Ein plötzlicher Ruck holte sie beinahe von den Füßen, der aus dem tiefen Inneren der Erde zu kommen schien. Gleichzeitig brach zu ihren Füßen ein Licht auf, wie wenn man ein Fenster zur Sonne öffnet. Die Bauern schrien. Der Fusselbart ließ seinen Ast fallen und wich zurück. Das Licht drang aus den Sternlinien, umspülte Liannas Füße und wurde so grell, dass sie die Augen zusammenkniff. Dann geriet etwas unter ihr in Bewegung. Lianna klammerte sich an ihr kleines Messer und suchte festen Stand, und dann versank der Stern unter ihren Füßen im Erdboden. Eine Schwelle entstand, dann eine Stufe. Erde und Schnee rieselten auf ihre Füße. Ehe sie noch entschieden hatte, ob es eine kluge Idee war, war sie bis zu den Knien versunken, dann bis zu den Schenkeln.
Dann war die Obenwelt nur noch ein gezackter, grauer Lichtausschnitt, aus dem es zu ihr hinabschneite. In einer Wolke goldenen Lichts sank sie tiefer. Sie streckte die Hände zur Seite aus. Feuchter Fels strich an ihren Fingerspitzen vorbei. Sie schluckte und versuchte, ihren Atem zu beruhigen. Sie hatte es nicht gern eng um sich herum, und nach oben kam sie auf diesem Weg jedenfalls nicht mehr.
Es war völlig still hier unten. Die Luft wurde wärmer. Das Fenster zur Oberwelt schrumpfte zu einem winzigen Lichtpunkt.
Im Inneren der Erde sei Feuer, hatte Thork gesagt. Gewaltige Lohen und geschmolzenes Gestein, hell und heiß wie die Sonne.
Wie tief musste es hinunter gehen, um an dieses Feuer zu gelangen?
Plötzlich verschwand der Fels um sie herum. Der steinerne Stern hatte die enge Röhre passiert und schwebte nun im freien Raum. Lianna mühte sich um all ihr geschultes Gleichgewicht und versuchte, nicht daran zu denken, wie tief es unter ihr möglicherweise noch hinunterging. Immer noch strahlte das Licht aus dem Stern und verwehrte ihr einen Blick auf ihre Umgebung.
Dann, mit einem plötzlichen Ruck, war die Reise beendet. Lianna war tief in die Knie gegangen, um den Stoß abzufedern, und richtete sich nun vorsichtig wieder auf.
Immer noch herrschte völlige Stille. Sie tastete durch das helle Licht wie durch Nebel, ohne dass ihre Hände etwas fanden.
Sehr vorsichtig stieg sie vom Stein und machte einen Schritt. Sandiger Boden knirschte unter ihren Stiefeln. Das Licht blendete sie ein letztes Mal, dann versickerte es im Boden und hinterließ nur ein schwaches Glühen.
Lianna zwinkerte und wartete nervös, bis ihre Augen sich an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Allmählich schälte sich ein Raum aus den Schatten, nicht besonders groß, mit sorgfältig behauenen steinernen Wänden. Es gab ein kleines, steinernes Podest an der einen Wand, auf dem ein hölzernes Kästchen stand. An der anderen Wand hing zu Liannas Erstaunen ein alter, dunkler Wandteppich. Sonst war der Raum leer.
Lianna holte ein Taschentuch hervor und tupfte sich das Blut von der Hand. Zumindest hatte sie jetzt das Rätsel des Steins gelöst – entweder ein unwahrscheinlicher Zufall, oder ihr Blut hatte einen Mechanismus oder einen Zauber ausgelöst. Sie konnte nur hoffen, dass es sie auch wieder nach oben bringen würde, denn Ausgänge sah sie bisher nicht.
»Schweiß oder Tränen hätten es auch getan.«
Lianna wirbelte herum. Wie aus dem Nichts war ein Mann hinter ihr aufgetaucht, der nun beschwichtigend die Hände in ihre Richtung ausstreckte.
»Zaubererhumor«, sagte er und grinste schief. »Muss man nicht teilen. Aber immerhin habt Ihr den Weg hier hinuntergefunden, ohne Euch etwas Wichtiges abzuschneiden.«
»Wer seid Ihr?«
»Ich bin in Eurem Kopf. Keine Sorge, ich weiß mich zu benehmen. Außerdem bin ich ein Wächter – wobei ich eigentlich erst jetzt anfange, Wache zu halten, denn über die Jahre war niemand hier, und es gibt mich nur, wenn jemand den Zauber auslöst. Vielen Dank hierfür übrigens – es ist doch eine schöne Abwechslung zur Nicht-Existenz.«
»Und Ihr redet viel, wie mir scheint.«
»Das ist die Nervosität. Dieses Messer, mit dem Ihr da auf mich deutet – ich habe zwar keinen Körper – glaube ich, nicht im eigentlichen Sinn, schließlich sind wir hier ja im Inneren Eures Kopfes – aber ich bin lebensecht genug, um mich zu fürchten.«
Lianna ließ das Messer vorsichtig sinken, und der andere atmete auf. Er schien jung, kaum älter als sie selbst, und trug eine geflickte Robe. An seinem Knöchel klingelte leise ein Schellenband, wenn er sich bewegte.
