Der ferne Nachbar USA hat wieder einmal ein Problem vor Europas Haustüre gelöst, nachdem sich die Hausbesitzer dazu einfach nicht durchringen konnten. Noch dazu, bevor sich dieses Problem über das gesamte Wohnviertel ausbreiten konnte. So die Lesart vieler Amerikaner. Diese Einschätzung – ähnlich der Bewertung der Lage in der Ukraine – mag zum Teil auf der sprichwörtlichen geografischen und vor allem auch geopolitischen Ignoranz vieler Amerikaner beruhen. Sie wird zurecht auch längst nicht von allen geteilt. Schließlich hat die amerikanische Außenpolitik durchaus Anteil an der brisanten Situation im Nahen Osten. Doch für uns Europäer wichtiger als die Grundlage solcher Bewertungen soll für den Moment die Konsequenz hieraus sein. Um im Bild zu bleiben: Die USA beanspruchen für sich die Platzhoheit auf der globalen Spielanlage. Bis zum heutigen Tag nicht von ungefähr, wie ich in Game Over zeigen werde. Daraus ergibt sich eine bestimmte Lesart der Lage – etwa eben mit Bezug auf die Ukraine oder Syrien. Nahtlos fügt sich hier die Ausschaltung des iranischen Militärs Qasem Soleimani im Januar 2020 ins Bild. In diesem Fall hatte aus US-Sicht das Problem längst das »Wohnviertel« Naher Osten erfasst. Höchste Zeit zu handeln also, denn Soleimani war als Kommandeur der Quds-Brigaden dafür verantwortlich, Irans Einfluss in der Region noch zu vergrößern. Im Unterschied zu Syrien verfügt Irans Nachbar Irak über gewaltige Ölvorkommen. Trotz ihrem offenkundigen Interesse daran hatten sich die Amerikaner lange Zeit darauf beschränkt, die iranischen Aktivitäten im Irak einzudämmen. Das ändert sich mit der Belagerung der US-Botschaft Bagdad durch schiitische Milizen. Zwei Tage später stellt die US-Regierung mit größtmöglicher Härte die Platzhoheit Amerikas wieder her. Offiziell dient die Tötung Soleimanis der Abwendung einer unmittelbar bevorstehenden Gefahr. Dieser Einstufung folgen viele Amerikaner, wohlweislich nicht nur Trump-Anhänger. Auch hier regiert eine große Unkenntnis, manchmal auch unverblümte Negierung der historischen Hintergründe. Zu gut klingt die Geschichte, die man sich selbst erzählt.
Gleichzeitig ist wie so oft auch in diesem Fall ein Bruchstück Wahrheit enthalten. Im Trumpschen Kosmos nimmt es allerdings überproportionalen Raum ein. Die perfide Strategie seines Lagers besteht darin, das Bruchstück so darzustellen, als mache es das Gefäß als Ganzes aus. In diesem Gefäß ist dann vermeintlich die Erkenntnis über den wahren Verlauf der Welt enthalten. Es ist fatal, und ein aus zentraleuropäischer Perspektive ernüchternder Gedanke, dass der »prozentuale« Wahrheitsgehalt von Analysen wie im Fall der Ukraine, Syriens oder Irans nicht entscheidend ist. Sondern die Tatsache, dass sich die Amerikaner aufgrund der eigenen Größe und militärischen Überlegenheit einen solchen Standpunkt schlicht leisten können. Und dass dieser Standpunkt im Trump-Lager, aber auch bei vielen Demokraten, auf Zustimmung stößt. Ein punktuelles Eingreifen in der Welt, dort, wo die eigenen Interessen bedroht sind, damit gehen die meisten Amerikaner nach wie vor konform. Die Zeiten dauerhaften Engagements sind hingegen vorbei. Die Supermacht legt sich gewissermaßen ein neues Portfolio zu, wie es der Politikwissenschaftler James Lindsay vom Council on Foreign Relations formuliert. Trump hatte dies mit untrüglichem Riecher schon im Wahlkampf 2016 erkannt. Im Gegensatz zu Hillary, welche die Brille der Außenministerin nie wirklich abnahm. Ein kostspieliger Fehler in einem Land, in dem – wie in Deutschland oder der Schweiz auch – Wahlen über Innenpolitik gewonnen werden.
