»Wer ist das?«, fragte er.
Thork sah auf, griff über den Tisch und nahm Haldur die Zeichnung weg, fast riss er sie ihm aus der Hand, drehte sie dann zu sich und betrachtete sie seinerseits, seine Hand, die das Pergament hielt, zitterte, und Haldur erschrak zutiefst über den Schmerz, der in seinem Blick lag. Er hatte eigentlich nur ein wenig aus der angespannten Gesprächssituation ablenken wollen, die Rede auf etwas bringen, von dem er wusste, dass es Thork normalerweise Freude bereitete, doch schien dies eine unglückliche Wahl gewesen zu sein. Haldur beobachtete, wie der andere mit den Fingerspitzen über das Papier strich, den Linien der Zeichnung folgend, es nahm sich aus wie eine Liebkosung, und er versuchte vergeblich zu begreifen, was sich da vor seinen Augen abspielte.
»Ihr würdet es nicht verstehen«, sagte Thork schließlich leise, und Haldur erinnerte sich, dass seine Frage noch im Raum stand.
»Warum?«, gab er zurück. »Die Antwort auf eine so einfache Frage kann nicht sehr kompliziert sein.«
»Seht Ihr? Wie ich sagte. Ihr würdet es nicht verstehen.«
»Im Augenblick verstehe ich tatsächlich wenig. Du sitzt da und starrst auf die Zeichnung einer Frau – einer Menschenfrau, wenn ich es richtig erkannt habe...«
Thork nickte, ohne den Blick von der Zeichnung zu nehmen.
»Also kläre mich auf, was ich davon zu halten habe«, forderte Haldur ihn auf. »Ich gewinne den Eindruck, dass ich durch Zufall etwas Wichtiges auf den Tisch gebracht habe.«
Thork lächelte, ohne den Prior anzusehen, ein Lächeln, dessen Traurigkeit Haldur in die Seele schnitt.
»Wonach sieht es denn aus«, sagte er.
Haldur räusperte sich. »Nun, wenn es eine Zwergin wäre, würde ich sagen, du hättest... hm, dein Herz an sie verloren«, sagte er. Unbehagen stieg in ihm hoch. Man sprach nicht über solche Dinge. Schon gar nicht als Prior eines Ordens, der weltlichen Ablenkungen abgeschworen hatte. Er war ein Mann der Bücher, ein Schriftgelehrter, kein Seelsorger, und mit Gefühlsdingen kannte er sich nicht aus.
»Seht Ihr«, sagte Thork und hatte immer noch dieses Lächeln. »Ihr versteht es nicht. Niemand würde es verstehen. Ich versteh’s ja selber nicht. Aber es ist, wie es ist. Ich kann’s nicht ändern.«
Haldur bekämpfte den Impuls, aufzustehen und die Flucht anzutreten. Sein Gehirn weigerte sich strikt, eins und eins zusammenzuzählen, obwohl er das Ergebnis bereits kannte. Es war abnormal. Skandalös. Geradezu krank.
»Thork«, sagte er, »du hast doch nicht etwa ... Ich meine, du bist doch nicht ... Was ich sagen will, ist ...« Er unterbrach sich. Was er aussprechen wollte, war so ungeheuerlich, dass er davor zurückschreckte.
Das konnte doch wohl wirklich nicht sein.
»Doch«, sagte Thork erneut, seine Stimme blieb leise, wurde aber fester, während er sprach. »Ich habe, und ich bin, und ja, sie ist menschlich.«
»Aber«, sagte Haldur entsetzt und versuchte, die abstoßenden Gedanken zu vertrieben, die sich ungefragt hinter seiner Stirn einstellten.
»Nichts aber. Es ist, wie es ist.«
»Du bist verwirrt. Du bist irregeleitet!«
»Das glaub ich nicht. Ein bisschen betrunken vielleicht. Aber nicht irregeleitet.«
»Das kann nicht sein!« Haldur rang noch immer um seine Fassung. »Sie ist eine Menschliche.«
»Vater.« Thorks Blick suchte und fand den des Priors. Haldur konnte sich nicht entziehen. Thork wirkte nun wacher, als käme er aus einer tiefen Betäubung zu sich. »Ich habe es mir nicht ausgesucht. Gròr hielt diesen Weg für mich bereit, und nun muss ich ihn gehen, und wenn es mich umbringt, so hat es vielleicht irgend einen Sinn, den ich später erfahre.«
Haldur schüttelte den Kopf. Sein langer weißer Bart zitterte. »Du verlierst jedes Maß. Es steht dir nicht an, dein fehlgeleitetes Empfinden als göttlichen Willen zu deuten. Im Gegenteil, du solltest beten, dass Gròr dir auf den richtigen Weg zurück hilft. Unter diesen Umständen muss ich dich nochmals dringlich auffordern, mit mir in den Orden zu kommen. Lass die äußere Welt hinter dir. Besinne dich auf den Geist. Bete, faste, finde wieder zu dir selbst, füge dich in die Gemeinschaft. Du bist krank. Lass dich kurieren.«
»Nein.«
»Du hast nicht verstanden. Ich habe versucht, deine Einsicht zu wecken, aber es scheint nicht zu fruchten. Daher ordne ich deine Rückkehr an.«
»Wenn es so ist, dann widersetze ich mich dieser Anordnung.«
Haldur schnappte hörbar nach Luft. »Du weißt, dass solches Verhalten zu deinem Ausschluss führen kann!«
»Und wenn«, sagte Thork.
