Brigitte wird Bert niemals vergessen. Bert ist Brigittes versäumte Gelegenheit. Bert wird sich nicht an Brigitte erinnern. Bert versäumt keine Gelegenheit mit anderen Frauen. Bald davon mehr.
Jetzt erblickt Brigitte im Geiste Mamas forschenden Blick: Ist dieser Professor Doktor Bert vielleicht einer der potenziellen Kindsväter mit universitärer Unterhaltungsgarantie, von denen das Kind phantasiert hat? Die Wimmüllers hat es ja wohl nicht gemeint, oder etwa doch, das unreife Gör? Neinnein, Mama, die da, die nicht, der da, den möchte ich. Na gut, die gute Mutter wird die Ware prüfen.
Aber wo ist denn der Herr Professor Doktor Bert? Und wo ist Petra?
Auf der Damentoilette der Lehrkörper der philosophischen Fakultät öffnet Petra mit einem Ruck die Reißverschlussachse ihres getigerten Wildlederbodys. Sofort hüpfen milchweiße Tittchen wie unschuldige Lämmchen aus dem groben Naturmaterial und pressen ihre rosigen Schnäuzchen an das eiskalte Spiegelglas, das sie im Augenblick zu zäpfchenförmigen Zitzchen erstarren lässt. Eine Armlänge tiefer wölbt sich ein glattrasierter Fruchtkörper aus dem Tigerleder, das im Schatten nackter Mädchenbeine langsam aus dem Blickfeld rutscht. Petra steht auf dem Waschbeckenrand wie eine lebende Skulptur und beginnt, die zarten Körperspitzen zärtlich mit ihren Fingerspitzen zu massieren. Sicher dient es der Durchblutung, Petras Wangen sind Pfirsichsamt, ihr Mund, den sie zu einem O formt, Holunder. Das kann Petra im Spiegel gut erkennen, auch Bert ist im Spiegelhintergrund deutlich zu sehen. Er hockt, gefesselt mit einem fliederfarbenen Damensamtcordschal und geknebelt mit einem rosa Spitzenslip, auf einem reinweißen WC-Topf, die Hände können sich in der festen Bandage einer schwarzen Netzstrumpfhose kaum noch bewegen. Dabei möchten sie sehr gern das runde, frei kreisende Fleischstück ergreifen, auf dem Petra noch vor wenigen Minuten im Grundkurs der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften gesessen hat. Da es sich ihm nun entgegenstreckt, ist ein Blick in den Innenraum möglich, in den Bert sehr gern und sehr dringend seinen zum Überlaufen gefüllten Schwengel bringen würde. Aber vergeblich ruckt er auf dem Klodeckel, kehlt er hinter dem Slipknebel. Petra schüttelt neckisch das zitrusblonde Köpfchen und glockt vor dem Spiegel weiter, ein Tröpfchen lässt ihr Fässchen überlaufen, bernsteinfarben träufelt es aus ihrer vorderen Unterseite heraus, eine heiße Quelle zischelt in das glänzende Waschbecken, von Berts Gesicht ist nur noch ein zartrosa Damenslip übrig.
Rasche Schritte auf dem Gang vor dem Toilettentrakt kündigen eine Störung dieses vollkommenen Bildes an.
Petra springt vom Waschbeckenrand aus in ihren Wildledertiger und stülpt einfach ein hautenges Kleid darüber. Noch bevor Brigitte den Raum betritt, schleudert Petra die WC-Tür zu, hinter der Bert nun die fremdländische Putzkolonne erwarten muss, die ihn mit unübersetzbarem Geschrei aus seiner peinigenden Lage befreien wird.
Petra und Brigitte stehen einander gegenüber.
Freundin und Freundin stehen gemeinsam vor dem Spiegel der Damentoilette, so dass wir sie beide zweimal sehen. Zudem haben sie zweimal zwei Stimmen, die in und aus ihren Köpfen ertönen. Es handelt sich um zwei äußere und zwei innere Stimmen. Die äußeren Stimmen organisieren sich dialogisch, die inneren Stimmen monologisch.
Brigittes äußere Stimme sagt, Petra.
Brigittes innere Stimme sagt, Bert.
Petras äußere Stimme sagt, Brigitte.
Petras innere Stimme sagt, Bert.
Brigittes äußere Stimme sagt, da bist du ja.
Brigittes innere Stimme sagt, er ist auch hier.
Petras äußere Stimme sagt, da bist ja du.
Petras innere Stimme sagt, auch er ist hier.
Nun wird der Dialog in Befragung und Rückbefragung verwandelt.
Petra? fragt Brigitte. Brigitte? fragt Petra.
Ist er auch hier? fragt Brigitte. Bert?
Bert? fragt Petra. Er ist auch hier?
Nun werden Befragung und Rückbefragung in ein Gespräch von Freundin zu Freundin verwandelt.
