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Gianna stützte sich an den Wänden des schmalen Korridors ab, um nicht zu stürzen. Nach dem Gespräch mit ihrem Vater hatte sie sich direkt auf den Weg zu Trips Kabine unter Deck gemacht.
Genau wie ihr Dad verbrachte sie die meiste Zeit auf der Brücke, wohingegen Trip als Mitglied des Tauchteams den Großteil seiner Tage tief in den Eingeweiden der Endeavor verlebte. Verglichen mit allen anderen an Bord arbeiteten sie so weit voneinander entfernt, wie es nur ging.
Doch wann immer es ihnen möglich war, stahlen sie sich davon. Ihre Beziehung war schon viel weiter fortgeschritten, als es ihrem Vater bewusst war. Aber sie wollte ihm die frohe Kunde schonend beibringen, sobald sie sicher im Hafen von McMurdo lagen.
Denn Gianna House war in der achten Woche schwanger.
Die einzigen Leute, die bisher davon wussten, waren sie, Trip und die Schiffsärztin, Dr. Lisa Bowen, die zur Verschwiegenheit verpflichtet war, solange Gianna es ihrem Vater sagte, sobald sie den Hafen anliefen. Wenn nicht, würde sich Bowen selbst darum kümmern.
Das darf nicht passieren , dachte sie und kaute auf ihrer Unterlippe herum.
Wenn Bowen es ihrem Vater sagte und nicht sie selbst, würde es ihm das Herz brechen, das wusste sie, und House verdiente es einfach nicht, dass man ihm schon wieder das Herz aus der Brust riss. Das hatte sie schließlich schon oft genug getan, als sie noch jünger gewesen war. Ihre Vater-Tochter-Beziehung hatte sich mittlerweile prächtig entwickelt, viel besser, als sie vor dem Tod ihrer Mutter gewesen war, und das Letzte, was sie wollte, war, einen Keil zwischen sich und ihn zu treiben. Sie durfte nicht zulassen, dass aus ihrem Kind – sein erstes Enkelkind – dieser Keil wurde.
Sie hatte ihn bereits beschämt, als sie ihren Job bei DARPA losgeworden war. Eine Stelle, die sie nur zwei Jahre gehabt hatte. Nun stand sein Ruf auf dem Spiel, da er sich extra für sie eingesetzt hatte. Wenn sie sich hier irgendwelche Schnitzer leistete, würde dieses Mal er dafür bezahlen müssen und nicht sie. Es könnte nichts Schlimmeres für sie geben, als dass ihr Vater für ihre Fehler bestraft werden würde.
Drei Etagen unterhalb des Oberdecks bog sie nach rechts ab und ging in Richtung der vorderen Hälfte des Schiffes. Trips Kabine war die dritte Tür links. Ihre befand sich auf der anderen Seite des Korridors. Alle, einschließlich Donovan und seinem Wissenschaftsteam, hatten ihre Unterkünfte in diesem Abschnitt. Hier waren alle gleich. Niemand hatte bessere Wohnverhältnisse als andere. Normalerweise fiel nur das Quartier des Kapitäns großzügiger aus, aber nicht hier.
Und das war ihrem Vater zu verdanken, denn er glaubte daran, dass alle gleich waren – sie alle waren Crew-Mitglieder an Bord desselben Forschungsschiffes und hatten identische Ziele.
»Wir erreichen es nur auf unterschiedlichen Wegen«, hatte House einmal zu ihr gesagt.
Zaghaft klopfte Gianna jetzt an Trips Tür. Fünf Herzschläge später öffnete er ihr. Sie lächelte, weil er seine verordnete Sonnenbrille im Zimmer trug. Er sah absolut furchtbar aus, aber wenigstens besser als vorhin.
Trip trat zur Seite, damit Gianna hereinkommen konnte, und schloss dann leise die Tür hinter ihr.
»Die, äh …«, sagte er und zeigte auf seine Sehhilfe, »ist gegen die Kopfschmerzen.«
»Sie dämpft das Licht«, erklärte sie.
Er lächelte und küsste sie fest. »Ich tue, was nötig ist, damit ich dieses hübsche Gesicht sehen kann, ohne blind zu werden.«
Gianna lachte und hob spielerisch eine Faust, um ihn zu boxen. Er wich theatralisch zurück und hob abwehrend die Hände.
