Sie streckte die Hand aus und ließ es schnuppern, und unendlich sanft legte es die Nase in ihre Handfläche. Sie trat näher und berührte die üppige, schneeweiße Mähne, die durch ihre Finger floss wie Seide.
Das Einhorn senkte den Kopf, und sie begann, es zwischen den Ohren zu kraulen, wie sie es beim Schwarzen immer tat. Das Einhorn schnaufte zufrieden. Sie lehnte sich gegen den festen, soliden Körper, nahm die Wärme in sich auf, den vertrauten Geruch, betrachtete den geschwungenen Rücken, die runde Kruppe, die grazilen Beine und eisenharten kleinen Hufe. Sie wollte aufsitzen und davonreiten, die Einheit mit diesem großartigen Tier spüren, aufbrechen und nicht zurück schauen.
»Meinen Glückwunsch«, sagte der Spielmann hinter ihr leise. »Du hast dich entschieden.« Sie sah über die Schulter. Er stand da und lächelte sie an.
»Und das war alles, was von dir erwartet wurde«, fuhr er fort. »Wie überhaupt im Leben. Es wird nichts von uns erwartet – nur, dass wir uns entscheiden. Kein Richtig oder Falsch, Gut oder Schlecht ... einfach ...« er hob die Schultern und machte eine hilflose Geste, »... eine Entscheidung. Und manchmal ist das mehr, als wir bewältigen können, nicht wahr?«
Sie nickte und schluckte trocken. Er streckte die Hand nach ihr aus.
»Komm mit«, sagte er. »Ich will dir erklären, was du gesehen hast.«
Gehorsam kam sie zu ihm, und er nahm sie mit um den Baum herum.
»Beginnen wir mit dem Einfachen«, sagte er. »Der Baum steht für das Leben. Aus einem winzigen Samenkorn wächst er hinauf in den Himmel, sein Stamm ist hoch und stark, seine Äste sind voller Saft, und er trägt Früchte und bietet ein Heim für unzählige kleine Lebewesen. Doch wie er entstanden ist, muss er vergehen. Wir sehen es nicht, denn wir vergehen viel schneller als er, aber die Zeit wandelt ihn, sie schwächt ihn und wird ihn irgendwann zu Fall bringen. Du hast auch die Zeit gesehen: Sie ist das Tier im Abgrund. Sie ist geduldig. Sie weiß, irgendwann werden die Wurzeln des Baumes zu schwach sein, um ihn zu halten, und er wird fallen. Es geschieht von selbst. Sie muss nur warten.
Siehst du den Vogel in den Zweigen des Baumes? Die Gelehrten nennen ihn Phönix. Er steht für die Liebe. Die Liebe ist stark und hilflos zugleich. Sie macht uns zu den Menschen, die wir sind, lässt uns Heldentaten vollbringen, sie begründet und zerstört Königreiche und gebiert die schönsten Lieder, sie ist das, wonach wir alle streben, macht uns heil, gibt uns Sinn, aber sie kann die Zeit nicht aufhalten und ist dazu bestimmt, zu vergehen. Deshalb weint der Phönix. Trotz der Kräfte, die er entfesseln kann, muss er irgendwann davonfliegen, wenn der Baum fällt.
Und nun zu dem Gefährten, den du für dich gewählt hast. Du hast das Einhorn gewählt, und das Einhorn, Kriegsprinzessin, steht für den Tod.«
Ein Schauer huschte über ihren Rücken.
»Der Tod? Unsinn, ich habe mich nicht für den Tod entschieden!«
»Aber natürlich hast du das.«
Sie sah hinüber zu dem Einhorn, das einige Schritte weiter geruhsam Gras rupfte.
»Es fühlt sich nicht an wie der Tod. Eher wie ein ganz lebendiges ...« Sie warf die Hände in die Luft. »Wie das Leben! Du weißt, was ich meine, oder? Du behauptest schließlich, in meinem Kopf zu sein!«
»Leben und Tod liegen dicht beieinander. Sie können sich auf der Klinge deines Schwertes begegnen. Manche fürchten den Tod, und manche fürchten das Leben. Manche lieben den Tod und leben trotzdem – und manche lieben das Leben und müssen sterben.«
»Das klingt schrecklich klug, aber trotzdem ...«
»Der Tod ist eine gute Wahl, Kriegsprinzessin. Er ist die stärkste Kraft in diesem Bild, stärker sogar als die Zeit, denn sie, die nur für die Lebenden gilt, hat keine Macht über ihn. Die Zeit endet, wo der Tod beginnt. Du fürchtest ihn nur, weil du ihn nicht kennst.«
»Ich kenne den Tod! Meine Mutter ist gestorben, als ich klein war, und ...«
Einer, der leblos ins Geröll geschleudert wird. Eine Axt, die Funken schlägt, ehe sie zwischen den Steinen zum Liegen kommt. Und keiner mehr, der sie führt ...
