Der Himmel zwischen den Baumkronen wurde langsam hell und als wir schließlich die breite Straße erreichten, die aus dem Wald hinausführte, stieg am Horizont bereits die Sonne empor.
Ohne weitere Pausen ritten wir den Vormittag durch, bis wir am späteren Nachmittag zu einer kleinen Anhöhe gelangten.
Der Hengst bog vom Weg ab und plagte sich den Hügel hinauf, bis wir schließlich den höchsten Punkt erreichten.
Eine Windböe fuhr mir durchs Haar und für einen Moment stockte mir der Atem, als sich die Landschaft vor mir auftat.
Man konnte weit über Felder und Wälder bis in den Südosten hinaus blicken, wo in der Ferne mehrere Straßen zusammenliefen und in eine Stadt mündeten, von der man kleine Rauchwölkchen aufsteigen sah.
Der Fluss, der sich durch die Ebene und das Hügelland den Weg vom Süden bis zu den Hafenstädten im Nordosten bahnte, war verdreckt und voller Müll, nachdem er die große Stadt durchflossen hatte.
Ein Lächeln huschte über mein Gesicht, war dies doch der Ort, der mir so sehr verhasst war wie kaum ein anderes Fleckchen auf der Landkarte – und doch bedeutete mir diese Stadt so viel, weil sie von dort kam, sie , die mir alles bedeutete, sie , die viel mehr zu sein schien, als ich gedacht hatte, sie , die kein Soldat anzuklagen wagte, sie , die alles überstanden hatte, sie , die trotz ihres Standes doch immer geachtet wurde, sie , die man das Hexenweib nannte.
Dein Geist Dich führt, Dein Schwert Dir gebührt…
Erschrocken wirbelte ich herum. Erneut war da die Stimme jener so schönen geisterhaften Frau. Doch außer dem Hengst und mir war weit und breit niemand zu sehen.
All die Jahr hat sie über Dich gewacht, nun ist ihr Werk vollbracht…
Erneut stieg Angst in mir auf, ich hatte wieder die Bilder aus dem Traum vor Augen, sah, wie die Elfenmutter verstümmelt wurde und die Tochter qualvoll starb.
Du Leid erfährst und Liebe erlernst .
Wütend warf ich meinen Kopf herum, doch da war niemand. Dennoch fühlte ich die Anwesenheit dieser Gestalt, dieser unbekannten, magischen und furchteinflößenden Gestalt.
Führst in den Krieg
Kind, Frau und Mann
Trägst fort keinen Sieg ,
Ein Volk Dir folge ,
Zwei weitere dann ,
Wirst Du der König sein
Ohne Reich und Golde ,
Doch Macht und Stärke sind Dein .
Die Stimme wurde leiser bis hin zu einem Flüstern, das der Wind aus weiter Ferne herzuwehen schien, dann folgte Stille. Als diese Traumgespinste mir im Geiste erschienen und mich zugleich eine unbestimmte Furcht ergriff, biss ich wütend die Zähne zusammen, schüttelte den Kopf, als könnte ich so das Innere abschütteln wie ein Hund den Dreck aus seinem Fell, und gab meinem Pferd einen Tritt.
Mit einem Fluch auf den Lippen blickte ich zum Horizont, wo die Sonne hinter weit entfernten Hügeln, Wäldern und Siedlungen bald untergehen würde. Es war recht spät geworden, die Zeit war schnell vergangen. Ich musste das Hexenweib aufsuchen, nur sie würde wissen, was es zu tun galt. Sie würde den Traum und all die geheimnisvollen Botschaften deuten können.
Die Nacht war grausam kalt. War es Angst oder nur die Kälte, die meinen Leib erzittern ließ?
Meine Kleidung war durchnässt von Schweiß und dem leichten Nieselregen. Sie fühlte sich hart und steif an, war halb gefroren, und selbst die Pferdedecke, in die ich mich eingewickelt hatte, vermochte mich kaum zu wärmen.
Ich konnte kein Auge zutun. Seit meiner Kindheit hatte ich die Dunkelheit nicht mehr gefürchtet, aber jetzt war mir innerlich bange.
Welch böser Geist wollte von mir Besitz ergreifen? Welch Fluch lastete auf mir, der mir meine Gedanken raubte und mich solch körperlichen Schmerz fühlen ließ?
Endlich tat sich ein heller Schein auf und kurz darauf blickte ich ins grelle Sonnenrund, das zunächst nur als kleiner Punkt am Horizont erschien. Nun, im Licht des heranbrechenden Tages, sah ich meine blassen, zitternden Hände. Sie waren leicht bläulich gefärbt und auch der Schmerz in den Beinen ließ sich wohl durch die Kälte erklären.