Eine unangenehme Stille senkte sich über den Raum.
»Du bist völlig verwirrt«, sagte Haldur schließlich. »Du kannst nicht ernsthaft deinen Ausschluss riskieren wollen.«
Mit einer raschen Bewegung, die Haldur ihm in seinem Zustand nicht zugetraut hätte, erhob Thork sich und sah dann, mit beiden Händen auf den Tisch gestützt, eindringlich zu dem Prior hinunter.
»Hört mir gut zu, Ehrwürdiger Vater«, sagte er, »denn ich werde mich nicht wiederholen. Es gibt genau eines, was ich keinesfalls riskieren kann, und das ist, dass irgendjemand mich davon kuriert. Lieber soll es mich umbringen. Und ich danke Euch sehr, dass Ihr mir zu dieser Einsicht verholfen habt.«
»Das war nicht meine Absicht«, murmelte Haldur, halb zu sich selbst.
»Das kann ich mir denken«, sagte Thork. »Ich danke Euch trotzdem.«
Haldur sah hinauf zu dem anderen, von dem jetzt eine neue Entschlossenheit ausging. Plötzlich erinnerte er wieder ein wenig an den alten Thork Eisenfels, den Haldur so viele Jahre gekannt hatte.
»Und was willst du tun?«, fragte er. »Ich hoffe, dir ist klar, dass es so nicht weitergehen kann.«
»Ich weiß es nicht.« Thork strich sich mit beiden Händen die Haare aus der Stirn, eine Geste, als wolle er Ordnung schaffen. »Aber Ihr habt recht. Es muss etwas geschehen. Ich werde darüber nachdenken.«
Er wandte sich ab, durchquerte mit schweren Schritten den Raum, öffnete ein Fenster und sah für eine Weile hinaus, in Gedanken versunken, während frische, kalte Luft in den Raum strömte. Haldur blieb still am Tisch sitzen. Er war es nicht gewöhnt, dass eine Audienz von einem anderen außer ihm selbst beendet wurde, und fühlte sich irritiert und etwas gekränkt. Er hatte noch nicht entschieden, wie er sich verhalten sollte, als Thork sich ihm wieder zuwandte.
»Verzeiht mir, Ehrwürdiger Vater«, sagte er, und zu Haldurs Zufriedenheit kam er zu ihm und beugte das Knie vor ihm, ganz wie es Vorschrift war. »Mein Verhalten ist unangebracht. Ich befürchte, ich verlängere gerade die Liste meiner Verfehlungen.«
»Es sei dir verziehen«, gestattete Haldur lächelnd. Nun hatte alles wieder seine Richtigkeit. »Ich bin daran gewöhnt, dass du stets mit großer Gründlichkeit vorgehst, mein Sohn, und ganz offensichtlich gilt dies auch für das Brechen von Regeln.«
Er erhob sich und bedeutete Thork mit einer Geste, das gleiche zu tun.
»Ich begebe mich zurück ins Kloster«, sagte er. »Ich wünsche, unterrichtet zu werden, sobald dein Nachdenken ein Ergebnis erbringt. Und ich wünsche, dich täglich zur Abendandacht im Kreis deiner Brüder zu sehen. Andernfalls werde ich deinen Ausschluss anordnen.«
»Sehr wohl, Ehrwürdiger Vater«, sagte Thork fügsam. Haldur sah ihn ein letztes Mal lange und, wie er hoffte, eindringlich an, dann öffnete er die Tür und trat hinaus in den Schnee.
Er kehrte in den Berg zurück mit dem beharrlichen Gefühl, versagt zu haben.
Thorks Entscheidung war getroffen, kaum dass er die Tür hinter seinem Prior ins Schloss gedrückt hatte, aber weil es ihm widerstrebte, Entscheidungen dieser Tragweite binnen Augenblicken zu fällen, nahm er sich einige Tage Zeit, um die Sache gründlich zu überdenken. Er war viel unterwegs in diesen Tagen, ging kreuz und quer durch die Straßen der Oberstadt, auf denen sich der Schnee allmählich niedertrat, und verbrachte viel Zeit in der Unterstadt, wo sommers wie winters die gleiche angenehme Temperatur herrschte, und abends saß er in seinem Wohnraum oder in der dunklen Schmiede und ließ die Eindrücke des Tages an sich vorbei ziehen und dachte nach. Er trank nicht in diesen Tagen, obwohl es ihn hart ankam, auf diese lieb gewordene Gewohnheit zu verzichten, und gleichzeitig war er äußerst erschrocken, er hatte nicht bemerkt, wie sehr er sich schon daran gewöhnt hatte.
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