Walter Pohl - Geschichte Österreichs

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"…die Gegend, die in der Volkssprache Ostarrîchi heißt…" wird erstmals so genannt in einer Urkunde Kaiser Ottos III. für das Erzbistum Freising. Sie trägt das Datum 1. November 996 und liegt heute im Hauptstaatsarchiv in München. Wegen dieser Urkunde feierte Österreich im Jahr 1996 ein Millennium. Dabei hat sich der geographische und politische Raum, der seit 996 so genannt wurde, dramatisch wie kein anderes europäisches Territorium geändert: Er hat sich bis 1918 kontinuierlich vergrößert bis zum österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaat, um dann schlagartig auf etwa das heutige Staatsgebiet reduziert zu werden. In dieser neuen «Geschichte Österreichs» schreiben fünf ausgewiesene Spezialisten über die großen Epochen und die Zäsuren der Geschichte Österreichs, mitsamt einem Prolog über das Land in den Zeiten, als es seinen Namen noch nicht hatte, also in Antike und Frühmittelalter. Eine so fundierte und ausführliche Geschichte Österreichs hat es lange nicht mehr gegeben.

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Mit Friedrichs III. Sohn Maximilian I. trat das Haus Habsburg endgültig aus der Enge mitteleuropäischer Bezüge heraus. Der Handlungsrahmen der Dynastie weitete sich zu einem universalen. Zwischen 1477 und 1515 verwirklichte die Familie drei große Eheprojekte – davon zwei Doppelhochzeiten – in drei Generationen, die die Habsburger zur mächtigsten Dynastie des europäischen Kontinents aufsteigen ließen. Die burgundische und die spanische Heirat veränderten den Horizont Maximilians, der nun längst nicht mehr auf die österreichischen Erblande fokussiert war, wenngleich diese nach wie vor den Löwenanteil der Ressourcen für Krieg und Expansion bereitstellten. Nicht zuletzt um die finanzielle Leistungsfähigkeit dieser seiner Erblande zu stärken, leitete Maximilian dort einen politisch-administrativen Innovationsschub ein. In den knapp drei Jahrzehnten seiner Regierung erhielten die österreichischen Länder die erste institutionell-bürokratische Verklammerung durch übergreifende Behörden. So hat Maximilian viel getan, um das lockere österreichische Länderkonglomerat, das hauptsächlich durch die Person des Landesfürsten zusammengehalten wurde, enger zusammenzubinden. Der Weg zum frühmodernen »Gesamtstaat« war eingeschlagen, dessen Realisierung lag freilich noch in weiter Ferne.

Dynastien und Länderverbindungen

1282

Belehnung der Söhne Rudolfs von Habsburg mit Österreich, Steiermark und Krain

1286

Graf Meinhard II. von Görz-Tirol wird Herzog von Kärnten.

1308

Ermordung König Albrechts I.

1335

Tod Herzog Heinrichs von Kärnten; Belehnung der Habsburger Albrecht II. und Otto mit Kärnten

1358–1365

Herzog Rudolf IV. (der Stifter)

1358/59

Fälschung des Privilegium maius

1363

Übergang Tirols an die Habsburger

1365–1395

Herzog Albrecht III.

1379

Teilung der habsburgisch-österreichischen Länder zwischen Albrecht III. und Leopold III. (Neuberger Teilung)

1386

Tod Leopolds III. in der Schlacht von Sempach

1411–1439

Herzog Albrecht V.

1415

Reichsacht über Herzog Friedrich IV.

