Der Vater trug seine dunkelblaue Eisenbahnuniform mit den Messingknöpfen und das blaue Eisenbahnhemd. Auf der Jacke der Uniform stand mit gelben Buchstaben geschrieben: JŽTP, Jugoslavensko željezničko transportno poduzeće .
In meinen Ohren klang diese Bezeichnung geheimnisvoll. Fernglück, das durch die Augen strömte, hinaus, hinein, eine Reise mit dem Zug. Die lange Nacht und den Tag der Zugreise über machte ich kein Auge zu, eine Zugreise nach Čačak. Aus Angst, allein zu sein im Korridor des nach Benzin stinkenden Zuges, ging ich nie auf die Toilette. Vater wird das nach der Rückkehr immer wieder erzählen. Der Geruch des Zugabteils, Urin, Holz, ölig, Häuser, welche mitreisten, draußen vorbeiflogen und von Bäumen begleitet wurden, Stromstangen wie Bleistifte. Ich war ein folgsames Kind, unglaublich gut hätte ich die Reise überstanden, wie eine Große, wird Vater sagen, an die Worte des Vaters erinnere ich mich. Ankunft. Treppen nach oben, Holztreppen. Ein dünner Mann, den ich Onkel nennen sollte, Onkel Tetak, der keine Kinder hatte und mich fest kitzelte. Ich weinte vor Lachen.
Ohne Großmutter ein einziger Ausflug als Familie nach Split. Eine Fotofamilie, die mit Wasser, Seife, dem neuen Rosenrock der Mutter präpariert wurde, auch mit dem glatten Gesicht des Vaters, welcher der Regisseur des Ausflugs war, mit Eis in zitternden Kinderhänden, weil sie sich in der Stadt nicht zu benehmen wussten und schnell schmutzig werden konnten. Die Mutter ernstfröhlich, weil das Kleid aus Italien stammte, nur an dem Tag angezogen werden durfte und sie erhellte, fremd machte, das Rosenkleid, und der Vater hatte ein Polyesterhemd, welches mit einer Farbtablette gekocht wurde, um blau zu werden. Mutter, ich und mein Bruder. Für den Ausflug wurden wir über Nacht anders, als wir gestern gewesen waren, eine vorsichtige Imitation der Städter, wobei der Vater als Einziger keinen wirklichen Respekt zeigte und als Anführer dieser unmündigen Familie mitging. Er hatte geölte Haare, die Frisur zeigte seine Weltläufigkeit, welche aus verschiedenen Tuberkulose-Aufenthalten in Spitälern in Zagreb und Varaždin bestand und aus Besuchen der Abendschule in Split. Auch seine Sprache und sein goldener Zahn konnten durchaus zu einem anderen Mann gehören wie auch die Kinder, die schon in der kleinen Küche ganz unpassend saßen, die Kinder, welche die Wörter flüsterten, weil sie nicht wussten, wie die richtige Stadt-Aussprache war und wie richtige Wörter auszusehen hätten. Ich konnte die herben Wörter der Erwachsenen aus Glück auswendig, aber für Split musste man sie waschen. Mutter trug eine Brille, was auf die Vererbung eines Sehfehlers mütterlicherseits hinwies. Diese Brille entfernte Mutter von den gesunden Bauern, aber sie brachte sie nicht in die Nähe der Städter, obwohl auch Städter Brillen trugen, aber die hatten andere, schönere Gestelle, nicht solche schwere schwarze. Gott sei Dank hatte Mutter ihre Zöpfe abgeschnitten, fürs Erste wurde eine halblange Version gewählt, weil es auch andere vergleichbare Frauen so hielten in diesem Wettbewerb der angleichenden Verwandlung, wobei keine zu schnell bei der Imitation der Stadtmenschen sein durfte. Das hat geholfen, dass die Mutter an diesem Tag nicht ganz wie Mutter war.
Split bestand aus Vaters Hemden in den Schaufenstern, aus Tellern, Wintermänteln, Unterhosen, Schuhen, Uhren, Büchern, Küchen, diesen unglaublichen Dingen, die Stadtmenschen beseelen, weil sie Teil ihres Lebens sind. Der Gestank der Fische auf dem Fischmarkt Ribarnica störte unser Bild, gesalzene Sardellen in den Holztöpfen, davon hat Mutter, als sie mit mir schwanger war, sechs Stück gegessen. Die Steinkinder im Park, aus deren Fingerkuppen Wasser spritzte, all dies gehörte zu einer Erhabenheit der Stadtmenschen, welchen wir nicht angehören, aber wenn wir groß würden … Vater nannte uns die Namen der Ärzte, die Namen der Straßen: Solinska, Prvoboraca, Bosanska Firule, Bačvice und Meje. In Meje, sagte er, wohnten die, welche es geschafft hätten, in einer Vorzeit den Reichen alles wegzunehmen, von Volksfeinden was zu retten, richtige Kommunisten.
