Mike öffnete daraufhin den Reisebericht und las eine Passage vor, die Jess schon beinahe auswendig kannte.
An der Stelle, an der die Goldader am Eingang des Stollens zutage tritt, ist sie fast zwei Meter dick und sie scheint tiefer im Felsen noch mehr anzuschwellen. Mit dem richtigen Werkzeug und tauglicher Ausrüstung könnten wir einen Reichtum erlangen, der sogar den legendären Krösus armselig wirken lässt.
Gus dröhnendes Lachen hallte von den Wänden wider. »Und ich habe gedacht, ihr wollt Bigfoot einfangen. Hier in den Bergen gibt es mehr vergessene Minen, als ich in meinem Leben an Mahlzeiten verputzt habe.« Er tätschelte seinen Bauch. »Und das waren etliche, wie ihr sehen könnt.«
»Der Bericht ist wahr«, insistierte Noble trotzig. »Wir haben ihn zur Genüge überprüft.«
Gus lachte wieder. »Sie wiederholen sich. Vielleicht ist er das ja auch, aber der Kerl, der ihn geschrieben hat, hatte im Hirnkästchen eindeutig einige Schrauben locker. In den Bergen haben schon etliche Männer den Verstand verloren. Wer weiß denn, ob er nicht einfach irgendwelche Hirngespinste in sein Buch gekritzelt hat … irgendwelche verrückten Einbildungen.«
»Die Mine ist real«, beharrte Noble.
Die Aussicht auf Reichtum verdrängte alle anderen Gedanken in Nobles Kopf. Jess war sich hingegen durchaus im Klaren darüber, dass der Bericht auch andere Passagen enthielt, die Gus Skeptizismus untermauerten. Derart verrückt, wie diese waren, hatten sie sich in einer Endlosschleife in ihrem Gedächtnis eingenistet und weigerten sich nun von dort zu verschwinden.
Der Tiger hat letzte Nacht Franks geholt, während er gemeinsam mit Jeffries Wache geschoben hat, obwohl die beiden ein beachtliches Lagerfeuer entfacht hatten. Die Bestie scheint keinerlei Angst zu fühlen, weder vor uns noch vor den Flammen. Sie hat Franks einfach gepackt und ihn in die Finsternis der Nacht gezerrt, bevor Jeffries ihr Auftauchen überhaupt bemerkt hat. Franks laute Schreie und deren Echo von den Bergwänden raubten uns allen den Schlaf. Seine Leiden währten aber glücklicherweise nur kurz.
»Das muss ein Berglöwe gewesen sein«, hatte Noble damals behauptet. »In der Dunkelheit hat sie halt das große Nervenflattern überfallen, das ist alles.« Im Anschluss daran hatte er sich die Lektüre der merkwürdigen Inhalte der Notizen einfach gespart und sich sogar geweigert, darüber zu diskutieren.
Sobald Noble weg gewesen war, hatten Jess, Mike und Erik neugierig darin gelesen und versucht die reale Bedeutung der ihrer Meinung nach fantastischen Begebenheiten zu erfassen. Lediglich die Tatsache, dass Mike die Lage des Tals punktgenau hatte bestimmen können und die Kohärenz der vorderen Seiten des Berichts, erlaubten es Jess, ihre Zuversicht aufrechtzuerhalten. Denn die hinteren Seiten, die mit einer Mischung aus zusammenhanglosen Fragmenten mit wenigen Sätzen und selbst angefertigten Skizzen des Autors vollgeschmiert waren, boten genug Gründe, trübe Gedanken zu wälzen.
Johnson will die Höhle nicht mehr verlassen. Das Goldfieber hat ihn vollständig erfasst, aber er fürchtet auch die Schrecken, die das Tal für uns bereithält. Wir müssen ihn zurücklassen. Wir sind hier unerwünscht.
Sie haben Williamson aufgefressen. Er hat noch gelebt, als sie seine Leber herausgerissen haben. Ich konnte ihm nicht helfen. Ich bin einfach davongerannt. Gott vergib mir.
Der Tiger hat mittlerweile meine Witterung aufgenommen. Ich kann hören, wie er mir folgt. Ich habe mich mit dem Kot der Waldelefanten beschmiert, um meinen Geruch zu überdecken. Großer Gott, ist das ekelhaft.
Mir bleibt wenig anderes übrig, als zu klettern und mich zu verstecken … klettern … und … verstecken. Es ist bitterkalt und über mir kreisen unentwegt die Adler und beobachten mich. Zumindest sind mir die anderen Bestien nicht nach hier oben gefolgt. Bis jetzt zumindest … noch haben sie unten genug Fleisch zum Fressen. Gott verzeih mir, denn ich habe sie im Stich gelassen.
