Der Unwillen in des Vaters Worten mündete sonst leicht in einen Streit mit seinem Sohn, doch dessen Gedanken waren längst weiter geeilt und er schüttelte nur den Kopf darüber, dass Johann Hesenius ausgesprochen hatte, was doch ohnehin offensichtlich war.
„Ihr versteht die Sätze nur, wie sie geschrieben stehen, Vater, aber das, was nicht geschrieben steht, ist es, das mich so eigenartig dünkt. Lengsdorp mag von anderen Geschichten über mich gehört haben und mich daraufhin für einen Gelehrten der Medizin halten – doch warum sollte er überhaupt auf die Idee verfallen, jemanden zu Rate ziehen, den er selbst nie gesehen hat und der sich zudem noch nicht einmal einen Arzt nennen darf? Für die Beschau eines Toten sollte er sich aus der Ärzteschaft der Stadt doch leicht die Dienste eines gut beleumdeten Mannes sichern können?“
Da eine Antwort ausblieb, fuhr Ulrich in seiner Betrachtung fort.
„Wenn der Unbekannte, um den es geht, einer Krankheit erlag, so wird es doch gewiss einen Arzt gegeben haben, der ihn behandelt hätte? Dann könnten wir annehmen, dass dieser ratlos oder wenigstens unsicher ist, was die Todesursache angeht. Wenn Lengsdorps Bitte aber zu bedeuten hätte, dass der Mann durch ein unglückliches Geschick aus dem Leben gerissen wurde, so kann es dafür keine Zeugen geben, denn anderenfalls bedürfte es ja überhaupt keiner weiteren Untersuchung.“
„Wohin soll all die Fragerei, zu der du hier anhebst, schon führen? Du wirst ohnehin sehen, was für eine Bewandtnis die Sache hat, wenn du dich erst hinbegeben hast, diesen Toten in Augenschein zu nehmen!“ Die Beiläufigkeit, mit der Johann Hesenius diese Worte ausgesprochen hatte, führte dazu, dass Ulrich länger brauchte als gewohnt, bis er ihre volle Tragweite erfasst hatte.
„Dann erlaubt Ihr, dass ich gehe?“ fragte er vorsichtig.
„Nun, sicher doch! Lengsdorp hat einigen Einfluss in der Kaufmannschaft. Es sind nicht wenige, die meinen, er werde bald dem Rat angehören. Es wäre gar zu unschicklich, auch gegen seinen alten Vater, den ich wohl kannte, diesen Dienst, den er erbittet, zu verweigern!“
Die Türglocke schellte erneut, und zwei Frauen, von denen die jüngere zwei sehr kleine und dick eingemummte Kinder an der Hand führte, betraten das Kontor. Johann Hesenius schickte einen freundlichen Gruß zu ihnen herüber. Die neue Kundschaft weckte den langsam arbeitenden aber stets dienstbaren Geist des alten Harm, der sich ihren Wünschen widmete.
Obwohl Ulrich bei der Aussicht, für den Rest des Tages seine enge Schreibstube zu verlassen und gar für Stunden zur Medizin zurückzukehren, innerlich frohlockte, fühlte er doch die Notwendigkeit, seinen Vater darauf hinzuweisen, dass hierüber all seine Schreibarbeit wenigstens bis zum morgigen Tag liegen blieb.
„Ich habe gerade erst angefangen, die neuen Warenlisten zu übersetzen, und es sind bislang auch nur zwei der vier Briefe geschrieben, die du für die Gilden in Helsingborg gewünscht hast!“, gab er zu bedenken.
„Es hat weiter keine Eile, denn der Winter ist so streng wie alle Jahre. Und selbst wenn es in den nächsten Wochen einmal auf Tauwetter zuginge, so werden wir doch nicht vor Ende März das erste Schiff auf Fahrt schicken und auch die Briefe befördern können. Gib acht, dass du mir die Listen Ende nächster Woche vorlegen kannst, dann ist es gut! Hast du in allen Zeilen darauf geachtet, den Platz zu lassen für das, was ich nachzutragen habe? Ich werde bis dahin die neuen Kurse beim Wechsler erfragt haben, so dass ich die Summen errechnen und jeweils passend notieren kann!“
Ulrich bejahte dies, und nun endlich drückte Johann Hesenius’ Miene auch so etwas wie Wohlwollen und Anerkennung aus. Nein, wenn es dem Jungen auch an Kaufmannsgeist fehlte, so war er doch tüchtig auf seine Art, und was man ihm auftrug, das wusste er zuverlässig anzugehen. Das Lateinische beherrschte er ohnehin wie einer der Besten, und selbst im Französischen vermochte er sich trefflich auszudrücken. Gerade diese Kenntnis war es, die dem Geschäft neuerdings zu einigem Nutzen gereichte, denn bis weit nach Osten war die Sprache von König Louis mittlerweile eingekehrt – zuerst wohl an den Adelshöfen, doch neuerdings sogar schon bei den Händlern in Riga, Malmö oder gar Nowgorod. Wie gut war es da, dass sie – anders als manches Handelshaus, das sich nicht darauf verstand – mit den fernen Geschäftsfreunden in der Zunge redeten, die den Leuten dort so angenehm war.
