Ballonfahren in den Alpen: „Der Luftschiffer muss mit Kälte rechnen“
Die Luftschifffahrt in Tirol
Über die Alpen
KAPITEL 7: Berge gibt es überall
„Ich bin zum Amazonas gekommen wie die Jungfrau zum Kind“
Erste Skibesteigung des Nevado de Copa, von RAIMUND MARGREITER
„Das Skifahren war schon von Kindheit an etwas Besonderes“
Gipfelglück am Elbrus: ein Geburtstagsgeschenk dank Charly
Bergsteigen und Tourismus: „Weg vom Schnaps und hinaus in die Natur“
KAPITEL 8: Nepal und die Sherpas: eine Liebe, die reifen musste
Warum immer wieder Nepal?
„Die Sherpas wären von sich aus nie auf hohe Berge gestiegen“
Wärme für Nepal
Wolfi Dhaai, von TASHI TENZING
„Lost horizon“: Gedanken im Advent
Wolfi, ein ferner Freund aus früher Jugend
Personenregister
KAPITEL 1
MIT HERMANN BUHL AM WOHNZIMMERTISCH
Der Himalaya. Etwas, das unendlich weit weg ist, wo riesige Gipfel und unendliche Grate in den Himmel wachsen, wo die Gipfel von Stürmen umtost sind und eigentlich Menschen nichts verloren haben – so habe ich mir als Kind in meiner Fantasie den Himalaya vorgestellt.
Unser Geografielehrer in der Realschule hat sie uns genau gezeigt – diese lange Gebirgskette – von Westen nach Osten. Und die höchsten Berge der Erde waren dort eingezeichnet. Ich konnte sie alle aufzählen: nicht nur mit den Originalnamen, sondern ich wusste genau, dass der Chogori der K2 war, dass man den Mount Everest auch Chomolungma oder Sagarmatha nannte und der Nanga Parbat als der deutsche Schicksalsberg galt.
Aber der Himalaya wurde mir nicht nur durch diesen bergbegeisterten Lehrer vertraut, schon lange vorher waren bei uns zu Hause diese hohen Berge täglicher Gesprächsstoff. Mein Großvater, Emil Hensler, war Mitglied im alpinen Klub „Karwendler“, einem der renommiertesten Innsbrucker Bergsteigerklubs. Um diesem Klub anzugehören, musste man ein ausgezeichneter Bergsteiger sein, einer, der in Fels und Eis, ja einfach im Hochgebirge zu Hause war. In seiner Jugendzeit hatte mein Großvater die kühnsten Felsfahrten in der Umgebung Innsbrucks unternommen und zahlreiche Erstbegehungen gemacht, die heute noch zu den Standardtouren der Bergsteigerjugend zählen. Inzwischen ein alter, angesehener Herr, war Emil Hensler ein väterlicher Freund seiner jungen Klubbrüder, zu denen neben Kuno Rainer, Peter Aschenbrenner, Erwin Schneider und Sepp Jöchler auch Hermann Buhl gehörte.
Es war Anfang April 1953, als die „Deutsch-Österreichische Willy-Merkl- Gedächtnisexpedition“ zum Nanga Parbat aufbrach. Die Karwendler, unter ihnen mein Großvater, verabschiedeten mit großer Begeisterung ihre Expeditionsmitglieder Buhl, Rainer und Aschenbrenner am Innsbrucker Bahnhof. Ich war acht, es war ein Freitag, ich hatte Schule. Ich konnte nicht dabei sein und war traurig.
Die Berichte über den Fortschritt der Expedition waren spärlich.
Doch dann überschlugen sich die Erfolgsmeldungen aus dem Himalaya – aber nicht vom Nanga Parbat kamen sie, sondern vom Mount Everest. Der Neuseeländer Edmund Hillary und der Sherpa Tenzing Norgay hatten den höchsten Berg der Erde, 8848 Meter hoch, bezwungen! Am 29. Mai, dem Tag der Krönung der britischen Königin Elisabeth II., ging diese Nachricht um die Welt, und sie übertrumpfte bei weitem die Krönungsfeierlichkeiten in London.
