Walter Pohl - Geschichte Österreichs

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"…die Gegend, die in der Volkssprache Ostarrîchi heißt…" wird erstmals so genannt in einer Urkunde Kaiser Ottos III. für das Erzbistum Freising. Sie trägt das Datum 1. November 996 und liegt heute im Hauptstaatsarchiv in München. Wegen dieser Urkunde feierte Österreich im Jahr 1996 ein Millennium. Dabei hat sich der geographische und politische Raum, der seit 996 so genannt wurde, dramatisch wie kein anderes europäisches Territorium geändert: Er hat sich bis 1918 kontinuierlich vergrößert bis zum österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaat, um dann schlagartig auf etwa das heutige Staatsgebiet reduziert zu werden. In dieser neuen «Geschichte Österreichs» schreiben fünf ausgewiesene Spezialisten über die großen Epochen und die Zäsuren der Geschichte Österreichs, mitsamt einem Prolog über das Land in den Zeiten, als es seinen Namen noch nicht hatte, also in Antike und Frühmittelalter. Eine so fundierte und ausführliche Geschichte Österreichs hat es lange nicht mehr gegeben.

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Die Formierung der österreichischen Erblande (1335–1365)

Die Jahrzehnte zwischen 1335 und 1365 stellen die entscheidende Phase für die Formierung der österreichischen Erblande dar. Es war der Zerfall des aus Tirol und Kärnten gebildeten meinhardinischen Länderverbundes, der den Weg freimachte für die Habsburger. Dass es diesen schlussendlich gelingen würde, das gesamte Erbe der Meinhardiner ihrer Hausmacht einzuverleiben, war freilich nicht abzusehen, als Herzog Heinrich von Kärnten am 2. April 1335 starb. Heinrich hatte drei Ehen geschlossen, ohne dass einer der Verbindungen ein Sohn entsprossen wäre, weshalb die Tochter Margarethe – die zweite Tochter Adelheid galt als unheilbar krank – als Erbin des meinhardinischen Länderkomplexes in den Mittelpunkt intensivster territorial- und dynastiepolitischer Operationen und Allianzen rückte. Die Anwartschaft auf die beiden Länder Tirol und Kärnten weckte Begehrlichkeiten bei allen drei Großdynastien des Reichs, den Luxemburgern, den Habsburgern und den Wittelsbachern. Wohl war das alte meinhardinisch-habsburgische Bündnis nicht gänzlich zerbrochen. Auf Vermittlung der Habsburger ging Heinrich 1328 mit Gräfin Beatrix von Savoyen (gest. 1331) eine dritte Ehe ein, und sicherlich nicht zufällig ließ der Meinhardiner um 1325 seine großzügige Klosterstiftung, die Kartause im Südtiroler Schnalstal, vom niederösterreichischen Mauerbach, der Stiftung Friedrichs des Schönen, besiedeln. Das Rennen um die Hand der Erbtochter Margarethe machten indes die böhmischen Luxemburger, die damals gerade an dem Aufbau eines eigenen Territoriums in Oberitalien arbeiteten. Große finanzielle Versprechungen des böhmischen Königs an Heinrich gaben den Ausschlag, dass die zwölfjährige Margarethe 1330 mit dem um vier Jahre jüngeren Prinzen Johann Heinrich, Bruder des nachmaligen Kaisers Karl IV., vermählt wurde.