Ich kann kaum glauben, dass wir uns nur aufgrund einer Legende und aus einer Laune heraus bis zu solchen Höhen hinaufgekämpft haben. Johnson vertraut immer noch eisern auf die Wahrhaftigkeit der Geschichte, die ihm der Indianer erzählt hat. Nun sind wir also hier – weit abseits aller gangbaren Wege und werden auf Gedeih und Verderb weiter klettern, geleitet von einem alten Indianer, der seine Sinne vielleicht gar nicht mehr ganz beisammen hat.
Trotz seines Alters zeigte er uns jüngeren Männern, wie eine richtige Bergbesteigung vonstattengeht. Er legte dabei ein Tempo vor, bei dem wir kaum mithalten konnten. Nach den Anstrengungen des heutigen Tages, bin ich mir ungewiss, ob meine Beine mich morgen auch nur noch einen einzigen Schritt weiter zu tragen vermögen. Doch die verdiente Nachtruhe in unserem Zelt mag dem vielleicht Abhilfe verschaffen. In der Mitte unserer im Kreis aufgebauten Zelte flackert ein starkes Feuer. Die Brise ist genauso kalt wie befürchtet. Die pelzgefütterte Jacke, die ich in Banff erworben habe, leistet mir gute Dienste, dennoch wünschte ich mir ein zusätzliches Paar Socken herbei, denn meine Füße gleichen mittlerweile Eiszapfen.
Wir alle sitzen im selben Boot, deshalb besteht auch kein Grund zur Klage. Unser Aufenthalt hier ist für uns alle aufregend und eine gegenseitige Kameradschaft und Freude herrscht vor, die uns den Erfolg gestatten wird, trotz unserer Wehwehchen.
Der greise, indianische Führer beförderte uns zur ersten Zwischenstation und wir dankten ihm herzlich dafür. Doch nun besteht er darauf, nicht weiter vordringen zu wollen. Er glaubt, dass das Tal der träumenden Indianer ein heiliger, seinen Göttern geweihter Ort ist, dessen Störung ihn zu Unglück auf der Jagd verdammen würde. Natürlich ist das lediglich abergläubisches Gewäsch, dennoch hat er die lächerlich hohe Geldsumme, die ihm Johnson offeriert hat, zurückgewiesen und eisern an seiner Entscheidung festgehalten.
Ab morgen werden wir also allein voranschreiten.
Doch seine Weigerung wird uns nicht aufhalten, denn der Indianer hat uns mit detaillierten Instruktionen ausgestattet und außerdem eine einfache Karte für uns angefertigt, die uns direkt zu unserer Bestimmung bringen wird.
Ich schreibe dies, während ich vor dem Eingang unseres größten Zeltes sitze, in dem wir uns heute Nacht zur Ruhe betten werden; eng aneinandergepresst, um keine Wärme zu vergeuden. Drinnen ist Williamson bereits dem Schlaf anheimgefallen. Der Schnaps zeigt auch bei den übrigen Männern schon Wirkung, daher werden sie bestimmt bald ebenfalls einschlummern. Ich hingegen möchte noch ein wenig wach bleiben und den Sternenhimmel genießen.
Zum ersten Mal seit Monaten, seit wir den Plan zu dieser Mission ausgeheckt haben, erfüllt mich Zuversicht. Denn hier oben herrscht eine Ruhe, die meine Seele rührt. Falls das Gold wirklich existiert und ich einen Anteil daran für mich gewinnen kann, werde ich mich wahrscheinlich für den Rest meiner Tage in eine Gegend wie diese zurückziehen. Schon heute träume ich von der herrlichen Einsamkeit im majestätischen Glanz der Berge.
So kurz vor unserem Ziel erscheint mir dieser Traum plötzlich greifbar nahe.
Zweifelsfrei sind wir nicht die Ersten, die alle Hoffnungen auf einen Schatz setzen, der im Gestein verborgen sein könnte, oder auch nicht, und wir werden sicherlich auch nicht die Letzten sein. Aber, Gott sei mein Zeuge, unsere Bemühungen werden von einem Triumph gekrönt sein, denn meine Seele verlangt danach.
Danny konnte die Siegesgewissheit in Nobles Augen erkennen, wann immer dieser über das Gold sprach. Er nahm aber auch die Blicke, die sich die anderen drei währenddessen zuwarfen, wahr. Die beiden anderen Männer und die Frau blieben offenbar gern unter sich und Danny wusste gut genug, wie sich Angst äußert, um das nervöse Flackern in Eriks Augen interpretieren zu können. Natürlich waren sie hinter dem Gold her … Narrengold, wenn man Gus Glauben schenken durfte. Mit Sicherheit beschäftigte sie darüber hinaus aber noch etwas anderes. Was es war, würde Danny heute Nacht allerdings nicht herausfinden können.
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