Trumps erste – und womöglich einzige – Amtszeit ist beinahe abgelaufen, und noch immer tun sich selbst politische Verbündete schwer damit, seine Handlungen nachzuvollziehen. Zahllose Journalisten und Experten in den Denkfabriken Washingtons, New Yorks und Chicagos und in aller Welt versuchen tagtäglich, sich einen Reim auf den Präsidenten zu machen. Noch schwerer fällt die Erklärung für getroffene Entscheidungen, oder gar die Prognose dessen, was als Nächstes zu erwarten ist. Schon Trumps Wahlsieg war der Tag, »an dem das Umfragewesen zu Tode kam«, so bekam man es auf den Straßen der US-Hauptstadt zu hören. Hatte doch selbst die renommierte New York Times noch am Morgen prophezeit, Hillary Clinton werde am Abend mit 85-prozentiger Wahrscheinlichkeit Präsidentin sein. Dann der Schock für die politische Community, die ihr Land lange Zeit für sehr berechenbar gehalten hatte. Allem Anschein nach reichte das Schüren von Ressentiments tatsächlich aus, einen erklärten Antipolitiker bis ins höchste Staatsamt zu tragen, dessen ganzes »Politikprogramm« aus der flachen Parole bestand, »den Sumpf in Washington trockenzulegen«.
Trumps Kritiker haben für diese Einsicht sehr lange gebraucht. Mittlerweile, im Vorlauf zur Wahl im November 2020, haben sie hieraus ihre schärfste Waffe geschmiedet. Im Jahr 2016 allerdings ist nicht nur das moderate Amerika, sondern auch ein Großteil des konservativen und erzkonservativen Establishments schlicht erschüttert über diesen Pennywise der Politik. Wie der Clown aus Stephen Kings Horrorklassiker Es riecht Trump die Ängste der Menschen, und er lebt von ihnen. Linksliberale sind entsetzt (der Begriff »liberal« steht in den USA für ein nach hiesigem Dafürhalten eher sozialdemokratisches Politikverständnis). Selbst Trumps treueste Fans wirken zunächst überfordert. Noch am Vorwahltag hatten sie kaum Geld auf den letztlichen Triumph ihres Helden setzen wollen (in amerikanischen Wettbüros kann auf fast alles gewettet werden). Es schien beinahe, als sei Trump, der die Unberechenbarkeit zur Maxime gemacht hat, auch ihnen nicht immer geheuer.
Fünf Gründe sind entscheidend dafür, dass sich die Amerikaner auf Dauer aus der Welt im Allgemeinen und unserem Teil der Welt im Speziellen zurückziehen werden (unabhängig davon, wer ab Januar 2021 im Weißen Haus residiert).
Erstens ist diese Entwicklung nicht neu. Die Tradition des Isolationismus bildet den einen der beiden Stränge, die sich durch die Geschichte der Vereinigten Staaten ziehen. Der andere Strang ist der missionarische Drang Amerikas, die Welt an sich teilhaben zu lassen. Genauer: Das eigene Staatsmodell und die eigene Nation als globale Speerspitze der Demokratie und freien Marktwirtschaft zu sehen. Aus europäischer Warte erscheint der Missionar Amerika klar prominenter als der Eremit Amerika. Dies vor allem mit Blick auf das lange 20. Jahrhundert, also Amerikas Engagement in den beiden Weltkriegen, im Kalten Krieg und in der Phase nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bis hin zu den Kriegen in Afghanistan, Irak und Libyen. Diese Einschätzung ist richtig, aber auf einen bestimmten zeitlichen wie räumlichen Korridor beschränkt. Und sie erzählt bei weitem nicht die ganze Geschichte. Schon gar nicht bei einer Nation von den Dimensionen Amerikas, die fähig ist, das Missionarische und das Eremitische zu vereinen. George Washington hatte sein Volk schon Ende des 18. Jahrhunderts vor außenpolitischen Verstrickungen (foreign entanglements) gewarnt. Auf den ersten folgte später der fünfte Präsident der USA, James Monroe, und die nach ihm benannte Monroe Doktrin gegen eine Einmischung der europäischen Kolonialmächte in Amerika – und umgekehrt. Über den siebten Präsidenten der USA Andrew Jackson – dessen Porträt Trump im Oval Office anbringen ließ – bis zur America First -Bewegung zwischen den Weltkriegen zieht sich das Motiv des amerikanischen Rückzugs auf sich selbst.
Diese Linie reißt bis zum heutigen Tag nicht ab. Vielmehr wächst ihre Attraktivität in den Augen der Bewohner eines Landes, das sich auch im Inneren massiv verändert. Mit anderen Worten: Selbst wenn wir aus US-Sicht als transatlantische Partner alles »richtig« machen würden – und warum sollte dies unsere Leitlinie sein? –, gäbe es die über Jahrhunderte bestehende Tendenz der USA zum Isolationismus. Das macht es für Deutschland und Europa nicht leichter. Gefährlich wird es allerdings, wenn wir das Wesen dieses Isolationismus nicht durchschauen. Und uns nicht verdeutlichen, warum er gerade jetzt eine Renaissance erlebt. Mehr dazu im Kapitel » Disneyland Amerika« ab Seite 43.
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