Spezialisierte metallverarbeitende Gewerbe, die sich mit den Zentren an der Maas oder in Köln hätten messen können, gab es damals im Ostalpenraum nicht. Das Stift Klosterneuburg gab den berühmten Verduner Altar, ursprünglich eigentlich die Verkleidung eines Kanzel-Ambos, bei dem aus Lothringen stammenden Goldschmied und Emailmaler Nikolaus von Verdun in Auftrag. In dessen Werkstatt, vielleicht in Köln, werden die 45 Kupferemailtäfelchen entstanden und dann 1181 in Klosterneuburg zusammengefügt worden sein. Für den hohen Stand des Baugewerbes im Ostalpenraum fehlt es dagegen nicht an eindrucksvollen Zeugnissen. Der Burgenbau machte rasch Fortschritte, und Klosteranlagen entstanden verbreitet im Land. Alles übertraf der neue von Erzbischof Konrad III. 1181 begonnene Salzburger Dom, der in seinen Dimensionen an Alt St. Peter in Rom Maß nahm. Durchaus Beachtung verdienen aber auch bautechnische Leistungen wie der später so genannte Salzburger Almkanal. Schon in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts ließen das Salzburger Domkapitel und die Abtei St. Peter einen 370 Meter langen Stollen durch den Salzburger Mönchsberg schlagen, um Wasser in die Stadt zu leiten.
Aufbruch und Aufschwung kennzeichnen nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung, sie prägen das gesamte gesellschaftliche Gefüge. Der Aufstieg der ursprünglich unfreien Ministerialen ist hier das ohne Zweifel bedeutsamste soziale Phänomen. Es lässt sich im 13. Jahrhundert überall in den Ländern des Ostalpenraums beobachten, dass Ministerialen und Hochfreie zu einer einheitlichen neuen Adelsschicht verschmelzen. Durch letzte, den Ministerialen anhaftende Relikte der Unfreiheit wurde dieses Zusammenwachsen nicht behindert, ja eigentlich müsste man fast von einem Aufgehen der wenigen gräflichen und freien Geschlechter im neuen durch die Ministerialität geprägten Adel sprechen. Die Ministerialen stehen im übrigen auch mit der zweiten dynamischen Entwicklung im hochmittelalterlichen Sozialgefüge, dem Aufstieg der städtischen Bevölkerung, in enger Verbindung. Die jüngere Forschung hat klar herausgestellt, dass die Ministerialität ein wichtiges Bindeglied zwischen Stadt und Herrschaft bildete. Gerade bei kleineren österreichischen Städten übernahmen Ministerialen häufig in einer ersten Phase die Führungsrolle im Auf- und Ausbau. Bei alten Burgsiedlungen wie Steyr oder Judenburg entwickelte sich dauernd oder zeitweilig eine von der Bürgergemeinde getrennte Organisation der stadtsässigen Ministerialen. Demgegenüber bildeten in Wien Ritter und Bürger zusammen die städtische Führungsgruppe.
Am Beginn jüdischen Lebens in Österreich steht der Name Schlom. Als Münzmeister des österreichischen Herzogs in mächtiger Stellung, konnte ihn dies dennoch nicht davor bewahren, samt seiner Familie von durchziehenden Kreuzfahrern 1196 ermordet zu werden. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstanden jüdische Gemeinden in den wichtigsten Städten des babenbergischen Herrschaftsbereiches, wobei Wien und Wiener Neustadt vorangingen. Mit den Städten Villach und Friesach erreichte die jüdische Ansiedlung dann bald auch den südalpinen Raum. Zu einer ersten Regelung der rechtlichen Stellung der jüdischen Bevölkerung in Österreich entschloss sich Herzog Friedrich II. im Jahre 1244. Vorausgegangen war eine Privilegierung der Wiener jüdischen Gemeinde durch Kaiser Friedrich II. 1238, von der sich die herzogliche Judenordnung aber deutlich absetzte. Vor allem suchte der Babenberger den Schutz der jüdischen Bevölkerung durch schärfere Strafen für Übergriffe und Zuwiderhandeln wirkungsvoller zu gestalten. Indem die herzogliche Gesetzgebung das Schwergewicht auf die Regelung des jüdischen Pfand- und Kreditgeschäftes legte, kommt freilich das vorwaltend fiskalische Interesse des Babenbergers zum Ausdruck, der für sich das Judenregal beanspruchte, auch wenn er es in der Ordnung vermied, die Juden ausdrücklich als »herzogliche Kammerknechte« zu bezeichnen. Weit über die Grenzen Österreichs hinaus hat diese Judenordnung von 1244 Vorbildwirkung besessen.
