Es dauerte lange, bis der Riegel von innen zurückgeschoben wurde und die Tür sich öffnete.
Haldur erschrak zutiefst, als er des anderen ansichtig wurde. Die üble Rede, die über Thork Eisenfels im Umlauf war, schien sich zu bewahrheiten. Er lehnte schwer im Türrahmen, sein gesundes Auge war verschwollen, der Blick trüb, und er blinzelte in das helle Tageslicht, als bereitete es ihm Schmerzen. Er trug seine Augenklappe nicht, und Haldurs Blick wurde unwillkürlich von der tiefen, leeren, vernarbten Augenhöhle angezogen, obwohl er sich redlich bemühte, nicht hinzustarren. Das rötliche Haar hing ihm wirr ins Gesicht, und sein Bart war länger als früher, offenbar hatte er aufgehört, ihn zu stutzen. Sein schmutziges Hemd stand über der Brust offen. Alles in allem bot er einen traurigen Anblick.
»Guten Morgen, mein Sohn«, sagte er sanft, während Mitleid in ihn strömte. Was mochte passiert sein, das einen respektablen, wenn auch eigentümlichen Zwergen in einen solchen Zustand versetzen konnte?
»Ehrwürdiger Vater«, murmelte Thork, offenbar mindestens ebenso erschrocken wie Haldur selbst.
»Darf ich eintreten?«, fragte Haldur.
»Ja«, sagte Thork, »natürlich«, und machte einen unsicheren Schritt von der Tür zurück, um Haldur einzulassen. Haldur schüttelte den Schnee vom Saum seiner Robe und trat ein.
Das Haus befand sich in wenig besserem Zustand als sein Bewohner. Haldur erinnerte sich, dass Thork immer ein großer Freund von Ordnung und Sorgfalt gewesen war – eine Eigenschaft, die er mittlerweile ganz offenbar abgelegt hatte.
Haldur zog sich einen Stuhl heran und setzte sich mit leisem Stöhnen. Der ungewohnte Fußmarsch steckte ihm in den Knochen, und mit leisem Unbehagen dachte er an den Rückweg.
»Setz dich«, forderte er Thork auf, der unsicher im Raum stehen geblieben war. »Wir haben einiges zu besprechen. Das heißt, wenn dein umnebelter Geist in der Lage ist, meinen Worten zu folgen.«
»Ich folge Euch«, versprach Thork und setzte sich gehorsam dem Prior gegenüber.
Haldur zweifelte insgeheim daran, begann aber dennoch. Wie es aussah, würde er den anderen kaum in einem besseren Zustand antreffen.
»Ich habe dich rufen lassen. Zweimal inzwischen. Hast du meine Botschaften nicht erhalten?«
»Doch«, murmelte Thork und sah auf die Tischplatte.
»Dann erkläre mir den Grund, weshalb du ihnen nicht gefolgt bist«, forderte Haldur ihn auf. Er legte eine gewisse Schärfe in seine Worte, schließlich war er hier, um den anderen zur Besinnung zu bringen.
»Ich hab’s ... vergessen«, sagte Thork lahm, ohne den Prior anzusehen.
»Vergessen«, schnaubte der. »Nun, Thork Eisenfels, den Ruf deines Priors zu vergessen ist zumindest ein Vergehen, das sich noch nicht auf deiner Liste befindet.«
»Es tut mir leid«, murmelte Thork. »Mir tut alles leid.« Seine Worte klangen, als gehorchte ihm seine Zunge kaum.
»Das ist ein Anfang«, sagte Haldur. »Aber lange nicht genug«, fügte er nach einer Weile, die im Schweigen verstrichen war, hinzu. Thork schien nichts zu seiner Verteidigung vorbringen zu wollen, er saß stumm wie ein Verurteilter und starrte vor sich auf die Tischplatte.
»Du hast Weltenschmiede nicht mit uns verbracht«, sagte Haldur. »Wir hatten dich erwartet, aber dein Platz blieb leer. Es ist eine Sache, mein Sohn, wenn du dem Ruf deines Priors nicht folgst, aber eine andere, wenn du den Ruf deines Gottes missachtest.«
»Ich missachte ihn nicht«, widersprach Thork, nun etwas heftiger. »Ich ... konnte nicht. Ich war ... krank.«
»So krank wie an diesem Morgen?«, fragte Haldur ruhig. Thork schüttelte den Kopf, was ihm offenbar Schmerzen verursachte, denn er vergrub stöhnend das Gesicht in den Händen.