Doch was war los am Nanga Parbat? 35 Tage nach dem Gipfelsieg am Everest ist es endlich so weit: Die Meldung über den sensationellen Alleingang Hermann Buhls zum Gipfel des Nanga Parbat erreicht die Welt. Mein Großvater fährt mit einer Abordnung der Karwendler nach München, um beim Empfang Buhls dabei zu sein. Und wenige Wochen später sitzen Hermann Buhl, mein Großvater und ein paar Freunde der Karwendler bei uns am Wohnzimmertisch. Schwarz-Weiß-Fotografien machen die Runde, man hört eine Stecknadel fallen, als Buhl vom Gipfelgang erzählt. Und ganz hinten, im Eck, darf ich dabei sein, darf zuhören und die Bilder in die Hand nehmen.
Dezember 1953: Julfeier des Alpinen Klubs Karwendler. Hermann Buhl hält einen seiner ersten Vorträge. Mein Großvater nimmt mich mit. Nach dem Vortrag dränge ich mich nach vorne und lass mir eine „Karwendlerkarte“ unterschreiben. Von Hermann Buhl und dazu auch noch von Sepp Jöchler und Kuno Rainer! Wie einen Schatz hüte ich diese Karte bis heute.
Ein Jahr später, 1954, erscheint Buhls Buch „Achttausend drüber und drunter“. Ich verschlinge es, kann manche Passagen schon auswendig – und mit Bleistift markiere ich alle Touren und Gipfel, die Buhl gemacht hat und die ich auch machen will! Grubreißen-Südturm-Südgrat, Schüsselkar-Spindlerweg, Fleischbank-Südostwand, Mauk-Westwand … Nach und nach werden die mit Bleistift angemerkten Träume Wirklichkeit: Viele der Touren Hermann Buhls konnte ich mit Freunden wiederholen. Nur der Traum vom Himalaya war noch weit entfernt.
„DAS KLETTERN IST FÜR MICH IMMER MEHR LEBENSZWECK GEWORDEN“
Lieber Wolfgang, du bist in Kitzbühel geboren, aber in Innsbruck aufgewachsen. Die eindrucksvolle Schilderung deiner Begegnung mit Hermann Buhl wirft gleich eine Frage auf, die Innsbruck als Bergsteigerstadt betrifft. Buhl war ja nach seiner erfolgreichen Erstbesteigung des Nanga Parbat in der ganzen alpinen Welt ein „Hero“, ein Held, aber nur in Innsbruck konnte man diesem Hero auf der Straße oder im Wohnzimmer des Großvaters begegnen. Wann ist in dieser Stadt das Bergsteigen in dein Bewusstsein getreten?
Das Bergsteigen ist bei uns in der Familie sehr präsent gewesen, vor allem durch meinen Großvater, der viele Erstbegehungen gemacht hat, speziell in den Kalkkögeln und im Karwendel. Mein Vater allerdings war ein erklärter Berg wanderer und für meine Schwester und mich war es als Kinder ein Horror, wenn es jedes Jahr, sobald der Schnee weg war, geheißen hat, am Sonntag geht’s auf die Kaisersäule: mit der Hungerburgbahn auf die Hungerburg und dann über die Almen bis zur Kaisersäule, von dort weiter aufs Stempeljoch und dann hinunter ins Halltal und das lange, lange Halltal hinaus. Wir haben jede Ausrede gesucht, aber es hat nichts genützt. Der einzige Lichtblick war, dass es in Hall eine große Schüssel Eis gegeben hat als Belohnung. Und mit der Haller Bahn sind wir dann zurück nach Innsbruck gefahren. Jedes Jahr – für uns Kinder war diese Wanderung eine Qual!
Wie bist du dann zum richtigen Bergsteigen gekommen?
Natürlich hat uns der Vater nicht nur auf solche „Gewalttouren“ mitgenommen, sondern uns auch behutsam, Sommer wie Winter, in die Berge geführt. Mein Großvater war damals schon in Pension und hat für die Bergrettung die Hüttenkontrollen durchgeführt. Zu diesen Hüttentouren hat er mich dann im Sommer immer mitgenommen, mir dabei viel von seinen Bergtouren erzählt und so das Feuer in mir geweckt.
Ich habe auch das Glück gehabt, dass es in der Realschule Lehrer gab, die uns das Bergsteigen nähergebracht haben. Die mit uns an den Wandertagen auf die Berge rund um Innsbruck gestiegen sind und in den Ferien von der Franz-Senn-Hütte aus auf Skitouren gegangen sind.
Großvater Emil Hensler, in seiner Jugend ein kühner Kletterer, als alter Herr ein Freund der jungen „Karwendler“
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