, denn er konnte sich nicht daran erinnern, den Fernseher angelassen zu haben.
Er drückte sich eng an die Wand und begann, langsam und vorsichtig die geschwungene Treppe hinaufzusteigen, dabei hielt er seine Pistole mit beiden Händen vor sich und nach oben gerichtet. Während er hinaufstieg, suchte sein Blick die Treppe nach weiteren Anzeichen für einen Eindringling ab.
Klonk.
Dan erstarrte. Er versuchte seinen Herzschlag zu beruhigen, indem er langsam und tief durch die Nase atmete, dann zählte er bis zehn und setzte seinen Aufstieg fort.
Als er sich dem Treppenabsatz im ersten Stock näherte, ließ er sich in eine hockende Position sinken und kroch bis zum Absatz hinauf. Der Fernsehton war jetzt klarer zu verstehen.
Dan sah sich um und rief sich die örtlichen Gegebenheiten in Erinnerung. Er spähte in die Richtung der Schlafzimmer, die komplett im Dunkeln lagen. Dafür schimmerte aber Licht aus dem Wohnbereich, als Fernsehbilder die Decke und Wände des Raumes erhellten.
Er stand auf, ging lautlos über den Teppich und drückte seinen Rücken gegen die Wand, dann schlich er vorsichtig auf die Tür zum Wohnbereich zu. Er atmete langsam ein und aus und versuchte damit, seinen Puls zu beruhigen.
Plötzlich hörte er ein lautes Knarren, als sich jemand aus einem der schweren Polstersessel erhob.
Blitzschnell sah sich Dan im Flur um. Doch es gab keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Er machte einen Schritt nach hinten und brachte seine Waffe in Anschlag, als ein Schatten auf die offene Tür des Wohnbereichs fiel.
»Keine Bewegung!«, schrie Dan der Gestalt entgegen, die jetzt im Türrahmen auftauchte.
Der Mann ließ daraufhin die leere Bierdose in seiner Hand auf den Boden fallen und drehte sich langsam zu Dan um, während er gleichzeitig die Hände in die Höhe streckte.
»Jesus Christus, ich hab mir fast in die Hosen geschissen!« Mitch Frazer ließ die Hände wieder sinken und starrte Dan wütend an. »Was zur Hölle wolltest du denn damit erreichen … dass ich einen Herzinfarkt bekomme?«
Dan ließ die Waffe langsam sinken, wischte sich den Schweiß aus den Augen und starrte Mitch fassungslos an.
»Wie zur Hölle, bist du überhaupt hier reingekommen?«
Mitch beugte sich hinunter, um die Bierdose aufzuheben, die auf dem Teppich hin und her rollte. »Ich habe ein eigenes Passwort, du Idiot.«
Dan schüttelte den Kopf. Er lehnte sich gegen die Wand, um seine zitternden Beine zu beruhigen. »Jesus, das war echt knapp.«
»Wem sagst du das«, antwortete Mitch trocken. Er hielt die leere Bierdose in die Höhe und grinste. »Willst du auch ein Bier?«, fragte er.
Dan warf ihm einen Blick zu, rieb sich müde über das Gesicht und nickte.
»Ja. Verdammt noch mal, ja!«
Dan schaute hoch, als er und Mitch sich einigen viktorianischen Gebäuden näherten. Sein Blick wanderte über die roten Backsteingebäude, die von kunstvollen Gargoyles und hohen Schornsteinen gekrönt wurden.
»Fühlt sich an, als wäre ich wieder in Oxford«, murmelte er.
Mitch grinste ihn an. »Hauptsache, du ziehst hier keinen deiner Streiche von damals ab. Kann sein, dass sie uns dann nicht wieder rauslassen.«
David schaute die beiden über die Schulter hinweg an und runzelte die Stirn. »Vielleicht schafft ihr zwei es ja irgendwann einmal, erwachsen zu werden.« Er drehte sich wieder um und ging dann weiter den Kiesweg entlang.
Sie erreichten nun den äußersten Winkel des Gebäudekomplexes und hielten vor einer großen Doppelflügeltür an, deren verwitterte Eichenholzverkleidung seit Jahrzehnten den Elementen trotzte. David blieb stehen und drehte sich zu Dan um.
»Du solltest dir im Klaren darüber sein, dass wir beide, falls die Sache schiefgeht, mit einer Anklage und einer Gerichtsverhandlung rechnen müssen. Halte dich einfach an die Fakten, lass deine Emotionen außen vor, dann wird es wahrscheinlich gut für uns ausgehen.« Er drehte sich wieder zur Tür um und klopfte.
Dan bemerkte jetzt die Überwachungskameras über ihnen, die sich langsam von einer Seite zur anderen bewegten, und dabei die kleine Gruppe auf den Stufen erfassten. Wer auch immer vor den Überwachungsmonitoren saß, schien mit dem Gesehenen offenbar zufrieden zu sein, denn ein paar Augenblicke später klickte es und die Türflügel schwangen nach innen auf.
Ein Wachmann stand mit schussbereitem Gewehr direkt hinter der Tür und starrte sie finster an. »Die Sicherheitsausweise«, forderte er sie auf.
Die drei Männer übergaben ihm daraufhin die Ausweise und warteten, während ihre Dokumente überprüft wurden. Nach kurzer Zeit gab ihnen der Wachmann ihre Ausweise zurück, trat zur Seite und machte den Weg frei.
»Im gesamten Gebäude sind Kameras installiert«, informierte sie der Mann. »Also gehen Sie nicht in Bereiche, zu denen Sie keine Zutrittserlaubnis haben. Wir behalten Sie im Auge.«
David warf Dan und Mitch einen vielsagenden Blick zu. »Hier entlang«, sagte er, während er sich umdrehte und durch einen geräumigen Korridor auf eine breite Holztreppe zuging.
Die Treppe wand sich über den Korridor, durch den sie gerade gelaufen waren, und fächerte sich am Ende zu einem breiten Treppenabsatz auf. Oben angekommen wandte sich David nach links und ging mit großen Schritten durch einen Türbogen in das Innere des Gebäudes, ohne zu überprüfen, ob Dan und Mitch ihm folgten. Vor ihnen erstreckte sich jetzt ein langer Flur, der mit Holzpaneelen verkleidet war. Ihre Schritte wurden von einem purpurroten Teppich gedämpft, auf dem graue Lichtstreifen tanzten, die durch die hohen Fenster auf der linken Wand hereinfielen.
Als sie daran vorbeiliefen, warf Dan unwillkürlich einen Blick durch die Fenster auf den Gebäudekomplex unter ihnen. Vier Beamte hasteten dort gerade über den Innenhof, wobei sie mit einer Hand Unterlagen gegen die Brust pressten und mit der anderen verzweifelt versuchten, ihre Frisuren vor dem beißenden Wind zu schützen.
David blieb vor einer Tür mit Eichenholzvertäfelung stehen und drehte sich zu Dan und Mitch um.
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