Die Heirat der Tiroler Erbtochter Margarethe mit dem Luxemburger ließ Wittelsbacher und Habsburger zur Wahrung ihrer Interessen in der Kärnten-Tiroler Sukzessionsfrage zusammenrücken. Nachdem Friedrich der Schöne im Jänner 1330 gestorben war, vertraten dessen Brüder Albrecht II. und Otto (»der Fröhliche«), die letzten überlebenden Söhne König Albrechts I., die Interessen des habsburgischen Hauses. Der ältere der beiden, Albrecht (geb. 1298), war zunächst für den geistlichen Stand bestimmt gewesen, besaß auch bereits eine Passauer Domherrenpfründe, heiratete aber dann 1324 Johanna, die Erbtochter des Grafen Ulrich von Pfirt (im Oberelsass). In den Vordergrund rückte der politisch Begabte nach dem Tod des Bruders Leopold I. (1326). Doch schon 1330 sah sich Albrecht infolge einer schweren Erkrankung, die zu Lähmungserscheinungen an Armen und Beinen führte, an den Lehnstuhl gefesselt und in vielen Belangen auf die Hilfe des jüngeren Bruders Otto angewiesen. Dieser übernahm denn auch die Federführung bei der Annäherung zwischen Habsburgern und Wittelsbachern. Weil weder Albrecht II. noch Otto ernstlich an eine römisch-deutsche Thronkandidatur denken konnten, gelang der Ausgleich der beiden Häuser rasch, und die Verhandlungen mündeten im November 1330 sogar in ein geheimes Bündnis. Kaiser Ludwig versprach, die Habsburger Albrecht und Otto nach dem Tod des Meinhardiners Herzog Heinrich mit dem Herzogtum Kärnten zu belehnen. Im Sinne dieser habsburgisch-wittelsbachischen Absprache wurde Ludwig der Bayer sodann nach dem Tod Herzog Heinrichs tatsächlich aktiv. Mit dem Argument, dass beide Länder ohne legitimen Erben an das Reich heimgefallen seien, belehnte er die Habsburger Albrecht II. und Otto am 2. Mai 1335 in Linz mit dem Herzogtum Kärnten und dem südlichen Teil der Grafschaft Tirol, deren nördlichen Teil – jenseits von Franzensfeste im Pustertal, dem Jaufenpass und Finstermünz – er seinem, dem wittelsbachischen Haus zuzuwenden gedachte. Das war nun allerdings ein auf dem politischen Reißbrett gezirkeltes Programm. Die Pfandherrschaft Herzog Heinrichs in Krain kam gar nicht zur Sprache, dieses Land fiel scheinbar problemlos an die Habsburger, die seit 1282 nominell damit belehnt waren. In Kärnten hatten die Herzöge Albrecht und Otto einer Herrschaftsübernahme durch Vereinbarungen mit den im Herzogtum reich begüterten Kirchenfürsten von Salzburg und Bamberg erfolgreich vorgearbeitet. Und auch die bereits bestehenden engen personellen Verflechtungen des Kärntner Adels mit dem der benachbarten habsburgischen Steiermark erleichterten die Etablierung der neuen habsburgischen Herrschaft in Kärnten. Kluger politischer Respekt vor den wirkmächtigen Symboltraditionen des Herzogtums ließ es Otto geboten erscheinen, sich unverzüglich am 2. Juli 1335 den Zeremonien der Herzogseinsetzung am Kärntner Fürstenstein in Karnburg zu unterziehen, obgleich das eigenwillig archaische Ritual beim habsburgischen Gefolge Ottos hauptsächlich auf Unverständnis stieß.