Dann kehrte die Strenge in des Kaufmanns Gesicht zurück. Mit einem Kopfnicken wies er auf den jungen Boten, der geduldig das Ende der Unterredung zwischen ihnen beiden abgewartet hatte.
„Eilert hier verdient nunmehr eine Antwort“, beschied er seinen Sohn, der für einen Moment wieder in die Betrachtung des geheimnisvollen Schriftstücks versunken schien.
„Das ist wahr“, nahm Ulrich den neuerlichen leichten Tadel an, und an den jungen Boten gewandt, fuhr er fort: „So richte deinem Herrn bitte aus, dass ich mich zur rechten Zeit an dem von ihm genannten Ort einfinden werde!“
Eilert Keye, froh eine so vorteilhafte Antwort überbringen zu können, bedankte sich bei beiden Herren mit jenem Überschwang, wie ihn allein die Jugend an den Tag legen kann. Dann stürmte er zur Tür und hinaus zur Straße, während Johann Hesenius ihm schmunzelnd hinterher schaute.
„Was wisst Ihr über Hermann Lengsdorp, Vater?“ fragte Ulrich, nachdem der Junge gegangen war.
„Ich habe einst Vitus, seinen Vater, kennengelernt, er ist nun wohl ein alter, kranker Mann. Von den drei Söhnen starben zwei sehr früh, und ich weiß dir wenig über Hermann zu erzählen. Er muss noch sehr jung sein, doch hat er sich auch in Ratskreisen einen guten Ruf erworben. Man erzählt sich, er habe beträchtliches Vermögen im Porzellanhandel verdient, weil er offenbar in Einvernehmen mit einigen Handelshäusern in Lissabon steht, von denen er ohne Umwege gute Chinaware bezieht. So muss er nicht wie andere in Amsterdam oder Antwerpen anstehen und in einer langen Reihe von Bietern um einen erträglichen Preis feilschen.“
Ulrich nickte unwillkürlich. Im Überseehandel, davon hatte jeder gehört, ließen sich in kurzer Zeit Reichtümer erzielen, die weit über das hinausgingen, was die Ostseefahrer heute noch erwarten konnten. Lengsdorp gehörte zu denen, die es mit Glück und Geschick und wohl auch dank guter Beziehungen geschafft hatten, aber sein Vater wusste, wenn das Gespräch auf diese Dinge kam, wenigstens ein Dutzend Namen von Kaufleuten aufzuzählen, die bei dem Versuch, die neuen Handelsrouten einzuschlagen, mehr verloren hatten als nur Schiff und Ladung. Es war ein heikles Thema, und Ulrich wollte lieber zu näher liegenden Dingen zurückkehren.
„Lengsdorp wird vielleicht einen Bericht über meine Untersuchung lesen wollen, und es mag dahin führen, dass ich morgen erst des Nachmittags wieder zurück sein kann.“
„Nun, du wirst wissen, was zu tun ist und es soll mir recht sein so“, war alles, was Johann Hesenius entgegnete. Die Dinge waren für ihn geregelt, und er wandte sich ab, um Harm zur Seite zu stehen, der sich mühte, den beiden Frauen die Vorzüge verschiedener Schiefergriffel nahezubringen. Er hatte dabei jedoch nur ihre halbe Aufmerksamkeit, da eines der Kinder seine Erklärungen mit allerlei quengelnden Fragen zu übertönen suchte. Es war Kleinkram, den Leuten das Passende zu verkaufen, aber zwischen den Auslieferungen an andere Händler war jede Nachfrage recht.
Ulrichs Gefühle aber waren zwiegespalten. Auf der einen Seite hatte er nunmehr jede Erlaubnis zu gehen. Er würde wenigstens für den Rest des Tages zur Medizin zurückkehren, die ihm so viel bedeutete, und dabei handelte er sogar gemäß dem Wunsch des Vaters. Es war wie ein Ausflug in eine andere Welt, doch eben deshalb kam ihm mit schmerzhafter Deutlichkeit in den Sinn, wie freudlos er im Grunde seit einem halben Jahr seine Alltagsarbeit hier im Kontor verrichtete. Irgendwann am morgigen Tag würde er zurückkehren müssen in seine kleine Schreibstube, und das ganze kleine Einvernehmen mit seinem Vater konnte nicht überdecken, dass Johann Hesenius den Lebensweg, den er gewählt hatte, in seinem Herzen ablehnte.
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