Walter Pohl - Geschichte Österreichs

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"…die Gegend, die in der Volkssprache Ostarrîchi heißt…" wird erstmals so genannt in einer Urkunde Kaiser Ottos III. für das Erzbistum Freising. Sie trägt das Datum 1. November 996 und liegt heute im Hauptstaatsarchiv in München. Wegen dieser Urkunde feierte Österreich im Jahr 1996 ein Millennium. Dabei hat sich der geographische und politische Raum, der seit 996 so genannt wurde, dramatisch wie kein anderes europäisches Territorium geändert: Er hat sich bis 1918 kontinuierlich vergrößert bis zum österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaat, um dann schlagartig auf etwa das heutige Staatsgebiet reduziert zu werden. In dieser neuen «Geschichte Österreichs» schreiben fünf ausgewiesene Spezialisten über die großen Epochen und die Zäsuren der Geschichte Österreichs, mitsamt einem Prolog über das Land in den Zeiten, als es seinen Namen noch nicht hatte, also in Antike und Frühmittelalter. Eine so fundierte und ausführliche Geschichte Österreichs hat es lange nicht mehr gegeben.

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Um die Habsburger wurde es in der Folge merklich stiller. Albrechts ältester überlebender Sohn Friedrich – der Beiname »der Schöne« stammt aus dem 16. Jahrhundert – unternahm nach der Ermordung des Vaters anscheinend keine größeren Anstrengungen in Richtung einer Thronkandidatur und ließ sich auch gefallen, dass der neu gewählte luxemburgische König Heinrich VII. seinem Haus die von den Habsburgern so sehr erstrebte böhmische Krone 1310 sicherte. Das Bewusstsein, einer königsfähigen Dynastie anzugehören, ging freilich den Habsburgern zu keinem Zeitpunkt verloren und fand schon bald sichtbaren Ausdruck in der Ehe Friedrichs mit Isabel (Elisabeth), der Tochter von König Jayme (Jakob) II. von Aragón. Als der Luxemburger Heinrich VII. sodann überraschend 1313 starb, schien Friedrich der Versuch, die römisch-deutsche Königskrone für das habsburgische Haus zurückzuholen, aussichtsreich und auch den zu gewärtigenden Kostenaufwand lohnend. Tatsächlich war viel Geld im Spiel, allein dem Erzbischof von Köln versprach der Habsburger die enorme Summe von 44 000 Mark Silber. Im Oktober 1314 kam es dann zur Doppelwahl. Sowohl Friedrich wie sein Kontrahent Ludwig von Bayern konnten für sich in Anspruch nehmen, von einer Mehrheit der Kurfürsten gewählt worden zu sein. Nicht zuletzt weil der Wittelsbacher einem militärischen Aufeinandertreffen der beiden Parteien immer wieder auswich, zog sich der Thronkampf über fast acht Jahre hin, ehe bei Mühldorf am Inn am 28. September 1322 die Entscheidungsschlacht geschlagen wurde, die nach anfänglichen Vorteilen für die Habsburger mit einer vernichtenden Niederlage Friedrichs des Schönen und seiner Gefangennahme endete. Wie »ein Ehrenhandel nach Ritterart« (Peter Moraw ) klang der Kampf um die römisch-deutsche Krone aus. Nach zweijähriger Inhaftierung auf Burg Trausnitz in der Oberpfalz wurde dem Habsburger von Ludwig dem Bayern im Münchener Vertrag 1325 ein nominelles Mitkönigtum zugestanden, das es Friedrich erlaubte, sein Gesicht zu wahren. Realen Gehalt hatte diese königliche Mitherrschaft des Habsburgers indes nicht, die Entscheidung von Mühldorf blieb unverrückbar. Für die habsburgische Dynastie, die nach dieser Niederlage von 1322 tatsächlich für mehr als ein Jahrhundert von der römisch-deutschen Königswürde ausgeschlossen bleiben sollte, war Mühldorf ohne Zweifel die folgenschwerste Schlacht seit der Marchfeldschlacht im Jahre 1278. Weit weniger bedeutet sie dagegen für die Geschichte der Herzogtümer Österreich und Steiermark. Allenfalls beschleunigte sich nun, was schon längst eingesetzt hatte, nämlich die epochale Schwerpunktverlagerung der Habsburger vom Westen in den Osten. Wie der Name »Österreich«, der als erster und vornehmster in der offiziellen Titulatur der habsburgischen Herzöge aufschien, »Habsburg« als Bezeichnung der Dynastie ablöste, so verdrängte der österreichische Bindenschild als Leitwappen den habsburgischen Löwen fast vollständig. Mochten die österreichischen Adeligen Albrecht I. noch vorwerfen, er hätte anders als seine babenbergischen Vorgänger in den östlichen Herzogtümern keine Klöster gegründet, konnte die nächste habsburgische Generation bereits auf eine stattliche Bilanz geistlicher Stiftungen in Österreich und der Steiermark verweisen. König Friedrich gründete die Kartause Mauerbach und förderte die Niederlassung der Augustinereremiten in Wien, seine Brüder Otto und Albrecht stifteten die Klöster Neuberg an der Mürz bzw. Gaming, welche sie jeweils auch für sich als Grablege bestimmten. Wien, wo jetzt eine beeindruckende Bautätigkeit einsetzte, hat überhaupt am meisten von der Entwicklung profitiert. Die mit fast 20 000 Einwohnern für spätmittelalterliche Begriffe sehr große Stadt nahm jetzt für die Habsburger vermehrt Residenzcharakter an.

