Doch wenn er es getan hatte – müsste der Wald dann nicht voller Leute sein, die sie suchten? Das Lager musste doch kopfstehen, wenn das Pferd der Prinzessin reiterlos zurückkam.
Sie lauschte. Die Stille um sie herum war vollkommen. Leise fluchend machte sie sich auf, den Hufspuren zu folgen.
Einige Zeit später fand sie den Schwarzen. Er hatte einige niedrige Zweige von einer Tanne gerissen und kaute darauf herum. Als sie ihn rief, fuhr sein Kopf in die Höhe und er begrüßte sie mit einem dunklen Wiehern, das nach Liannas Eindruck entschieden vorwurfsvoll klang. Erleichterung überschwemmte sie, sie legte die Arme um seinen mächtigen Hals und drückte das Gesicht in seine Mähne, während er ihr seinen warmen, nach Tannennadeln riechenden Atem in den Nacken blies. Sie lobte und liebkoste ihn ausgiebig, dann schwang sie sich in den Sattel.
»Gehen wir«, sagte sie, und der Schwarze setzte sich gehorsam in Bewegung.
Nach einigem Suchen fand sie ihre Spuren vom Vormittag wieder. Sie waren halb zugeschneit, aber das Mondlicht goss sie mit blauen Schatten aus und zeigte ihr so den Weg zurück ins Lager.
Es war ein kalter Ritt durch den nächtlichen Wald. Lianna war müde. Sie kam nicht dahinter, womit sie nun eigentlich den Tag verbracht hatte. Hatte sie geträumt? Wo war sie gewesen? Käme sie ein zweites Mal in die merkwürdige Kammer, wenn sie einen Blutstropfen auf den Stein fallen ließe? Und wozu diente die ganze Vorrichtung? Sie fand, der Spielmanns-Wächter hätte mit Erklärungen ruhig großzügiger sein dürfen.
Je länger sie ritt, desto ratloser wurde sie. Warum suchte man sie nicht? Machte man sich denn gar keine Sorgen, wenn sie bis in die Nacht wegblieb?
Sie erreichte den Waldrand und ließ die dunkle Masse der Bäume hinter sich. Der Schwarze fiel in Trab. Schnee stäubte unter seinen Hufen. Sie überquerten einen Hügel, und dahinter, in einer Mulde, lag das Wagendorf. Nirgends waren berittene Suchtrupps zu sehen, obwohl im Wagendorf noch Licht brannte. Etwas abseits glommen die Reste eines großen Feuers.
»Na toll«, schimpfte Lianna leise, obwohl sie sich eher verletzt und ratlos als wütend fühlte. »Die vermissen mich überhaupt nicht.«
Sie trieb den Schwarzen den Hügel hinunter und hatte sich bereits auf eine gute Bogenschussweite dem Dorf genähert, als sich ein Reiter aus den Schatten der Wagen löste und in ihre Richtung galoppiert kam. Sie zügelte den Schwarzen und kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, um besser zu sehen, und bald erkannte sie die breite Blesse des braunen Pferdes und den dunklen Lockenkopf der Reiterin.
»Lianna«, keuchte Elva, als sie sich kurz darauf trafen. »Da bist du ja. Alle Götter seien gepriesen! Ich habe mir solche Sorgen gemacht!«
»Und niemand außer dir, wie es scheint«, erwiderte Lianna und drückte die Hand ihrer Freundin, die sie ihr hinüber streckte. »Was ist passiert? Warum sucht mich keiner? Ich habe Sachen erlebt, das glaubst du nicht!«
»Keine Zeit für Geschichten«, sagte Elva. »Du musst fort. Sie sind dir drauf gekommen. Dein Vater sagt, er tötet dich, sobald er dich zu Gesicht bekommt, und wer ihn dabei gesehen hat, der glaubt ihm das.«
»Ich verstehe nicht ganz ... Auf was gekommen?«
»Gibt es da so viele Möglichkeiten?«, fragte Elva ungeduldig. »Auf deinen heimlichen Liebhaber natürlich.«
Liannas Gehirn brauchte einen Augenblick, bis es die Worte heimlicher Liebhaber mit dem grimmigen Thork Eisenfels in Verbindung brachte. Dann wurde ihr plötzlich kalt.
»Das Bild«, flüsterte sie mit vor Schreck geweiteten Augen.
»Genau«, sagte Elva. »Das hat man sich erzählt. Du hast ihm nackt Modell gestanden, sagen die Leute. Meine Güte, Mädchen, das mag ja ganz aufregend gewesen sein, aber wie dämlich muss man sein, um die Beweisstücke aufzuheben?«
»Du hast recht«, sagte Lianna. Ihre Stimme klang fremd. »Ich hätte es verbrennen müssen. Aber es war versteckt. Sie können es nicht einfach durch Zufall gefunden haben. Warte ... Erin!«
»Erin?«
»Ich habe mit ihr geredet ... heute Morgen, bevor ich ausgeritten bin. Ich habe ihr erzählt, dass ... ich mich in einen anderen verliebt habe.«
»Dummes Mädchen.« Elva seufzte und schüttelte den Kopf.