»Man spricht über dich«, fuhr Haldur fort. »Und es sind wenig schmeichelhafte Dinge. Ich wollte sie lange nicht glauben, tat sie als Geschwätz ab, das man über einen Außenseiter verbreitet, doch offenbar sind diese Dinge näher an der Wahrheit, als ich annahm. Sie sagen, du betrinkst dich oft. Sie verwenden hässlichere Worte dafür, die ich dir ersparen will. Sie sagen, du arbeitest nicht mehr. Man könne mit dir keine Geschäfte mehr machen, weil du deinen Teil der Vereinbarung nicht einhältst. Sie sagen, man ginge dir besser aus dem Weg.«
»Damit werden sie wohl recht haben«, erwiderte Thork dumpf und gleichgültig, ohne das Gesicht aus den Händen zu nehmen.
Der alte Zwerg seufzte tief. Das Gespräch entwickelte sich unerfreulicher, als er befürchtet hatte. »Es geht hier nicht nur um deinen persönlichen Ruf. Der kann dir egal sein, meinetwegen. Es geht aber auch um den des Ordens, von dem du ein Teil bist, auch wenn du das offenbar vergessen hast, und dafür trägst du Verantwortung. Ich kann es nicht zulassen, dass einer meiner Brüder ein Leben führt, wie du es augenblicklich tust.«
»Was ist so schlimm an meinem Leben? Es muss sich doch niemand damit befassen, der nicht will. Man könnte mich doch einfach in Ruhe lassen. Ich bin kein Randalierer. Ich schade niemandem.«
»Du schadest dir selbst«, widersprach Haldur sanft.
Zum ersten Mal in diesem Gespräch hatte Haldur für einen Augenblick den Eindruck, der andere würde aus seinem Nebel auftauchen und ihn wirklich zur Kenntnis nehmen.
»Und das wiederum ist meine eigene Angelegenheit«, wehrte er dann ab, und der Augenblick war vergangen. Haldur jedoch gab noch nicht auf.
»Ein Orden ist eine Gemeinschaft. Du gehörst ihr an, auch wenn du für dich diesen Sonderweg gewählt hast und nicht mit uns lebst. Wir kümmern uns um dich.«
»Natürlich«, pflichtete ihm der andere bitter bei. »Besonders seit ich den guten Ruf des Ordens schädige.«
Haldur strich sich mit der Hand über die Stirn. Er empfand immer noch Mitleid, aber seine Geduld schwand allmählich. Es war nicht üblich, dass ein Prior einen einfachen Ordensbruder aufsuchte. Allein dieser Umstand hätte Thork schon auf die Knie werfen müssen. Doch da war keine Spur von Reue, nicht die geringste Einsicht.
»Dein Urteil ist ungerecht«, wies er ihn zurecht. »Wir waren immer sehr bemüht um dich. Und nicht zuletzt deshalb möchte ich dir einen Vorschlag machen.« Haldur legte eine kleine Pause ein, um sich der Aufmerksamkeit des anderen zu versichern, der den Blick wieder auf die Tischplatte gesenkt hatte, er saß vornüber gebeugt und wirkte wie ein gebrochener Mann.
»Entscheide dich für ein Leben im Orden«, sagte er leise, aber eindringlich. »Schließe die Schmiede für eine Weile. Ein paar Jahre, vielleicht länger. Sieh dich doch nur an. Dein Sonderweg war eine Sackgasse.«
»Nein«, sagte Thork. Haldur seufzte tief.
»Ich muss dich wohl nicht daran erinnern, dass Gròr dich in besonderer Weise ausgezeichnet hat«, sagte er. »Vor uns anderen, die wir ein Leben im Gebet und Studium verbracht haben. Meinst du nicht, es wäre an der Zeit, diesem Ruf zu folgen?«
»Ich höre keinen Ruf«, knurrte Thork. »Gròr hat diese Kräfte einem Schmied verliehen, keinem Gelehrten. Er wird schon gewusst haben, warum.«
Haldur atmete tief. Wut wallte in ihm auf, doch er kämpfte sie nieder. Er ließ ein wenig Zeit verstreichen. Er musste die Lage entspannen, wenn er Einsicht erzeugen wollte. Er betastete sein Priestersymbol und schöpfte Ruhe aus dem kühlen, glatten Metall, während sein Blick durch den Raum wanderte, in dem Bemühen, sich vom Anblick des zerschlagenen Mannes ihm gegenüber zu erholen. Zwischen schmutzigem Geschirr und einem achtlos zusammengeknüllten Hemd, dessen Ärmel in einem Teller hing, fiel sein Blick auf eine Zeichnung. Er zog sie hervor und betrachtete sie, über die Kunstfertigkeit staunend, mit der sie ausgeführt war. Sie stellte eine junge Frau dar, menschlich, vermutete Haldur, mit einem langen dunklen Zopf und hell schimmerndem Gesicht, ihr schön geschwungener Mund war ernst, doch in ihren Augen lag ein Lächeln.
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