1420/21

Wiener Gesera

Die Habsburger als Herzöge von Österreich und der Steiermark

Kurz vor Weihnachten 1282 belehnte König Rudolf auf einem Hoftag in Augsburg seine beiden Söhne Albrecht und Rudolf gemeinschaftlich mit den Herzogtümern Österreich und Steiermark sowie der Herrschaft Krain und erhob sie – wie die Belehnungsurkunde vom 27. Dezember 1282 ausdrücklich betont – in den Reichsfürstenstand. Als die Verleihungsform »zur gesamten Hand« schon bald auf Widerstand stieß, gab Rudolf diese in der sogenannten Rheinfeldener Hausordnung vom 1. Juni 1283 auf und ließ an ihre Stelle die Alleinherrschaft des ältesten Sohnes Albrecht treten. Der jüngere Rudolf sollte in geeigneter Weise abgefunden werden. Schwierig gestalteten sich die Anfänge habsburgischer Herrschaft in den neugewonnenen Herzogtümern. Einer als landfremd wahrgenommenen Dynastie angehörig, sah Herzog Albrecht I. sich zusätzlich mit der schweren Hypothek konfrontiert, dass sein Vater in den vorangegangenen Jahren als römischer König über die ehemals otakarischen Länder großzügig das Füllhorn königlicher Gnadenverleihungen ausgeschüttet hatte. Zur Konsolidierung seiner Stellung verfolgte Albrecht von Anbeginn an eine energische Revindikationspolitik, die darauf abzielte, das gesamte ehemals babenbergische Gut dem Landesfürsten zurückzugewinnen. Mit Hilfe von loyalen, meist aus den habsburgischen Stammlanden im Westen mitgebrachten Adeligen wie den Herren von Wallsee oder geistlichen Ratgebern wie dem Benediktinerabt Heinrich von Admont, der als Landschreiber und Hauptmann die wichtigste Stütze von Albrechts Herrschaft in der Steiermark war, baute der neue habsburgische Landesfürst seine Stellung konsequent aus. Aufstände des freiheitsgewohnten Adels beider Herzogtümer, aber auch der Stadt Wien, die sich mit aller Wucht gegen Albrechts Politik wandten, vermochten ihn nicht aufzuhalten, zumal der Adel der beiden Länder nicht zu einem gemeinsamen und koordinierten Handeln gegenüber dem Landesfürsten fand. Die Steirer glaubten 1292 ihre Stunde gekommen, der österreichische Adel 1295/96. Schon 1287/88 hatte Wien den Aufstand geprobt und dem neuen habsburgischen Landesherrn damit den Vorwand geliefert, die von König Rudolf der Stadt gewährten Privilegien zu kassieren. Albrechts Sieg fiel insgesamt so vollständig und eindeutig aus, dass an dem dauerhaften Erfolg der habsburgischen Landesherrschaft in Österreich und der Steiermark künftig nicht mehr zu zweifeln war. Nicht geringen Anteil an diesem Erfolg hatte wahrscheinlich der Umstand, dass der neue habsburgische Landesfürst alles unternahm, um sein Haus in den östlichen Herzogtümern heimisch zu machen. Diesem Ziel diente namentlich das demonstrative Anknüpfen an die babenbergische Tradition der Länder Österreich und Steiermark. Drei Söhne Albrechts I. erhielten Babenbergernamen: Friedrich (geb. 1289), Leopold (geb. 1290) und Heinrich (geb. 1299). In dieses ideologische Programm, das wie der Versuch einer dynastischen Ansippung an die Babenberger anmutet, reiht sich nahtlos die Ausgestaltung babenbergischer Memoria in dem niederösterreichischen Stift Heiligenkreuz zu Ausgang des 13. Jahrhunderts ein. Die Zisterze stand damals unter der Leitung Benzos, des Kanzleileiters Herzog Albrechts I.