»Seid Ihr ein Spielmann?«
»Nein – wie ich schon sagte – ein Wächter. Aber ich wurde nach dem Vorbild eines Spielmannes erschaffen – der, wie ich befürchte, gar nichts von dieser Ehre weiß, und sie womöglich gar nicht zu schätzen wüsste.«
»Warum?«
Der Spielmann hob die Schultern.
»Keine Ahnung. Vielleicht, damit Ihr Euch nicht langweilt, hier im Inneren Eures Kopfes?«
»Aber ich bin nicht im Inneren meines Kopfes!«
»Bitte denkt nach. Wer, wenn nicht Ihr, sollte im Inneren Eures Kopfes sein?«
»Ist das jetzt eine Prüfung? Versucht ihr, mich in den Wahnsinn zu treiben?«
Der Spielmann winkte ab.
»Aber nein. Ich bin Euer Fremdenführer.«
»Na, viel gibt es hier unten ja nicht zu sehen.«
»Ihr müsst genauer hinschauen.«
Der Spielmann machte eine einladende Geste. Immer noch verwirrt trat Lianna an den Wandteppich heran.
»Seht Ihr«, sagte der Spielmann.
Feuchtigkeit und Schimmel hatten die Farben des Teppichs ihrer Strahlkraft beraubt. Lianna erkannte einen großen Umriss, der ein Baum sein musste, und schemenhafte Gestalten unter seinen Zweigen.
Weiches Gras war unter ihren Füßen, als sie einen Schritt machte. Von irgendwoher drang Vogelgezwitscher. Die Luft roch süß nach Frühling.
»Jetzt nehmt doch endlich das Messer runter«, sagte der Spielmann. »Oder wollt Ihr damit den Teppich aufschlitzen?«
»Wo bin ich?«
Der Spielmann seufzte.
»Im Inneren Eures Kopfes. Wie ich bereits sagte.«
Lianna streckte die Hand aus und berührte den Baumstamm zu ihrer Linken. Zarte Blütenblätter rieselten wie Schnee auf sie hinunter.
Der Spielmann schwang sich auf einen niedrigen Ast und ließ die Beine baumeln. Ein braunes Huhn flatterte aus den Zweigen zu ihm hinunter und setzte sich auf seine Schulter. Mit dem Zeigefinger streichelte er das Gefieder, und das Huhn verdrehte den Kopf und gluckste wohlig.
»Wohlan«, sagte der Spielmann, »Seht Euch um.«
Lianna ließ das Messer sinken. Der Himmel über den Zweigen war blau, und die Sonne legte ein flirrendes Lichtmuster auf das Gras.
Lianna ging um den Baum herum. In den Zweigen saß ein großer Vogel, wie Lianna ihn noch nie gesehen hatte. Er hatte einen langen, prächtigen Schweif und glitzerte und schimmerte in allen Farben, er war wunderschön, doch seine Augen waren traurig, und große Tränen fielen aus ihnen hinunter ins Gras. Der Anblick war ihr unerträglich, er öffnete eine Wunde in ihrem Inneren, und sie wandte die Augen ab und floh vor dem Schmerz.
Einige Schritte weiter riss die Wiese ab und stürzte sich in einen Abgrund. Lianna wagte einen Blick hinunter. Tief unten saß ein großes, rotes und goldenes Tier, dessen Kopf von einer Feuerlohe umgeben war und an einen Löwen erinnerte. Lianna sah, wie der riesige Brustkorb sich hob und senkte, und dann öffnete das Tier seine goldenen Augen und sah zu ihr hinauf, doch sein Blick war nicht wild, sondern geduldig und ruhig.
Lianna machte einen Schritt zurück. Der Spielmann hatte sich inzwischen eine Laute aus den unerschöpflichen Tiefen des Baumes gezaubert und spielte eine süße, traurige Melodie. Über das weiche Gras ging sie hinüber zu ihm, um ihn zu fragen, was nun von ihr erwartet werde.
Ein leises Schnauben ließ sie innehalten. Hufe auf dem weichen Gras, beinahe lautlos, und ein vertrauter, so vertrauter Geruch. Doch es war kein Pferd, das an sie herantrat, majestätisch, mit dunklem Blick und aufmerksam spielenden Ohren, es war ein Einhorn.
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