Nur ein Habsburger, der umtriebige Leopold I. (gest. 1326), stemmte sich mit einer engagierten westorientierten Territorialpolitik gegen diesen großen Trend. Er stieß indessen in den habsburgischen Stammlanden auf einen zunächst nur lokal begrenzt agierenden Gegner in Gestalt eines Landfriedensbündnisses dreier Innerschweizer Talschaften (Uri, Schwyz und Unterwalden), welches 1291 nach dem Tod König Rudolfs I. erstmals zutage getreten war. Diese sogenannten Waldstätte, die nach der Doppelwahl von 1314 zu einer ernstlichen Bedrohung der habsburgischen Herrschaft in den Stammlanden werden sollten, fügten dem von Leopold angeführten schwerfälligen österreichischen Ritterheer im Herbst 1315 mit leichten beweglichen Fußtruppen und unter geschickter Ausnützung topographischer Gegebenheiten eine vernichtende Niederlage zu (Schlacht am Morgarten). Die Eidgenossenschaft war im Entstehen und die habsburgische Herrschaft hierdurch in der Stammheimat des Geschlechts nachhaltig herausgefordert.

Die Meinhardiner, Herzöge von Kärnten und Grafen von Tirol

Aus der politischen Neuordnung, welche König Rudolf I. nach dem Tod Přemysl Otakars II. im Ostalpenraum vornahm, ging neben dem aus Österreich und Steiermark gebildeten Länderverband noch ein weiterer vom Arlberg im Westen in weitem Bogen bis nach Krain sich erstreckender Territorialkomplex hervor. Der mit Rudolf eng verbündete Graf Meinhard II. von Görz-Tirol, der eigentliche Schöpfer des Landes Tirol, empfing vom römischen König nach einer mehrjährigen provisorischen Statthalterschaft 1286 das Herzogtum Kärnten als Reichslehen. Mit dem neu erwachsenen Land Tirol, das in den letzten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts endgültig Gestalt angenommen hatte, dem Herzogtum Kärnten und einer auf Pfandrechte gegründeten Herrschaft in Krain gebot Herzog-Graf Meinhard zu Ende seines Lebens über eine territoriale Machtkonzentration, die der habsburgischen kaum nachzustehen schien. Die folgenden Jahrzehnte sollten allerdings sehr bald die Brüchigkeit der meinhardinischen Herrschaft offenbaren. Als Meinhard II. im Jahre 1295 starb, vermochten seine gemeinsam regierenden Söhne Otto, Ludwig und Heinrich zunächst wohl einige Erfolge zu verbuchen. Der Ausgleich mit dem Bischof von Trient, der damals zustande kam, bestimmte die Mündung des Avisio in die Etsch knapp nördlich der Bischofsstadt als Grenze zwischen der Grafschaft Tirol und dem Territorium des Bischofs, eine Grenze, die ein halbes Jahrtausend – bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts – in Geltung blieb. Rückhalt gab den Meinhardinern die enge politische Gefolgschaft zu den Habsburgern – in der Schlacht von Göllheim 1298 führte Herzog Heinrich seinem Schwager Albrecht ein Kontingent von mehr als 1000 Panzerreitern zu. Auch später engagierten sich die Tiroler Landesfürsten noch bisweilen aufseiten der Habsburger, etwa bei der Doppelwahl 1314, als Herzog Heinrich zu den Wählern seines Neffen Friedrich des Schönen zählte. Die von Meinhard II. gelegten finanziellen Fundamente der Görzer Macht waren verglichen mit anderen Territorialfürsten der Zeit überaus solide. Dennoch ließen übermäßige Repräsentationsausgaben der drei Brüder, die sich in einer verschwenderischen Hofhaltung förmlich überboten, die Meinhardiner zu Beginn des 14. Jahrhunderts in eine tiefe Krise schlittern. Zum Niedergang des Geschlechts trug maßgeblich bei, dass Herzog Heinrich sich mehrfach auf kostspielige politische Unternehmungen mit höchst unsicherem Ausgang einließ. Kläglich scheiterte der Versuch, aufgrund einer ehelichen Verbindung mit einer böhmischen Prinzessin die Königswürde in diesem Land zu erlangen. Dem Meinhardiner blieb nur der böhmische Königstitel, den er zeit seines Lebens führte. Als krasser Fehlschlag erwies sich auch das Engagement Heinrichs als Reichsvikar in Padua und Schutzherr von Treviso gegen den Veroneser Signore Cangrande della Scala in den 1320er Jahren. Infolge massiver Überschuldung war Heinrich zu großflächigen Verpfändungen gezwungen, was dem als Geldgeber begehrten Adel Tirols, dem Meinhard II. einst feste Zügel angelegt hatte, neue, ungewohnte Machtchancen eröffnete. Die territoriale Integrität des noch jungen Landes Tirol wurde durch diese krisenhafte Entwicklung indes, so scheint es, nicht substantiell gefährdet. Prekärer war die Situation allemal in Kärnten, das für Heinrich zusehends in die Rolle eines Nebenlandes geriet. In den Jahren 1307/08 gelang es dem österreichischen Herzog Friedrich dem Schönen im Zuge der habsburgisch-meinhardinischen Konkurrenz um die böhmische Königskrone fast mühelos, zentrale Teile des Landes in Besitz zu nehmen. Herzog Heinrich wollte oder konnte dem habsburgischen Vorstoß nach Kärnten kaum etwas entgegensetzen.

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