»Jawoll«, sagte Phöbe, auch Phib genannt. »Aber könnt sie sich nöt a Freundin zum Muster nemman? Was für a artiges Frauenzimmer kunnt nöt mit der Zeit aus ihr werden, wann so sich zum Beispiel nach Ihna richten möcht!«
»Phib!« versetzte Miss Squeers mit würdevoller Miene. »Es ziemt sich nicht, daß ich solche Vergleiche mit anhöre. Du setzest Tilda herab, und es könnte als unfreundlich von mir ausgelegt werden, wenn ich es weiter dulden würde. Sprich daher von etwas anderm, Phib, denn, wenn ich auch zugeben muß, daß Tilda Price, wenn sie sich irgend jemand zum Muster nehmen wollte – ich meine nicht gerade mich –«
»O ja, grad Ihna, Fräul'n.«
»Also meinetwegen mich, wenn du es schon haben willst«, fuhr Miss Squeers fort. »Ich gebe zu, daß sie, wenn sie es tun wollte, weit besser dabei fahren würde.«
»Ja, und i müßt mich sehr irren, wann nöt jemand anderer a no der gleichen Meinung war«, versetzte das Mädchen geheimnisvoll.
»Was willst du damit sagen?« fragte Miss Squeers neugierig.
»Nix B'sonders, Fräul'n. Aber was i weiß, weiß i.«
»Phib!« entgegnete Miss Squeers theatralisch. »Ich bestehe darauf, daß du dich näher erklärst. Was sollen diese geheimnisvollen Worte? Sprich!«
»No, wann S's grad haben wollen, Fräul'n, so muß i halt mit der Farb außer. Der Herr Bräutigam von ihr is der gleichen Meinung mit Ihna. Und wann er nöt schon so weit gangen wäre, um nöt guat zrucktreten z'könna, so möcht er s' mit Freuden laufen lassen und bei Ihna, Fräul'n, anz'kommen suchn.«
»Gott im Himmel!« rief Miss Squeers, überwältigt die Hände zusammenschlagend. »Was sagst du da?«
»Die Wahrheit, Fräul'n, nix als die Wahrheit«, beteuerte die schlaue Phöbe.
»Welche Lage!« rief Miss Squeers. »So bin ich also, ohne es zu ahnen, in Gefahr, das Glück und den Frieden meiner lieben Tilda zu zerstören! Was ist doch nur der Grund, daß die Männer, ich mag wollen oder nicht, sich so rasend in mich verlieben und um meinetwillen ihren Bräuten abtrünnig werden?!«
»So könnan halt nöt anders; zum Verwundern is dös net«, erklärte das Mädchen.
»Rede mir nie wieder so!« verwies Miss Squeers streng. »Nie wieder, hörst du? Tilda hat Fehler – viele Fehler, aber ich will ihr Bestes und wünsche vor allem, daß sie unter die Haube kommt. Gerade wegen der Beschaffenheit ihrer Mängel ist es ihr zu wünschen, daß sie, je eher, desto besser, einen Mann kriegt. – Nein, Phib, sie soll nur ihren Browdie nehmen. Der arme Bursche dauert mich zwar, aber ich betrachte Tilda noch immer als meine Freundin und hoffe nur, daß sie sich als Ehefrau besser macht, als es wahrscheinlich der Fall sein wird.«
Nach diesem Gefühlserguß schlüpfte Miss Squeers in die Federn.
Sie wußte innerlich natürlich ganz genau, daß alles, was dieses armselige Geschöpf von einem Dienstmädchen gesagt hatte, nichts als faustdicke Lügen und Schmeicheleien war. Aber schon die Gelegenheit, ein bißchen Bosheit gegen ihre Freundin loslassen und ihren Mängeln und Schwächen gegenüber Mitleid heucheln zu können, und wäre es auch nur in Gegenwart eines armseligen Dienstmädchens, gewährte ihr eine fast ebenso große Erleichterung, als wenn alles, was zur Sprache gekommen, Evangelium gewesen wäre. Die Macht der Selbstbelügung geht überdies in den Stunden der Aufregung so weit, daß Miss Squeers in edelmütigem Verzicht auf John Browdies Hand sich außerordentlich großmütig und erhaben dünkte und im Geiste auf ihre Nebenbuhlerin mit einer Art göttlich-erhabenen Ruhe herabsehen konnte, die nicht wenig zur Besänftigung ihres Unmutes beitrug.
Als daher, ebenfalls in versöhnlichen Absichten, am andern Morgen die Müllerstochter gemeldet wurde, begab sich Miss Squeers im höchsten Grade christlich gestimmt in das Besuchszimmer.