»Ich dachte, ich könnte ihr vertrauen! Aber sie muss zu meinem Vater gerannt sein!«
»Sicher nur aus den besten Absichten ...«
»Sie ist eine Verräterin!«
»Warum auch immer sie es getan hat – wenn sie es getan hat – sie hat einen Stein ins Rollen gebracht. Und dieser Stein wird dich erschlagen, wenn du nicht aus dem Weg springst.«
»Erzählen sich die Leute auch, wer dieser ... mein ... Liebhaber ist?« Lianna musste sich jedes Wort abringen. Ihre Finger krampften sich in die Mähne des Schwarzen.
Elva lachte kurz und hart auf. »Nein. Ein böses Schandmaul hat verbreitet, du hättest es mit einem Zwerg getrieben. Ich hab ihm ein paar Zähne ausgeschlagen und eine oder zwei Rippen gebrochen, glaube ich. Sonst herrscht reges Rätselraten, aber keiner weiß etwas, nur dass es angeblich ein Sesshafter ist. Und behalt es auch bitte für dich. Mir ist lieber, ich weiß es nicht, wenn sie mich fragen.«
»Gut«, sagte Lianna, obwohl sie nicht dachte, dass irgendetwas gut war. »Und was soll ich jetzt tun, deiner Meinung nach?«
»Du musst verschwinden, bevor sie dich erwischen. Ich habe dir ein paar Vorräte gepackt.« Elva klopfte auf ihre Satteltaschen. »Du hast deinen Vater nicht gesehen«, fügte sie hinzu, als Lianna zögerte. »Ich habe ihn noch nie so wütend erlebt. Er war völlig außer sich. Er hat uns verboten, dich suchen zu gehen, als du nicht zurückkamst. Er sagte, er holt jeden, der es versucht, mit Pfeil und Bogen vom Pferd. Und er sagte, er würde dich töten, denn du hättest die Familienehre für immer zerstört.«
»Nein«, sagte Lianna, obwohl ein harter Klumpen aus Angst sich in ihrem Inneren zusammenballte. »Ich schleiche mich doch nicht davon wie eine Verbrecherin. Ich bin die künftige Königin, verdammt!«
»Das bist du nicht mehr«, korrigierte Elva. »Vergiss es. Den Posten bist du los.«
»Trotzdem«, beharrte Lianna und setzte den Schwarzen in Bewegung, um ihren Worten mehr Gewicht zu geben. »Ich tu’s nicht. Nicht heimlich.«
»Du begibst dich in Lebensgefahr«, kam Elvas Stimme von hinten, als sie ihren Braunen hinter dem Schwarzen hertrieb.
»Ich bin eine Kriegsprinzessin. Lebensgefahr ist mein tägliches Geschäft«, erwiderte sie leichthin, aber sie fühlte sich elend. Keine Prinzessin zu sein, war ein Zustand, den sie sich schlichtweg nicht vorstellen konnte, und die Leere, die sie bei der Vorstellung empfand, ängstigte sie mehr als Elvas düstere Ankündigungen.
»Du willst es wirklich tun«, sagte Elva hinter ihr. »Götter! Mit dir stimmt wirklich etwas nicht. Willst du zum Wagen deines Vaters gehen, Tür auf, hallo, hier bin ich wieder? Weißt du, wie lange du dann noch lebst?«
»Ich weiß nicht, was ich tun will«, gab Lianna zu. »Ich überlege mir gerade etwas.«
»Na, dann viel Erfolg«, sagte Elva. »Hoffentlich fällt dir etwas wirklich Gutes ein.«
Eine kurze Zeit ritten sie schweigend, dann fuhr Elva fort:
»Du hast ja offenbar eine recht unglückliche Wahl getroffen mit deinem geheimnisvollen Liebhaber. Was hat er, dass du gleich die gesamte Familienehre damit zerstört hast? Ist er ein Verbrecher?«
»Nein«, sagte Lianna mit müdem Lächeln.
»Was dann? Verheiratet und zwölffacher Vater?«
»Nicht dass ich wüsste.«
»Was dann?«, bohrte Elva.
»Ich dachte, du wolltest nichts über ihn wissen, für den Fall, dass sie dich ausfragen?«
»Ich will ja nicht, aber ich bin so neugierig!«
»Du solltest dich bei demjenigen entschuldigen, den du verprügelt hast«, sagte Lianna, »denn er hat die Wahrheit gesprochen.«
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