Fand also die habsburgische Herrschaft in Kärnten rasche Zustimmung, so reagierte man in Tirol ganz anders auf die Entscheidungen Kaiser Ludwigs. Der Adel des Landes, der in diesen Jahren immer mehr in die Rolle des »Königsmachers« hineinwuchs, hielt zur Meinhardiner Erbin Margarethe und deren luxemburgischem Ehemann. Dem jungen Paar stand Markgraf Karl von Mähren, der ältere Bruder Johann Heinrichs, tatkräftig zur Seite, derart, dass Wittelsbacher und Habsburger nicht dazu kamen, ihre Ansprüche auf Tirol zu verwirklichen. Von habsburgischer Seite wurde die ohnedies halbherzig geführte militärische Auseinandersetzung im Frieden von Enns (9. Oktober 1336) beendet. Die Herzöge Albrecht II. und Otto verzichteten gegenüber König Johann von Böhmen auf sämtliche Rechte in Tirol, und schließlich erklärte sich auch Kaiser Ludwig zur Anerkennung der Herrschaft Margarethes und Johann Heinrichs über Tirol bereit. In Tirol selbst begann sich indes alsbald Widerstand gegen die rigide Personalpolitik der Luxemburger zu regen. Markgraf Karl von Mähren, der spätere Kaiser, der in seiner Autobiographie eine anschauliche, wenngleich durchaus subjektive Schilderung seines damaligen Wirkens in Tirol hinterlassen hat, sorgte für die Einsetzung von luxemburgischen Gefolgsleuten als Bischöfen von Trient (Nikolaus von Brünn ) und Brixen (Matthäus ). Auch andere wichtige Posten im Land wurden mit Böhmen besetzt. Um vermeintlichen oder auch tatsächlichen Verschwörungsneigungen im Tiroler Adel zu begegnen, installierte Karl zuletzt sogar eine böhmische Besatzung auf Schloss Tirol. Der ob dieser Maßnahmen sich weiter verstärkenden Adelsopposition blieb indes nicht verborgen, dass die Landesfürstin Margarethe ihrem luxemburgischen Ehemann mit wachsender Abneigung begegnete. Ein Zusammenspiel von Adel und Fürstin, in das vielleicht der Wittelsbacher Kaiser Ludwig bereits von Beginn an einbezogen wurde, zeichnete sich ab. Am Allerseelentag des Jahres 1341 suchte Johann Heinrich von Luxemburg auf der Rückkehr von der Jagd vergeblich Einlass in Schloss Tirol. Diese in die Tiroler Geschichte eingegangene Szene war das Signal zum Sturz der Luxemburger Herrschaft. Johann Heinrich wurde von seiner Frau verstoßen und samt der böhmischen Besatzung aus dem Land gejagt. In den letzten Novembertagen 1341 verhandelten führende Repräsentanten des Tiroler Adels schon in München über eine Ehe Margarethes mit dem soeben verwitweten ältesten Sohn des Kaisers, dem Markgrafen Ludwig von Brandenburg. Der Preis, den die Wittelsbacher für die Gewinnung Tirols zu zahlen hatten, war eine umfassende Urkunde, in der Ludwig von Brandenburg sich dazu bekannte, die seit den Tagen Meinhards II. üblichen Rechte des Landes zu achten, die gegenwärtigen Amtsträger zu belassen, keine ungewöhnlichen Steuern zu erheben, keine Burgen an Landfremde zu übertragen und die Erbfürstin Margarethe nicht außer Landes zu führen. Unschwer sind hinter den Versprechungen die Interessen des Tiroler Adels erkennbar, und ganz sicher verrät diese von der Landesgeschichtsschreibung zur »Magna Charta« Tirols hochstilisierte Urkunde vom 28. Jänner 1342 noch nichts über eine Landstandschaft der Tiroler Bauern. Im Februar 1342 heiratete Margarethe in einem höchst problematischen Verfahren – die Ehe mit dem Luxemburger Johann Heinrich war nicht rechtsgültig geschieden – Markgraf Ludwig von Brandenburg. Anschließend erteilte Kaiser Ludwig dem Paar die Belehnung mit Tirol und Kärnten. Letzteres sorgte bei den Habsburgern, die die Tiroler Vorgänge bisher mit Zurückhaltung verfolgt hatten, immerhin für so viel Unruhe, dass es Herzog Albrecht II. angeraten schien, sich der Kärntner Herrschaft durch einen neuerlichen Vollzug der Herzogseinsetzungszeremonien zu versichern – Otto der Fröhliche, der sich 1335 dem Ritual am Fürstenstein unterzogen hatte, war 1339 gestorben. Die Zeremonien fanden mit Rücksicht auf Albrechts körperliche Behinderung in entsprechend abgewandelter Form statt.

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