König Rudolf hielt sich in den Angelegenheiten der östlichen Herzogtümer seit 1283 durchaus im Hintergrund. Bis zuletzt hing er dem Prinzip einer personellen Trennung zwischen Königtum und territorialer Hausmacht an, in letzterer offenkundig noch nicht die existentiell notwendige Kernsubstanz des römisch-deutschen Königtums erblickend. Wie sehr Reich und Hausmacht dennoch in Rudolfs Zeitalter konstitutiv zusammengehörten, wurde beim Tod des ersten habsburgischen Königs im Jahre 1291 deutlich. Rudolfs Tod und das Scheitern von Albrechts Thronkandidatur stürzten die Habsburger in eine veritable Krise. Die vom Verlust der Königswürde ausgehenden Erschütterungen erreichten sämtliche habsburgischen Besitzungen von den Stammlanden im Westen bis zu den östlichen Herzogtümern. Erst in einem zweiten Anlauf gelang es Albrecht sodann, die römisch-deutsche Königswürde für sein Haus zurückzugewinnen. Im Juni 1298 wurde er als Gegenkönig zu Adolf von Nassau erhoben, den er am 2. Juli dieses Jahres in der Schlacht bei Göllheim besiegen konnte. Dem vom Vater verfolgten Grundsatz der zumindest formellen Trennung von Hausmacht und Königtum blieb auch Albrecht treu. Ende November 1298 erteilte er seinen Söhnen zu gesamter Hand die Belehnung mit den Herzogtümern Österreich und Steiermark. Auf die Führung des österreichischen Herzogstitels hatte er bereits unmittelbar nach der Wahl verzichtet, faktisch gab freilich Albrecht weiterhin die großen Linien der Politik auch in den östlichen Herzogtümern vor.

Fast ebenso lang wie die Geschichte der Habsburger in Österreich ist jene des Ausgreifens der Dynastie auf die Königreiche Ungarn und Böhmen. Kaum war die habsburgische Herrschaft in den Herzogtümern Österreich und Steiermark einigermaßen konsolidiert, richteten sich die Blicke des Geschlechts auch schon auf den benachbarten Norden und Osten. Wohl gab eine regionale Auseinandersetzung, jene mit den im österreichisch-steirisch-ungarischen Grenzraum begüterten Grafen von Güssing, den Anlass, doch König Rudolf zögerte nicht lange, den Konflikt auf eine große politische Ebene zu heben. Als der ungarische König Ladislaus IV. ermordet wurde, ohne erbberechtigte Nachkommen zu hinterlassen, erklärte Rudolf das Königreich Ungarn kurzerhand für ein erledigtes Reichslehen und übertrug es am 31. August 1290 seinem Sohn Albrecht, der das Projekt des Vaters unverzüglich zu verwirklichen unternahm. Dass dieser erste habsburgische Versuch zur Erwerbung der Stephanskrone sehr bald in einen Ausgleich mit dem Arpaden Andreas III., der sich als ungarischer König durchsetzen konnte, mündete, lag wahrscheinlich weniger an mangelnder Entschlossenheit Albrechts als an dem 1291 eingetretenen Tod König Rudolfs. Einem Erfolg sehr nahe kam Albrecht I. sodann 1306/07 als römischer König bei dem energisch betriebenen Unterfangen, das Přemyslidenerbe in Böhmen und Mähren seinem Haus zu sichern. Am 4. August 1306 war König Wenzel III. von Böhmen in Olmütz ermordet worden. Mit ihm starb das böhmische Herrscherhaus der Přemysliden im Mannesstamm aus, und Albrecht erkannte sofort die einzigartigen Möglichkeiten, die sich ihm hier im Zusammenspiel von römischem Königtum und habsburgischer Hausmacht boten. Auf die Nachricht vom Olmützer Königsmord rückte er mit Heeresmacht in Böhmen ein. Nachdem Albrecht seinen ältesten Sohn Rudolf (III.) mit dem Königreich Böhmen als heimgefallenem Reichslehen belehnt, dessen Wahl durch die böhmischen Barone durchgesetzt und schließlich die Anrechte des habsburgischen Hauses noch durch eine Eheverbindung zwischen Rudolf und Elisabeth, der Witwe des verstorbenen Königs Wenzel II. von Böhmen, abgesichert hatte, schien die Erwerbung der böhmischen Länder für die Habsburger geglückt. Da starb Rudolf erst 26jährig im Juli 1307 an der Ruhr. Die Opponenten einer habsburgischen Herrschaftsübernahme in Böhmen konnten sich neu formieren. König Albrecht war indes nicht gewillt nachzugeben. Erst seine Ermordung brachte die Entscheidung – am 1. Mai 1308 fiel Albrecht in der Nähe der habsburgischen Stammburg einem Mordanschlag seines Neffen Johann, genannt Parricida (d. h. Vatermörder), und einiger adeliger Mitverschwörer zum Opfer.

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