»Du würdest doch dem Vater deines Erstgeborenen nichts zuleide tun, oder?«
Sie rümpfte die Nase und trat näher an ihn heran. »Unserer Tochter, meinst du?«
Anfangs hatte Gianna Angst gehabt, ihre Schwangerschaft preiszugeben, vor allem, da sie so bald an Land gingen. Sie hatte befürchtet, dass Trip dann nichts mehr mit ihr und dem Baby zu tun haben wollte und sie verlassen würde, so, wie es vielen ihrer Freundinnen widerfahren war.
Offensichtlich konnte Gianna mit Zurückweisung nicht gut umgehen. Ihre Vergangenheit war der beste Beweis dafür.
»Liebst du mich?«, fragte sie und brachte das Thema jetzt unverblümt auf den Tisch.
Ganz sachte, dachte sie. Im schlimmsten Fall sagt er nein und ruiniert damit mein Leben.
Trip riss die Augen auf, aber alles, was sie sah, waren seine Augenbrauen. Er tippte an sein Kinn und grinste dann wie ein Idiot, bevor er antwortete.
»Hmmm, lass mich mal scharf nachdenken … eine umwerfend schöne, super-sexy und nerdige Frau, die freiwillig mit mir in die Kiste gestiegen ist? Hmmm, könnte ich so eine Frau lieben?«
Gianna stürzte sich auf ihn und schubste ihn auf sein Bett. Für einen langen Moment rangelten sie ausgelassen miteinander und kitzelten sich gegenseitig. Als Nächstes trafen sich ihre Lippen und ihre Hände gingen auf Erkundungstour.
Leidenschaft war nicht das Problem zwischen ihr und Trip. Den Mut aufzubringen, ihrem Vater mitzuteilen, wozu ihre Leidenschaft geführt hatte, hingegen schon.
Sie waren sich zum ersten Mal im Tauchhangar begegnet. Es war eine ihrer ersten Nächte auf hoher See gewesen. Gianna war Trip anfänglich gar nicht aufgefallen, aber sie erinnerte sich noch gut daran, dass ein junger Mann mit dicker Brille ihr wortgewandt und höflich entgegengekommen war. Zwei Wochen und eine Handvoll privater Telefonate später hatten sie sich schließlich auf einen Drink in ihrer Kajüte getroffen, denn sie hatte heimlich einen guten Scotch an Bord geschmuggelt.
Nach drei Gläsern war Trip erledigt gewesen.
Nach drei Gläsern war Gianna bereit für alles gewesen.
Alkohol bewirkte nämlich Wunder für ihre Libido.
Seitdem hatten sie mehr Nächte gemeinsam verbracht als getrennt. Später schlichen sie sich dann in ihre eigenen Kabinen zurück, bevor alle anderen aufwachten.
Das war so lange gut gegangen, bis ihr Vater sie eines Morgens erwischt hatte.
Sie hatte gerade Trips Tür geöffnet, als ihr Dad im Begriff war, an ihre eigene Tür zu klopfen. Als er sich wegen des Geräusches umgedreht hatte, hatte er sie, in einem viel zu großen Dr.-Dre-2001-T-Shirt und nur in ihrem Slip in seiner Tür gesehen. An diesem Punkt hatte sie ihrem Vater nichts weiter zu sagen als die Wahrheit, egal, wer gerade durch den Korridor spazieren würde.
Sie und Trip waren ein Paar.
Überraschenderweise war er ganz entspannt geblieben. Was die Sache für sie unangenehmer als für Trip gemacht hatte. House war nämlich der Meinung, dass jemand wie Trip ihr guttäte. Er war immerhin höflich, ehrlich und gebildet.
»Warum bist du eigentlich nervös?«, hatte Trip am nächsten Morgen gefragt. »Du bist schließlich nicht derjenige, der die Tochter seines Bosses flachlegt!«
Als sie und Trip sich nun gegenseitig die Kleider vom Leib rissen, schob Gianna diese Erinnerung hastig beiseite und konzentrierte sich stattdessen auf das Hier und Jetzt. Das Ganze war viel entspannter, wenn sie nicht darüber nachdachte, was ihr Daddy wohl dazu sagen würde, wenn er es herausfand.
Sie lächelte und biss behutsam in Trips Unterlippe, als sie sich küssten.
Er weiß es bereits.
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