Erleichtert atmete ich auf. War es also doch nur die Natur gewesen, die mich bezwungen hatte, und nicht ein böser Geist! Anscheinend wurde ich langsam verrückt – es war an der Zeit, das Hexenweib aufzusuchen!
Gähnend streckte ich meinen Körper, packte die Decke zusammen und schwang mich auf meinen Hengst. Da ich am Tag zuvor eine weite Strecke zurückgelegt hatte, konnte die Stadt nicht mehr fern sein. Ich musste mich beeilen, um noch vor dem Öffnen der Stadttore einzutreffen.
An der Weggabelung traf ich bereits auf die ersten Reisenden, die auf einem Ochsenkarren saßen. Sie hatten Fässer geladen und Säcke mit Korn, doch da die Säcke nicht prall gefüllt waren und die beiden Bauersleute abgemagert wirkten, schloss ich, dass die Ernte auch in diesem Jahr schlecht ausgefallen war.
Die Säcke waren mit der kaiserlichen Krone gekennzeichnet. Vermutlich mussten die Leute das Getreide als Steuer an den Kaiserhof abliefern. Ein jeder wusste, dass diese Abgaben nicht selten selbst wohlhabende Händler zu armen Bettlern machten. Die reichen Kaufleute hingegen schienen einen Weg gefunden zu haben, noch mehr Geld anzuhäufen, und so wurde die Kluft zwischen der armen Bevölkerung und dem reichen Adel zunehmend größer.
Die Steuereinnahmen waren so hoch, dass damit ganze Städte errichtet werden konnten. Manche Reisende berichten von einer prächtigen Stadt nahe dem großen See, die in den letzten Jahren erbaut und erweitert worden war, doch wohin flossen die restlichen Einnahmen?
Nothon schnaubte verächtlich, nachdem er die Witterung weiterer Menschen aufgenommen hatte. Wachsam sah ich die Straße entlang, die eine Biegung durch den Wald machte. Unweit vor uns marschierte eine Gruppe von Menschen im Takt eines Liedes. Die paar Wortfetzen, die ich aufschnappte, handelten von Huren, Kneipen, großen Saufgelagen und dem ewigen Ruhm des Kaisers.
Vorsichtig schob ich mir die Kapuze über den Kopf und verbarg Kinn, Mund und Nase unter einem kleinen Halstuch. Auch wenn es unwahrscheinlich war, dass Soldaten mich so kurz vor ihrer Heimatstadt aufhalten würden, wollte ich es nicht darauf anlegen, erkannt zu werden.
Erkannt zu werden , schoss es mir durch den Kopf. Wie sollten die Menschen mich denn erkennen? Ich war ein Ausgestoßener, ein Einsiedler, der keine Steuern zahlte. Gewiss würde dies ausreichen, um mich in ein Verlies zu sperren, doch dann hätte man mich ja durchfüttern müssen. Stattdessen wurden Männer wie ich zu Krüppeln geschlagen und dann zu den Schweinen in den Stall gesperrt.
Aber warum sollte mir dieses Schicksal drohen? Schließlich könnte ich doch auch ein Reisender sein, jemand, der in der Stadt eine Familie mit gutem Namen aufsuchen möchte. Dennoch konnte ich mich nicht beruhigen. Etwas schien an mir zu nagen, bis es mir plötzlich wieder bewusst wurde, warum mich die Menschen mieden.
Meine Haut war zu dunkel, das Haar zu kurz geschoren und mein Bart gestutzt. Man sah mir also an, dass ich nicht von nördlicher Herkunft war, und die Südländer trugen ihr Haar länger und hatten Vollbärte. Nein, Männer, die gekleidet waren wie ich, waren zweifellos Ausgestoßene oder gar Verbrecher – Mörder und Banditen!
Ich ritt nun näher an die Soldaten heran, den Kopf und die Schultern gesenkt, den Rücken zum Buckel gekrümmt. So sah ich wie ein müder, harmloser Reisender aus.
Als ich an den Männern langsam vorbeiritt, fielen mir die blanken Schilde und glänzenden Rüstungen auf. Selbst ihre Helme, die meist am wenigsten gepflegt wurden, sahen kaum getragen aus. Sogleich wurde mir bewusst, wohin die Steuergelder flossen. Der Kaiser ließ also Rüstungen für seine Truppen anfertigen – und wenn selbst die der einfachen Fußsoldaten so glänzten, wie würden dann erst seine stolzen Reiter ausgestattet sein?
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