Petra, sagt Brigitte. Brigitte, sagt Petra.
Bert, sagt Brigitte. Bert, sagt Petra.
Und dann gesteht die Freundin der Freundin, dass sie Bert geistig, seelisch und körperlich lieben möchte, und zwar in allen möglichen Stellungen. Und dann lächelt die Freundin die Freundin stumm an, als ob die Freundin wüsste, was die Freundin denkt, obwohl keine der beiden Freundinnen weiß, was sie denken soll. Und dann hakt sich die Freundin bei der Freundin stumm und lächelnd und gedankenlos unter. Und dann verlassen Brigitte und Petra Seite an Seite die weißgekachelte Damentoilette der Lehrkörper der philosophischen Fakultät.
Das Nullmorphem ist Thema des soziolinguistischen Proseminars, auf das Berts vergrämter Blick unwillkürlich fällt, als er die Damentoilette der Lehrkörper der Philosophischen Fakultät verlässt. Die studentische Überpopulation hockt vor der Toilettentür, Stühle werden in den Sanitärbereich gerückt, der Soziolinguistikdozent, in der Tiefe des Seminarraums auf der anderen Seite des Flures, ist kaum zu erkennen. Seine Stimme wird durch technische Verstärker in die Labyrinthik der Universitätsschnellbaugänge getrieben.
Das Nullmorphem, doziert der lautsprechende Dozent, ist ein inhaltlich vorhandenes, aber lautlich nicht ausgedrücktes Morphem (z.B. bei der Bildung des Genitivs Singular Femininum). Der Frau.
Berts Genitalien vibrieren bei der Bildung des Genitivs Singular Femininum. Frau, Frau, Frau morst es unablässig im nachtschwarzen Inneren seines Morpheusschädels, in dem er einen rosa Spitzenschlüpfer und ein Paar schwarzer Netzstrümpfe aufbewahrt.
Casus obliquus, schwächt der Lautsprecher ab, abhängiger Fall.
In Berts sprachlichem Epizentrum triumphiert der unbestimmte Casus rectus Frau, die studentische Überpopulation rekelt sich der Pause entgegen, ein paar pausblonde Studentinnen stricken einen lila Schal, der Bert an ein wichtiges Tagesziel erinnert: Er will Petra anrufen, er will ihr Glöckchen läuten, er will bei ihr anbimmeln, er will in ihren siebten Himmel.
Das Proseminar bimmelt und blökt, es teilt sich in der Flurmitte und gibt einer Herde schafskäsekauender Dolly-Experten den Weg frei zur naturwissenschaftlichen Fakultät. Da schleust der Rektor der traditionslosen Universität eine Gruppe ägyptischer Austauschstudentinnen einer traditionslosen Schwesteruniversität durch die Hörermassen. Allein die Kopftücher der Frauen und die Führerfigur ihres spiritus rector sind traditionsreich. Und Berts Fährtenschritt. Denn Bert stellt instinktiv dem Plural Femininum nach, der das soziolinguistische Seminar rasch hinter sich lässt.
Wie Moses mit dem Volk Israel durch die Wüste zog, so zieht der Rektor mit den ägyptischen Austauschdamen durch eine abgenutzte Teppichflurlandschaft, vorbei an weit geöffneten Seminarräumen, in denen Herren sich einzeln, paarweise oder in Gruppen gymnastischen Streck- und Beugeübungen hingeben.
Liebe, Sex und andere Kleinigkeiten: Zur Konstruktion intimer Systeme heißt es an einer Wegkreuzung. Und als gäbe es dort das lebenserhaltende Wasser, das auf entbehrungsreicher Wanderung gefehlt hätte, bleiben Rektor, Damengruppe und Bert wie ein Mensch vor der Hörsaalöffnung stehen.
2 Liebende = 2 Systeme, so die Botschaft, die die neue Hörerschaft wie einen kräftigenden Bissen auf der Rast aufschnappt, inkompatibel, intim, zuweilen indifferent. Die Ägypterinnen blättern eiligst in riesigen Wörterbüchern, Berts Hirn ist dumpfgestellt, der Rektor nickt dem Kollegensoziologen wortlos zu.
2 Systeme, so der Soziologe weiter, gewissermaßen kommunikativ miteinander verkettet, während er ein bisschen Habermas mit einer Prise Adorno zu sich nimmt, romantisch, hoch sensibel, allergisch gegen Korrekturvorschläge, die fremdreferentiell sind, aufklärerisch, also an der Information orientiert. Die Ägypterinnen, fremdreferentiell, aufgeklärt, also an der Information orientiert, nicken, gewissermaßen kommunikativ miteinander verkettet, im Takt der Wortfolge. Bert, romantisch, hoch sensibel, allergisch gegen Korrekturvorschläge, kann den Worten nicht folgen. Wieder einmal wird deutlich, dass Frauen und Männer nicht wie ein Mensch sind.
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