Vom Herzogtum Österreich zum Haus Österreich (1278–1519)
Von Christian Lackner
Die spätmittelalterliche Geschichte Österreichs wurde vom Wirken einer Dynastie geprägt, jener der Habsburger. Mit dem Aufstieg dieses Hauses, das an der Schwelle zur Neuzeit Weltgeltung erlangen sollte, rückte das Gebiet, welches heute die Republik Österreich bildet, zusehends in das Zentrum der europäischen Politik. Als eine der drei königsfähigen Großdynastien des spätmittelalterlichen Reichs verknüpften die Habsburger die Geschicke der Territorien des Ostalpenraums unauflöslich mit dem römisch-deutschen Königtum, auch wenn das Geschlecht zwischen 1330 und 1438 für mehr als ein Jahrhundert von der Königswürde ausgeschlossen blieb. Der alte Allodialbesitz der Grafen von Habsburg lag im Aargau am Zusammenfluss von Aare, Reuss und Limmat sowie im Oberelsass. Als König Rudolf I. 1282 seine beiden Söhne Albrecht und Rudolf gemeinschaftlich mit den Herzogtümern Österreich und Steiermark belehnte, stieß er einen dynamischen territorialen Konzentrationsprozess an, der zur Formierung der österreichischen Erblande führte. Dem Sog der habsburgischen Macht konnte sich auch die territorialpolitisch in engem Anschluss an die Habsburger erfolgreiche Dynastie der Meinhardiner Grafen von Görz, welche mit Tirol und Kärnten um 1300 den zweiten bestimmenden Länderkomplex im Ostalpenraum beherrschte, bald nicht mehr entziehen. Unter Herzog Albrecht II. gelang den Habsburgern 1335 die Erwerbung von Kärnten; Tirol, seit 1335 zwischen Luxemburgern und Wittelsbachern umkämpft, wurde 1363 habsburgisch. Maßgeblichen Anteil am außergewöhnlichen Erfolg der habsburgischen Dynastie hatte deren rasche Einwurzelung in den Herzogtümern Österreich und Steiermark, verbunden mit einer fundamentalen Schwerpunktverlagerung des Geschlechts in den Osten. Bald schon galt das Herzogtum Österreich den Habsburgern als Namen und Identität vermittelndes Hauptland. Die Bezeichnung domus Austrie ist erstmals 1326 für die Dynastie belegt. Breitere Anwendung scheint der »Haus Österreich«-Begriff indes nicht vor 1438/39 gefunden zu haben, als die Habsburger mit Albrecht II. wieder in den Besitz der römisch-deutschen Königswürde gelangten. Im späteren 15. Jahrhundert geriet der Name »Haus Österreich« sodann bisweilen auch zum Ersatz für den fehlenden Gesamtnamen des habsburgischen Territorienkomplexes, überwiegend war damit aber weiterhin die Dynastie gemeint.
Ihren ersten Höhepunkt erreichte die habsburgische Territorialmacht unter Rudolf IV. (1339–1365), dem wohl bedeutendsten Mitglied der Dynastie im späteren Mittelalter. Vom königsgleichen Rang seines Hauses und seiner Länder zutiefst überzeugt, setzte er alles daran, diesen im Wettstreit mit Luxemburgern und Wittelsbachern durch verschiedene Maßnahmen, nicht zuletzt durch den berühmten Fälschungskomplex des sogenannten Privilegium maius , sichtbar zur Geltung zu bringen.
Mit der Neuberger Teilung 1379 begann eine fast hundert Jahre andauernde Phase der Krise und Schwäche der habsburgischen Dynastie. Anders wird man die Folgen der dynastischen Teilungsvorgänge, die 1411 schließlich drei einigermaßen stabile habsburgische Herrschaftsgebilde (Österreich, die innerösterreichische Ländergruppe und Tirol mit den Vorlanden) hervorbrachten, nicht qualifizieren können. Am deutlichsten lässt sich die prekäre Stellung der Habsburger daran ermessen, dass die großen politischen Ausrichtungen der drei herzoglichen Linien in den Jahrzehnten nach 1400 häufig quer zueinander lagen und sich alle drei mit einem kräftigen Machtzuwachs der Stände in ihren Herrschaftsgebieten konfrontiert sahen. Der Weg der habsburgischen Dynastie zurück zur Einheit war lang und steinig. Zu schweren Konflikten mit den mächtigen Ständen der betroffenen Länder führte der Versuch Kaiser Friedrichs III., nach dem Prinzip des Seniorats und gegründet auf die Stellung als Vormund der minderjährigen Erbberechtigten das Herzogtum Österreich und Tirol samt den Vorlanden möglichst lang in der Hand zu behalten. Auch nach dem Aussterben der albertinischen Linie verlangte der Rückerwerb des Herzogtums Österreich dem Kaiser größte Kraftanstrengungen ab. Die Reintegration Donauösterreichs in den Gesamtkomplex der Erblande blieb überaus problematisch, zumal die Herausforderung des ungarischen Königs Matthias Corvinus seit 1477 das Land erneut in Atem hielt und Österreich unter der Enns dem Kaiser 1484/85 sogar ganz verlorenging. Auf den Tiefpunkt habsburgisch-erbländischer Politik folgte 1490 die Wende zum Positiven. Erstmals seit mehr als einem Jahrhundert waren alle habsburgischen Länder wieder in einer Hand vereint.
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