»Du siehst, Fanny«, begann Tilda, »ich komme wieder zu dir, trotzdem wir uns gestern ein wenig gezankt haben.«
»Ich bedaure dich wegen deiner Leidenschaftlichkeit, Tilda«, erwiderte Miss Squeers, »aber ich bin darüber erhaben, dir etwas nachzutragen –«
»Also, dann maule jetzt nicht weiter, Fanny!« sagte Miss Price.
»Ich bin hergekommen, um dir eine Mitteilung zu machen, über die du dich, wie ich hoffe, sehr freuen wirst.«
»Was könnte das sein, Tilda?« fragte Miss Squeers, warf die Lippen auf und machte ein Gesicht, als ob nichts in Feuer, Wasser, Luft und Erde imstande wäre, in ihr auch nur eine Spur des angedeuteten Gefühls zu erzeugen.
»Als wir gestern fortgingen, hatte ich mit John einen schrecklichen Streit.«
»Das kann mir doch keine Freude machen!« entgegnete Miss Squeers, konnte jedoch dabei ein wohlgefälliges Lächeln nicht unterdrücken.
»Lieber Gott, wie könnte ich auch so schlecht von dir denken? Das ist doch noch nicht alles.«
»So?« sagte Miss Squeers und legte ihr Gesicht wieder in düstere Falten. – »Also, was weiter?«
»Nachdem wir uns lange herumgezankt und erklärt hatten, uns nie wieder sehen zu wollen«, fuhr Miss Price fort, »vertrugen wir uns wieder, und John ging heute aufs Pfarramt, um für den nächsten Sonntag das erste Aufgebot zu bestellen. Wir feiern daher in drei Wochen unsere Hochzeit, und ich teile es dir mit, damit du rechtzeitig dein Brautjungfernkleid bestellen kannst.«
Das war Galle und Honig in einem Becher für Fanny Squeers. Galle insofern, als ihre Freundin schon so bald verheiratet sein würde, und Honig, weil daraus hervorging, daß sie keine ernsthaften Absichten auf Nikolas hatte. Im Ganzen wurde jedoch das Bittere durch das Süße so weit überwogen, daß Miss Squeers sich bereit erklärte, sich das Brautjungfernkleid unverzüglich machen zu lassen, und zugleich der Hoffnung Ausdruck gab, Tilda möge glücklich werden. Freilich könne man so etwas nie mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, und sie möchte ihr auch raten, nicht allzusehr darauf zu bauen, denn die Männer wären sämtlich höchst unbeständige Geschöpfe, und viele verheiratete Frauen wünschten sich in der Ehe von ganzem Herzen die schöne Zeit ihrer Mädchenjahre zurück. Diesen bittersüßen Trostsprüchen fügte Miss Squeers noch einige andere hinzu, die nicht minder edel erdacht waren, ihrer Freundin Lebensmut zu erhöhen.
»Um auf etwas anderes zu kommen«, brach denn auch Miss Price sogleich das Thema ab, »möchte ich gern ein paar Worte betreffs des jungen Nickleby mit dir sprechen.«
»Er ist mir vollkommen Luft«, erklärte Miss Squeers und kämpfte mühsam gegen einen Weinkrampf an, »ich verachte ihn zu sehr.«
»Das kann unmöglich dein Ernst sein. Sei aufrichtig, Fanny, du liebst ihn noch immer?«
Als Erwiderung brach Miss Squeers in einen Strom von Wuttränen aus und rief, daß sie ein elendes, vernachlässigtes, unglückliches, mit Füßen getretenes Wesen sei.
»Ich hasse die ganze Welt«, schloß sie ihren Gefühlserguß. »Ich wollte, alle Menschen wären tot.«
»Gott im Himmel, Fanny!« rief Miss Price, nicht wenig entsetzt über dieses freimütige Geständnis menschenfreundlicher Gesinnung. »Sag, daß das nicht dein Ernst ist.«
»Es ist mein voller Ernst«, beteuerte Miss Squeers, knirschte mit den Zähnen und knüpfte Knoten um Knoten in ihr Taschentuch, »und ich wollte, daß ich auch tot wäre.«
»Du wirst in fünf Minuten ganz anders denken«, tröstete die Müllerstochter. »Wäre es nicht viel besser, du würdest ihn wieder in Gnaden aufnehmen, als dich in dieser Weise selbst zu quälen? Und wäre es nicht viel hübscher, du verlobtest dich in aller Form und scharmiertest nach Herzenslust mit ihm?«
»Ich weiß nicht, wie das alles sein würde«, schluchzte Miss Squeers. »Ach Tilda, wie hast du nur so ehrlos und niederträchtig sein können? Ich würde es nie geglaubt haben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte.«
Читать дальше