Am Abend des dritten Tages stellte er fest, dass auch ein vierter oder fünfter Tag des Nachdenkens seinen Beschluss nicht mehr ändern würde, und am nächsten Morgen machte er sich daran, die nötigen Vorkehrungen zu treffen.
Als Erstes suchte er Farri Harthammer auf, der in der Großen Schmiede unter dem Berg arbeitete. Farri war der einzige Lehrling gewesen, den Thork jemals ausgebildet hatte.
Der vielstimmige Gesang der Ambosse kam ihm entgegen und hüllte ihn ein, als er die Halle betrat. Seine Seele wurde weich und sehnsüchtig, und für einen Augenblick kam sein Entschluss ins Wanken. Dies war sicher der wärmste Ort in der Unterstadt, der gewaltige Schmiedeofen beinhaltete einen ganzen Teich aus glühenden Kohlen, in dem eine große Menge an Werkstücken gleichzeitig erhitzt werden konnte. Drei Zwerge bedienten den Blasebalg, der die Glut anfachte, sein dunkles Fauchen bildete den Hintergrund für die Melodie des Schmiedens. Über allem lag roter Feuerschein.
Thork benötigte etwas Geduld, bis er Farri unter all den Zwergen, die hier ihrer Beschäftigung nachgingen, aufgespürt hatte. Der junge schwarzhaarige Zwerg war gerade dabei, Anweisungen an eine kleine Gruppe von Schmelzern zu verteilen, und war sichtlich überrascht, als sein ehemaliger Lehrmeister plötzlich vor ihm stand.
»Meister Eisenfels«, sagte er und strich sich die Hand an seiner Schürze ab, bevor er sie ihm reichte. »Meine Güte, Euch hab‘ ich lange nicht mehr gesehen. Wie geht es Euch?«
»Man lebt«, sagte Thork kurz. »Kann ich dich für einen Augenblick sprechen? Ungestört, meine ich?«
»Aber natürlich. Hier entlang.« Farri, verwundert, aber eifrig, wies Thork den Weg in einen kleinen Aufenthaltsraum, der an die Schmiede angefügt und im Augenblick leer war, und schloss die Tür. Sie nahmen an dem großen Tisch in der Mitte des Raumes Platz.
»Sprecht«, sagte Farri neugierig. »Was kann ich für Euch tun?«
Thork atmete tief durch, verärgert darüber, dass er nun doch zögerte.
»Möglicherweise können wir beide etwas füreinander tun«, begann er. »Du warst immer ein talentierter Schmied, und mit den Jahren hast du dir überdies einiges an Erfahrung erworben. Ich denke, du könntest dich sehr gut selbständig machen. Hast du jemals daran gedacht?«
Farris Überraschung erneuerte sich.
»Nun ja«, sagte er und strich sich über den Bart, während Thork ihn über den Tisch hinweg ruhig ansah. »Daran gedacht habe ich durchaus, ich sah nur keine Möglichkeit, es zu tun. Es ist kein Bedarf in Hochstahl an einem weiteren Schmiedebetrieb. Ich habe Frau und Kind mittlerweile, ich muss an mein Auskommen denken. Außerdem – ich glaube nicht, dass meine Ersparnisse ausreichen würden. Warum fragt Ihr?«
»Es besteht Bedarf. Es hat sich nur noch nicht herumgesprochen. Ich werde Hochstahl verlassen und suche einen Nachfolger.«
In Farris Gesicht wechselten sich Erstaunen und Unglauben.
»Und Ihr dachtet, dass ich ...?«
»Ich kann mir niemanden vorstellen, dem ich die Schmiede lieber übergeben würde«, erwiderte Thork, als nicht mehr zu erwarten war, dass Farri den Satz vollendete.
»Aber«, sagte Farri. »wohin geht Ihr? Und warum?«
»Ich weiß es nicht auf die erste Frage, und ich habe meine Gründe auf die zweite«, sagte Thork.
»Und es ist mehr als eine Eurer üblichen Reisen? Ihr plant wirklich nicht, zurück zu kehren?«
»Nicht in absehbarer Zeit. Du musst keine Sorge haben. Wenn ich dir die Schmiede überschreibe, ist sie dein, selbst wenn ich zurückkehren sollte, was nicht zu erwarten ist.«
»Das hab‘ ich nicht gemeint«, sagte Farri beschämt und lief rot an.
»Und selbst wenn, ist es kein Verbrechen. Du bist ein Familienvater. Du musst deine Zukunft sichern, das verstehe ich gut.«
»Ich danke Euch für Euer großzügiges und zweifelsohne schmeichelndes Angebot«, sagte Farri seufzend. »Ich kann es aber nicht annehmen. Ich deutete bereits an, meine Ersparnisse reichen nicht aus, um einen Betrieb zu übernehmen.«
»Du hast mich nicht verstanden«, widersprach Thork. »Es geht mir nicht um den Kaufpreis. Was ich will, ist, Hochstahl mit der Gewissheit verlassen zu können, dass meine Schmiede von jemandem weiter geführt wird, der sein Handwerk versteht und nicht mit den Sachen herumpfuscht. Ich will beruhigt sein, verstehst du?«
»Ja«, sagte Farri langsam.
»Gut. Ich schlage vor, du überlegst dir das Ganze und suchst mich auf, wenn du dich entschieden hast. Denke aber nicht zu lange, denn ich will bald aufbrechen.«
»Ja«, sagte Farri wieder, mit einem Gesichtsausdruck, der mittlerweile nur noch Unglauben spiegelte.
Thork erhob sich und öffnete die Tür zur Halle.
»Denk darüber nach«, schärfte er dem jüngeren Zwergen ein, der wie betäubt an ihm vorbei hinausmarschierte. »Ich meine es ernst.«
Er verabschiedete sich und sah zu, wie Farri an seinen Arbeitsplatz zurück kehrte. Er benötigte offenbar eine Weile, bis er sich wieder zurechtgefunden hatte.
Er wandte sich zum Gehen. Er war ziemlich sicher, dass Farri das Angebot annehmen würde, er hatte sich immer darauf verstanden, Gelegenheiten zu ergreifen.
Thork verbrachte den Rest des Tages damit, seine Ausrüstung um die Dinge zu ergänzen, die er auf seiner Winterreise zum Überleben brauchen würde: mit Fell gefütterte Kleidung, Trockennahrung, eine Schlafmatte, die mit einer wasserdichten Außenschicht aus dickem, geöltem Leder versehen war, und ein großzügiger Vorrat an Pfeifentabak. Er suchte einen Rüstungsmacher auf und gab sein immer noch durch den Troll beschädigtes Kettenhemd in Reparatur, um das er sich seit seiner Rückkunft nicht mehr gekümmert hatte. Die längste Zeit verbrachte er jedoch damit, sein Haus aufzuräumen und zu säubern, bis es wieder aussah wie in alten Zeiten. Am Abend war er zum ersten Mal seit langem rechtschaffen müde und schlief ruhig und traumlos.
Zwei Tage später brach er auf, und obwohl er zwischenzeitlich ein Ziel hatte, sagte er niemandem, wohin.
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