Wir trauten uns fast nicht zu atmen, sondern schauten auf die Schuhspitzen beim Treppensteigen. Auch andere Familien stiegen stolz die Treppen hoch zum Marjan, wo der Zoologische Garten war, wobei ich nicht wusste, was Zoološki vrt bedeutete, nichts wusste, abgesehen von dem Wort. Ich stellte mir Tiere vor, die eingepflanzt wie Rebstöcke oder Bäume im Garten wuchsen. Am meisten liebte ich unseren Hund, der ständig bellte. Ich wollte immer eine andere Familie, einen Park, ein gelbes Haus, einen Papagei, Lackschuhe, ein schönes Kleid, Locken am Kopf. Zeichnungen, andere Zeiten, andere Menschen standen im Fortsetzungsroman auf der letzten Seite von Slobodna Dalmacija . Vater schlug den Bruder mehr als mich.
Die andere Großmutter fragte mich, wo ist dein Bruder, ist er in lokva , in der Tränke? Und ich dachte, ich sah ihn, wie er ins Wasser ging, als die Kühe von der Weide kamen.
»Er ist sicher in lokva «, sagte ich zu ihr. Großmutter rief nach den Nachbarn, zwei Männer nahmen die Schnur, sie suchten den kleinen Bruder im Wasser der Kuhtränke. Die Tante und die Großmutter weinten laut, plötzlich tauchte er an der Hand des Onkels auf, alle waren erleichtert, freuten sich, dass er nicht ertrunken war. Die Großmutter schlug mich, sagte: »Du hast falsches Zeugnis abgegeben, du Miststück, bist wie deine Mutter.« Ich weinte. Hatte Angst, dass die Großmutter das dem Vater erzählte, er mich auch schlagen würde.
Es war dieselbe Kuhtränke, dort, wo damals die erhängte Freundin der Mutter hing.
Mutter kam nach Hause vom Vieh-auf-die-Wiese-Treiben, sagte: »Besa hat sich bei der Kuhtränke erhängt, arme Besa.« Besa, die mit dreizehn Jahren aus ihrem Haus gestohlen und in derselben Nacht vergewaltigt wurde. Besa verlor den Verstand, ihr Mann nahm ihr dann zwei Kinder, arme, blöde Besa.
Viel früher warf Mutter Schneebälle und lachte laut. Sie spielte wie ein Kind, sie war verliebt in einen wunderschönen Nachbarn, der öfter zu uns kam, ich sah es, ein Spaziergang mit ihm, ein Lachen im Duett, immer lachte sie mit ihm, glücklich. An einem Nachmittag aber redeten sie unbekannte Worte, sie wischte sich die Augen trocken. Er floh nach Frankreich. Sie verwelkte, wurde trüb, unberührbar, sie versteckte sich in Salatpflanzen. Ihre Schwiegermutter betrachtete sie misstrauisch.
Sie war einundzwanzig, als das Lachen aus ihrem Gesicht verschwand.
Jahrelang hörte niemand seinen Namen.
Vater hatte zu der Zeit Tuberkulose, die ganze Familie war zu ernähren.
Wir hatten tagelang Schlangeneier gesucht und nie gefunden. Und dann endlich? Der Bruder entdeckte Schlangeneier in der Wand, es waren glitzernde kleine Wunderdinge. Vater rief ihn aus der Küche, er meldete sich nicht, der Vater rief noch lauter, noch lauter, der Vater suchte ihn, der kleine Bruder sei verschwunden, sagte er. Vater durchsuchte das ganze Grundstück, fragte die Nachbarn, niemand hatte ihn gesehen. Dann, ins Haus zurückgekommen, entdeckte er sein Versteck unter dem Bett, packte ihn mit beiden Händen unter den Armen, warf ihn aufs Kinderbett und rief: »Mit der eigenen Hand töte ich dich, du hast mir solche Angst eingejagt, nie mehr, nie mehr, hörst du.« Der Bruder war blau angelaufen vom Weinen. Die Großmutter sagte ganz leise: »Es sollen deine Hände abfallen, dabogda .« Ich beobachtete alles aus dem Versteck hinter der Großmutter und konnte nicht helfen. Ich wollte, Vater hätte mich geschlagen, ich schämte mich.
Jesus auf der Zunge Juni 1967
Ich musste mich winden, um mich nicht aufzulösen und irgendwo in der Dunkelheit hinter der Sonne zu verschwinden. Es fingen die kleinen Vögel an der Wand an, sich zu zeigen; ich hatte gesehen, wie Vater das Eigelb im weißen Mörtel auflöste, um dann mit den Rollern über die Wände zu fahren, bis überall dieselben Vögel, unzählige Vögel, geboren wurden. Nachdem die Wand getrocknet war und wir wieder im Zimmer schlafen durften, schauten die Vögel auf uns, immer wenn unsre Augen offen waren.
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