Das ist ungewöhnlich und heute fast undenkbar, schon wegen der Haftungsfrage . Die Lehrer haben uns die Berge auch im Unterricht nähergebracht. Sie sind zum Beispiel mit uns ins Kino gegangen, um den Everestfilm oder den Nanga-Parbat-Film anzuschauen. Als ich so 13, 14 Jahre alt war, bin ich dann mit der Jungmannschaft des Alpenvereins zum Klettern ins Wetterstein gegangen. Ich hab immer mit dem Großvater besprechen müssen, welche Tour wir vorhatten. Und er hat dann gesagt, ob das für uns in Ordnung war, ob die Tour nicht zu schwer war. Wir sind also ins Wetterstein gefahren – von Innsbruck nach Seefeld mit dem Frühzug und dann mit dem Fahrrad weiter. Wir haben zu zweit ein Fahrrad gehabt. Der Erste ist bis auf den Leutascher Sattel gefahren, hat das Fahrrad dort abgestellt und ist zu Fuß weitergegangen. Der Zweite hat das Fahrrad übernommen und ist dann gefahren, bis er den Ersten eingeholt hat. Wir haben natürlich von vornherein geplant, nicht den leichten Leberleweg in der Scharnitzspitze-Südwand zu klettern, sondern eine viel schwerere Tour zu machen. Voll Stolz sind wir dann zurückgekommen und haben gesagt, dass wir die Direkte Südwand, eine Fünfertour, auf die Scharnitzspitze gemacht haben. Und der Großvater hat nur gesagt, das habe er eh erwartet.
Wie hast du deine ersten Bergfahrten und deine Ausrüstung finanziert?
Es war üblich, dass man in den Ferien arbeiten ging. Das war selbstverständlich. Aber die Ferien dauerten zehn Wochen, von diesen war ich sechs Wochen als Lattenträger, also als Vermessungsgehilfe, zwischen Außerfern und Osttirol unterwegs. Vor allem Osttirol habe ich sehr geliebt, da sind wir dann am Freitag nicht heimgefahren, sondern dort geblieben und haben übers Wochenende Großglockner, Hochschober und andere Berge bestiegen.
Beim Vermessen haben wir für damalige Verhältnisse sehr gut verdient. Nach den sechs Wochen habe ich das Geld ausbezahlt bekommen, und mein Vater hätte gern gesehen, dass ich es auf ein Sparbuch lege, ich aber bin gleich in die Maria-Theresien-Straße gegangen, zum Witting, und habe mir Ausrüstung gekauft – ein neues Seil, einen Helm. Das war ja damals eine Sensation, überhaupt einen Helm zu haben oder einen Klettergurt – Sitzgurte hat’s noch keinen gegeben. Aber auch der Brustgurt war eine Sensation, man hat sich normalerweise damals direkt ins Seil eingebunden, mit dem Bulinknoten um die Brust, und vielleicht, wenn es hoch gekommen ist, aus einer Reepschnur noch einen kleinen Sitz gemacht. Aber das war schon alles, was es gab.
Und mit dem übriggebliebenen Geld bin ich mit einem Freund, dem Peter Neubauer, in die Dolomiten gefahren: mit dem Motorrad, mit dem Zelt, mit zehn Kilo Gulaschdosen und drei Kilo Polenta, den Wein haben wir natürlich drinnen gekauft. Und so haben wir die restlichen Ferienwochen in den Dolomiten verbracht.
Peter Neubauer war der „Preußen-Peter“ vom Akademischen Alpenklub Innsbruck .
Genau. Das war der Preußen-Peter, weil er aus Norddeutschland zum Studieren nach Innsbruck gekommen ist. Mit dem habe ich viele schwere Touren gemacht. Er hat ein Motorrad gehabt, was sehr wichtig war.
Innsbruck, wo du aufgewachsen und in die Schule gegangen bist und später studiert hast, ist eine Art „alpines Biotop“, das mit einer Vielzahl von Vereinen eine dichte alpine Infrastruktur bildet. Hermann Buhl gehörte, wie andere bekannte Tiroler Alpinisten – etwa Peter Aschenbrenner oder Kuno Rainer –, dem renommierten Innsbrucker Bergsteigerklub der „Karwendler“ an. Warum bist eigentlich du nicht zu den Karwendlern gegangen, obwohl das angesichts deines Großvaters nahegelegen wäre?
Das hat mit der Schule zu tun gehabt. In der Innsbrucker Realschule hat’s damals den Real Alpenclub, den RAC, gegeben.
Im RAC, dem Bergsteigerverein der Innsbrucker Realschule, eroberten wir uns die Gipfel rund um die Franz-Senn-Hütte.