»Ich kenne den Tod«, sagte sie mühsam. »Und er fühlt sich gänzlich anders an.«
Der Spielmann lächelte begütigend.
»Hast du deinen Gefährten verloren?«
»Nein, aber ...«
»Dann kennst du den Tod nicht. Du hast nur seine Nähe gespürt. Aber der Trick ist: keine Angst zu haben.«
»Na gut, nur ... was genau willst du von mir? Was soll ich tun? Ist das hier eine Prüfung? Wenn es eine ist, dann gib mir ein Schwert!«
»Es ist gut, Kriegsprinzessin. Es war eine Prüfung, wenn du es so nennen willst, und du hast sie bestanden, ganz ohne jemanden in Stücke zu hauen.«
»Und jetzt?«
»Erwartest du eine Belohnung?«
»Ich erwarte einen Sinn! Eine Erklärung!«
Der Spielmann lächelte wieder sein trauriges Lächeln.
»Aber es gibt so viele Dinge, die einfach passieren. Gibt es einen Sinn? Einen göttlichen Plan, oder werkeln wir alle nur so vor uns hin und erfinden unsere eigene Geschichte, während wir gehen?«
Er sah hinüber zu dem Einhorn, und es näherte sich leise und legte die Schnauze auf Liannas Schulter. Automatisch strich sie über die weichen Nüstern. Der warme Atem tröstete sie.
»Schließ deine Augen«, sagte der Spielmann, und Lianna gehorchte. Wind kam auf und kroch ihr kalt unter die Kleider. Die Stimme des Spielmannes kam von ferne.
»Der Tod ist das Leben – nur von der Rückseite betrachtet.«
Sturm heulte in ihren Ohren und zerrte an ihrem Mantel. Schwindel überfiel sie, und sie machte einen taumeligen Schritt, der in etwas stecken blieb. Sie riss die Augen auf. Sie stand bis zum Knie im Schnee, ein eisiger Wind strich über ihre Wangen. Rund um sie erhoben sich hohe, stumme Gestalten gegen den Himmel. Bäume. Wald.
Wie, bei allen Göttern, kam sie hier her? Und wo war sie? Und warum war es dunkel? Es konnte höchstens Mittag sein.
Sie drehte sich um sich selbst, auf der Suche nach einer Orientierungsmarke. Einige Schritte entfernt war der Schnee aufgewühlt, die Spuren jedoch schon wieder von einer neuen Schneeschicht überzogen. Eine glatte, quadratische Fläche zeichnete sich unter der Schneedecke ab.
Der Stein.
Der neunmalkluge Spielmann, der sie mit Sprüchen über den Tod versorgt hatte. Die Prüfung, oder was immer es gewesen war.
Was, bei allen Göttern, war nur mit ihr passiert?
Die Kälte biss ihr in die Finger, und sie steckte die Hände in die Taschen, auf der Suche nach ihren Handschuhen.
Sie fand keine – dafür aber etwas, das ihr völlig unbekannt war. Warm und schwer lag es in ihrer Tasche, und als sie es hervorholte, schimmerte es matt im Mondlicht. Es war ein Kristall, beinahe so groß wie ihre Handfläche, durchsichtig und klar wie Wasser und zu einer flachen Linse geschliffen. Er saß in einer kunstvoll verschlungenen Fassung aus dickem gelbem Gold.
Um Einzelheiten erkennen zu können, war es zu dunkel. Lianna strich mit den Fingerspitzen über den seltsamen Fund. Was mochte das sein? Woher kam es? War dies etwa die Belohnung für die seltsame Prüfung, deren Sinn sie noch immer nicht verstanden hatte? Und wozu war es gut? Es war kein Schmuckstück, man konnte es nicht tragen, es erfüllte auch sonst keinen sichtbaren Zweck.
Sie ließ das Fundstück in die Manteltasche zurückgleiten. Sie brauchte Licht und Ruhe, um hinter seine Geheimnisse zu kommen, und dafür musste sie zuerst zurück ins Lager.
Der Schwarze war nicht mehr in Sichtweite. Sie pfiff nach ihm und watete durch den Schnee hinauf zur Straße. Der Schnee zeigte ihr eine Hufspur, die sich auf der Straße von ihr entfernte. Lianna konnte nur hoffen, dass der Schwarze nicht den ganzen Weg zurück ins Lager gelaufen war, denn dann würde es ein langer Heimweg werden.
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