Das ist ja schon etwas Außergewöhnliches, dass es an Schulen Bergsteigerklubs gibt. So wie bei euch an der Realschule den RAC, hat es, wie mir mein Vater erzählt hat, in der Zwischenkriegszeit auch am Gymnasium einen ähnlichen Verein gegeben, die Bergsteigergruppe Edelweiß .
Ja, und in diesen Schulvereinen war es üblich, wenn man später studiert hat, zum „Akademischen Alpenklub Innsbruck“, zum AAKI, zu gehen. Mit den „Klüblern“, den Aktiven des Akademischen Alpenklubs, bin ich schon während der Schulzeit auf Touren gegangen. Die haben uns mitgenommen, die haben zum Teil schon ein Auto gehabt, oder ein Motorrad, das war für uns sehr wichtig.
Die Faszination der Vertikalen: In der Einstiegsseillänge der direkten Karlsspitze-Ostwand
Ich war ja auch beim AAKI, und unsere Alten Herren haben immer gesagt, ihr müsst euch um die Buben vom RAC, um die „Ratzen“, wie wir euch genannt haben, kümmern, zu ihrer Weihnachtsfeier gehen und sie auf Touren mitnehmen. Wir beide haben ja auf diese Weise im Wetterstein zusammen die Spindler-Route gemacht. Das war für mich etwas vom Allerschwersten, das ich je gegangen bin. Für dich war’s erst der Beginn deiner brillanten Kletterlaufbahn. Nur zwei Jahre später hast du – so lese ich in deinen Tourenberichten – unter anderem die Gelbe Kante an der Kleinen Zinne, die Demuth-Kante an der Westlichen Zinne, die Comici-Führe auf die Große Zinne und die Civetta-Nordwestwand nicht nur geklettert, sondern geführt – als gerade einmal 17-Jähriger. Wie ist es zu dieser Leistungsexplosion gekommen?
Das Klettern ist für mich schon in der Schulzeit immer mehr Lebenszweck geworden. Statt zum Geigenunterricht bin ich mit dem Fahrrad zum Höttinger Steinbruch gefahren und habe dort Klettern trainiert.
Das ist ja auch so eine Innsbrucker Besonderheit. Den Klettergarten innerhalb der Stadtgrenzen zu haben .
Ja, und oft sind wir schon vor Unterrichtsschluss von der Schule abgehaut und mit dem Radl die zwanzig Minuten zur Martinswand gefahren. Unser eigentliches Kletterparadies waren aber die Kalkkögel nahe Innsbruck. Dort hat ja auch der AAKI seinen Kletterstützpunkt, die Adolf-Pichler-Hütte, und Hias Rebitsch hat immer gesagt: Wer in den „Kögeln“ klettern kann, der kann überall klettern.
Mathias Rebitsch, den Reinhold Messner einmal einen „Avantgardisten der extremen Kletterei“ genannt hat, war der beste Bergsteiger des Akademischen Alpenklubs. Wie hast du Hias Rebitsch als Klubbruder erlebt?
Der Hias war ein charismatischer Mensch. Er war nicht nur einer, der sehr viel gewusst hat, er hat vor allem auch erzählen können. Wenn er von einer Tour erzählt hat, hat er jeden Zentimeter beschreiben können, wo jeder Haken steckte, wo er sich eingehängt hat, wo er ausgerutscht ist. Darüber hinaus war der Hias auch ein Philosoph, mit dem man nächtelang über Gott und die Welt diskutieren hat können. Und ich habe das Glück gehabt, dass er mich mochte, denn das war bei ihm nicht so selbstverständlich.
Er war ein introvertierter Mensch, der sich gern zurückgezogen und nicht mit jedem gesprochen hat. Er wohnte damals in Alpbach in einem alten Bauernhaus. Dort habe ich ihn oft besucht und später das Glück gehabt, dass die zweite Hälfte des Hauses frei geworden ist und ich mich dort für einige Jahre einmieten konnte.
Für mich war der Hias wirklich ein väterlicher Freund und Berater. Er war es auch, der uns junge Bergsteiger – Andi Schlick, Franz Jäger, Hansjörg Hochfilzer, Horst Fankhauser und mich, die wir damals die schwersten Touren in den Westalpen gemacht haben – animiert hat und gesagt hat, sucht’s euch höhere Ziele. Der Hias hat uns mit Paul Bauer zusammengebracht, dem berühmt-berüchtigten Expeditionspapst der 1930er-Jahre, der uns die Wege geöffnet hat, um überhaupt Informationsmaterial über Expeditionen zu bekommen. Der Hias war es also, der uns motiviert hat, uns die allerhöchsten Ziele zu setzen.
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